Über die Herausforderung, die eigene Komfortzone als Flucht vor der eigenen Wahrheit zu erkennen und sich der Angst vor dem Leben – und damit auch vor dem Tod – zu stellen.

von Mario Hirt

Der Begriff Komfortzone beschreibt laut Definition (Wikipedia) einen von Bequemlichkeit und Risikofreiheit geprägten Bereich im privaten und gesellschaftlichen Leben. Sowohl räumlich als auch emotional befindet sich der Mensch in einem Angst-neutralen Verhaltenszustand. Alles, was ihn normalerweise triggert und emotional angespannt sein lässt, ist hier – zumindest eine Zeit lang – scheinbar nicht vorhanden. Kein Wunder: Der menschliche Verstand ist Meister im Verdrängen und Sublimieren und in der Lage, sich Auszeiten vom angstmachenden und anstrengenden Leben zu schaffen, in denen nichts weiter geschieht, als dass die Zeit vergeht. Es fühlt sich dann erstmal richtig gut an, wenn die inneren Stimmen leiser werden und der Blutdruck sinkt. Sorgen und Alltagsprobleme können ein fach mal ruhen und man lässt sich und es sich gut gehen. Die Aufmerksamkeit ist weg vom Körper und verschwindet in den Weiten eines Computerspiels oder Youtube-Videos oder in den Tiefen von Hochprozentigem, Kalorienreichem oder Verbotenem.

Herausforderungen werden nicht angegangen, jedes Verhalten, welches die unterschiedlichsten unterdrückten Angst-Nuancen bewusst machen könnte, wird vermieden. Oft wird dabei auch die Lebendigkeit an sich vorübergehend ausgeschaltet, wie bei einer Schallplatte, die einen Sprung hat. Es wiederholt sich immer wieder dieselbe Stelle, die man schon kennt und vor der man demzufolge keine Angst zu haben braucht. Man erfährt aber andererseits auch nichts Neues und Spannendes, was ja erst das Leben lebenswert erscheinen ließe. In diese Kategorie fallen nicht nur nur die Tüte Chips auf der Couch vorm Fernseher oder das gute Buch mit dem Gläschen Rotwein oder die ach so genüsslich gerauchte Zigarette auf dem Balkon, sondern auch das einsame und achtsame Im-Wald-Sein, der Besuch von spirituellen Veranstaltungen mit Gleichgesinnten und das gedankliche Abdriften in die eigenen Vorstellungswelten, wenn das Umfeld zu überfordernd ist.

Angst vor dem Tod und vor Kontrollverlust

Diese Liste lässt sich zwar beliebig erweitern, aber alle haben eines gemeinsam: den Versuch, sich nicht mit der absoluten Ungewissheit und der Kontrolllosigkeit auseinandersetzen zu müssen. Jedes bewusste oder unbewusste Verhalten, welches zur Angstvermeidung genutzt wird, zählt dazu. Schlussendlich ist es immer die Angst vor dem Tod, die, verpackt in die unterschiedlichsten Situationen und Gefühle, den Menschen daran erinnern soll, wer er eigentlich ist. In der Komfortzone scheint die Angst vor dem eigenen Ende nicht da zu sein. Das alltägliche Leben ist aber so konstruiert, dass durch immer neue Situationen im Außen immer neue Angstnuancen im Innen erfahren werden können, die es einfach nur auszuhalten gilt. Meistens passiert dieses Aushalten jedoch nicht. Der Verstand versucht die Angst loszuwerden oder sich abzulenken und sie irgendwie zu überwinden. Überwinden dadurch, dass die Situationen und die Zusammenhänge verstanden werden und irgendwas daraus gelernt wird.

So kann paradoxerweise selbst das Verstehen-Wollen, die andauernde Analyse, zur Komfortzone werden. Der menschliche Verstand erfährt anscheinend immer dann Angst, wenn er etwas nicht versteht. Die Reaktionen sind immer entweder wütend oder traurig, da Wut und Traurigkeit auch nur Ausprägungen der Angst sind. Weil der Mensch sich selbst nicht versteht und keine Ahnung davon hat, wer er eigentlich ist, taumelt er zwischen Wutanfall, Weinkrampf, Erschöpfung und Lachanfall hin und her und wird von der Angst regelrecht ausgequetscht – bis spätestens durch den körperlichen Tod nichts mehr übrig ist.

Gedankliche Erfüllungssuche

Der Mensch hat zunächst kein Gespür dafür, dass nur durch seine gedankliche Prägung und Einstellung die Angst und die Probleme überhaupt entstehen. Nichts ist ein Problem per se, nur die persönliche Sicht darauf ist eines. Eine Haupteigenschaft des Ichhaften Verstandes ist es, immer das zu wollen, was er nicht hat, und das nicht zu wollen, was er hat. Damit ist die Basis für andauernde Unzufriedenheit und gedankliche Erfüllungssuche gegeben. Da diese Erfüllung meistens ausschließlich im materiellen Außen und gedachten Innen und nicht im Essentiellen (jenseits von Zuständen und Eigenschaften) gesucht wird, befindet er sich in einer „Dauer-Trauer-sauer“- Leidensschleife.

Allzu verständlich, dass er zwischendurch denkt, davon auch mal eine Pause inklusive Ablenkung zu brauchen. Wenn diese aber zu lange und zu oft eingelegt wird, bekommt das zwar oberflächliche, aber anscheinend doch lohnende Wohlgefühl einen immer offensichtlicheren und bitteren Beigeschmack. Verstecken vor dem Leben in all seinen Ausprägungen – auch den scheinbar unangenehmen – funktioniert auf Dauer einfach nicht und macht auch nicht glücklich.

Im Gegenteil… Probleme und Sorgen, die vorher da waren, sind nach Ausweichbewegungen nicht weg, sondern meistens hat das Leben sogar noch ‘ne Kohle mehr ins Leidensfeuer geworfen – und irgendwann werden alle Vermeidungsstrategien als unwirksam und sinnlos erfahren. Am aktuellen Corona-Beispiel lässt sich gut erkennen, wie filigran dieses Komfortzonen-Konzept ist. Wacklig wie ein Kartenhaus bricht die Komfortzone „eigene Wohnung mit Klopapier und vollem Vorratsschrank“ plötzlich zusammen, wenn man sie eine längere Zeit nicht verlassen darf. Was eben noch emotionale Ruhe und inneren Frieden vorgegaukelt hat, mutiert jetzt zum Martyrium, da einem die Decke auf den Kopf fällt und das ganze innere Gefühls- Potpourri automatisch wieder hochploppt.

Komfortzone = Konzept zur Angstvermeidung

Die Komfortzone ist durch und durch gedanklicher Natur. Ein Konzept zur Angstvermeidung. Dabei kann die Angst gar nicht vermieden werden, da das bloße Menschsein aufgrund der geglaubten Trennung vom Ganzen per se Angst ist. Wenn der Verstand erstmal den Existenzgedanken an sich als Wahrheit glaubt und das „Ich bin (setze hier deinen Namen ein)“ zum unhinterfragten Wissen geworden ist, hat eine Trennung stattgefunden. Die Trennung von der Quelle, vom Schöpfer, vom All-Einen, die nur gedanklich, aber in Wahrheit gar nicht stattgefunden hat. Dieses „gedankliche Gefühl“ des Getrennt-Seins ist der Startschuss für das illusorische Angstspiel, das wir Realität nennen. Wie alles in diesem paradoxen determinierten Tagtraum aus Licht und Schatten, Liebe und Angst hat auch das Komfort-Zonen-Konzept seine absolute Daseinsberechtigung.

Der Weg hinaus ist der Weg hindurch und so muss auch der Angst-Aussitz-Versuch so lange durchgemacht werden, bis absolut klar ist, dass auch diese Vermeidungsstrategie nichts helfen kann und es auch nicht braucht. Um die Endlichkeit der Person kommt niemand herum, und je früher die Beschäftigung damit geschieht, desto lebendiger wird das Leben. „Wenn du jetzt bereit bist zu sterben, wirst du den Rest deines Lebens leben. Wenn du jetzt nicht bereit bist zu sterben, wirst du den Rest deines Lebens sterben“, so der Satz eines weisen Mannes. Doch auch um das Konzept Tod ranken sich jede Menge Vorstellungen. Dabei ist das Einzige, was sterben kann, der Gedanke, „Ich“ zu sein. Dieser Gedanke ist es, der seit Kindheit in uns, als ständige Erinnerung, diese illusorische Trennung erzeugt und uns einredet, nur dieses sterbliche Körper-Geist-Objekt und nicht die ewige Quelle selbst zu sein. So, wie die Welle niemals getrennt vom Ozean, sondern der Ozean selbst ist, so ist der Mensch nicht Teil der Quelle, sondern die Quelle selbst.

Der trennende Gedanke „Ich“ erschafft die Welt der getrennten Formen und Namen. Eine wahre Trennung zwischen der Quelle und dem Menschen hat es nie gegeben, sie ist nur noumenal (ein Begriff von Kant: eine Vorstellung nicht erfahrbarer Gegenstände) auch wenn sie uns so echt erscheint… Sie ist nur scheinbar!

Segel setzen und los

Willkommen in der SCHEINBAR…

der Hafenbar mit Komfort – für alle des Suchens müden Selbstsucher. Was darf ich dir anbieten? Einen Wut-Whiskey oder einen Trauer-Tequila? Einen Scham&Schuld-Shake oder einen Gier-Grog? Oder, noch ziemlich neu auf der Karte: ein Quarantäne- Corona Extra? Oder doch nur einen Kopf-Klaren und ein Weisheits-Wasser? Viele möchten mit ihrem Lebens-Schiff gerne sicher im Hafen „Komfortzone“ liegen, aber dafür ist es nicht gebaut worden. Wenn die Quelle nur absolute Stille und Leere wollte, dann hätte sie die Illusion aus Formen und Namen nicht erträumen müssen. Darum: Segel einfach los, nicht wissend, welche Stürme, welche Sonnenauf- und untergänge auf dich warten. Koste alles voll aus. Mache alles, was dir möglich ist, aus vollstem Herzen. Du kannst nicht scheitern und dir kann nichts passieren. Das Leben stellt immer wieder neue „Heraus-Forderungen“. Es fordert dich heraus – heraus aus dir, aus deiner erdachten Person, heraus aus deiner Kom-Fort-Zone. Komm fort von den toten Gedanken und sei lebendig jenseits des Verstandes. Lebe mit allen Gefahren und Gefühlen, stell dich deinem Außen und deinem Innen. Lass “Dich“ vom Leben leben, denn du bist dieses Leben. Es gibt keine Trennung. Alles ist das Eine ohne ein Zweites. Alles bist Du.

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

Avatar of Mario Hirt

bekam nach jahrelanger erfolgloser spiritueller Suche das größte Geschenk – das komplette Erwachen aus der Ich-Illusion. Er starb und überlebte ohne einen Überlebenden. Seitdem gibt er regelmäßig Satsang, spricht in Einzelsettings und veranstaltet mehrmals jährlich Retreat-Wochen. Auf seinem Youtube-Channel gibt es immer wieder neue kostenlose Wachmacher-Videos und bei Facebook und Instagram ist er mit nahezu täglich neuen Posts vertreten. Was kann Mario dir geben? Nichts… wozu auch – du hast bereits von allem viel zu viel. Zu viel „falsches“ Wissen über dich und die Welt und in dir zu viele ungefühlte Emotionen. Diese Kombination lässt dich unentwegt leiden. Von daher kann er dir nur alles nehmen – bis absolut nichts mehr übrig bleibt. Durch seinen Lebenslauf ist er ein Weltenwanderer, der sowohl in der Psychotherapie, im Schamanismus, in den energetischen Heilmethoden als auch im Advaita- Vedanta zu Hause ist und so das Existenzdenken von jeglichem Ich ad absurdum führen kann.

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Eine Antwort

  1. Irene Otte
    Spirituelles Leben, lieber Mario Hirt, danke für Ihren Artikel zur Komfortzone

    Zu „Raus aus der Komfortzone“: der Artikel beschreibt sehr einfühlsam und gut, wie man fast alles, was man so tut, letztlich als Ausweichen betrachten kann.
    Er, der Artikel, beschreibt (noch) nicht, dass manche Philosophien, etwa buddhistische Ansätze, dies vor 2500 Jahren erkannt und gelöst hatten: sorglos unter und hinter das diskursive Denken tauchen, immer wieder. Durch eine Vielzahl von Techniken ist es mit der Zeit möglich.
    Wunsch nach Fortsetzung dieses Artikels! Bin gerne auch bereit, einen Teil beizusteuern. Jeder muss hier seinen Weg finden, aber die Quellen sind wohl am ehesten in den indischen Weisheiten sowie chinesischem und japanischem Buddhismus zu finden.
    Fortsetzung Richtung Auflösung des Leids (Angst ist Teil davon, glaube ich)- Richtung modernem lebbaren Ansatz. Wer macht mit? Wer denkt weiter und trägt zu mehr Wohlwollen und Glück bei? Freue mich sehr auf Ihr und Dein feed-back. keep in touch!

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