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Silvia Federici ist emeritierte Professorin für politische Philosophie an der Hofstra University in New York und weltweit bekannt als Aktivistin für Frauenrechte und für eine ­Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der Bewegung für „Gemeingüter“ (Commons): Anstelle von Privatbesitz geht es ­darum, Land, Wissen und Güter gemeinsam zu nutzen. Kontext TV sprach mit ihr in Berlin.

 

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ist der Kapitalismus in Europa und den USA in Misskredit geraten. Umfragen zufolge wünschen sich 80 Prozent der Deutschen ein anderes Wirtschaftssystem. Anscheinend ist der Kapitalismus nicht nur unfähig, die globale Umweltkrise oder die wachsende Schere zwischen Arm und Reich zu beheben, sondern ist vielmehr die treibende Kraft dahinter. Was fehlt, ist ein alternatives System, zumal der Staatssozialismus als gescheitert gilt. Hier bringen Sie und andere Aktivisten und Wissenschaftler das Konzept der sogenannten Commons – der Gemeingüter – ins Spiel, um die Umweltzerstörung und die soziale Krise zu überwinden. Was verbirgt sich dahinter und worin liegt die Stärke der Commons? 

 

Ich glaube, dass die Idee und das Prinzip der Commons wieder eine Rolle spielt. Seit den 90er Jahren stellt es im politischen Diskurs und in der politischen Praxis eine Antwort auf die Zerstörung dar, die der Vormarsch kapitalistischer Beziehungen weltweit verursacht hat. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt sehen sich in ihrer täglichen Lebenserhaltung bedroht. Gründe dafür sind vor allem massives land grabbing – das  Aufkaufen von großen Landflächen durch Transnationale Unternehmen – , prekäre Erwerbsverhältnisse, Einsparungen bei sozialen Dienstleistungen. Commons sind zunächst eine Überlebensstrategie, die Notwendigkeit für viele Menschen, Ressourcen zu bündeln und alternative Subsistenzformen zu ­erschließen, weil sie immer weniger Zugang zu Märkten und Einkommensquellen haben.

 

Eine wichtige Inspiration hierfür kommt aus Südamerika. In vielen Gemeinschaften dort haben Frauen entscheidend bei der Entwicklung neuer Formen der Lebenssicherung mitgewirkt. Gemeindeküchen, urbane Gärten und viele andere solcher ­Ansätze zur Selbstversorgung wurden dann von Einwanderern auch in die Vereinigten Staaten importiert. So wurde beispielsweise die Urban-Gardening-Bewegung stark von Migranten geprägt. Commons dienen aber nicht nur der Lebenshaltung, sondern sind auch ein Weg, um ­soziale Gefüge wiederaufzubauen, die dadurch zerstört wurden, dass Industrien ins Ausland abwanderten und die von Arbeitern über Jahrhunderte aufgebauten Organisationsformen damit zerrüttet wurden.

 

Commons sind demnach nicht nur dazu da, die Nachbarschaftshilfe wiederzubeleben, sondern sie schaffen auch eine neue Solidarität, wo heute ein Vakuum herrscht. Daher sprechen wir auch von Gemeinschaften des Widerstands. Das ­Prinzip der Commons kommt einer Wieder­aneignung des eigenen Lebens gleich. Wir holen uns die ­Kontrolle über unseren Alltag zurück, die man uns entzogen hat. So erschaffen wir von Grund auf neue Existenzformen, die nicht der Logik der Märkte unterworfen sind. Vor 30-40 Jahren wäre es undenkbar gewesen, in der Stadt selbst Lebensmittel anzubauen, aber heute macht das Beispiel Schule und in der ­ehemaligen Industriehauptstadt ­Detroit wird mittlerweile auf vielen Flächen Landwirtschaft betrieben. Auch wenn es noch eher kleine ­Experimente sind, haben wir durch unser Engagement viel gewonnen.

 

Commons lassen nicht nur neue ­Formen der Zusammenarbeit ent­stehen, sondern auch ein neues Verständnis für Nahrung – beispielsweise das Bewusstsein, dass wir essen können, ohne uns dabei zu vergiften. Dass ein selbstbestimmtes Leben mit der Kontrolle über Grundnahrungsmittel anfängt.

 

In den gemeinschaftlich genutzten Gärten werden nicht nur Lebensmittel, sondern es wird auch Wissen produziert. Eine Menge Wissen über ­Anbau, Kultivierung und Erhalt. Einige der urbanen Gärten in New York haben zum Beispiel Beziehungen zu Schulen und die Kinder können dort hingehen, um zu lernen, dass ­Nahrungsmittel nicht aus der Plastiktüte kommen. Sie können Landwirtschaft erleben und eine Beziehung zur Erde aufbauen, die sie normalerweise nicht hätten. Die ­Herausforderung ist nun, diese ­Gärten zu verbinden, nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen Experimenten. Mit der Idee der freien Universitäten, dem Wissen als Gemeingut. Mit den Kämpfen für ­höhere Löhne oder gegen Bildungskürzungen. Die Gärten könnten sich zum Beispiel verbinden und streikende Arbeiter mit Lebensmitteln versorgen. Auf diesem Terrain er­öffnen sich zahllose Möglichkeiten.

 


Abb.: Silvia Federici 

 

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