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Tomasz Konicz berichtet als freischaffender Journalist für das ­Online-Magazin Telepolis und zahlreiche andere deutschsprachige ­Medien mit dem Schwerpunkt Ost-Europa. Er war einer der ersten, der hierzulande ausführlich über die ­Beteiligung rechtsradikaler Kräfte auf dem Maidan berichtete und die Bundesregierung und die EU scharf dafür kritisierte, mit diesen Kräften zusammenzuarbeiten. Kontext TV sprach mit Tomasz Konicz per Skype über die aktuelle Lage in der Ukraine.
Hier Ausschnitte aus dem Interview.

Kontext TV: Welche Rolle haben rechtsextreme, faschistische Bewegungen und Parteien beim Sturz der Janukowitsch-Regierung auf dem Maidan gespielt – und welche Rolle spielen sie in der jetzigen Regierung?

TK: Ohne die extreme Rechte hätte die Oppositionsbewegung in der Ukraine sich niemals gegen den Staatsapparat und die Polizei-Ein­heiten durchsetzen können. Die Rechtsextremen bildeten eine Minderheit, man schätzt ungefähr ein Drittel der Leute, aber sie standen an der ersten Front. Sie waren am besten organisiert. Sie haben ein paramilitärisches Training durchlaufen. Ohne diese extreme Rechte hätte sich die Oppositionsbewegung nicht durchsetzen können. Die Tragödie dabei ist, dass diese Proteste ja wirklich ­berechtigt waren. Am Anfang standen ja soziale Forderungen, der Unmut über die sozio-ökonomische Lage im Mittelpunkt, aber die extreme Rechte hat es geschafft, das Problem auf die ethnische, soziale Ebene zu transformieren und diesen Unmut auf ein Bürgerkriegsszenario hochzuschaukeln: Wir, die Ukrainer, gegen die Russen. Die extreme Rechte hat ­einen extremem Popularitätsschub erfahren innerhalb der Auseinandersetzungen. Gruppen wie den Rechten Sektor gab es vor den Protesten überhaupt nicht, die sind erst vor kurzem entstanden und haben einen massiven Rekrutierungsschub bekommen. Inzwischen haben sie schon an die 10.000 Leute – eine kleine Privatarmee. Die Gefahr ist jetzt nicht nur, dass die Leute  auf den Straßen herumlaufen und die Menschen zusammenschlagen oder nach Art der SA ein „unukrainisches Verhalten“ brutalst bestrafen; die Gefahr besteht, dass diese ganzen rechten Strukturen jetzt eine Uniform verpasst kriegen. Die Putsch­regierung – oder „Übergangsregier­ung“, wie es im Westen heißt – hat ein Problem: Tausende bis Zehntausende von jungen militanten Männern müssen irgendwie beschäftigt werden. Und was tut man mit ­denen? Man gibt ihnen eine Uniform und bindet sie in die Sicherheitsorgane, in den Polizei- und ­Militärapparat ein. Die Gefahr ist, dass bewaffnete Formationen entstehen, die sich zum Beispiel in der Nationalgarde wiederfinden. Und diese bewaffneten Formationen sind dann von Faschisten dominiert.

Kontext TV: Nun unterstützen EU, USA und auch die Bundesregierung die jetzige ukrainische Übergangsregierung, obwohl in dieser Regierung drei Minister der rechtsextremen Partei Swoboda sitzen. Halten Sie diese Unterstützung des Westens für gerechtfertigt?

TK: Es ist ein Zivilisationsbruch: Zum ersten Mal nach dem Ende des II. Weltkriegs werden von Großmächten zur Erlangung geopolitischer Ziele Faschisten instrumentalisiert. Man will da natürlich kein faschistisches Regime errichten, aber das Kalkül  des Westens ist es, diese Kräfte zu instrumentalisieren, um den Weg frei zu machen. Man benutzt sie als eine Art Rammbock. Und das Kalkül wird höchstwahrscheinlich schief­gehen. Das Land wird immer tiefer in den Bürgerkrieg geraten, und diese Kräfte werden dann außer Kontrolle geraten. Sie sind jetzt schon außer Kontrolle.Der rechte Sektor hat schon Milizen gebildet, die ­bereits in der Ost-Ukraine aktiv sind. Die killen da schon. Und man hat ja in Odessa gesehen, wozu dieseLeute fähig sind. Das ist die Tragödie, die sich dort anbahnt: dass an der östlichen Flanke der EU durch die Unterstützung der EU ein gescheiterter Staat zu entstehen droht, wo es dann zu Miliz-Bildung kommen wird.

Kontext TV: Viele der prominentesten Politiker des Maidan und auch der jetzigen Übergangsregierung wurden und werden von westlichen Stiftungen und Regierungen  massiv gefördert. Vitali Klitschko und seine Partei „Udar“ (der Schlag) beispielsweise wurden von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und von den großen US-Partei-Stiftungen ­finanziert. Die Stiftung des jetzigen Ministerpräsidenten Jazenjuk – „Open Ukraine“ – wurde ebenfalls jahrelang von diesen Stiftungen ­finanziert und auch direkt von der NATO. Victoria Newland, US-Chefdiplomatin für Europa, gibt an, dass die US-Regierung seit 1991 fünf Milliarden Dollar in politische ­Hintergrundarbeit in der Ukraine ­investiert hat. Welche Ziele verfolgt der Westen mit dieser Einmischung in die ukrainische Politik?

TK: Das Ziel ist klar: Man versucht, dieses Land ins eigene Bündnissystem einzugliedern, wobei von Seiten der westlichen Stiftungen wirklich sehr rücksichtslos vorangegangen worden ist. Ein Beispiel: Die Konrad-­Adenauer-Stiftung hat bekanntlich Klitschko aufgebaut, das war ein langfristiger, mehrjähriger Vorgang. Mit der Udar-Partei – „Schlag-Partei“ – sollte ein ukrainischer Ableger der CDU entstehen. Dabei wurde die Beteiligung der Nazis, der Rechts­extremisten an den Protesten von der Konrad-Adenauer-Stiftung zumindest toleriert. Teilweise haben sich Leute aus dem rechtsextremen Spektrum, von der Swoboda-Partei, zusammen mit Klitschko auf Veranstaltungen der Konrad-Adenauer-Stiftung getroffen. Das muss man sich einmal vorstellen. Und das Zusammengehen von rechten Parteien wie der von Klitschko mit den Nazis während der Maidan-Proteste ist von Seiten der westlichen Stiftungen gutgeheißen worden…

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