Kuscheltiere sind Kinderkrams! Das dachte ich lange Zeit und fand es geradezu peinlich, wenn Erwachsene mit kleinen Kuscheltieranhängern an ihren Taschen herumliefen. Und nun verreise ich selbst seit fast zwei Jahren nicht, ohne ein Kraftkuscheltier dabei zu haben. Was war da passiert? Durch eine Krankheit entdeckte ich die magische Kraft der Kuscheltiere wieder, die mir als Kind so vertraut und wichtig war und die ich als Erwachsene lange Zeit verleugnete. Es entstand die Kraftkuscheltier-Methode, mit der Kuscheltiere durch Affirmationen zu Krafttieren und Seelenbalsam werden.

von Dr. Silvia Mohr

Obwohl ich mich kaum an meine frühe Kindheit erinnern kann, steht mir mein heißgeliebtes Kuscheltier und seine Bedeutung noch ganz lebhaft vor Augen. Unter all den Kuscheltieren, die ich damals geschenkt bekam, suchte ich mir ein Schaf, das ich Lemmi nannte, als wichtigstes Bezugskuscheltier meines Lebens aus. Lemmi war gar nicht so süß und schön, aber ich liebte es abgöttisch. Es war als liegendes Lämmchen aus Baumwolle mit Strohfüllung gefertigt, weshalb es eher fest als kuschelig war. Aber immerhin bekleidete es ein schafähnliches Wollfell. Es war immer bei mir und musste überallhin mitgeschleppt werden. Ohne mein Lemmi ging gar nichts. Wenn ich das Tier aus der Hand geben sollte, machte ich zum Leidwesen meiner Eltern ein wahnsinniges Theater. Ich schrie und heulte so lange, bis meine Eltern verzweifelt aufgaben. Ich schien unzertrennlich mit meinem Schaf verbunden zu sein. Auch brauchte ich es zum Nuckeln.

Ich nuckelte ständig, also musste auch ständig mein Lemmi dabei sein. Wenn der Daumen im Mund war, umfasste ich mit der restlichen Hand das vordere Schafbein und rieb das weiche Ende zur Beruhigung an meinen Lippen. Natürlich war das weiche Ende bald abgerubbelt und das Stroh schaute heraus, aber das war mir ganz egal. Meiner Mutter war das aber gar nicht egal. Sie mochte weder mein Schäfchen noch mein Nuckeln. Mein Lemmi wurde von ihr ständig gewaschen, weil sie es als dreckig empfand. Dadurch wurde das Fell immer dünner, bis zuletzt nur der Baumwollstoff übrig blieb, durch das sich das Stroh an vielen Stellen bohrte. Irgendwann wurde mir dann ein neues Schaf untergeschoben. Meine Mutter erklärte mir, dass Lemmi beim Arzt war und dort wieder ganz gesund gemacht wurde. Ich glaubte es. Aber auch das neue Lemmi wurde schnell verschlissen und dann gab es kein neues mehr, sondern es folgte ein bitterer Entzug.

Meine Mutter schmiss es irgendwann einfach weg und mein Schmerz darüber muss unendlich groß gewesen sein. Tagelang war ich unansprechbar und todtraurig. Auch das beruhigende Nuckeln klappte ohne Lemmi nicht mehr. Es war der erste große Verlust in meinem Leben und er saß tief. Lange Zeit konnte ich nicht verstehen, warum Lemmi damals so wichtig für mich war. Es kamen immer wieder neue Kuscheltiere in mein Leben, aber keines nahm diese wichtige Stellung mehr ein. Als Teenager fing ich dann an, Kuscheltiere als peinlich zu empfinden und sperrte die übrig gebliebenen Tierchen in einen Schrank weg, damit meine Freunde sie nicht entdeckten. Ich hatte damit meine innige Verbindung zu Kuscheltieren auf lange Zeit getrennt.

Die Entdeckung der Kraft von Kuscheltieren

Über die Jahrzehnte hinweg gab es erstaunlicherweise immer wieder von Lebenspartnern Versuche, mich an Kuscheltiere heranzuführen. Sie schenkten mir zum Beispiel Bärchen, die mich beschützen sollten, wenn sie nicht da waren. Das fand ich kitschig und außerdem wollte ich stark und unabhängig sein. Ich brauchte keine Beschützer. Auch diese Kuscheltiere verschwanden ungeliebt im Schrank oder saßen lieblos irgendwo in einer dunklen Ecke meines Schlafzimmers. Erst durch meinen letzten Partner und seine große Leidenschaft zu Kuscheltieren konnte ich mein Herz wieder für ihre Kraft öffnen. Meine kleine Sammlung an Kuscheltieren wurde aus dem Schrank geholt und fand immerhin einen Platz auf meinem Sofa.

Eine wahre Verbindung entstand aber erst zu ihnen, nachdem ich die Diagnose Brustkrebs bekam. Ich fühlte mich unendlich alleine mit der Situation und hatte ein großes Bedürfnis nach Freunden, die einfach immer und sofort für mich da waren. Und da saßen sie schon! Und es wurden über die Monate der Krankheit immer mehr. Jedes bekam einen Namen und eine Bedeutung in meinem Leben. Ohne Zweifel hatten sie einen großen Anteil an meiner Genesung und dienten als Seelenbalsam in dieser Zeit. Meine Kuscheltiere wurden zu Krafttieren, indem ich ihnen Affirmationen und Helferrollen zuschrieb. Je nach Gefühlslage begleiteten mich bestimmte Tiere zu Therapien, auf Reisen oder waren dicht an meiner Seite, wenn es mir schlecht ging.

Da gab es zum Beispiel das Murmeltier Billy und die Affirmation „Es gibt viele Wege im Leben, ich finde immer den richtigen Weg und es wird immer einen Ausweg geben“. Murmeltiere sind Spezialisten im Gängebauen und besitzen als „Wohnung“ ein ausgeklügeltes unterirdisches System. Sie können bei Gefahr immer mehrere Wege nehmen, verlieren trotz Dunkelheit nicht die Orientierung und finden immer wieder ans Licht. Billy sollte mich daran erinnern, dass es im Leben immer viele Wahlmöglichkeiten gibt. Das Murmeltier kam an meine Seite, wenn es mir schlecht ging und ich keinen Ausweg aus einer Situation sah. Ich stellte mir dann vor, wie Billy sich bei Gefahr in sein Tunnelsystem verkroch und irgendwo unerwartet aus einem Loch wieder auftauchte.

Ich spürte, dass es irgendwie auch für mich einen Ausweg gab, auch wenn ich ihn noch gar nicht sah. Es war nicht schlimm, sich einfach mal aus Angst und Verzweiflung zu verkriechen, denn im dunklen Tunnelsystem gab es für mich neue Wege zu entdecken, die mich wieder ans Licht führten. Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn ich die mit dem Murmeltier verknüpfte Affirmation auf ein Blatt Papier geschrieben hätte, aber für mich war die Affirmation „zum Anfassen und Fühlen“ mittels meines Kuscheltiers eine wichtige Verstärkung. Die Affirmation bekam durch Billy eine gefühlte Wirklichkeit.

Mein Lemmi als Lebensretter in der Kindheit Heute ist mit klar, dass auch mein Kuschellamm Lemmi aus meiner Kindheit ein Krafttier für mich gewesen sein musste. Es stand für Freundschaft und Geborgenheit. Mit Lemmi fühlte ich mich nicht verlassen und alleine und das gleichzeitige Nuckeln beruhigte das Gefühl des Verlassenseins. Diese extreme Bindung zu meinem Schaf deutete darauf hin, dass es einen Mangel an Bindung zu meiner Familie, insbesondere zu meiner Mutter gab. Von Lemmi und dem Nuckeln wurde das Bedürfnis nach Nähe gestillt, welche ich nicht von meiner Mutter bekommen konnte und die auch mein Vater oder meine Schwester mir nicht geben konnten.

Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind oft sehr unglücklich und unsicher fühlte. Als Lemmi dann „gewaltsam“ aus meinem Leben gerissen wurde, wuchs das Gefühl der Getrenntheit zu meiner Familie stetig an. Ich fühlte mich als „das „schwarze Schaf“ in der Familie, das irgendwie anders war und nicht dazu gehörte. Ohne Lemmi gab es kein Geborgenheitsgefühl mehr und meine Verbindung zu Kuscheltieren hatte ich selbst gekappt, da ich das traumatische Trennungserlebnis von meinem Lemmi und den dazugehörigen Verlustschmerz niemals mehr erleben wollte. Erst Jahrzehnte später wurde in einer Familienaufstellung aufgedeckt, dass meine Mutter aus gewissen Gründen nicht in der Lage war, mir Liebe zu geben und mich so anzunehmen, wie ich war. Das waren alles Prozesse, die unbewusst abliefen, weshalb meine Mutter zu Lebzeiten nicht zugeben konnte, dass sie ein Problem mit mir hatte. Sicherlich gab sie ihr Bestes, ihre Gefühlskälte zu verbergen, aber als Kind mit feinen Antennen für die Stimmigkeit von Gefühlen spürte ich unterbewusst, dass ich von ihr nicht geliebt werden konnte. Deshalb war mein Kuscheltier Lemmi in dieser Zeit ein lebensnotwendiger Seelenbalsam für mich.

Die Kraftkuscheltier-Mission

Heute bin ich froh, dass die Kraft der Kuscheltiere trotz der langen Phase der Getrenntheit von ihr wieder zu mir gefunden hat. Meine Kraftkuscheltiere sind zu Helfern geworden, um mich zu innerem Gleichgewicht und in Kontakt zu meinen verdrängten Gefühlen zu bringen. Und in Sachen Kraftkuscheltiere bin ich nicht alleine auf Mission. An Sonnenschein- Wochenenden ist Dinah Neuwirth auf dem Markt am Winterfeldplatz zu finden, wo sie im Gespann mit dem Kuschelhund Lobilat versucht, die Menschen mit Affirmations- und weisen Sprüchekarten etwas glücklicher zu machen. Auf den Karten ist Lobilat, der Plüschhund, in herzberührenden Situationen abgebildet, und darunter befindet sich ein passender Spruch oder eine Affirmation. Mit dem Verkauf der Karten und durch Spenden finanziert Dinah Neuwirth ihre Reisen zu Flüchtlingscamps im Libanon, wo sie an syrische Kinder Kuscheltiere verschenkt, damit sie in den schweren Zeiten einen treuen Freund an der Seite haben. Eine tolle Mission, die sicherlich viel Kraft und Unterstützung nicht nur durch Kuscheltiere braucht. Hiermit endet mein Plädoyer für das Sich-öffnen- für-Kraftkuscheltiere. Denn es ist im Grunde ganz einfach: Kramt eure versteckten Kuscheltiere wieder aus den Ecken. Schaut sie euch an und spürt, was sie zu euch sagen wollen. Welche Affirmation kann durch das Kuscheltier zum Leben erweckt werden? Und falls es nicht gleich eine eigene Kuscheltiersammlung geben soll, dann helfen sicherlich auch die Affirmationskarten mit Lobilat (www.lobilat. com). Lasst die Kuscheltiere leben!

Meine Kraftkuscheltiere und ihre Affirmationen

Albert, das Krokodil: Ich vertraue dem Fluss des Lebens, alte Wunden dürfen heilen.

Berta, die Schildkröte: Ich schöpfe Kraft aus der Langsamkeit und der Achtsamkeit.

Billy, das Murmeltier: Es gibt viele Wege im Leben, ich finde immer den richtigen Weg und es wird immer einen Ausweg geben.

Bruno, der Elch: Ich bin zwischen Himmel und Erde gut aufgestellt.

Chewbi, mein persönliches Wutmonster: Meine Wut darf gefühlt werden.

Emma, die Eule: Ich vertraue meiner inneren Weisheit.

Funny, das Marsupilami: Ich habe Freude am Leben.

Gunda, die Gans: Ich genieße den Reichtum und die Vielfalt des Lebens.

Iggy, der Igel: Ich darf mich zurückziehen und einigeln, wenn es mir schlecht geht.

Mipossi, der Adler: Ich behalte immer den Überblick.

Plathipussy, das Schnabeltier: Ich bin neugierig und offen für das Unbekannte.

Shlomy, mein persönliches Angstmonster: Meine Angst darf gefühlt werden.

Slothy, das Faultier: Ich darf faul sein und setze meine Energien klug und sinnvoll ein.

Tilda, das Schwein: Das Glück ist auf meiner Seite.

Vincent, der Koalabär: Ich lebe im Hier und Jetzt.

Waui, der Hund: Ich habe viele gute Freunde, die mir helfen.

Wiwi, der Löwe: Ich bin gut so, wie ich bin.

Die Kraftkuscheltier-Methode

1. Jedes Kuscheltier kann verwendet werden.
2. Gib dem Kuscheltier einen Namen, damit eine Verbindung entstehen kann.
3. Überlege, wie und wo das Tier in der Realität lebt, welche Rolle es in der Natur oder welche mythische Bedeutung es hat.
4. Kuscheltier anschauen und in sich spüren, welche positiven Glaubensätze (Affirmationen) dir dein Kuscheltier als deine beste Freundin oder dein bester Freund zuflüstern würde.
5. Kuscheltier sichtbar in deiner Nähe platzieren, damit du immer an die Affirmation erinnert wirst. Es darf auch jederzeit gekuschelt werden.

Author: Oliver Bartsch

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