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Wer ein Haus baut, ein neues Auto braucht, eine fiese Zahnarztrechnung bekommt oder das Tortenbüfett der Hochzeitfeuer vorstrecken muss, hat das Geld dazu manchmal nicht unbedingt in kleinen Scheinen unter dem Kopfkissen liegen. Bezahlt werden muss trotzdem – deshalb leihen wir uns das nötige Geld. Wer Glück hat, kennt ein paar Leute, die genug Geld übrig haben, um es für einige Zeit zu verleihen – wer weniger Glück hat, geht zur nächsten Bank.

Aber wozu brauchen wir die Banken eigentlich noch? Warum leihen wir uns dort Geld zu Wucherzinsen, nur damit sich die Bank daran sattverdient? Warum bringen wir nicht die Leute, die ihr Geld sinnvoll anlegen wollen mit denen zusammen, die gerade welches brauchen – schließlich ist Vernetzung im Zeitalter des Internets die leichteste aller Aufgaben.

 

Bank ohne Bank: Das Internet

Das haben sich auch findige Web-Programmierer gedacht und seit einigen Jahren schießen deshalb nun weltweit die Privatkredit-Portale aus dem Boden. Das erste startete mit zopa.com schon 2005 in Großbritannien. In den USA kam 2006 die Plattform Prosper.com und in Deutschland hat smava.de 2007 den ersten Kreditmarktplatz für Privatkredite eingeführt.

Eigentlich ist die Idee naheliegend – schließlich ist Geldleihen unter „Freunden“ das wohl älteste Finanzierungsmodell der Welt. Bereits seit 300 vor Christus gibt es in China private Kreditvereine namens „lun hui“, bei denen Geld von Privat zu Privat verliehen wird. In Mexiko ist das Prinzip seit Jahrhunderten unter dem Begriff „tanda“, in Indien unter dem Namen „Kamet“ und in Japan als „Miyin“ bekannt – überall auf der Welt gibt es „offline“ Hunderte solcher Systeme. Trotz unterschiedlicher Namen handelt es sich immer um das gleiche Prinzip: Kredite von Mensch zu Mensch haben also eine lange Tradition.

 

Die Spielregeln ändern

PrivatkreditSowohl in Amerika als auch in Großbritannien laufen die Kreditportale hervorragend und genießen großes Vertrauen. Denn für beide Seiten sind die Konditionen im Idealfall besser als bei Banken: Die Kreditnehmer zahlen weniger Zinsen als bei der Bank und die Anleger erhalten eine höhere Verzinsung, als wenn sie ihr Geld auf einem Festgeldkonto anlegten. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass sich nicht irgendwelche Kredithaie am Kredit bereichern.

Der Markt ist im Vergleich zu traditionellen Banken noch überschaubar, aber anderseits auch längst nicht mehr klein: Weltweit werden mittlerweile jährlich 5,8 Milliarden US-Dollar über Peer-to-Peer-Kredite vergeben. Das könnte langfristig „die Spielregeln im Kreditgeschäft ändern“, wie smava-Gründer Alexander Artopé hofft.

 

Sicherheit

Die Befürchtung, Kreditportale wären ein Paradies für Hochverschuldete oder gar Betrüger , die anderswo keinen Geld mehr bekommen, ist unbegründet. Die Anforderungen an die Kreditnehmer sind schließlich ähnlich hoch wie bei Banken. Bei smava beispielsweise muss per Schufa-Auskunft die Kreditwürdigkeit nachgewiesen werden und die Identität des Kreditnehmers wird per Ausweiskopie und Post-Ident gleich doppelt geprüft. Alle Portale verfügen zudem über Systeme, die einen Komplett-Ausfall für die Anleger ausschließen. Bei zopa wird das angelegte Geld auf mindestens 50 Anleger verteilt, bei smava gibt es Anleger-Gruppen, die sich gegenseitig gegen Ausfälle und Zahlungsverzögerungen absichern. Zudem steht die ganze Sache natürlich auf rechtlich stabilen Beinen. Geld zu verleihen ist für Anleger also eine sichere Angelegenheit.

 

Kredit als Hilfe

KivaEine andere Variante des Peer-To-Peer-Kredits hat das Portal Kiva.org etabliert – dort verleihen Menschen sogenannte Mikrokredite an Kreditnehmer aus der Dritten Welt, die damit Strukturen für ihre Zukunft schaffen können. Kreditnehmer und -geber können sich hier – ähnlich wie bei Kinder-Patenschaften – auch besuchen und persönlich Kontakt miteinander aufnehmen. Das ist beileibe keine Lösung für das Problem der Armut – aber immerhin ein Weg ein direktes Erlebnis von internationaler Solidarität und Gemeinschaft zu bekommen und wenigstens einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation in den betroffenen Ländern zu leisten.

 

Systemfehler bleiben leider erhalten

Auch wenn diese Form der Kreditvergabe noch die ursprüngliche Funktion des Zines erfüllt – nämlich eine Gebühr für die Zurverfügungstellung von Liquidität – bleibt doch zu kritisieren, dass der grundsätzliche Systemfehler auch hier erhalten ist. Zins erfordert langfristig immer weiteres Wachstum und Reiche werden automatisch immer reicher. Dennoch ist die Entwicklung der Peer-To-Peer-Kredite zu begrüßen, denn durch die direkte Kooperation von Menschen werden die Finanzinstitutionen schrittweise entmachtet und es bleibt zu hoffen, das dies erst der erste Schritt einer fruchtbaren Entwicklung ist.

 

 

Bild 1 & 2: smava.de

 

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Eine Antwort

  1. Michael Peters

    Es ist schon witzig, dass Ideen, die ich bereits vor Jahren hatte, inzwischen in die Tat umgesetzt werden.
    Die Banken – und selbst die Sparkassen und Volksbanken – haben eine zu exponierte Stellung innerhalb des globalen und nationalen Finanzsystems. Hier gilt es in der Tat, deren Macht immer mehr zurecht zu stutzen!

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