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Laising ist eine Methode, um natürliches Lernen zu ermöglichen. Laising gibt es in Kärnten seit 2006, seit 2008 in österreichischen Regelschulen und seit 2013 im Institut als Ausbildung, um natürliches Lernen in die Regel-Schulen zu bringen und eine Alternative zur heute praktizierten Wissensvermittlung zu bieten.  Sein-Redakteur Oliver Bartsch sprach mit dem Laising-Gründer Dieter Graf-Neureiter über natürliches Lernen, von Kindern selbstorganisierte Lerngruppen und warum alles mit der Mathematik beginnt…

 

sein.de: Wie sind Sie persönlich auf die Idee gekommen, eine Methode für natürliches Lernen zu entwickeln?

Dieter: Das war keine „Idee“ Laising zu gründen. Im Jahr 2004 hatte ich mehrere Arten des Mentorings kennen gelernt und alle scheiterten im Wesentlichen an der fehlenden Alltagstauglichkeit. Sowohl das „betriebliche“, das „natürliche“ als auch das „menschliche“ Mentoring konnten im Alltag keine Akzeptanz finden, waren nicht verknüpfbar mit unserem Gesellschaftssystem. Aus dieser Aufgabenstellung heraus habe ich den Ansatz für das spätere Laising gefunden und in den folgenden zwei Jahren entwickelt und dann auf das Lernen umgelegt.

 

Welchen Einfluss hat dabei die russische Schetinin-Schule auf ihre Methode gehabt? Was haben Sie übernommen, was haben Sie nicht übernommen?

Mikhail Schetinin und die Schetinin-Schule haben uns zwei Dinge geschenkt. Sie haben uns im Jahr 2013, als wir auf die Schetinin Schule gestoßen sind, gezeigt, dass es auch bei uns möglich ist, eine „Schule“ im „natürlichen Sinne“ zu betreiben. In den Jahren 2006/07 hatte ich einen ersten Versuch gestartet, eine Schule zu eröffnen und war damit gescheitert.

Und das zweite Geschenk war die „Schaubildarbeit“ für über zehnjährige Kinder. Unsere „Strukturbildarbeit“, welche ich im Jahr 2006 entwickelt habe, war auf Jugendliche in der Oberstufe und Erwachsene ausgerichtet. Diese wird auch seitdem in der Erwachsenenbildung verwendet. Erst durch die Schaubildarbeit von Schetinin war aber auf einmal klar, dass jede Altersstufe auf eigene Weise „natürlich lernt“. Aus dem Zusammenfügen der beiden Pionierarbeiten ist dann die vierteilige Schaubildarbeit entstanden, welche wir heute in den Lais-Lerngruppen verwenden.

Die russisch kulturellen Aspekte der Schetininschule konnten wir natürlich nicht übernehmen. Wir sind ja hier in Kärnten, in Zentraleuropa, einer ganz anderen Kultur als jener in Russland.

Sehr wohl haben wir aber sehr viel daraus gelernt und genau erforscht, warum in der Schetinin-Schule die Dinge so gemacht werden, wie sie eben gemacht werden. Auch warum wir hier in Kärnten sie so machen, wie wir sie eben machen.

Und so wurde mir ganz klar, dass Laising sich rein auf die natürlichen Bedürfnisse ausrichten sollte, einfach damit Laising überall verwendet werden kann, egal in welcher Region der Welt.

 

Wie ist der momentane Entwicklungsstand in Österreich und in Deutschland, was die Gründung einer Lais-Schule angeht?

Laising verbreitet sich im Moment über das deutschsprachige Mitteleuropa. Laising in Schulen und Lerngruppen verbreitet sich in Österreich mehr und mehr, in guter Zusammenarbeit mit den Behörden wird es im Schuljahr 2015/16 an die 10 bis 12 Lais- Schulen bzw. Lais-Lerngruppen geben, ebenso wie drei bis vier  Lais-Versuchsgruppen in Regelschulen.

In Deutschland gibt es noch Widerstände aufgrund der zu geringen Erfahrungswerte und Nachweise, ebenso in der Schweiz, in der es aber „kleine“ Lerngruppen geben darf. In Südtirol und Kanada starten ebenso erste Lerngruppen, und Menschen aus Ländern wie Nigeria, Indien, Polen, Ungarn, Belgien und Frankreich warten bereits auf die englischsprachigen Ausbildungsmodule, um auch dort mit Laising zu starten.

 

Was ist natürliches Lernen?

Leichtes Lernen, so wie wir Erwachsenen und Kinder es jeden Tag machen. Aber eben meist nicht in der Schule. Besonders Kinder bis zum 5. Lebensjahr verfügen über eine geniale Fähigkeit – sie können natürlich lernen, spielerisch, kreativ, spontan, voller Neugierde und Begeisterung. Doch in der Schule beginnen wir Kinder nach unseren Vorstellungen sowie persönlichen und gesellschaftlichen Normen zu erziehen und zu bilden, wodurch das natürliche Lernen immer mehr verloren geht. Mit dem Schulbeginn endet viel zu oft eine unbeschwerte Kindheit und es beginnt der sogenannte „Ernst des Lebens“. Schule wird zur Qual, Hausaufgaben werden zur Elternbeschäftigung und Nachhilfestunden zur Freizeitbeschäftigung.

In der Lais-Schule wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch Wissen in sich trägt und von Natur aus voller Neugierde seinen Interessen nachgeht, forscht und lernt. Auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die das derzeitige Regelschulsystem bereits durchlaufen haben, können natürliches Lernen wieder entdecken und anwenden. Bei Lais steht der Mensch im Mittelpunkt – Methoden und pädagogische Konzepte sehen wir als hilfreiche Unterstützung. Der Mensch wird ganzheitlich – mit Körper, Geist und Seele – und in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen, angenommen und begleitet.

 

Wichtig ist beim natürlichen Lernen die Verbindung von Struktur, Raum und Beziehung. Auf diesen drei Säulen wird die Lais-Schule aufgebaut. Was verstehen Sie unter den Begriffen Struktur, Raum und Beziehung und warum ist die Verbindung zwischen Ihnen so wichtig?

Vor allem die Verbindung ist wichtig. Oft scheinen uns Beziehung, Raum und Struktur nicht vereinbar. Doch genau darum geht es, diese zu vereinen. Struktur steht hier für eine natürliche Gesetzlichkeit, die allgegenwärtig ist. Sie fällt uns erst auf, wenn wir näher hinsehen. Dann erkennen wir, dass vieles nach gleichmäßigen Zyklen abläuft oder vieles nach gleichen Gesetzlichkeiten wächst. Dies gilt auch für das heranwachsende Kind. Beobachtet man Kinder beim Lernen, sind die Strukturen gut erkennbar.

Wird diese Struktur mit Beziehung erfüllt, einer Beziehung, die nicht hierarchisch, sondern natürlich respektvoll ist, entsteht dieser Raum für „natürliches Lernen“. Herrscht also keine Verbindung dieser drei Elemente, reißt das natürliche Lernen sofort ab.

Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene erhält in den Räumlichkeiten seinen eigenen Start- und Rückzugsbereich, der von allen respektiert wird. Ein großer Teil der Raum-Inhalte sowie des Raum-Designs werden gemeinsam von Kindern, Jugendlichen und Lernbegleitern geplant und umgesetzt. Somit lernen die Kinder und Jugendlichen häufig in Projekten, beim Konstruieren, Bauen, Kochen, Gärtner, kreativen Gestalten oder genießen die Stille im eigenen Rückzugsbereich. Die Gestaltung des Umfeldes erfolgt mit Einbezug von geomantischen Prinzipien – Element Erde (Holz, Pflanzen, Steine), Elemente Feuer, Luft und Wasser (durch Farben, Brunnen, Licht, Textilien, Kunstwerke). Die Räume im Gebäude erhalten so ihr eigenes Ambiente und ihren eigenen Charakter und es entsteht eine Atmosphäre des Wohl-Fühlens.

Schaubild: Was ist Sozialität?

Schaubild: Was ist Sozialität?

 

Beim natürlichen Lernen sind Schaubilder wichtig. Was sind Schaubilder und warum verfestigen Sie die Lernerfahrung?

Schaubilder bringen das Erlernte in einen natürlichen Zusammenhang und Verinnerlichen somit das Erlernte um ein Vielfaches schneller und leichter. Und das auch noch dauerhaft und verständlich. Die Schaubilder geben von Beginn an einen klaren Überblick über den gesamten Umfang eines Faches und ermöglichen dadurch, spezifische Inhalte stets in einem größeren Kontext zu verstehen. Von einem Schaubild ausgehend werden daraufhin die Unterthemen erarbeitet, je nach Interesse bis ins kleinste Detail.

 

Lehrer heißen bei Ihnen Lernbegleiter. Wie bilden Sie in Ihrem Institut die Lernbegleiter aus? Welche Voraussetzungen müssen die Lernbegleiter erfüllen?

Lernbegleiter durchlaufen in der Ausbildung ausschließlich „Erfahrungsprozesse“, an dessen Ende das Wissen über das Anleiten von „natürlichem Lernen“ verinnerlicht wurde. Da Lernbegleiter kein Wissen vermitteln, sondern ausschließlich Lernende begleiten, sind keinerlei Voraussetzungen notwendig. Für das „Wissen“ stehen in den Schulen Pädagogen und Experten bereit.

 

Wie läuft der Unterricht in einer Lais-Schule ab? Warum ist der Gruppenprozess so wichtig?

In der Lais-Schule gibt es keinen Unterricht, sondern ausschließlich „Lernen“. Beim Lernen geht es weniger um den Gruppenprozess als um die verschiedenen „Blickwinkel“ der einzelnen Kinder auf das im Moment Gelernte. Deshalb ist die altersmäßige Durchmischung der Lerngruppen auch ganz wesentlich.

Die Kinder organisieren sich selbständig in sogenannten Lern- und Spielgruppen. In jeder dieser Gruppen lernen 6 bis 8 Kinder und Jugendliche miteinander und voneinander, unterstützt von einem Lernbegleiter oder einer Lernbegleiterin. Die Leitungsrolle in der Gruppe wird von den Kindern abwechselnd übernommen. Jedes Kind ist gleichzeitig Lehrer und Schüler. Kinder, die Wissen bereits erfahren haben, werden zu Experten über diese Themenbereiche und übernehmen so die Verantwortung für die Wissensübergabe.

 

Alles beginnt im Unterricht mit der Frage „Was ist Mathematik“? Warum glauben Sie, dass Mathematik die Grundlage von allem ist?

Ich glaube das nicht. Es ist unsere Erfahrung. Die lernenden Kinder wählen selbst, wo sie beim Lernen beginnen wollen. Und egal ob sie bei Biologie, Italienisch oder Musik zu lernen beginnen, spätestens am zweiten Tag landen sie bei der Mathematik, dem Beginn allen Lernens.

 

Was für Lerninhalte gibt es noch außer Mathematik?

Die Kinder lernen Natur- und Geisteswissenschaften in einer logisch aufeinander aufbauenden Abfolge bis hin zur Matura. Das sich ständig – je nach Interessen der Kinder und Jugendlichen – erweiternde Lernangebot ermöglicht es ihnen, ihre Entwicklungschancen optimal zu entfalten: in der Schule und ebenso an außerschulischen Lernorten. Durch die umfassende Miteinbeziehung in die Organisation und Gestaltung des Schulalltags erwerben sie auch Kompetenzen in Bereichen, mit denen sie in herkömmlichen Schulen nie konfrontiert werden: beim Reinigen, Bauen, Gärtnern und Kochen, als Kassenbeauftragte oder Manager. Gleichzeitig lernen sie wertzuschätzen, wenn andere diese Aufgaben zu ihrem Wohle wahrnehmen.

Eine Lern- und Spielgruppe lernt 6 bis 12 Wochen an einem fachlichen Themengebiet, bis die Gruppe den Inhalt in all seinen Kontexten erforscht und verstanden hat. Je nach Interesse wird dadurch ein Tiefgang in Details und die Verbindung mit anderen Themengebieten ermöglicht. Die Inhalte des österreichischen Lehrplans werden erfüllt und je nach Interesse vertieft.

 

Wie erfüllen die Kinder, die die Lais-Schule besuchen, die Anforderungen der Regelschule?

Die Kinder erfüllen die Anforderungen in Österreich durch das Ablegen einer Externistenprüfung. Diese Externistenprüfung wird in der Regel mit Bravour und Freude an der Herausforderung gemeistert.

 

Angenommen alle Kinder könnten im natürlichen Lernen aufwachsen. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für unsere Gesellschaft?

Das „natürliche Lernen“ alleine reicht aus meiner Sicht nicht aus, denn wir haben auch viele gesellschaftliche Aspekte im Leben zu bewältigen. Was hilft es dem Kind, wenn es „natürlich lernt“, und dann im Alltag am Leistungsdruck scheitert oder im zielorientierten Studium nicht zurechtkommt.

Und darum geht es mir im Laising: Das natürliche Lernen muss alltagstauglich sein, überall verwendbar sein. Kinder lernen im Laising mit Druck und Stress natürlich umzugehen, lernen Prüfungen natürlich zu bewältigen und Freude an Herausforderungen jeglicher Art zu finden. Ganz natürlich und leicht, natürlich nicht immer mit voller Begeisterung, aber auf jeden Fall so, dass das Lächeln nicht verloren geht.

Das Anliegen von Lais ist, Kinder und Jugendliche in ihrer Selbständigkeit und Kompetenz, ihrer Kreativität und Spontaneität zu stärken und zu fördern. Wir ermöglichen ihnen, natürliches und spielerisches Lernen mit Freude und Leichtigkeit weiter zu praktizieren in einem Umfeld, das Lernen ermöglicht, ihre Begabungen fördert und sie in ihrer Einzigartigkeit stärkt.

Jedes Kind erhält hier einen individuellen Rückzugsbereich und erfährt Gemeinschaftsleben. Sie werden in ihren Bedürfnissen gesehen und können ihre Interessen ausleben. Des Weiteren lernen sie mit allen Anforderungen der Gesellschaft zurechtzukommen. Leistung und spielerisches Lernen sind hier kein Widerspruch. Sie lernen Beziehungen zu gestalten sowie soziale und menschliche Kompetenzen. Jedes Kind lernt den Umgang mit Gruppen, Leitungskompetenzen einzunehmen und entwickelt Handlungskompetenzen für die grundlegenden Bereiche des Lebens.

Das Interview führte Oliver Bartsch

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Eine Antwort

  1. Monica
    Möge Laising sich auch in Deutschland verbreiten!

    Vielen Dank für dieses Interview! Möge sich diese Methode auch in Deutschland ausweiten! Gibt es in Deutschland schon Lais-Schulen oder Ansätze dazu?

    Antworten

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