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Interview mit dem Satsang-Lehrer Tathagata Florian Schlosser

Nach zehn Jahren intensiver Suche und einem zunehmenden Widerwillen gegen alle psycho-spirituellen Themen erlebte Tathagata im Satsang seines Lehrers Isaac Shapiro ein totales Loslassen von allen Konzepten und seiner Suche. Für SEIN sprach Jörg Engelsing mit ihm über Erwachen und die Mechanismen des Ichs, sich genau vor dieser Erfahrung zu schützen.

Dir ist die Erfahrung des Erwachens widerfahren. Was hast du mir und den meisten unserer Leser voraus?

Tathagata: Nichts. Alleine die Tatsache über Themen wie Erwachen, Wahrheit, Erleuchtung und Sein zu sprechen und zu schreiben, kann unvermeidbar den Eindruck erwecken, als wüsste ich etwas, was du und Eure Leser nicht wissen, oder was außerhalb deiner eigenen Erfahrung liegt. Sowohl beim Schreiben als auch im Satsang erlebe ich immer wieder dieses Dilemma. Doch das, worüber ich schreibe und spreche, ist einfach eine Einladung des Herzens, in deine eigene Erfahrung zu schauen, in dir zu verstehen und zu empfinden und gemeinsam das Sein zu erforschen. Wenn du möchtest, ist es die Einladung vollkommen präsent zu sein inmitten der gegenwärtigen Erfahrung. Ich erinnere immer wieder daran, den Buddha nicht nach außen auf eine andere Person zu projizieren.

Wie sah das Erwachen aus? Und was hat dir dieses einmalige Erlebnis gezeigt?

Tathagata: Eigentlich hatte ich überhaupt kein Interesse mehr an Satsang, Erleuchtung, Erwachen oder wie auch immer Menschen es nennen. Vielmehr hatte ich die Nase gestrichen voll von all dem spirituellen und psychologischen „Humbug“, mit dem ich mich gute zehn Jahre lang mit aller Intensität und mit zum Teil absurder Absolutheit beschäftigte. Innerlich war ich müde und ausgelaugt. Es fühlte sich, so drastisch es klingen mag, beinahe wie Ekel an.
Mit diesem Gefühl im Bauch und dieser Trockenheit im Herzen traf ich im April 2000 nach gut vier Jahren Satsang-Desinteresse erneut meinen Lehrer Isaac Shapiro im Satsang. Was dann geschah, kann ich nur mit unzureichenden Worten beschreiben. Vollkommen unvorbereitet und unerwartet passierte ein tiefes Empfinden von augenblicklichem und nicht-willentlichem Loslassen von allem, was wie „Fliegen an mir klebte“. Diese Erfahrung begann als unendliche Müdigkeit und als Gefühl des Sterben-Wollens und endete mit Tränen der Freude und vollkommener Klarheit über die Ausweglosigkeit allen Suchens. Bemerkenswert daran war, dass ich kein Empfinden von „ich lasse los“ hatte. Im nachhinein kann ich es nur als unpersönliches Geschehen des Fallenlassens beschreiben.

Was ist die Quintessenz dieser Erfahrung?
Tathagata: Im Grunde genommen ist Erwachen nichts Spektakuläres oder Besonderes. Das Wichtigste aus meiner Sicht ist: Erwachen ist der Anfang und keineswegs das Ende. Für mich war es der Beginn eines unglaublichen Feuers, in dem ich seitdem all die Muster, Widerstände und Empfindungen erfahre, die ich „vorher“ um keinen Preis erleben wollte. Ich dachte, die vielen Jahre meiner Suche hätten dazu geführt, dass meine Muster weitgehend erkannt und integriert wären. Was mir nicht klar war ist, dass mein vehementes Bemühen um Erleuchtung, Verstehen und Freiheit ein unglaublich raffinierter Mechanismus war, wie ich mein Herz schützte, um keinen Schmerz zu erfahren. Heute würde ich sagen, die Suche war nichts anderes als Widerstand gegen das, was ist. Mit dem Erwachen begann ein sich bis heute kontinuierlich vollziehender Shift im Bewusstsein, durch den ich immer tiefer und feiner erkenne, wo ich noch Widerstand bin und nicht vollends als Buddha lebe.

Wie sieht dieser Shift von der einen auf die andere Seite aus?
Tathagata: Manchmal nenne ich diesen Shift das Umschalten vom Widerstands-Modus in den Buddha-Modus. Aber die beste Art es zu beschreiben ist: Üblicherweise betrachten wir Menschen uns selbst und die Welt von Außen nach Innen. Wir haben das Empfinden von „Ich“ als Betrachter unserer Außen- und Innenwelt. Wenn wir das überprüfen, erkennen wir, dass der Ursprung dieser Ich-Empfindung Widerstand und der Wunsch nach Kontrolle ist. Der Widerstand, möglichst keine schmerzhafte Erfahrung zu machen oder zumindest deren Intensität zu kontrollieren. Der Verstand erschafft „Zwei“, einen Beobachter und das Beobachtete. Im Akt des Beobachtens entsteht die Illusion, wir könnten uns vor dem vollen Empfinden unserer gegenwärtigen Erfahrung schützen oder auf deren Verlauf Einfluss nehmen. Wir leben im Widerstands-Modus.
Mit dem Shift geschieht ein Sehen von innen heraus. Es ist, als ob wir hineinsehen in einen weiten Raum, der sich als Ausdehnung des eigenen Inneren offenbart.

Sind wir dieser Raum?
Tathagata: Ja, wir sind dieser Raum. Alles was geschieht, geschieht im Bewusstsein, das wir SIND. Die Natur von Bewusstsein ist Raum. Als dieser Raum können wir alle Erfahrungen, einschließlich der Erfahrung von Widerstand, einfach als das erkennen, was sie sind: subtile Bewegungen im Bewusstsein, feinste Empfindungen im Körper.

Aber wir sind nicht unsere Erfahrungen, oder?
Tathagata: Ja und Nein. Es ist richtig, dass ich nicht meine Erfahrung bin, sondern das Bewusstsein, in dem die Erfahrung passiert. Gleichzeitig aber gibt es keine Grenze zwischen Bewusstsein und der im Bewusstsein auftauchenden Erfahrung. Als das Bewusstsein bin ich seiner Natur gemäß Einladung dafür, jede nur erdenkliche Erfahrung in mir zu sehen und zu fühlen. Wir könnten auch sagen: Wir sind der Raum, der die Fähigkeit hat, jede Erfahrung sanft zu umarmen. Wir leben im Buddha-Modus. Für mich ist es ganz einfach Mitgefühl.

Ist es mit dem Erwachen getan?

Tathagata: Soweit ich es bisher erfahren habe, nein. Es geht erst richtig los. Gerne ziehe ich als Beispiel mein Alltagsleben heran. Ich lebe ein ganz gewöhnliches Leben und führe eine Partnerschaft. Von Außen betrachtet gibt es weder für mich noch für andere etwas Besonderes. Das ist manchmal irritierend und zugleich auch erleichternd für Menschen, die zum Satsang kommen, denn es zeigt sich in mir als ziemlich unspektakulär (das sagte kürzlich einmal jemand im Satsang).
Wenn es überhaupt einen Unterschied gibt, dann ist es für mich der, dass kein Interesse mehr an Erleuchtung, Erwachen oder daran, jemand Besonderes sein zu wollen, da ist. Ganz im Gegenteil. Ich liebe die Einfachheit und Gewöhnlichkeit mehr als je zuvor. Das Gefühl, mit allen Menschen verbunden zu sein – sei es nun im Satsang oder beim Supermarkt-Einkauf – ist das, was ich liebe.

Kann man sich „danach“ zurücklehnen und den Dingen einfach ihren Lauf lassen?

Tathagata: Meine Erfahrung im Umgang mit dem Alltag hat sich nicht großartig verändert. Auch heute wollen die alltäglichen Dinge getan werden. Und sie werden erledigt, so wie früher auch. Das volle Spektrum menschlicher Erfahrung ist da und ist willkommen. Innerhalb dessen fühlt es sich manchmal ganz leicht und unbeschwert an. Manchmal aber auch eng und verkrampft. Und genau diese Verkrampfungen sind für mich die Einladung, einfach zu sehen und zu fühlen, wo noch Widerstand ist, wo ich noch nicht vollkommen präsent bin inmitten meiner Erfahrung.
Wenn ich auf diese Weise meinen Alltag lebe, kann ich ihn als ständige und perfekte Einladung verstehen, präsent zu sein und zu erforschen, wie ich funktioniere. Und es ist die Einladung, mit mir und anderen so sanft wie irgend möglich zu sein. Durch diese verkörperte Sanftheit kann ich immer feiner und subtiler empfinden, wie die Wahrheit sich durch mich ausdrücken möchte.

Welche Prozesse laufen dabei ab und gibt es ein Ende davon?
Tathagata: Je feiner und sanfter ich empfinde, desto subtilere Bewegungen im Bewusstsein nehme ich wahr. Manchmal ist es wie ein Wunder, dass sich ganz neue Ebenen von Mustern und „Spiele des Ichs“ offenbaren. Wenn ich sehe, wie der Shift voranschreitet, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass die Vertiefung irgendwann einmal ein Ende hat. Für mich ist es eine Reise ins Nichts.
Entscheidend ist letztlich aber nicht, ob wir schon alle unsere Muster gesehen haben oder nicht, sondern wer und vor allem wie wir innerlich SIND mit unseren Mustern, Empfindungen und Erfahrungen.
Einen Unterschied macht nur, ob wir innerlich hart, verkrampft und ohne Mitgefühl sind. Oder ob wir von Innen heraus sanft, mitfühlend und einverstanden sind, mit dem was geschieht. In diesem Prozess vertieft es sich mehr und mehr, wird fein und feiner, offenbart es sich sanft und sanfter.

Kann Therapie in diesem Prozess helfen?

Tathagata: Grundsätzlich kann Therapie den Prozess unterstützen. Das Problem dabei ist das Helfen/Hilfe-Wollen. Solange ich mit meinen eigenen Erfahrungen und Empfindungen nicht wirklich in Frieden bin, besteht das Bedürfnis nach Hilfe und Helfen-Wollen. Das ist vollkommen okay und ganz natürlich. Viele therapeutische und esoterische Ansätze und Methoden streben jedoch eine Verbesserung, Veränderung oder Lösung unserer Erfahrung an. Da unser Wunsch nach Veränderung meist aus dem Widerstand gegen das, was ist, kommt, kann eine vollständige Integration manchmal erschwert werden. Es kann sogar passieren, dass der Abschluss eines Prozesses verhindert wird.
Ein zusätzlicher Faktor ist auch die Person, die Hilfe anbietet. Bin ich als Therapeut mit sensiblen Themen in mir noch nicht im Reinen, werde ich versuchen, sie bei mir selbst – wenn sie im Zusammensein mit anderen Menschen berührt werden – zu verändern, zu verbessern oder zu lösen. Ich könnte auch sagen: Ich benutze eine Methode, um mein Herz zu schützen. Ohne dass ich es will oder es mir vollends bewusst wäre, werde ich auf diese Weise wahrscheinlich auch mit Klienten umgehen. Meist implizit „verspreche“ ich dann anderen Veränderung, Verbesserung oder Lösung. Das kann zu Verwirrung führen und mir und anderen weh tun.

Kann ich nicht auch im Satsang in diese Sackgasse geraten?
Tathagata: Oh doch. Auch Satsang ist keine Garantie dafür, dass wir nicht in dieselbe Falle von Hilfe-Suchen, Helfen-Wollen und Hoffen laufen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Wenn du möchtest, ist Satsang eine wundervolle Gelegenheit immer wieder neu zu erkennen. In Satsang zu sein ist meine Einladung an alle Menschen, in der eigenen Erfahrung ganz sanft zu erforschen, wie es ist, als das Herz des Buddha zu leben.


Abb.2: Ramana Maharshi: für viele einer der größten verwirklichten Meister aller Zeiten

 

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