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Tony Parsons, einer der radikalsten Vertreter der Philosophie der Nicht-Dualität, kommt im Juli nach Berlin. Für Christian Salvesen und Ieva Gaidulis brachte er in einem Interview seine Botschaft auf den Punkt.

 

Tony, wie lautet die Botschaft?
(Lachen) Die Botschaft ist destruktiv und zugleich erleuchtend. Sie deckt das Missverständnis auf, dass es da einen so genannten Suchenden gibt, der so etwas wie „Erleuchtung“ finden könnte. In unseren Treffen wird ja ständig die Einstellung des Suchenden hinterfragt. Er hängt wie ein Junkie an dieser Vorstellung, etwas finden zu können. Dabei ist das, was er sucht, nie verloren gegangen. Das ist der andere Aspekt der Botschaft. Das Gesuchte versteckt sich darin, alles zu sein. Ein Paradox, das Worte nicht auflösen können. Es kann nur auf eine Ganzheit hindeuten, die sich zugleich stets verbirgt.

Du weist oft darauf hin, dass diese Botschaft nicht vom Verstand begriffen werden kann, sondern eher auf einer energetischen Ebene wirkt. Es gibt spirituelle Meister, die energetisch arbeiten, um Blockaden zu lösen und das wahre Selbst vom Ego zu befreien. Ist das hilfreich?
Nein, diese Botschaft hat nichts damit zu tun, irgendetwas zu verändern, und erst recht nicht damit, dass es da jemanden gibt, der etwas beeinflussen könnte.

Es soll also keine energetische Verwandlung erreicht werden?
Nein. So wie es niemanden gibt, der irgendetwas beeinflusst, gibt es niemanden, der erleuchtet werden könnte. Wir tauschen uns zunächst einmal über Begriffe aus – das geschieht eher an der Oberfläche –, und daraus kann eine gewisse Klarheit erwachsen. Doch Klarheit ist nicht Befreiung. Energetisch kann dann Folgendes geschehen: Die in sich verkrampfte und zusammengezogene Energie (des Gefühls) von Getrenntheit kann auf die Grenzenlosigkeit von Befreiung stoßen und sich daraufhin – wie es scheint – unbegrenzt ausdehnen. Doch niemand kann das bewirken. Es geschieht, oder auch nicht.

Aber gibt es nicht irgendeine Verbindung oder Brücke zu spirituellen Traditionen, zu irgendetwas, das der Suchende kennt?

Nein. Weder zu irgendeiner Tradition noch zu irgendetwas, das der Suchende wissen oder kennen kann. (Lachen)

Du verwendest allerdings den Begriff Advaita, und der kommt aus einer alten indischen Tradition.
Ich verwende es als eine Art Aufhänger, doch im Grunde kann dieser Art der Kommunikation keinerlei Markenzeichen aufgedrückt noch kann sie irgendwie kategorisiert werden. Zu dem, was unter traditionellem Advaita verstanden wird, besteht keine Verbindung.

Ich habe dich sagen hören, dass es einen Raum gibt, in dem alles auftaucht und wieder verschwindet. Im traditionellen Advaita wird das Brahman oder das Selbst genannt, im Westen auch Bewusstsein.

Es gibt keinen speziellen Raum oder Ort mit irgendeiner besonderen Energie. Die Botschaft besagt einfach, dass es nichts gibt, das je von Bedeutung wäre. Nichts erscheint als Alles. Punkt. Was immer in Dem erscheint, ist weder bedeutsam noch hat es einen Zweck. Leben – das ist eben die Energie, in der wir zu sein scheinen. Der Suchende möchte einen ganz bestimmten Schatz im Leben finden, ein Objekt namens „Erleuchtung“ oder „Erfüllung“. Das „offene Geheimnis“ ist aber, dass das Leben selbst der Schatz ist. Der Suchende befindet sich in dem Dilemma, dass er nach etwas Bestimmtem Ausschau hält und deshalb nie erkennen kann, dass der Schatz bereits das ist, was jetzt ist.

Es ist natürlich ziemlich frustrierend, wenn man zu hören bekommt, dass der Suchende nie etwas finden wird, schon gar nicht die Erleuchtung.
Suchen ist die wirksamste Methode, die Befreiung zu vermeiden. Diese besondere, mit dem Suchen verbundene Energie bestätigt, dass irgendetwas verloren gegangen ist. Nichts ist verloren gegangen. Das Gesuchte ist dem angeblich Suchenden verborgen genau dadurch, dass es bereits alles ist.

Buddha schlug vor, in sich nach einem Ich oder Selbst zu suchen, um schließlich zu erkennen, dass es so ein Ich nicht gibt. Ist das nicht ein überzeugender Ansatz und eine praktische Methode, die Illusion des Ichs zu durchschauen?

Das hört sich natürlich sehr praktisch und überzeugend an, ist aber völlig vergeblich, weil es auf einem doppelten Missverständnis beruht. Erstens, dass es da jemanden gibt, der das tun kann, der sich dafür entscheiden kann, nach innen zu schauen. Zweitens: Wer braucht das? Es ist unnötig. Die irreführende Vorstellung dahinter ist: Es gibt ein Ich, das sich von A nach B bewegt. Das ist Dualismus.

Aber irgendwie scheint es doch zu wirken. Nehmen wir als Beispiel eine angeleitete Meditation: „Und jetzt schau nach innen. Wer oder was sieht?“ Der Verstand folgt den Anleitungen.
Das verstärkt nur die Vorstellung, dass es da etwas zu finden gibt. Es fördert Unwissenheit. Jedes Suchen führt zu mehr Suchen. Der Verstand mag den Anleitungen folgen, wird aber nie die Erfüllung finden, die völlig außer seiner Reichweite liegt.

Ieva: Meine Arbeit als Trainerin hat primär mit klarer Absicht zu tun. Es scheint, wenn ich mir über meine Absichten klar bin, dann folgen entsprechend die Ereignisse. Und so scheint das auch bei der Selbsterforschung: Wer bin ich? Da tauchen zum Teil mystische „Ergebnisse“ auf, die mir sagen wollen, ich – als Person – sei nun reif für…Dies.
Das klingt logisch und ist es auch, aber nur innerhalb des Traums. In diesem Traum, ein Individuum zu sein, glaubt auch jeder, dass Absichten Ergebnisse bringen. In der Erkenntnis, dass es keine Person gibt, verwandelt sich der ganze Kontext von Intention und Ergebnis. Es gibt dann niemanden mehr, der herausfinden könnte, dass er nicht existiert. Eine Illusion kann nicht eine andere Illusion auflösen. Sie kann in der Illusion leben, dass Absichten Ergebnisse bringen. So sind die meisten Menschen eingestellt. Doch die Befreiung durchkreuzt alles. Sie ist nie das Ergebnis einer Absicht oder Anstrengung. Befreiung ist das Ende von etwas, das nie wirklich stattfand. Niemand kann sein eigenes Ende herbeiführen oder seiner eigenen Abwesenheit begegnen. Absicht ist nur eine weitere Erscheinung im Ganzen. Das Absolute zeigt sich im Relativen, aber es hat keine Bedeutung – außer im Traum des Selbstbewusstseins.

Christian: Was ist mit Werten und Tugenden, sind sie noch wichtig?
Alle Werte und Tugenden gehören zum Traum des Individuums. Sie basieren auf der dualistischen Überzeugung, dass es einen freien Willen, Zeit, Entwicklung, Ziele, Ursache und Wirkung gibt. Stürzt dieser Traum der Individualität in sich zusammen, lösen sich auch all diese flüchtigen Überzeugungen und Erfahrungen in Nichts auf.

Ich finde an deiner Botschaft auch faszinierend, dass es da keinerlei Brücke zu irgendeiner traditionellen Lehre zu geben scheint.

Natürlich nicht. Was wir hier miteinander austauschen, hat mit keiner Lehre zu tun. Diese Botschaft beschreibt nur und schreibt nichts vor. Keine Brücke ist zu überschreiten, keine Tür zu öffnen. Die so genannten traditionellen Lehren halten den Geist des Suchenden in einem falschen Wert gefangen. Sie lassen ihn glauben, Tradition bedeute unvergängliche Weisheit allein aufgrund der Tatsache, dass sie so lange überdauerte. Doch eigentlich haben wir nur Worte auf Papier, Konzepte und Überzeugungen. Befreiung ist jenseits von allem Verstehen und kann weder gelehrt noch definiert oder begriffen werden.

Wenn dies alles ist, wo ist dann der Tod, jetzt?
Dies ist Leben und Tod. Man könnte sagen, dass der normale (physische) Tod das Ende von dem ist, was nach Dem sucht. Doch im Grunde ist diese Allgegenwärtigkeit Tod, Nichts, Nichtdinglichkeit, die als ein Etwas erscheint. Was immer auftaucht, verschwindet wieder. Und was immer du scheinbar erfährst, ist und ist nicht, ist voll und leer zugleich, in seinem Auftauchen ist bereits sein Untergang enthalten. Ich kann meine Geschichte als Suchender nur in der Zeit erleben. Das Zeitlose, das Nichts wird nicht wahrgenommen.

Könntest du Dies gefühlsmäßig beschreiben, ist es ein Gefühl von Nichts? Fühlt sich das Leben anders an als vor der Befreiung?
Befreiung kann nicht beschrieben werden.

Ieva: Es gibt aber doch so etwas wie einen mystischen Tod?
Ja, da geschieht ganz offensichtlich ein Tod. Diese Botschaft weist auf einen völligen Verlust. Und zugleich deutet sie auf die Geburt absoluter Liebe. Natürlich ist alles, was dem Einzelnen widerfährt, bereits absolute Liebe. Doch er verdeckt genau das durch seine Suche.

C.: Befreiung geschieht für niemand. Bedeutet das, es gibt da keinen Beobachter, keine Wahrnehmung, kein Erkennen, überhaupt keinen Vorteil?

Ganz genau.

Ich hatte gehofft, dass beim Sterben irgendeine Öffnung, eine Erweiterung des Bewusstseins geschieht.
Das hofft jeder Suchende.

Aber das geschieht doch? Und irgendetwas nimmt das wahr, oder?
Nein, nichts nimmt das wahr, weder im physischen Tod noch in der Befreiung. Es wird weder wahrgenommen noch gewusst. Das ist das Mysterium, das Paradox, das absolute Wunder dessen, wonach wir uns sehnen. Wäre die Ganzheit wahrnehmbar, müsste es etwas davon Getrenntes, einen Wahrnehmenden geben, der sie wahrnehmen könnte. Diesen Anderen gibt es nicht. Da ist nur Alles und Nichts.

Du selbst kennst oder weißt es also auch nicht?
Da ist niemand und deshalb auch nichts, was etwas wissen könnte. Was hier spricht, weiß nichts. Klingt verrückt, ist aber eigentlich unsere Natur. Im Traum des Lebens operieren wir von einem Zentrum aus, unserem Verstand, der glaubt, alles zu wissen. Doch diese Botschaft war untergründig stets präsent, im Zen, sogar bei Jesus, der sagte: Um das ewige Leben zu gewinnen, musst du dein eigenes Leben aufgeben. Doch das ist eben weder erreich- noch begreifbar. Die Einsicht und das Leben gehören niemandem.

Wochenend-Termin in Berlin:

10.-12. Juli 09, Zentrum Zeit-und-Raum, Schöneberg
Infos und Anmeldung: Jörg Röttger,
Tel.: 0331-600 46 30 oder
info@joroettger.de

Infos über Veranstaltungen: www.theopensecret.com
Meetings in Deutschland (München, Berlin, Kisslegg): www.tonyparsons.de

Bücher und DVD:
Das ist es – Vom Ende der Illusion des Getrenntseins,
J. Kamphausen

Einfach nur Dies – Unspektakuläre Gespräche über alles und nichts,
J. Kamphausen

The Wonder of Being, München 2008 DVD, www.tao-cinemathek.de

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