Lena Grabowski fragt: Worauf kann ich bauen, wenn vieles um mich herum unsicher wird und vielleicht zusammenbricht?

In einem für mich und viele andere Menschen herausfordernden Jahr 2020 hat mein Leben in einer Intensität eine Wendung genommen, die ich mir niemals erträumt habe. Obwohl – oder gerade weil – sich dieses Jahr durch Kräfte wie Unkontrollierbarkeit, Unvorhersehbarkeit, Existenzangst, gesellschaftliche Spaltung, Abwehr und Undurchsichtigkeit zum Ausdruck bringt. Wir Menschen reagieren in überfordernden Situationen erfahrungsgemäß aus unserem Überlebensinstinkt heraus, so wie wir es in der Natur gelernt haben. Und so entspringen auch derzeit wieder viele unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen einem Kampfgeist, der darauf ausgelegt ist, Leben zu sichern. Eine beeindruckende Einrichtung in unserem Gehirn, wie ich finde. Große und kleine Entscheidungen wollen sekundenschnell getroffen werden, ein befürchteter Zusammenbruch soll keinen allzu großen und nachhaltigen Schaden nehmen, weder für den Einzelnen, noch für das Ganze. Sich in dieser ungewissen weltweiten Krise einer Intelligenz des Lebens anzuvertrauen gehört aktuell zu den größten Herausforderungen an unsere Menschheit. Und warum sollten wir das auch tun, uns dem Leben hingeben in einer maximal unsicheren Zeit?

Das Leben lässt sich nicht kontrollieren

Diese Zeit fordert unfassbar viel Kraft und Ausdauer von uns allen. Ich bewege mich, wie so viele andere Menschen, zwischen unterschiedlichen Nachrichtenquellen, Meinungen, Weltbildern und Theorien, versuche mein Leben und das meiner Familie und im nahen Umfeld zu halten. Und lasse mich zeitgleich von existenziellen Themen und der Unkontrollierbarkeit des Lebens berühren. Was mich in diesem Jahr ergreift wie in keinem anderen Jahr zuvor, ist eine Gabe, mich noch tiefer auf das Leben einzulassen. Alles, was nun keinen Bestand mehr hat, zerrinnt zwischen meinen Händen. Ich werde immer basaler und spüre unverstellte, einfache Bedürfnisse nach einem Dach über dem Kopf, Gesundheit und etwas Wärme, ein wenig zu essen. Dieses unsichere Jahr lehrt mich, mich auch dann mit Haut und Haaren einzulassen, wenn das vermeintlich Sichere wackelig wird und zu vergehen droht. Diese von Verlusten, Trennungssituationen, coronabedingten Umsatzeinbußen und anderen existenziellen Themen geprägte Zeit bewegt Fragen in mir: Kann und muss ich mich wirklich vor irgendetwas schützen? Worauf kann ich bauen, wenn vieles um mich herum unsicher wird und vielleicht zusammenbricht? Sogar das eigene Leben, das ich mir bis dahin aufgebaut habe?

Als Mensch bin ich verletzlich

Mir wird bewusster denn je, dass ich – ganz egal was gerade geschieht – stets wählen kann, wie ich es erlebe. Und aus einem uralten schmerzlichen „ich will nicht – ich will es anders“, getragen von Angst, Starre, Wut, Ablehnung oder Widerstand in ein noch viel tieferes und befreienderes Ja zum Leben hineinwachsen. So bleibe ich handlungsfähig und kann mich am Geschehen beteiligen. Die Wunde des Ausgeliefert-Fühlens halte ich für eine uralte Geschichte unseres Menschseins. Doch wir könnten uns – wie wir es schon immer versucht haben – darüber erheben. Welche Geschichte können wir jetzt schreiben, wenn wir uns dieser Zeit ganz annehmen, in Verbindung gehen, die Krise gemeinsam bewältigen und darauf vertrauen, dass immer – schon seit 4,6 Milliarden Jahren – etwas viel Intelligenteres für Evolution gesorgt hat? Haben wir Menschen denn wirklich vergessen, dass Evolution eines der wenigen, jedoch sichersten und wirksamsten Prinzipien auf dieser Erde ist? Haben wir wirklich vergessen, dass wir auf eine 4,6 Milliarden Jahre alte Entwicklungsgeschichte zurückblicken? Eine gigantische Reise, ein Geschenk an uns, ein Wunderwerk der Schöpfung. Warum sollte ich genau jetzt, an dieser Stelle in unserer Evolutionsgeschichte, anhalten? Mich wehren, fliehen, meiner Angst folgen, Trennung erzeugen, aussteigen und das Leben in seiner Gesamtheit ablehnen. Stattdessen fühle ich eine hingebungsvolle Kraft in mir, die stärker ist als jemals zuvor. Sie zieht mich tiefer in das Leben hinein. Und dabei fühle ich mich menschlich, verletzlich, weich, biegsam, still und demütig.

Unser blauer Planet – ein Wunderwerk der Evolution

Dass auf einem Planeten am Rande eines unermesslich großen, noch nicht gänzlich erforschten Sonnensystems überhaupt Leben möglich ist, ist für mich ein unfassbares Ereignis. Wie jede Pflanze und jedes Tier sind auch wir Menschen ein einzigartiger schöpferischer Vorgang und Ausdruck in diesem facettenreichen Wunderwerk Leben. Faszinierend finde ich beispielsweise den Stand der Sonne zur Erde. Beide stehen in einer optimalen Entfernung zueinander, damit das Wasser auf unserem Planeten nicht verdampft und ein Leben hier überhaupt möglich ist. Auch die Größe unseres Planeten scheint perfekt zu sein. Wäre die Erde kleiner als sie ist, wie beispielsweise der Mars, hätten wir andere klimatische Bedingungen und es wäre für Vegetation und Leben viel zu kalt. Wäre der Planet größer, vermutet die Forschung heftigen Vulkanismus, der unser Leben ebenfalls unmöglich machen würde.

Vor etwa 70 Millionen Jahren – heißt es – nachdem die Sonne zum ersten Mal aufleuchtete, kollidierte ein Himmelskörper mit unserer Erde, bei der unser blauer Planet nur knapp überlebte. Ein anderer Himmelskörper kollidierte mit der Erde, riss Teile des Erdmantels weg und schleuderte diese ins All. Partikel haben sich mit Überresten des Einschlagkörpers verbunden und eine Gesteinswolke gebildet. Diese umkreiste die Erde und kühlte aus. Ihre Umlaufbahnen ordneten sich und kollidierende Teilchen verklumpten sich zu einem größeren Brocken: dem Mond, der durch Erdanziehung auf einer dauerhaften Umlaufbahn gehalten wird und einen besonderen Einfluss auf die Vegetation und unseren Organismus hat. Wenn das nicht ein Ausdruck höchster Kreativität und Schöpfung ist – Zusammenprall, Zerstörung, Regeneration, Organisation, Erneuerung – LEBEN.

Die Evolution bringt sich seit Milliarden Jahren in Aufbau-, Zerstörungs-, Regenerations- und Erneuerungsprozessen zum Ausdruck. Sie brauchte uns Menschen niemals dringend für ihre Entwicklung. Im Gegenteil. Sie brachte uns vor nicht ganz 300 000 Jahren hervor, schenkte uns menschliches Leben und bot uns entsprechende Rahmenbedingungen. Was für ein Geschenk. Seitdem schreiben wir Menschheitsgeschichte, die, so wie die Entstehungsgeschichte unserer Erde, nur schwierig zu rekonstruieren ist.

Viren als Evolutionsbeschleuniger

Während die Evolution heute einen sehr gewöhnlichen Entwicklungsschritt geht, in dem sie einen neuen Virus mutieren lässt (sämtliche Theorien darüber einmal beiseite gestellt), versuchen wir mit aller Macht den Verlauf zu bekämpfen, um möglichst geringen Schaden davonzutragen. Und werden mit unserer vielleicht ältesten Wunde konfrontiert, dass wir auf einer tiefen Ebene keine Kontrolle über das Leben haben. Und wieder einmal wählen dürfen zwischen Hingabe an unser Leben oder Widerstand. Nachdem die Menschheit bereits die unterschiedlichsten Krisen überwunden und sich immer weiterentwickelt hat, hält uns heute, in 2020, ein Virus auf Trab. Und ich stelle mir die Frage: Warum reagieren wir Menschen mit soviel Panik darauf? Wie kann etwas, das evolutionär gesehen viel viel älter ist als wir Menschen selbst, uns so sehr in die Knie zwingen? Warum separieren wir uns immer mehr voneinander, streiten und diskutieren um unsere Weltbilder? Warum lassen wir es nicht still in uns werden und uns von einer tieferen Intelligenz des Lebens tragen?

Vielleicht würde sich dadurch eine lebendige Kraft in uns freilegen, die – bewusst eingesetzt – konstruktiv an diesem Wandel mitwirken könnte. Wenn ich mir erlaube, diese aussergewöhnliche Zeit anzunehmen wie sie ist und mich auf diese Kraft unter meinen existenziellen Ängsten einlasse, dann fühle ich etwas, das ich als Demut bezeichnen würde. Ich spüre, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, nicht einmal mein Leben selbst. Mir wird bewusst, dass dieses Kapitel einmal in die Menschheitsgeschichte eingehen wird. Ein evolutionärer Prozess, der in hunderten von Jahren von uns nachfolgenden Menschen gelesen und reflektiert wird. Worauf können und wollen wir uns inmitten dieser weltweiten komplexen Ungewissheit unseren Fokus lenken, um sinnhaft an dieser Entwicklungsstufe mitzuwirken?

Vor 4,5 Milliarden Jahren entstand unsere Erde. Forschungen zufolge gibt es seit etwa 3,8 Milliarden Jahren eine RNSWelt, die Welt der Ribonukleinsäuren. Wie sie zustande kam, vermag heute niemand genau zu sagen. Bakterien und Viren sind dabei die mitunter ältesten Bewohner auf unserem Planeten. Sie treiben die Evolution voran. Viren sind infektiöse, eigenständige, nichtzellige und unbewegliche Partikel, die im Inneren eine Erbsubstanz enthalten. Ihre Außenhüllen zeigen Formen wunderschöner geometrischer Körper. Wir zählen sie nicht zu den Lebewesen, weil sie keinen eigenen Replikationsapparat und keinen eigenen Stoffwechsel haben. Sie sind auf den Stoffwechsel ihrer Wirtszellen angewiesen und können nur auf diese Weise überleben und sich vermehren. Nur darum dringen sie in Pflanzen, Tiere, Menschen und Bakterien ein. Ein Virus – wie alle anderen Lebewesen auch – verfolgt zunächst einmal kein anders Ziel als sich zu verbinden, um zu überleben und sich weiter zu entwickeln. Und hat bisher unsere Evolution vorangetrieben.

Hingabe an das Leben

Bekämpfen wir das Urprinzip unserer Evolution, verleugnen wir auch einen Teil unserer eigenen Existenz – unsere Natur. Tief in mir gibt es einen Ort, der sich genau dieser Tatsache annehmen möchte. Ich habe den Wunsch frei zu sein von einer Angst, die mich mehr lähmt als alles andere. Ich habe den Wunsch mich genau jetzt meinem Leben hinzugeben und mich diesem anzuvertrauen – auch wenn ich auf die vielleicht größte Macht in diesem Leben keinen Einfluss habe: die Naturgewalt „Leben“! Begleitet von einem Gefühl des Urvertrauens, dass das Lebens weiß, was es tut. Und mir wird bewusst, dass ich nur ein Gast auf dieser Erde bin und das Leben ein Geschenk an mich ist. Meine Reise begann vor etwa 40 Jahren als Protoplamsatropfen. 9 Monate lang wurde alles für mich geregelt, ich wurde körperlich und seelisch auf eine große Reise vorbereitet und musste mich um nichts kümmern. Eine wunderbare Frau lieh mir für diese Zeit ihren Körper, gebar mich und zog mich groß. Wir hatten Nahrung auf dem Tisch, Wasser zu trinken, ein Dach über dem Kopf. Das Leben ist mir nichts schuldig, im Gegenteil. Vermutlich schulde eher ich etwas dem Leben: Mich endlich – und gerade jetzt – voll und ganz hinzugeben und diesem Wunderwerk Leben zu dienen – solange ich lebe.

„Selbst nach all dieser Zeit sagt die Sonne nie zur Erde: ‚Du stehst in meiner Schuld.‘ Schau, was eine solche Liebe bewirkt – sie erleuchtet den ganzen Himmel.“ Hafis

Solange ich hier bin und bleibe, möchte ich richtig leben und alles geben, was mir möglich ist. Dieses wirklich verrückte Jahr wird gerade zu dem Allerbesten in meinem ganzen Leben. Ich fühle mehr denn je, dass jeder einzelne Augenblick im Leben unendlich kostbar ist. Einer meiner wichtigsten Lehrer (Dr. Dyer) sagte einmal: „Stirb nicht, ohne der Welt vorher deine Musik zu schenken.“ Und so bringe ich mich genau jetzt in diesem großen Orchester mehr denn je ein. Jetzt, wo so vieles zerbricht, das Chaos groß und unübersichtlich ist, die Spannungen massiv, die Ängste stark. Und ich tue das besonders für all die Menschen, die derzeit in noch viel größerer Not sind als ich es bin. Und ich möchte soviele von euch von Herzen einladen, mutig eure eigene Musik mit einzubringen – damit wir gemeinsam an der Herausforderung dieser Wandlungsphase wachsen können.

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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