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Vor gut acht Jahren hat sich die gelernte Psychotherapeutin Heidemarie Schwermer entschlossen ohne Geld zu leben. Was als ein auf ein Jahr befristetes Experiment gedacht war (das „Sterntalerexperiment“), ist zu einer Lebenseinstellung geworden.

Das Interview führte Cornelia Regler

Bis vor kurzem habe ich auf diese Frage geantwortet: Und ich habe noch keinen Euro angefasst. Leider musste ich mir da vor einer Woche auf meiner Reise untreu werden. Die Fahrkarten, die ich normalerweise von den Menschen geschickt bekomme, die mich zu Vorträgen oder Lesungen einladen, reichten diesmal nicht aus, weil ich Abstecher zu Freunden machen wollte. So tauschte ich einen Teil der Briefmarken, die ich für einen Vortrag erhalten hatte, gegen ein paar Euros ein, um mit dem Bus in die nächste Stadt fahren zu können.
Dazu möchte ich erklären, dass ich vor Jahren eine Fotoausstellung über die Einführung des Euros gesehen habe, die mich derart schockiert hatte – auf fast jedem Foto standen Männer mit Maschinengewehren, um das Rohmaterial des Euros zu bewachen – dass ich damals beschlossen habe, nun auch nicht mal mehr das Geld anzufassen. Ich werde das in Zukunft weiter so machen.

Ich habe jahrelang darüber nachgedacht, welches mein Beitrag sein könnte für eine bessere Welt. Vor fast elf Jahren gründete ich einen der ersten Tauschringe in Deutschland, die „Gib und Nimm Zentrale“ in Dortmund. Zwei Jahre tauschte und teilte ich mit den anderen und merkte, dass ich dadurch immer weniger Geld zum Leben brauchte. Daraus erwuchs meine Idee, etwas auszuprobieren. Ich wollte ein Jahr lang ganz aufs Geld verzichten. In diesem Jahr entdeckte ich eine neue Lebensform, die ich nun beibehalten habe.

Fast alle meine Ängste, die natürlich immer wieder mal auftauchten, habe ich inzwischen aufgelöst. Aus meiner Arbeit als Psychotherapeutin weiß ich, dass ich Störungen, z.B. Ängste, Zorn, Zweifel, die sich in mir befinden, durch Aufdecken, Anschauen und Ernstnehmen bearbeiten und abbauen kann. Das ist ein wichtiger Punkt, der zu meiner Lebensphilosophie gehört. Meine größte Angst war die vor Krankheiten, obwohl ich schon jahrelang vor meinem Experiment keinen Arzt mehr aufgesucht hatte. Ich beschäftige mich viel mit unseren natürlichen Heilkräften und konnte sogar schon Zahnschmerzen beseitigen. Schaute ich mich anfangs noch nach eventuell tauschbereiten Ärzten um, von denen es einige gibt, habe ich nun auch diese Möglichkeit losgelassen. Ich bin davon überzeugt, dass wir Krankheiten überwinden können, und daran arbeite ich sehr. Jede Krankheit hat eine Bedeutung und will mir etwas aufzeigen. Im letzten Jahr bin ich einmal sehr stark gestürzt und hätte mir beinahe etwas gebrochen. Ich grübelte darüber nach, warum mir das passiert war, und stellte fest, dass ich kurz vor dem Sturz einen abwertenden Gedanken über eine Person gehabt hatte. „Hochmut kommt vor dem Fall“ hörte ich in mir und wusste Bescheid. In Gedanken entschuldigte ich mich und passe seitdem noch mehr auf, dass meine Gedanken nichts anrichten können.

Zu Beginn meines Experimentes gab es ein großes Netzwerk in Dortmund, von dem ich Gebrauch machte. Z.B. meldeten sich Menschen bei mir, die auf Reisen gehen wollten. Ich hütete ihre Wohnungen und Häuser, goss Blumen, fütterte Katzen und hatte dafür genug zu essen. Um an Kleidung und andere wichtige Dinge zu kommen, organisierte ich den monatlichen „Tauschrausch“, der allen viel Freude bereitete, denn hier wurden Dinge miteinander getauscht, die für die einen überflüssig waren, den anderen jedoch gerade recht kamen.

           
Ich empfinde meine jetzige Abhängigkeit geringer als die vorherige, bei der ich mich für den Verdienst von Geld doch oft zu etwas zwingen musste. Jetzt ist es so, dass ich alle Tätigkeiten aufgebe, die nicht ganz zu mir passen. Ich fühle mich dadurch freier, weil ich täglich neu entscheiden kann.

Viele Menschen fragen mich um Rat, weil sie gern etwas von meinem Konzept für ihr eigenes Leben übernehmen möchten. Es gibt aber auch diejenigen, die überhaupt nicht verstehen können, warum ich so extrem lebe. Für einige bin ich eine Provokateurin.

Weil ich ständig überprüfe, ob mein Lebensentwurf noch stimmt und sofort etwas ändere, wenn das nicht so ist, wachse ich immer mehr in ein Gefühl der Freiheit hinein, das mich glücklich macht. Auch das ist Teil meiner neuen Lebensphilosophie, die ich gern weitergebe: Wir sind keineswegs ausgeliefert, müssen uns nicht nach „denen da oben“ richten, uns anpassen, funktionieren, sondern wir dürfen unser Leben selber gestalten, neue Wege einschlagen, ausprobieren, abbrechen, wenn es sein muss.

Vor etwa fünf Jahren war ich an einem Punkt, an dem ich keinen Sinn mehr in meinem Tun sah. Niemand brauchte etwas von mir, weder meine geistigen noch andere Tätigkeiten waren gefragt. Mein altes Netzwerk hatte sich aufgelöst, weil ich für ein Jahr Dortmund verlassen hatte und nun nicht in den Tauschring zurückging. Ich wollte mehr Weite schaffen, fand jedoch keine MitmacherInnen. Das einzige, was von allen erwünscht wurde, war putzen. Ich erputzte mir fast ein ganzes Jahr meinen Lebensunterhalt. Das frustrierte mich sehr, und ich spielte mit dem Gedanken, in mein altes Leben als Therapeutin zurückzukehren. Beinahe war es schon soweit, als sich ein junger Journalist zu einem Interview bei mir einfand. Er war so begeistert von meinem Lebensstil, dass er mir dringend riet, doch weiterzumachen. Ich hätte schon so vielen Menschen Mut gemacht, mein Vorbild sei so wichtig. Das Radiointerview wurde von allen großen Sendern ausgestrahlt, und daraus ergab sich sehr viel Neues in meinem Leben. Z.B. wurde ich gebeten, ein Buch über meine Erlebnisse zu schreiben. „Das Sterntalerexperiment“ ist inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und in Deutschland gerade als Taschenbuch erschienen. Die Tantiemen verschenke ich komplett an Bedürftige oder spende sie an Vereine. Dieses Geld existiert nicht für meine eigenen Bedürfnisse. Auch die Rente, die mir in ein paar Jahren zusteht, möchte ich nicht haben. Mir geht es um neue Strukturen, die sich auch auf andere übertragen lassen können.

Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen den Mut finden, ihr eigenes Lebensmodell zu entwickeln, dadurch in ihre Kraft kommen und diese dem Ganzen zur Verfügung stellen. So könnte eine neue Welt mit eigenverantwortlichen, glücklichen und sich gegenseitig unterstützenden Menschen entstehen.

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Eine Antwort

  1. Lyna Widmer

    Liebe Heidemarie,

    Dein Buch finde ich toll, du sprichst mir so aus dem Herzen. Schon seit ein paar Jahren, habe ich das Gefühl, dass deine Art zu leben die einzige ist, die uns allen helfen könnte. Wenn jeder auf sein Herz hören würde und auch tun würde, was ihm Spass macht, dann hätten wir keine Kriege mehr, jeder hätte genug zu Essen und einen Schlafplatz. Unsere Mutter Erde würde wieder gesund werden und die Banken könnte man abschaffen… Nun ist es leider noch nicht ganz soweit.
    Ich habe vier Kinder (Kinder der Neuen Zeit!!) mit neuen Ideen und anderen Charakteren als einfach durchschittliche Kinder. Das Geld ist für uns ein grosses Thema. Ich bin seit vielen Jahren ebenfalls Therapeutin, habe aber nicht immer alle Abschlüsse gemacht, weil ich oft die Schule besucht habe, da es für meine Entwicklung wichtig war, wollte aber dann nicht noch Monate darauf verwenden all das Zeut auswendig zu lernen, nur dass ich dann einen schriftlichen Ausweis hatte. Es war mir ja klar, mehr wollte ich gar nicht. Nun ist es halt so, dass ich nicht als Naturärztin abrechnen kann, weil ich somit nicht von den Krankenkassen übernommen werde und so die Menschen erstens das Gefühl oft nicht loswerden, ich könnte es weniger gut und andererseits auch oft meinen, ja wenn du das ja kannst , weshalb solltest du dafür Geld nehmen!? Was soll ich also tun? Ich habe das Gefühl, dass ich den Menschen gut und viel helfen könnte, doch sie wollen diese Hilfe nicht, da ich ihnen eben eine neue Art zu denken und handeln zeigen will, und sie dazu noch nicht bereit sind. Ich meinerseits bin auch nicht mehr bereit, irgendeine Arbeit zu machen, nur um Geld zu verdienen, die mir total nicht zusagt.
    Die Kinder unterrichte ich seit 1 1/2 Jahren zuhause, da die Schule ihnen auch nicht das gebracht hat, was sie sich vorgestellt hatten und es immer mehr Diskrepanzen gab, zwischen unserer Weltanschauung zuihause und der Art wie der Verstand der Kinder bewegt wird wie eine Maschine, damit sie nicht selbverantwortlich denken und handeln können. Es geht heute nicht mehr um das Vermitteln von Wissen, was für die neuen Kinder wichtig wäre, sondern um das Leben selbst, um das Entwickeln von neuen Ideen und Konzepten. Nur das Problem hier in der Schweiz und wahrscheinlich vielerorts in Europa ist, dass unsere Kontrollsysteme alle übers Geld laufen, was du ja bereits zur Genüge erlebt hast.
    Also unser Problem konkret ist: Ich habe die Wohnung per Ende Februar 10 gekündigt, ich habe bis heute keine neue Bleibe in Sicht. Die Kinder habe ich ins Ausland abgemeldet, damit mir das Schulamt nicht auch noch im Nacken liegt. Und Geld haben wir fast keines mehr. Mein Partner hat eine Teilinvalidenrente und arbeitet nur noch 50 %. Er hat eine Arbeitsstelle die ihm gut gefällt und er möchte hier bleiben. Für uns ist es egal, wir möchten einfach etwas neues ausprobieren und aus diesem Zwang aussteigen!
    Nun unsere Frage: Gibt es auch für Familien mit Kindern, eine Möglichkeit so zu leben wie du es machst. Gibt es auch Hausbesitzer die einen Teil ihres Hauses so teilen würden, gegen entsprechende Leistungen? Gibt es ein ähnliches System auch in der Schweiz oder Österreich?

    Vielen herzlichen Dank für eine Antwort von dir.

    Mit lichtvollen Grüsse

    Jacqueline Widmer

    Antworten

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