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Interview mit Mariatu Rhode, Vorsitzender des Deutsch Afrikanischen Frauenverbandes Netzwerkprojekts Berlin. Sie setzt sich schon seit Jahren mutig gegen FGM ein mit Hilfe von tollkühnen Aufklärungskampagnen auf Hochzeiten, einer Vielzahl von künstlerischen Veranstaltungen, wie z.B. den Vagina-Monologen und vor allem mit vielen Gesprächen mit den Betroffenen und Interessierten.

Das Interview führte Dominique Marr

Dominique: Frau Rhode, wenn man beginnt sich mit FGM zu beschäftigen wird man sehr bestürzt und bekommt das dringende Gefühl, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Sie haben aber nicht nur das Gefühl bekommen, sondern eine Organisation gegründet, die schon seit einigen Jahren besteht. Was hat sie dazu bewegt?
Mariatu Rhode: Das war eine Geschichte in meinem Bekanntenkreis, die ich vor zwei Jahren erfuhr, als ich einen Landsmann getroffen habe. Seine Frau, die ich kannte, verschwand plötzlich, man sagte sie wäre im Urlaub. Dann kam heraus, dass sie weggeschickt wurde, um in Sierra Leone beschnitten zu werden. Es ist kurios, sie ist Kreolin (Gruppe in Sierra Leone, die sich nicht beschneiden lässt, Anm.d.Red.), er nicht.

Er meinte, ich kann sie nur akzeptieren, wenn sie beschnitten ist und sie ist nach Hause gegangen und hat sich beschneiden lassen – mit über 20 Jahren. Das hat mich entsetzt – ich dachte, wenn alles, aber das nicht!

Und so habe ich langsam versucht mit einigen Frauen darüber zu sprechen. Es gab welche, die meinten, „Ach, das geht mich nichts an. So what? Not my problem!“ Ich habe gesagt. Nun, ich habe ein Problem damit! So hat das angefangen.

D: Sie haben sich darauf spezialisiert vor allem den Frauen hier zu helfen. Wie ist die Situation in Deutschland?

MR: Sehr viele junge Frauen suchen in Europa Schutz, da sie sich in ihren Ländern bedroht fühlen. Mehrere europäische Länder haben sich dazu entschlossen, diese Gründe als frauengeschlechtsspezifisch anzuerkennen und Asyl zu gewähren, darunter Österreich, Finnland, Schweden, England, Dänemark und Frankreich (übrigens auch Amerika, Kanada und Australien). Außer Deutschland.

Es gab vor ein paar Monaten eine Erweiterung des Gesetzes, das Frauen 3 Jahre hier bleiben können und auch eine Arbeitserlaubnis bekommen, bis geklärt ist, ob Asyl zu gewähren ist aufgrund frauenspezifischer Verfolgung.

Unsere Organisation tritt für eine weitere Erleichterung dieser Gesetze ein. In Deutschland wird FGM nach Paragraph 224, 225, 227 als Körperverletzung bzw. schwere Körperverletzung angesehen. Der deutsche Staat sagt: Was wollt ihr? Diese Staaten nehmen diese Frauen durch diese Traditionen in ihre Gesellschaft auf. Und sie verlangen von uns jetzt, dass wir diese Frauen aus ihrer Gesellschaft ausstoßen, indem wir diese Tradition verbieten sollen? Das ist sehr kontrovers.

Die Richter sagen: Es sind doch die Eltern, die ihre Kinder verstümmeln lassen. Diese Form der Gewalt kommt ja nicht vom Staat. Ist es nun Staatliche Gewalt oder häusliche Gewalt oder eine Menschenrechtsverletzung?

Was hat ein Kind von 4 Jahren, dem Alter, in dem die meisten beschnitten werden, gegen seine Eltern oder den Staat zu melden? Gar nichts. Es werden ihm die elementaren Menschenrechte genommen und auch das Recht des Kindes auf Unversehrtheit. Es ist unser Plädoyer, das dies auch in die Menschenrechte aufgenommen wird.

D: Was genau macht ihre Organisation?

MR: Wir versuchen vor allem Immigranten hier zu integrieren und naturlich aufzuklären; durch Broschüren, Vorträge, künstlerische Produktionen, wie z.B. den „Vagina – Monologen“, die hier in Berlin ja sehr erfolgreich liefen. Bei dieser Veranstaltung tragen verschiedene Schauspielerinnen Monologe zum Thema Vagina vor.Die Ausstellung läuft seit 1997, viele bekannte Künstlerinnen wie Glen Close, hier in Deutschland Katja Riemann haben daran teilgenommen.

Außerdem veranstalten wir Workshops und Seminare. Wir arbeiten auch viel mit den Medien zusammen. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, das wir das Thema nicht skandalisieren wollen, sondern nur diese Möglichkeit nutzen, um das enorme Informationsdefizit abzubauen, das in Deutschland herrscht.

D: An wen wenden Sie sich damit?

MR: Unsere Zielgruppe sind v.a. die Afrikaner und die afrikanischen Communities hier in Deutschland, bei denen FGM immer noch ein sehr großes Tabu ist. Wir wollen den Dialog mit ihnen fördern, da wir denken das sie von den großen Frauenorganisationen nicht erreicht werden. Dabei sehen wir uns aber als deren Partner und Vermittler.

Weiterhin wollen wir Politiker erreichen, Sozialpädagogen, Juristinnen, Hebammen, Entwicklungshelfer. Das Problem soll ernster genommen werden. Wir versuchen die Afrikanerinnen mehr in dieses Land zu integrieren, denn nur so können wir ihnen helfen, sich selbst zu helfen.

Eine wichtige Zielgruppe sind Mediziner. Ich bin selbst auch Ärztin und weiß wie schwierig es für Mediziner ist, mit dieser Situation konfrontiert zu sein. Wir haben viele ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter auch Sabine Müller, eine Gynäkologin, die sich auf Reinfibulation spezialisiert hat.

D: Es ist sicherlich nicht einfach, ein solches Tabu zu durchbrechen. Mit welchen Methoden erreichen sie die Menschen?
MR: Mit Reden, Initiative und auch viel Mut. Ich stelle mich beispielsweise auch an Hochzeiten vor 400 Menschen und spreche dieses Thema an. An einem Abend erreiche ich damit ca. 200 Afrikaner mit meinen Broschüren, von denen erfahrungsgemäß mindestens 1/3 in den nächsten Wochen melden. Nur so kann man die Leute erreichen.

Wir führen viele Beratungsgespräche und kümmern uns auch um viele andere Probleme der Menschen, die zu uns kommen, z.B. rechtliche Probleme, Kinderunterbringung…

Ganz wichtig ist Humor, v.a. bei der Aufklärung von Männern, die vor den Communities ihr Gesicht nicht verlieren dürfen. Ich sage z.B: Wie kannst du so etwas verlangen, das ist doch mittelalterlich! Wach auf! War dein Dasein in Deutschland all die Zeit umsonst oder wo auch immer du vorher gewesen bist? Dann kommt ein Riesengelächter und auf diese Art und Weise besinnt er sich auch…

D: Gibt es schon Erfolge?

MR: Ja, wir haben Erfolge. Erfolg heißt für uns, das mehr Leute zu unseren Veranstaltungen kommen, d.h. das Interesse der Leute wächst.

Wir planen am 8. März im Rahmen des internationalen Frauentags ein FGM Forum, wo wir einen Film zeigen den ich vor Jahren mit einer Frau von der Elfenbeinküste gemacht habe. Damals durfte ich die Frau nicht vor der Kamera zeigen. Heute steht sie vor Publikum und sagt: Ja, ich bin auch beschnitten worden und ich rede jetzt darüber.

Jede Frau, die sich dazu bekennt und sagt „Ich mache da mit.“ ist für uns schon ein Erfolg.

Vielen Dank für das Interview!

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