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Im Zegg findet ab März 2016 eine Ausbildungsgruppe zur Liebeskunst statt. Dolores Richter erklärt, warum so eine Ausbildung heutuztage nötig ist und was sich hinter dem sozialen Kunstwerk der Liebe verbirgt.

Liebeskunst – wie geht das?

Was ist eigentlich los zwischen Frauen und Männern?
Warum gibt es so viele Workshops, Bücher, Tagungen zum Thema Beziehungen, Liebe, Sexualität?

Wenn ich mir diese Frage stelle, wird mir bewusst, wie neu und fast einzigartig es ist, dass wir uns diese Fragen überhaupt stellen können. Über lange Zeit in der Geschichte war es keine Frage, wie Beziehung funktioniert. Es war vorgegeben, wer welche Rolle, wer das Sagen hat, und wie die Sexualität geregelt ist. Und in wie vielen Ländern ist das bis heute so! In Nordeuropa ist es gerade mal 50 Jahre her, seit diese festen Vorstellungen ins Wanken geraten sind. Was ist seitdem alles in Bewegung gekommen! – Kein Wunder, dass da viele Fragen auftauchen, die uns allen unter die Haut gehen:

  • Wie wollen wir Liebe leben?
  • Welches Liebesbild passt zu mir?
  • Wie können wir einander wirklich verstehen?
  • Wie werde ich selbst reif und verschenkend als Liebende?
  • Wie können wir erfüllte und nährende Partnerschaften erfahren?
  • Welches Wissen gibt es über Beziehungen, Kommunikation, Eros, Sexualität, Gefühle und Bedürfnisse?
  • Wie steigen wir aus aus Emotionalität, Drama, Rückzug, Belehrung, Schweigen, Unehrlichkeit?
  • Und wie kommunizieren wir respektvoll und gleichwertig über unsere Wünsche und Sehnsüchte?
  • Wie lassen wir uns ein und erfahren wirkliche Intimität?
  • Und gewinnen wir die innere Haltung, in der wir uns verantwortlich und gleichzeitig frei und selbständig fühlen können?

Liebeskunst bedeutet auch, dass unsere Wünsche gleichwichtig sind

Was passiert zum Beispiel, wenn ein Partner einen Wunsch an uns richtet, der nicht mit unserem eigenen übereinstimmt? Es entsteht Enge, wir fühlen uns unter Druck, etwas zu erfüllen. Weil wir noch hierarchisch geprägt sind, erscheint uns ein Wunsch wichtiger als der andere. Wir reagieren, als müssten wir uns durchsetzen oder klein beigeben. Oder wir sagen nein, bevor wir erfasst haben, worum es geht. – Wie viele Missverständnisse und Streitigkeiten gibt es in Beziehungen dadurch, dass wir unsere Wünsche nicht gleichwertig nebeneinander zu stellen gelernt haben.

In einer partnerschaftlichen Haltung würden wir den Wunsch des Gegenübers als eine Selbstmitteilung hören. Wir würden mitteilen, wie es uns beim Hören geht, und was unsere eigenen Wünsche gerade sind. Und würden gemeinsam schauen, wie sich aus dem Hören beider Bedürfnisse eine Lösung ergibt, die die einzelnen Perspektiven würdigt und einschließt.

Noch treiben aber die Schatten unserer früheren hierarchischen Denkgewohnheiten an unserem Küchentisch und in unseren Betten fast unbemerkt ihr Unwesen, auch wenn sie manchmal in emanzipatorischem Gewand verhüllt sind. Wir hören nur, was der andere in Worten ausdrückt und reagieren darauf je nach Verfassung recht oder schlecht. Meist wird untergründig eine kunterbunte Mischung aus Idealen, Ansprüchen, Ängsten, Hoffnungen oder Reaktionen aus vergangenen Erfahrungen kommuniziert. Selten das, was jetzt in diesem Augenblick wirklich relevant ist. Kein Wunder, dass der Beziehungsalltag oft so voller Sprengstoff ist!

Das soziale Kunstwerk der Liebe

Es gibt wunderbare Kommunikationsformen, mit denen wir neue Haltungen und wirklichen Kontakt erfahren können. Damit dies aber nachhaltig wird, ist es entscheidend, ob wir auch unseren “Kontext” erweitern. Das bedeutet, ein Gefäß zu schaffen, in dem wir auf so vielen Ebenen wie möglich eine neue Erfahrung machen können und diese gleichzeitig geistig, körperlich, sozial und spirituell verankern. Dieses Gefäß nenne ich das soziale Kunstwerk der Liebe.

Dieses Kunstwerk hilft uns, die verschiedenen Schichten der Liebeskommunikation wahrzunehmen: unsere biografische, kulturelle, geschichtliche und ganz aktuelle Situation. Das ist eine gigantische Befreiung, weil wir endlich unterscheiden können, welche Frage an welcher Stelle gestellt und gelöst werden kann.

Wenn dies gelingt, lösen sich 70% der Konflikte unter Liebenden.

Denn der größte Teil der sogenannten Konflikte geschehen aufgrund von Verwechslungen von biografischer, systemischer und kultureller Wirkungsebene. Wenn wir diese adäquat adressieren, können sich unseren Partnerschaften von ihrem Erfüllungsstress lösen. Raum schaffen, dass die vielleicht größte Sehnsucht des Menschen sich ereignen kann: die Zusammengehörigkeit von Weite und Nähe, Verantwortung und Leichtigkeit, Freiheit und Intimität in unseren Beziehungen.

Wir schaffen dieses Gefäß im bewussten Aufbau von Gemeinschaft oder in ortsunabhängigen Gruppen, die sich dafür verabreden, wie zum Beispiel unsere Jahresausbildung Liebeskunstwerk. In einer verbindlichen Gruppe, die sich über ein Jahr mehrmals trifft, werden die verschiedenen Schichten der Liebeskommunikation gesichtet und Wissen über die oben gestellten Fragen vermittelt und ausgetauscht. Jährlich gibt es ein Treffen aus den sich vernetzenden Teilnehmer der verschiedenen Jahrgänge.

Ein Beispiel aus unserem Training: Wir lernen, in unserem Gegenüber essenziell wahrzunehmen, was jetzt in diesem Moment präsent ist. Wir können durch die Schichten einer Person hindurch den Teil sehen, der mit der Essenz verbunden ist. Wir lernen, diesen Teil zu adressieren, und gleichzeitig zu sehen, welche Muster und Schatten dieser Mensch in seiner Biografie erworben hat. Genauso ahnen wir, wie dieser Mensch in und durch unsere Zeit und unsere Geschichte geworden ist. Wenn diese Schichten wahrgenommen werden können, müssen wir die Person nicht mehr mit ihren Mustern identifizieren. Und damit erleichtern wir uns und ihr, die Verbindung mit ihrer Essenz auch im Alltag zu halten.

Je mehr wir das lernen, werden wir großzügiger. Mit unseren Partnern, aber auch mit uns selbst. Wir beziehen seine/ihre Reaktionen nicht mehr so sehr auf uns. Das ist nicht so leicht, wie es klingt, hat aber dennoch eine tiefgreifende Wirkung, wenn wir diese Wahrnehmungshaltung in unser Leben integrieren.

Wenn Liebe frei wird

Für dieses Schauen braucht man einen großen Raum, innerlich. Und der ist in einer Gruppe deutlich leichter zu erzeugen, da die Anzahl und Verschiedenheit der Menschen und ihre Absicht den Raum weitet. Für Liebesbeziehungen öffnet sich darin eine heilende Perspektive: wir sehen unsere Liebsten über das hinaus, wer sie für uns sind.

Klingt selbstverständlich? Wenn dies wirklich zur Realität wird, beginnt eine neue Qualität des Liebens. In ihr ist eine Spannung, weil das Anderssein des anderen IMMER eine Spannung beinhält. Er ist nicht so wie ich. Und er ist oft auch anders, als ich ihn gerne hätte. Damit wird die Liebe sehend: sie liebt den anderen als der, der er ist.

In der Spannung gebiert sich eine tiefere Liebe, die die Unterschiedlichkeit würdigt und bereit ist, sich auf den Anderen zuzubewegen. Diese Bewegung weitet unser Herz.
Die Liebe wird frei. Frei von Versteckspielen, Drama, Forderung und Enge.
Das neue Spiel ist viel schöner!

Ich habe diese Veränderung selbst erfahren und oft bezeugen dürfen. Und bin der ZEGG-Gemeinschaft dankbar, dass sie mir den Raum dafür gegeben hat. Ich habe meine Berufung darin gefunden, diesen Raum für andere zur Verfügung zu stellen.

Die soziale Kunst für die Liebe verwebt Elemente, die uns zum tieferen Lieben verführen: Präzise Kommunikation. Tiefes Zuhören. Bewusstes Fühlen. Heimat bei sich selbst. Heimat unter Frauen und Männern. Wissen über geschichtliche und politische Zusammenhänge. Forum. Körperarbeit. Feiern und Reflektion. Wissen über Menschsein. Über die Aspekte der Liebe – der persönliche, universelle, erotische und sexuelle. Wie sie sich gegenseitig befruchten. Feedback, insbesondere von Menschen die in dieser Schulung sind. Gemeinschaft als Vertrauensbildung unter Menschen. Lernen, sich in der Liebe zu unterstützen. Aufhören, es irgendwie hinzukriegen. Niemand weiß es, allein. Liebe braucht mehr als zwei Menschen, damit sie gelingt. Gemeinschaft ist (auch) dafür da, dass Eltern und Liebende, in einem größeren sozialen System eingebettet werden können.

„Es braucht ein ganzes Dorf für glückliche Beziehungen.“

 


 

 

Ausbildungsgruppe „Liebeskunstwerk“
Beginn: 31. März 2016

mit Dolores Richter und Kolja Güldenberg

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