Joe Schraube über die Entdeckung der Substanz LSD, die das Potenzial hat, menschliches Bewusstsein positiv und nachhaltig zu verändern sowie tiefe Traumata zu heilen.

Am 19. April 2018 jährt sich eine Entdeckung des Schweizer Chemikers Dr. Albert Hofmann zum 75. Mal: LSD. Er nannte sie sein „Sorgenkind“. Die Schweiz ist schließlich bekannt für Schokolade, den Schweizer Käse und das Bankgeheimnis – alles Dinge, die für eine gewisse Bodenständigkeit stehen. Lysergsäurediäthylamid oder kurz LSD tanzt da etwas aus dieser Reihe.

1938 hatte Albert Hofmann die Substanz für Sandoz hergestellt, ohne zuerst etwas damit anfangen zu können. „Einer seltsamen Ahnung folgend“ synthetisierte er LSD 1943 erneut und unternahm am 19. April einen ersten Selbstversuch. Ein medizinischer Selbstversuch (die Erprobung eines neuen medizinischen Verfahrens durch seinen Schöpfer an sich selbst) war lange Zeit ein übliches Vorgehen in Chemie und Medizin. Im 18. Jahrhundert forderte Anton Störck, Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, eine strenge Abfolge von chemischer Bestimmung, Tierversuch und medizinischem Selbstversuch, bevor es zum Experiment am Patienten kommen durfte.

Albert Hofmann wählte die kleinste nach seinem Wissen wirksame Dosis einer Substanz und erwartete von den 0,25 mg LSD keine deutliche Wirkung (wie sich später herausstellte, hatte er eine sehr starke Dosis genommen, die allerdings keine gesundheitlichen Probleme verursachte, da LSD auch in hohen Dosen nicht toxisch wirkt). Was er dann erlebte, ist schwer mit Worten zu beschreiben. Auf http://bicycleday.de findet sich ein kleiner Videoclip, der Hofmanns Erlebnisse in bewegten Bildern beschreibt. Seine legendäre Fahrradfahrt unter dem Einfluss von LSD* ging in die Geschichte ein und wird seit den 1960er Jahren von der Psychedelika-Szene als „Bicycle Day“ gefeiert.

Eine legendäre Fahrradfahrt

Hier ein Auszug aus dem Protokoll seines LSD-Selbstversuchs: „Mit Velo nach Hause. Von 18 bis zirka 20 Uhr schwerste Krise, die letzten Worte konnte ich nur mit großer Mühe niederschreiben. […] Die Veränderungen und Empfindungen waren von der gleichen Art [wie gestern], nur viel tiefgreifender. Ich konnte nur noch mit größter Anstrengung verständlich sprechen und bat meine Laborantin, die über den Selbstversuch informiert war, mich nach Hause zu begleiten. Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad […] nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen. Indessen sagte mir später meine Assistentin, wir seien sehr schnell gefahren. Zu Hause angelangt wurden Schwindel und Ohnmachtsgefühl zeitweise so stark, dass ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und mich auf ein Sofa hinlegen musste. Meine Umgebung hatte sich nun in beängstigender Weise verwandelt. […] Die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt. Die Nachbarsfrau […] war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze. etc. etc.“

Am nächsten Tag dann: präzise Erinnerung und kein Kater. Wie sich später zeigte, führt LSD auch zu keiner körperlichen Abhängigkeit. Mehr noch: Man erkannte mit der Zeit und vielen weiteren „Bewusstseinsexpeditionen“, dass Albert Hofmann eine Wunderdroge gefunden hatte, die einen Weg zu tieferen Persönlichkeitsschichten und unbekannten Wirklichkeitsdimensionen eröffnete.

Kaum da, schon illegal – 40 Jahre Underground

In den sechziger Jahren verlässt LSD die Labore und wird zum Treibstoff der in den USA beginnenden Jugend- und Hippiebewegung, die schließlich die Welt nachhaltig verändert – ein Massenphänomen, das eine regelrechte Hysterie um das später als „Teufelsdroge“ bezeichnete LSD auslöst. Seit seiner schicksalshaften Entdeckung haben einige Millionen Menschen die bizarren Wirklichkeitsveränderungen, die emotionalen, ästhetischen, erotischen und spirituellen Aspekte dieser Erfahrung erlebt. Sie wurden kreativ und erdachten alternative Lebensentwürfe, neue Formen von Kommunikation, Musik und Kunst. Eine bewegte engagierte Jugend hat sich für die Liebe und gegen den Krieg entschieden.

Die Entwicklung der Computertechnologie wurde genauso durch die kreativitätsfördernde Wirkung der psychedelischen Substanz beeinflusst, wie sie zu wegweisenden wissenschaftlichen Erkenntnissen und einem ganzheitlichen Verhältnis dieser Menschen zu ihrer Umwelt führte. Auch obskure Experimente der Geheimdienste und Militärs gab es, bei denen LSD sich weder als kriegstauglich im Sinne einer Manipulation gegnerischer Soldaten gezeigt hat, noch konnte man damit Informationen von Probanden gegen ihren Willen bekommen. Nachdem LSD 1966 im Zuge des Kriegs gegen die Drogen in den USA verbannt und verboten wurde (1971 auch in Deutschland), bahnte sich die Substanz den Weg in den Untergrund. 1973 durfte LSD letztmalig zur therapeutischen Behandlung verwendet werden. Klinische Studien, die LSD erforschen wollten, kamen danach weitgehend zum Erliegen.

Eine psychedelische Renaissance

Zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann im Jahr 2006 erschienen 2000 Gäste zum LSD-Symposium in Basel und dankten Hofmann für seine Entdeckung. Sein Leben lang blieb Albert Hofmann dem Molekül verbunden, das den Boden für innovative Therapieformen und eine neue Wertschätzung mystischer Zustände bereitete und ihn in Kontakt brachte mit Geistesgrößen wie Aldous Huxley, Ernst Jünger oder Alex Grey sowie mit unzähligen Wissenschaftlern, Künstlern und Vertretern der Gegenkultur. Heute, elf Jahre nach dem Kongress in Basel, können wir diesen als einen Wendepunkt in der LSD-Geschichte sehen. Es war das erste große Coming Out einer Szene, die sich bis dahin im Untergrund entwickelt hatte.

Obwohl die behördlichen und juristischen Maßnahmen gegen den privaten und professionellen Gebrauch von Psychedelika hart und irrational waren, haben viele Menschen weder das Vertrauen in ihr therapeutisches und spirituelles Potenzial verloren noch die Hoffnung, dass wissenschaftliche Befunde letztendlich über die Massenhysterie obsiegen würden. Dank der außerordentlichen Entschlossenheit und Beharrlichkeit von Rick Doblin und der Multidisciplinary Association for Psychedelic Research (MAPS), war es Hofmann gegen Ende seines Lebens vergönnt, den Beginn einer beachtenswerten globalen Renaissance wissenschaftlichen Interesses an psychedelischen Substanzen zu erleben, wie zum Beispiel die Wiederaufnahme der Erforschung LSD-unterstützter Psychotherapie.

Hofmann selbst hat sich immer wieder dafür eingesetzt, dass sein Sorgenkind den ihm zustehenden Platz in der Gesellschaft einnimmt. „Nicht ich, das LSD wurde gewählt“, meinte Albert Hofmann lapidar, als er 2007 im Alter von 101 Jahren von einer Jury der renommierten britischen Tageszeitung Guardian zum größten lebenden Genie gewählt wurde. Auch wenn Albert Hofmann wegen der Umstrittenheit des LSD nie den Nobelpreis erhalten hat, ist er der bekannteste Chemiker des 20. Jahrhunderts und der einzige mit dem Status eines Popstars, wie die Blitzlichtgewitter bei seinen frenetisch bejubelten Auftritten beim LSDSymposium anlässlich seines 100. Geburtstags in Basel eindrücklich gezeigt haben.

Immer glaubten er und eine große Zahl von Menschen an sein „Sorgenkind“, dem sie das Potenzial einer Wunderdroge attestierten. Am 19. bis 24. April 2017 fand in Oakland in Kalifornien die weltgrößte psychedelische Konferenz mit über 2600 Teilnehmern statt. Die wiederkehrende klinische Forschung zu LSD und Psylocibin (dem Wirkstoff in psychoaktiven Pilzen) ist ein deutliches Zeichen einer Trendwende, ebenso die Zunahme an neu erschienenen Artikeln und Büchern zum Thema (siehe Infoteil).

Der 75. Geburtstag des LSD

Am 19. April 2018 jährt sich – zehn Jahre nach dem Tod von Albert Hofmann – die LSD- Entdeckung zum 75. Mal. Aus diesem Anlass findet in Basel ein eintägiges Symposium statt, das sich vornehmlich der wissenschaftlichen LSD-Forschung widmet. Die beiden noch lebenden Kinder und ein Enkel von Albert Hofmann, Beatrix Nabholz, Andreas Hofmann und der Chemiker Simon Duttwyler, werden bei einem Podiumsgespräch persönliche Erlebnisse und Geschichten aus dem Leben ihres Vaters bzw. Großvaters teilen. Viele bekannte Wissentschaftler und Autoren stehen auf der Liste der Geburtstagsgäste, die sich in Basel versammeln: Stanislav Grof, Rick Doblin, Amanda Feilding, Peter Gasser, Claudia Müller-Ebeling und Franz Vollenweider … um nur einige von ihnen zu nennen. Innerhalb weniger Tage war der Kongress in Basel ausverkauft.

In Berlin wird die Entheo-Science in Kooperation mit der MIND Foundation einen interaktiven Kongressraum anbieten, der mit Basel via Videoliveschaltung verbunden ist. Einer wird leider fehlen, den ich und viele andere gerne in Basel gesehen hätten: der Firmengründer des Elektronikkonzerns Apple, Steve Jobs. So bleibt zu diesem denkwürdigen Ereignis nur sein Zitat: „LSD zu nehmen, war eine tiefgreifende Erfahrung, die zum Wichtigsten in meinem Leben gehört. LSD zeigt dir, dass es da noch eine andere Seite der Medaille gibt … Es verstärkte meinen Sinn für das, was wichtig ist.“

Neuere Literatur:
*Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind: Die Entdeckung einer „Wunderdroge“, Klett-Cotta 2017 Wayne Glausser: LSD – Kulturgeschichte von A bis Z, Nachtschatten Verlag 2018
Ralph Metzner, Ram Dass & Gary Bravo: Geburt einer Psychedelischen Kultur – Gespräche über Leary, die Harvard-Experimente, Millbrook und die 60er Jahre, Nachtschatten Verlag 2018
Stanislav Grof: Psychonautik – Praxis der Bewusstseinsforschung, Nachtschatten Verlag 2018
Paul-Philipp Hanske, Benedikt Sarreiter: Neues von der anderen Seite: Die Wiederentdeckung des Psychedelischen, edition suhrkamp 2015

LSD-Geburtstagsparty „Bicycle Day“ am 19.4.2018 im Essentis, Berlin Tickets : 17 € Studenten / 25 € Normalverdiener

Mehr Infos auf
http://bicycle-day.de

Weitere Infos zum Thema auf:
http://entheo-science.de
https://mind-foundation.org
http://psychedelicscience.org
http://www.nachtschatten.ch

6 Responses

  1. Öko-Theosoph
    LSD

    LSD ist gesundheitsschädlich. Es ist auch unsinnig, durch LSD mystische Erfahrungen herbeizuführen. Dies kann auf andere Weise erreicht werden. Mehr dazu unter „Theosophie343“ (bitte googeln).

    Antworten
    • Fruufus Maximus

      Die Gesundheitsgefährdung durch LSD ist sehr gering, Alkohol oder Tabak sind da weitaus schädlicher. Darüber hinaus stellen Sie lediglich Behauptungen auf und versuchen offenbar Ihre Ideologie zu verbreiten. Auf dieser Ebene halte ich eine seriöse Themendiskussion nicht für möglich.

      Antworten
  2. Stefan
    ECHTE Renaissance: LSD gibt's ja wieder:-)

    Man hätte ja vielleicht mal noch erwähnen können, dass es seit einiger Zeit einen legalen Zugang für jedermann gibt. Abseits des Schwarzmarkts und entsprechend sauber und sicher.

    Fragen? Infos?
    sdfter[ät]gmx.de

    Antworten
  3. Öko-Theosoph
    LSD ist abzulehnen

    LSD ist abzulehnen. Man kann ohne LSD durch Traumsteuerung zu mystischen Erfahrungen und Therapieerfolgen gelangen.

    Antworten
    • Fruufus Maximus

      Haben Sie denn schon mal LSD genommen?
      Oder sprechen Sie hier wie der Blinde von der Farbe?

      Antworten
  4. Fruufus Maximus
    Alles Gute zum Geburtstag

    Ja, LSD ist wohl eine ganz besondere Substanz, deren Potential bis heute noch nicht voll anerkannt ist. Das hat viel mit der Dämonisierung und bevormundenden Prohibition vor allem in den westlichen Staaten zu tun, die wissenschaftliche Erforschung und Entwicklung behindert und unterdrückt hat.

    Leider hat der Autor in diesem Zusammenhang keinen Hinweis auf den deutschen Arzt Hans-Carl Leuner und seine psycholytische Therapie mit Substanzen wie LSD und Psylocibin, mit der er schon in den 50er Jahren erfolgreich war, gegeben. Vermutlich ist ihm dieser große deutsche Pionier im Bereich der medizinischen Anwendung dieser Substanzen nicht einmal bekannt.

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*