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Noch immer hält sich das Vorurteil, es gäbe zwischen den Geschlechtern einen Unterschied in Bezug auf ihre Rechenkünste. Und manchen glauben sogar, für einen solchen Unterschied gäbe es eine biologische Ursache. Dabei ist nachgewiesen, dass ein solcher Unterschied – wo er überhaupt existiert – gesellschaftlich antrainiert ist.

 

Form ist nicht Funktion

Zwar steht außer Frage, dass Frauen einen anderen Körper, einen anderen Hormonhaushalt und eine andere Gehirn-Architektur haben – doch auch wenn es trügerisch logisch erscheint: Ein Unterschied in der Form bedeutet nicht notwendig auch einen Unterschied in der Funktionalität.

Wollen wir sonst sagen, dass Frauen, die ein 10% kleineres Gehirn haben (auch in Bezug auf die Körpergröße) pauschal dümmer seien als Männer? Sicher nicht, es sind allein die kognitiven Fähigkeiten, die zählen.

Und Form meint nicht nur das physische: Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen und Männer bei der Lösung von Intelligenztests für die gleichen Aufgaben jeweils andere Gehirnareale verwenden – aber trotzdem zu den selben Ergebnissen gelangen. Aller Unterschiede zum Trotz belegen alle neuen Forschungen, dass Mädchen und Jungen in ihren Fähigkeiten absolut identisch sind.

„Wir Erwachsenen denken sehr verschieden über Mädchen und Jungen und behandeln sie entsprechend, aber wenn wir ihre Fähigkeiten messen, sind sie bemerkenswert gleich“, berichtet Elizabeth Spelke, Psychologie-Professorin an der Havard-Universität gegenüber der New York Times. „Auch wenn wir in unseren Studien die ganze Zeit auf Gender-Unterschiede hin testen – wir finden nie welche.“

Mädchen sind schlecht in Mathe.

Natalie Angier and Kenneth Chang fassten 2005 zahlreiche Studien zu mathematischen Fähigkeiten von Mädchen und Jungen zusammen und kamen in dieser Analyse zu eindeutigen Ergebnissen. (Die Angaben gelten, sofern nicht anders vermerkt, für die USA).

– Bis zum Alter von sieben Jahren ist überhaupt kein Unterschied feststellbar. Erst danach werden Unterschiede sichtbar, die aber nicht konsistent sind – in manchen Bereichen sind Mädchen besser, in anderen Jungen.

– In Fällen in denen Jungen „besser“ waren als Mädchen, waren sie auch gleichzeitig „schlechter“: Jungen waren in beiden Extremen der Verteilung (sehr gut, sehr schlecht) erheblich stärker vertreten. Im statistischen Mittel gibt es kaum Unterschiede.

– Zu sagen, Jungen wären „besser“ in Mathe ist daher eine politische Entscheidung: Wenn berichtet wird, wer „am Besten“ abschnitt, scheinen Jungen oft besser zu sein. In der Gesamtübersicht bestätigt sich dies jedoch nicht.

– Die Verteilung in den Naturwissenschaften sagt nichts über die Fähigkeiten der Geschlechter aus. Viele sehr gute Frauen entscheiden sich gegen ein wissenschaftliches Studium, während viele mittelmäßige Männer sich dafür entscheiden.

Auch im Internationalen Vergleich bestätigten sich diese Erkenntnisse:

– Nur in etwa der Hälfte der OECD-Staaten sind Jungen besser in Mathematik – in allen anderen gibt es keinen Unterschied. In Island sind Mädchen signifikant besser als Jungen – ohne dass die Wissenschaftler hierfür auch nur den Ansatz einer Erklärung hätten.

– In Japan schneiden Mädchen in einem Gebiet (Wahrscheinlichkeitsrechnung) zwar schlechter ab als Jungen, sind jedoch immer noch in allen sehr viel besser, als amerikanische Jungen.

Anerzogene Matheschwäche

Weitere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Jungen nur in Gesellschaften besser sind, in dem der Geschlechterunterschied besonders betont wird. In einem gleichberechtigen Umfeld verschwindet die Leistungsdifferenz.

Forscher gehen daher davon aus, dass Kinder vor allem die Erwartungshaltungen ihrer Eltern und Lehrer verinnerlichen. In diesem Zusammenhang ist eine aktuelle Studie besonders interessant, die den Zusammenhang der Einstellung der Lehrer und der Leistung der Kinder untersuchte. Die Mehrzahl aller Grundschullehrer sind Frauen – welchen Einfluss hat deren Meinung über Mathematik auf die Kinder? Das Ergebnis:

„Zu Beginn des Schuljahres gab es keine Relation zwischen der Mathe-Abneigung der Lehrerin und den Mathe-Leistungen ihrer Schüler. Am Ende des Jahres jedoch zeigte sich, dass, je größer die Mathe-Ablehnung der Lehrerin war, desto schlechter auch die Mädchen (aber nicht die Jungen) abschnitten und desto eher diese dem Stereotyp „Jungen sind gut in Mathe, Mächen sind gut im Lesen“ zustimmten.“

Gleiche Fähigkeiten

Frauen und Männer haben die gleichen mathematischen Fähigkeiten, wenn ihnen nicht erzählt wird, es wäre anders. Ob oder nicht es eine natürliche Vorliebe der Geschlechter für bestimmte Tätigkeiten und Wissensgebiete gibt, wird sicher schwer feststellbar sein.

Auch geht es nicht darum, die Unterschiede zwischen Mann und Frau wegzudiskutieren – aber viele dieser angeblichen Unterschiede sind eben reine Projektion. Und biologische oder evolutionäre Begründungen für Vorurteile sind immer schwierig, unser Wissen diesbezüglich reicht noch lange nicht aus, um sichere Schlüsse zu ziehen.

Bis auf weiteres ist es sicher klug anzunehmen, dass Männer und Frauen über die gleichen Fähigkeiten verfügen, sie aber unter Umständen anders nutzen und auf anderen Wegen zu den selben Ergebnissen gelangen. Und das vieles, was wir als festgezurrte Rollenbilder in unseren Köpfen haben vor allem gesellschaftliche Konditionierungen sind.

 

 

Bilder

Gehirn: Camazine / Wikimedia

Mädchen und Junge: Deutsches Bundesarchiv  / Wikimedia

 

Eine Antwort

  1. Franz Josef Neffe

    Was brauchen wir uns darum zu kümmern, ob Menschen GLEICH GUT sind, wenn wir anerkennen, dass sie GUT sind?
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer bin ich etwas dünnhäutig gegenüber wissenschaftlichen Untersuchungen, weil diese ja nicht einfach ein unverbindlicher Vorgang sind sondern selbst sehr tief mit SUGGESTIVER WIRKUNG ins Leben eingreifen. Darum gehört es für mich dazu, dass Wissenschaft (forschend wie lehrend) ihre Wirkung im Auge behält und die Verantwortung dafür übernimmt.
    MATHEMATIKE kommt von griech. MANTHANEIN = LERNEN und bedeutet die LERNBEGIERDE. Die Untersuchungen wie die sorgfältige Alltagsbeobachtung zeigen, dass es ständig WIRKUNGEN und WIRKUNGEN gibt. Das Éntscheidende ist doch nicht, dass ein Mensch im Leben 180 cm groß wird und der andere 170 cm; das Entscheidende ist, dass alle WACHSEN und dass wir verschieden gut auf diese Prozesse einwirken und daher achtgeben müssen. Achtgeben mit Interesse an der guten Entwicklung. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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