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Wirkliches Malen ist Berührtwerden von etwas Größerem als uns selbst. Etwas übernimmt die Führung und wirkt durch uns. Malerei kann ein Weg sein, hinter unser kleines, bewertendes Ich zu treten und sich dem hinzugeben, was eigentlich immer durch uns scheinen möchte.

Sie haben es schon erlebt. Im selbstvergessenen Tanz, in dem eine Bewegung aus der vorherigen fließt. Im schöpferischen Zusammenspiel in einem Gruppenprozess, in dem jeder den genau richtigen Teil zum Puzzle beiträgt. Beim Malen eines Bildes, wo die Inspiration am Anfang steht und dann eine Farbe, eine Form die nächste ergibt, bis das Werk sich in einem schöpferischen Rausch vollendet.
Die Quelle sprudelt; wir sind angeschlossen; wir sind im Fluss. Wir sind durchlässig. Wir haben keine Angst. Wir sind ganz gegenwärtig in diesem Moment. Wir denken nicht. Die Trennung ist aufgehoben. Wir haben unsere beschränkte Persönlichkeit verlassen.
Ein auf diese Weise transparentes Bewusstsein ist die Basis für kollektive Weisheit. Das Teil schwingt mit im Ganzen; es ist fähig zur Wahrnehmung und zur Resonanz, fähig, aus dem Ganzen aufzunehmen und in das Ganze hinein zu geben.

Das Ego zurückstellen

Doch wie kann die höchste Möglichkeit, die gerade da ist, gefunden werden? Wie geht man mit einem Mehr an Erkenntnis, an Energie, an Hoffnung aus der Situation hinaus, als man hineingegangen ist? Wie lernt man, dass man gewinnt, wenn man das Ego zurückstellt?
In der Malerei erlebe ich ein Werkzeug, die Fähigkeiten zu erwerben, die ein Mensch braucht, um sich an der entstehenden Zukunft zu beteiligen. Beiseite treten, um dem Werdenden Raum zu geben.
Die Leinwand des Künstlers ist ein ungefährliches, gleichzeitig machtvolles Instrument, die Filter zwischen sich selbst und der weiteren Wirklichkeit der Welt kennen zu lernen und loszulassen. Blockaden sind fühlbar und deutlich zu sehen, im Widerstand, in Langeweile. Den kreativen Fluss fühlt und sieht man ebenfalls, in einem Ausmaß, über das der Maler sagt: „Ich staune über das Werk. Das habe nicht ich gemalt.“ Er/sie war Werkzeug der Quelle. So wie auch manchmal ein Gruppenprozess „trotz der Menschen“ gelingt und eine größere Kraft die Führung übernimmt.

Aus der Zukunft handeln

„Aus der Zukunft handeln“, so kann man die Kunst nennen, die den Entstehungsprozess eines Bildes lenkt. Sie beginnt mit dem prekären Moment, in dem ein Maler vor der weißen Leinwand steht. Konzepte loslassen – keine Ahnung, was jetzt kommt. Aber ich bin da, voll und ganz. Ich habe mich an den Punkt begeben, an dem alles erst entsteht. Ich weiß nicht, wo es hingeht, und tue trotzdem den nächsten klaren Schritt. Picasso sagt es so: „Wenn ich wüsste, was ich malen will, warum sollte ich es dann malen?“.
Keine Idee – aber den Drang zu malen, zu schaffen. Ich sehe die Farben Rot, Ocker, Rosa – und fühle mich wohl mit ihnen. Ich verteile sie als Grundierung auf der Leinwand. Wie geht es weiter? Ich tauche den Pinsel in schwarz, schließe die Augen und lege los. Ich stelle das Ergebnis auf den Kopf, auf beide Seiten und schaue. Was kommt mir entgegen? Was will gemalt werden? Ich sehe drei Frauen, die zusammenstehen und miteinander tuscheln. Ich gestalte sie aus und freue mich an ihnen. Ich gestalte in eine Zukunft hinein, tastend, bis sie antwortet und etwas erscheint. Sie antwortet fast immer, und ich bin entzückt von der Magie und Weite der Existenz.

Sich der Führung anvertrauen

Innere Führung erfahren Menschen, deren Geist und Herz offen sind. Führung ist die Brücke zwischen mir und dem Ganzen, zwischen mir und der Zukunft. Ich vertraue mich der Führung an, wenn ich der Intuition folge. In der Malerei und im Leben entstehen so Schöpfungen, die sich der individuelle Geist nie hätte ausdenken können. Zum Zusammenspiel mit der Führung gehört intensives Wahrnehmen dessen, was ist. Wo ist viel Energie? Bei welcher Farbe, welchem Motiv, welcher Form, welcher Technik? Bin ich selbst ganz da? Das, was ruft, ist kein Zufall. Aus welchem größeren Zusammenhang das Bild kommt, sehe ich oft erst, nachdem es da ist.

Neben der Intuition ist die Stimme des Herzens ein ganzheitlicher Wegweiser, der den Verstand herausfordert und über ihn hinausführt. Wo der Verstand bewertet, zum Beispiel, was wahre Kunst ist oder wie man sein muss, um erfolgreich in einer Gruppe zu agieren, erlaubt das Herz keine Umwege und ist einfach und eindeutig. Ich male, was ich fühle.
An einem persönlichen Trauertag sehe ich das Bild eines liegenden Rehs. Sein gebogener Rücken gibt mir Geborgenheit, und während ich es male, fühle ich es und Zärtlichkeit entsteht. Was als Blume gedacht war, für eine Ausstellung „Strahlkraft der Blüten“, kommt durch eine „Zufallsgrundierung“ als kleiner Elefant daher. Er ist deutlich zu sehen; er rührt mein Herz. Ich muss ihn nehmen. Auch den Bildtitel: „Kleiner Elefant auf dem Weg nach Hause“. Diese authentische Gegenwärtigkeit führt durch das Herz zu Lösungen, zu Geschöpfen, die so noch nie existiert haben.

Gemeinsame Kreativität

Der Schöpfungsvorgang zeigt sich auch deutlich, wenn mehrere Menschen in einem Raum gleichzeitig malen. Es entsteht ein vernetztes Bewusstseinsfeld, ein gemeinsames Schwingen. Jemand macht eine Pause und tritt von seinem Bild zurück. Das erinnert eine Malerin daran, dass sie gerade ganz verbissen malt. Jemand sagt selbstvergessen vor sich hin „Ich nehme jetzt Ölkreiden“ –und inspiriert jemand anderen dazu, Ölkreiden zu nehmen. Mit einem transparenten Bewusstsein lauschen wir auf jede Inspiration aus dem Ganzen. Die Einzigartigkeit des entstandenen Bildes ist aus dem Ganzen geboren und strahlt  in das Ganze hinein.
Auch beim gemeinsamen Malen steht jeder Einzelne vor seiner Staffelei, vor seinem eigenen Altar, und lauscht auf die Sprache der Quelle. Man sieht es dem Bild an, ob der Künstler gerade im Fluss oder in Gedanken ist. Sich zu verstecken ist nicht möglich. Die Nacktheit der Offenbarung erfordert Respekt vor der Verwundbarkeit des anderen, vor seinen Auf- und Untergängen. Es entsteht ein gemeinsames Vertrauen in den Strom des Werdens. In diesem Klima breiten sich Schöpfungskraft und Intimität aus.
Wenn wir Schöpfer sind am tiefsten Punkt unseres Wesens, sind wir gleichzeitig an der Quelle des Ganzen. In der Malerei wird dieser Entstehungspunkt erfahren. Ist man sich dieses Punktes sicher geworden, hat man auch in anderen Situationen die Ruhe, und die Neugierde, dem Raum zu geben, was sich zeigen will.

Gemeinschaftsbilder

Malerei_Bluetentanz.jpgMalen verbindet, weil es in den Raum hinter die Definitionen führt, die suggerieren, dass wir wissen. An einem Gemeinschaftsbild malen alle. Gemeinsam sinkt man in einen tieferen Raum, in dem es kein Rechthaben und überhaupt weniger Egoprofilierung gibt. Gemeinschaftsbilder können eine Erfahrung initiieren: Wir können zusammenarbeiten – als Team. Ich komme dir gerne entgegen. Ich stimme mich gerne auf das Ganze ein. Und hier kommt meine Eigenheit durch. Ein Beispiel: Jeder hat eine Farbe und benutzt nur diese Farbe. Alle malen auf ein vier Quadratmeter großes Papier. Bei einem Klang rücken alle weiter und malen an einer anderen Stelle weiter, bis die Gruppe fühlt: Jetzt ist es fertig. Das gewisse Glück nach Gemeinschaftsbildern könnte heißen: Ja, ich habe es begriffen. Ich brauche dich bzw. dein Blau um mein Gelb herum, damit es so richtig leuchtet. Oh, was für ein verzaubender Gesamtklang. Das haben wir gemalt? Was packen wir als Nächstes an? Alle Individuen sind an etwas Größeres angeschlossen, und mehr als die Summe der Teile kann entstehen; kollektive Intelligenz entfaltet sich.

Malen ist Gebet – Malen ist Lieben

Wir Menschen teilen die Sehnsucht, jenseits von Begriffen, von Abgrenzungen zu Hause zu sein. Ein auf das Werden ausgerichtetes künstlerisches Bewusstsein löst Grenzen auf.
Malerei ist Liebe mit dem Ganzen, mit Bergen, Pflanzen, Roststellen auf Metall, Gesichtern. Malerei ist Gebet. Malerei ist einer der großartigsten Wege, das Ego aufzulösen, sich hinzugeben und sich vor der Existenz zu verneigen, in Demut und Größe gleichzeitig. Leonardo da Vincis Mona Lisa ist sein Geschöpf und trägt gleichzeitig ein Geheimnis in sich, das größer ist als seine Person.
Ein Bild zu malen und sich dabei in das Wesen einer Pflanze, eines Gesichts hinein zu versenken, kann Zärtlichkeit gegenüber der Existenz auslösen. Ich begebe mich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit zwischen jedes Blütenblatt, um seinen Winkel und seine Lichtverhältnisse zu erkunden, oder in die Bauweise eines Nasenflügels. Intimität scheint vom Bild zurück und von der Pflanze selbst, wenn ich sie draußen sehe.
Vielleicht ist Malerei auch für Sie ein Weg zum Freiwerden eines weiten, empfänglichen Bewusstseins, empfänglich für das, was aus der Zukunft in die Gegenwart hinein scheint und geschaffen werden will. In Projekten, Firmen, Gruppen, in Organisationen, Familien, Gemeinschaften und Völkern. Für die Heilkraft und Schönheit des Lebens auf der Erde und die tausend Chancen jeden Tag.

Über den Autor

Avatar of Janine B. Müller

ist seit 1999 freischaffende Künstlerin. Die Erfahrung von künstlerischer Gestaltung als Kraftquelle teilte sie im Jahre 2000 mit Frauen im Nachkriegskosovo. Seit 2006 bietet sie die Kursreihe „Malen ist lieben“ an und begleitet Menschen auf dem Weg, ihren schöpferischen Impulsen (wieder) zu vertrauen und sich selbst näher zu sein. An ihrem inneren Horizont sieht sie: größere Heilungsprojekte – Kunst an schwierigen Orten.

Mehr Infos

Tel. 0171-821 36 56

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