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Der Posten des Gurus hat sich überlebt – findet der ehemalige spirituelle Lehrer Mushin J. Schilling. Die konventionelle Lehrer-Schüler-Beziehung bindet alle Beteiligten an vorgefasste Rollen und lässt keine wirklich authentische Begegnung, keine gegenseitige Offenheit und Verletzlichkeit zu. In einer emanzipierten Spiritualität, wie er sie fordert, ist jeder Schüler und Lehrer des anderen.

 

Die Werbung bringt es auf den Punkt: „Unterm Strich zähl ich!“ Auf dem neuzeitlichen spirituellen Weg geht’s ums eigene Glück, den eigenen Draht zum Göttlichen, die eigene Erleuchtung. Und wer bietet uns das? Der Guru, der spirituelle Lehrer, und, ein paar gibt es bereits, die spirituelle Lehrerin, die Meisterin. Sie hat, was andere wollen. Im 21. Jahrhundert ist der spirituelle Weg natürlich auch ein Markt mit Waren, Dienstleistungen – Bücher, Kassetten, Seminare, Satsangs, Ashram-Aufenthalte – und Spenden, mit denen „das höchste Glück“, das „Alles-von-der-Wahrheit-aus-Sehen“ und die „Erkenntnis deines wahren Wesens“ erworben oder unter passender Leitung erarbeitet werden soll. Und es geht um Werbung oder das, was im Christentum „Verkündigung“ heißt.

Wie bei allen anderen beworbenen Sachen bietet die strahlende Oberfläche spiritueller Werbung keinen Platz für Zweifel, Differenzierung und banale Wirklichkeiten. Gurus und spirituelle Lehrer/innen stecken in der Zwickmühle zwischen der real von ihnen erlebten Wirklichkeit, in der sie wohl auch mal schlecht drauf sind, und der von der Tradition verkündeten und von der Werbung und ihren Sympathisanten geforderten authentischen Hochglanzerleuchtung.

 

  • Mutter Meera (nach eigenen Angaben eine Inkarnation der Göttlichen Mutter): „Mutter Meeras einzigartiges Geschenk an die Welt besteht darin, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte der Erde das transformierende Licht des Höchsten Wesens zugänglich macht.“
  • Eckhart Tolle „… ist einer der originellsten und inspirierendsten spirituellen Lehrer unseres Zeitalters. Kern seiner Lehre ist ein weltumspannendes spirituelles Erwachen.“
  • Andrew Cohen „… gehört zu den anregendsten und provokativsten spirituellen Lehrern der Gegenwart. Seine Lehre der Befreiung die so genannte „Evolutionäre Erleuchtung” ist als eine der authentischsten Ausdrucksformen erwachten Verstehens anerkannt.…“
  • Adi Da: „Ich bin nicht nur ein einfacher Mensch inmitten der Menschheit, sondern die gesamte Menschheit wird von Mir umfangen, durchdrungen und gesegnet.“ 

Viele Menschen empfinden ein diffuses, essentielles Unbehagen. Die vertikale Spiritualität diagnostiziert, woran das liegt: „Du bist nicht erwacht“; „Du bist dem Leiden verhaftet“ usw. Und der Meister, Guru oder spirituelle Lehrer behauptet das Heilmittel zu sein oder zu haben, er/sie hilft dir zu werden, „wer du in Wirklichkeit bist.“
Die Lehrer der „authentischsten Ausdrucksformen erwachten Verstehens“ verursachen jedoch Leiden, wenn auch ungewollt, weil sie bestätigen und zementieren, was die vom inneren Unbehagen motivierten Menschen bereits von sich glauben: Sie sind irgendwie nicht gut genug und unwissend, unerleuchtet, noch nicht so weit oder Ähnliches mehr. Die Hochglanzerleuchtung aus der Werbung der Meister und ihre Ashrams oder Seminare bestätigen das nur. Diese „inspirierendsten“ und „authentischst erwachten“ Lehrer/innen geben sensiblen, nach Wahrheit, Schönheit, Licht strebenden Menschen ein Heilmittel gegen ihr Unbehagen, das dieses nicht nur verstärkt und bekräftigt, sondern dessen Nebenwirkungen sie zudem noch abhängig machen von denen, die es produzieren.
Und eine weitere Nebenwirkung hat das „Heilmittel“: Wo die Person als Illusion betrachtet wird, ist ihre Würde nicht mehr unantastbar. Wo der Einzelne als einzigartiges Ich keinen Anspruch hat, als echtes und lebendiges Gegenüber zu gelten, sondern als Ego-gesteuert herabgewürdigt wird, da tendiert seine Wehrhaftigkeit gegenüber Fehlverhalten und Missbrauch und sein Änderungswillen in Bezug auf Missstände im unmittelbaren sozialen und breiteren gesellschaftlichen Kontext gegen Null.

Der Verstand: wertloses Hindernis?

Wo Verstand und Vernunft als Hindernis auf dem Weg in erleuchtete oder göttliche Bereiche gelten, verlieren sie immer mehr an Kraft, einer Kraft, die nötig wäre, wollte man der wirtschaftlichen Gier, medialen Massenmanipulation und ideologisch, religiös oder ethnisch begründeten Gewalt den Nährboden entziehen. Denn obwohl vernünftiges Denken wohl nicht unsere höchste Errungenschaft ist, ist es dennoch ein echter Fortschritt auf dem Weg aus Ego- und Ethnozentrismus und aus spiritueller und religiöser Nabelschau in eine Welt, in der viele Völker, Menschen und Ideen gemeinsam überleben oder untergehen werden.

Eine Spiritualität, die die Person, die Welt und den Körper als Illusion oder Unwert betrachtet, läuft der notwendigen Emanzipation der Menschen sowohl in gesellschaftlicher als auch in spiritueller Hinsicht zuwider.
Die von „erwachten“ Lehrer/innen betriebene vertikale Spiritualität zeichnet einen aufsteigenden Weg: vom tierisch-menschlichen Ausgangspunkt hin zum göttlichen, transzendenten Gipfel. Dies ist nicht nur eine Wertehierarchie, sondern in der alltäglichen Wirklichkeit vor allem eine Hierarchie der sozialen Position und der Macht; das Obere befiehlt dem Unteren und dieses hat ihm zu folgen – tut es dies nicht, ist es verdammt, verdunkelt, uneinsichtig usw. und Leiden ist die natürliche Folge. Die soziale Ordnung spiritueller Gemeinschaften reflektiert dies.

Feudalistische Struktur

Ich kritisiere hier keineswegs Wertehierarchien, im Gegenteil, auch ich stelle beispielsweise Mitgefühl über Gerechtigkeit. Ich kritisiere vielmehr eine Hierarchie, bei der mystische oder spirituelle Erfahrungen oder Verwirklichungen in eine autoritäre und patriarchale soziale Ordnung umgesetzt werden; eine soziale Struktur, in der der Guru als Verkörperung des „höchsten Selbst“ weit über Körperlichkeit, Denken, Fühlen, Person oder Ich ganz oben an einer Befehlskette und Ursachenhierarchie steht. So entsteht mit den besten spirituellen Absichten eine feudalistisch-patriarchale Ordnung, in der Verstand, Ego, Leiblichkeit etc. weggedrückt, zur Illusion reduziert, wegmeditiert oder wie auch immer ’nichtig‘ gemacht werden. Die Idee, man könne all dies würdigen, taucht nicht einmal ansatzmäßig auf.

Aber genau das ist, aus meiner Sicht, ein Kernelement der notwendigen, erneuerten Spiritualität: die Würdigung der Menschen, Zustände und Phänomene, so wie sie in Erscheinung treten. Die Lehrer/innen der vertikalen Spiritualität behaupten, man sähe die Dinge erst auf der höchsten Stufe so, wie sie in Wirklichkeit sind; wir, die wir diese Stufe noch nicht erreicht haben, sähen illusionäre und entstellte Wirklichkeiten.

Aber aus der modernen Physik wissen wir, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Beobachter eines Experiments und dem Ergebnis besteht. Wenn dies bereits für den physischen Bereich gilt, wie viel mehr dann für den psychischen und spirituellen? Die moderne Psychologie zeigt ferner, dass unsere Erziehung und Kultur maßgeblich beeinflussen, wie wir die Dinge sehen. Was wir sehen, ist somit immer eine Koproduktion zwischen dem/den Beteiligten und dem Geschehen; dies gilt auch für die göttliche oder erleuchtete Sicht. Es gibt keine vom Wahrnehmenden unabhängige spirituelle Wirklichkeit, weder in uns noch ‚da draußen‘. Die Welt der Erscheinungen ist immer eine gemeinsame Schöpfung aller Beteiligten.

Kooperative Spiritualität

Die vertikale spirituelle Perspektive ist historisch wertvoll. So haben unsere Vorfahren ihre geistigen Erfahrungen eingeordnet und ihnen Sinn verliehen. Für uns ist die alte ‚Landkarte‘ jedoch nur noch in Maßen relevant. Zwar wirken die darauf verzeichneten Zustände und Erfahrungen nach wie vor heilsam, befreiend und beseligend, aber ihre Sprache und Einordnung ist autoritär und patriarchal geprägt und heute daher als Heilmittel ungeeignet, wenn nicht gar schädlich.

Ich möchte uns ermutigen, eine kooperative Spiritualität zu leben, die den Einzelnen würdigt und fördert, egal auf welcher Ebene dieser sich selbst oder andere ihn einordnen. Diese Spiritualität lebt von echter Kommunikation, in der man verletzbar sein kann, weil das Gegenüber nicht über oder unter einem steht. In der vertikalen Spiritualität herrscht ein Monolog von oben nach unten. Das Lehrer-Schüler-Gefälle lässt Verletzbarkeit nur bei der ‚unteren Position‘ zu. Eine Begegnung jedoch, in der alle verletzbar sein können, ist ganzkörperlich, selbstständig, unabhängig und zeigt ein wesentliches Merkmal der emanzipierten Spiritualität: Wir sind in jeder Hinsicht Schüler des anderen und dienen uns gegenseitig als Lehrer.

Neue Wege für neue Fragen

Man braucht das alte vertikale Modell der Spiritualität nicht, um eine erfüllende, heilsame und heilende Spiritualität zu leben und zu erleben: Meine Experimente in kooperativer Spiritualität der letzten drei bis vier Jahre zeigen einen Reichtum, der nicht nur wesentlich zur Ganzwerdung als Individuum führt, sondern auch Wege aufzeigt, wie wir mit den Fragen, vor denen wir als Menschheit insgesamt stehen, kreativer umgehen können.

Eine emanzipierte, kooperative Spiritualität geht von einer kontinuierlichen Entwicklung aus, an der wir alle als Mitschöpfende beteiligt sind. Sie ist zutiefst menschlich und begegnet sowohl den göttlichsten Erfahrungen als auch dem Gegenüber offen, einfühlsam und ohne vorgefertigte Einordnungen. Sie hilft uns, die eigene Autorität, Kraft, Liebe und Intelligenz wieder zu entdecken und sie beim Anderen zu fördern. Sie würdigt die unendlich reiche Vielfalt und die verschiedenen Pole unseres Menschseins. Und sie nimmt unser geistiges, wissenschaftliches und materielles Erbe an und setzt sich mit Kraft und Leidenschaft dafür ein, dieses für unsere Kinder und Kindeskinder zu mehren.


Abb.: © Anna Khomulo – Fotolia.com

Über den Autor

Avatar of Mushin J. Schilling

pragmatischer Mystiker, macht seit frühster Jugend spirituelle Erfahrungen; seit 1984 in äußerst lehrreichem, persönlichen Kontakt zu Michael Barnett; verbindet sich in seinen Events mit dem „lebendigen Feld“ jenseits aller Worte und nutzt vor allem den direkten Zugang zur Energiedimension, um es den Teilnehmern zu erleichtern, spirituelle Erfahrungen zu machen.

Eine Antwort

  1. Andrea

    Ich habe auch lange Zeit eine Art spiritueller Minderwertigkeit empfunden (und mich auch noch nicht gänzlich davon befreit). Die Gespräche mit Menschen, die ich für mich als Lehrer einschätze, sind für mich immer dann besonders wertvoll, wenn ich sie auch in ihrer Menschlichkeit erleben darf, in ihrem familiären Umfeld, mit ihrem Schmerz, mit ihrem Zweifel, mit ihrer Albernheit und ihrem Humor, mit ihrer Fehlbarkeit. (Am Anfang meines Weges habe ich diese Facetten nicht wahrhaben wollen, sie als nicht in mein Bild vom Guru passend verdrängt.) Und wenn sich in diesen Gesprächen ein Austausch entwickelt, der von beiden Seiten als wertvoll und fruchtbar empfunden wird, dann ist dies von großer nährender Kraft für mich… Was Tolle betrifft, so habe ich seine Lehre (aus Büchern) dahingehend verstanden, dass er jeden Menschen in seinem momentanen „So sein“ schon als göttlich im Sinne von Vollkommen ansieht und nicht an einem Punkt stehend, von dem aus er sich durch ein bestimmtes Verhalten in Richtung Erleuchtung bewegt. Der einzige willentliche (und jederzeit durchführbare) und notwendige Akt zur Erleuchtung ist ihm zufolge (nach meinem Verständnis) das Bewusstmachen dieses Aspekts… Nun kann man an dieser Stelle darüber nachsinnen, ob die Fähigkeit des Bewusstmachens zum einen eine Verhaltensänderung darstellt und die Häufigkeit des Bewusstwerdens wiederum eine vertikale spirituelle Abgrenzung möglich macht. Darüber würde ich mich gern mal mit ihm unterhalten 😉

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