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Als ich für diesen Artikel über das ZEGG und Ökologie nachdenke, fällt mir zunächst nichts ein, worüber ich gerne schreiben würde. Ich habe schon zu viel von drohenden Umweltkatastrophen gelesen und von vorbildlichen Projekten gehört – es ist mir langweilig geworden. Und das, obwohl ich mich seit meiner Jugend dafür interessiere. Nicht, dass ich nicht gerne dazu beitragen möchte, die Welt zu retten. Aber die Begeisterung ist mir irgendwo abhanden gekommen. Vielleicht weil ich gemerkt habe, dass trotz der großen Erfolge der Umweltbewegung die Fortschritte klein sind. Und weil ich aus eigenem Interesse und mit Lust handeln möchte statt den Anweisungen meines ökologischen Über-Ichs zu folgen. Jedenfalls würde ich mich sehr freuen über neue Klänge beim Erzählen der ökologischen Geschichte. Ich wünsche ich mir, dass es in dieser Geschichte um etwas geht, dass sie Spaß macht, Tiefe hat und einen Drive, der nach vorne geht. Ich mache mich auf die Suche…


Die essbare Landschaft

Die Eimer kamen aus einem neu entdeckten Kellerraum, der unglücklicherweise etwa einen Meter hoch mit Sand gefüllt war. Dieser Raum sollte für die Lagerung von Obst genutzt werden und musste deshalb ausgeschaufelt werden. Das ZEGG ist eine Ansammlung von Gebäuden unterschiedlichster Baustile und wurde lange militärisch genutzt. Die Stasi hat ihre Auslandagenten hier ausgebildet und sich wenig für biologische Vielfalt interessiert. Entsprechend sah es aus, als die Gemeinschaft 1991 einzog: karger Rasen und ein paar Ziernadelbäume. Heute ist das ZEGG üppig bewachsen. Durch jahrelange Bodenverbesserung ist es zu einem kleinen Paradies für Pflanzen, Tiere und Menschen geworden. Es beherbergt eine essbare Landschaft, in der neben anderem Johannisbeeren, Pfirsiche, und Kiwis wachsen – eine Idee aus der Permakultur, nachhaltige Lebensräume zu schaffen, die sich selbst erhalten. Es ist beeindruckend zu sehen, welcher Wandel auf dem Gelände stattgefunden hat. Wie die uns umgebende (Kultur-)landschaft aussieht, hat mit unseren inneren Werten und Prioritäten zu tun. Das ZEGG ist vom Abbild einer totalitären Kultur zu einer lebendigen und vielfältigen Landschaft geworden. All das verstehe ich auch als Heilungsarbeit. Die essbare Landschaft genau so wie die Nutzung der Gebäude, die weiter liebevoll gestaltet und saniert werden. Der ausgeschaufelte Kellerraum war übrigens doch nicht als Obstlager geeignet und ist inzwischen zu einem Fledermauskeller geworden.

Noch eine Sache, die mich im ersten Sommer begeistert hat: Der praktisch umgesetzte Gedanke, dass es in der Natur keinen Abfall gibt. Wie viele andere ZEGG-Ideen ist auch dieser von der Permakultur inspiriert. So werden in der Pflanzenkläranlage die Abwässer von bis zu 300 Menschen gereinigt, dabei wird Holz zum Heizen gewonnen und das gereinigte Wasser fließt zurück ins Grundwasser. Abfall ist Rohstoff!

 

Ökologisch leben in Gemeinschaft

Inzwischen bin ich tiefer in das Gemeinschaftsleben eingetaucht. Es ist in einer Gemeinschaft leichter, auf Konsum zu verzichten und ressourcenschonend zu wirtschaften. Das fängt damit an, dass wir uns Geräte teilen und mit weniger Waschmaschinen, Musikanlagen oder Telefonen auskommen. Es gibt ein privates Carsharing und entsprechend wenige Autos pro Nase. Teilen gehört dazu, Dinge wiederverwenden ist selbstverständlich und es gibt Kleidertauschparties. Als Gemeinschaft können wir unsere größeren Ideen leichter in die Tat umsetzen: zum Beispiel im Restaurant nur vegetarische Kost anbieten. Oder die Abwärme unseres neuen Kühlhauses zum Heizen nutzen. Oder unsere Heizung umbauen für noch mehr Effizienz. Immer vorausgesetzt natürlich, wir haben das Geld dafür.
Obwohl wir materiell mit weniger auskommen als viele andere Menschen, fühlt sich das Leben im ZEGG nicht nach Verzicht an. Ganz im Gegenteil, es bringt eine andere Art von Reichtum in den Alltag. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich die verschiedenen Arbeitsprozesse miterleben kann, inklusive der Menschen, die darin arbeiten. Sei es im Heizhaus, bei der Lagerung des Holzes oder bei der Ernte der Weiden. Die menschlichen Beziehungen sind der große Reichtum unserer Gemeinschaft. Und das Bauen an einem gemeinsamen Lebensentwurf bringt Tiefe und Sinn in den Alltag.

 

Zurück zu meiner Frage. Während ich das schreibe, merke ich, dass ich leicht an die Begeisterung der ersten Zeit anknüpfen kann. Sie hat sich im Lauf der Zeit gelegt, weil all diese Dinge selbstverständlich geworden sind. Sie brauchen mich nicht, sind schon da oder werden von anderen in der Gemeinschaft umgesetzt. Ein bisschen wie in der großen Gesellschaft: die Erfolge der Umweltbewegung passieren, und wir haben sie in die Hände von Politikern und Verwaltungen gelegt. Begeisterung aber entsteht ja eher beim Experimentieren, wenn etwas Neues beginnt. Oder wenn ich selbst etwas beitragen und umsetzen kann.

 

Fülle und Erschöpfung

Im ZEGG ist immer was los – Tanzfeste, Intensivzeiten, Festivals. Die Gespräche sind anregend und tiefer als gewöhnlich. Wir haben viele Möglichkeiten, uns zu betätigen, sei es im Garten, der Verwaltung, bei der eigenen Feuerwehr oder beim Meditieren. Das ZEGG ist ja auch ein Ausbildungszentrum und Seminarbetrieb, jede Woche kommen neue Menschen und neue Erfahrungen in die Gemeinschaft. Und all das ist spannend und bereichernd, aber HALT!- es ist zu viel, ich kann nicht mehr! Analog zur großen Gesellschaft gibt es auch hier bei uns Erschöpfung und Stress. Gemeinschaftsmenschen haben die Neigung, sich an ihren Idealen zu orientieren, viel zu arbeiten und das gerne für wenig Geld. Wer mit Sorge auf die Welt schaut und sie besser machen will, muss alles geben – oder? Die Frage, wie wir gut für uns selbst sorgen können, ist ein laufendes Experiment in Sachen Nachhaltigkeit. Wir haben es noch nicht ganz geschafft, den Umgang mit unseren eigenen Ressourcen so schonend zu gestalten, wie wir das für unsere Umwelt verlangen. Wie können wir in unserer Gemeinschaft ein Leben gestalten, in dem wir unsere Errungenschaften wirklich feiern und unsere Erfolge genießen, so dass sie uns nähren? Wir sind als Gemeinschaft auf der Suche nach mehr Selbstfürsorge, Freude und Gelassenheit.

 

Das Bild von der nahenden Katastrophe brauche ich vielleicht vor allem für mich selbst. Es verlangt mir viel ab, aber es gibt mir auch die innere Erlaubnis, wirklich für das Leben zu gehen, das ich mir wünsche. Nachhaltige Lebensentwürfe sind in unserer Kultur immer unfertig, es sind Prozesse, Experimente. Sie werfen Fragen auf und werden Gegner haben. Zum Glück gibt es viele Projekte auf der ganzen Welt, die neue Lebensweisen erproben und Kulturtechniken entwickeln, um ihre Werte lebbar zu machen. Zum Beispiel Kooperation, Verbundenheit und Wertschätzung des Lebens. Über solche Experimente möchte ich sprechen. Darüber, welchen Schwierigkeiten sie begegnen und welchen Reichtum sie schaffen. Dann kann ich mich wieder für das Thema Ökologie begeistern.


Abb: © Zegg

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