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Karma ist nicht einfach eine platte Verkettung von Ursache und Wirkung nach dem Motto „Wer Böses sät, wird Böses ernten.“ Vielmehr downloaden wir oft Gedanken und Gefühle, die überhaupt nicht unsere eigenen sind – manchmal vom anderen Ende der Welt. Ulrich Kramer über ­multidimensionales Karma, wie es sich in von ihm durchgeführten MindWalking-Sitzungen darstellt.

 

„Keine Tat bleibt ohne Folgen“ – das ist der Kerngedanke von Karma. Dem Sanskrit entnommen, bedeutet der Begriff nichts weiter als „Tat“ und bezeichnet die Folgen menschlichen Tuns im Sinne des Zusammenspiels von Ursachen und Wirkungen (1). Dem guten Christen dürfte das nichts Neues sein, denn bekanntlich kommt in die Hölle, wer Böses tut, und in den Himmel, wer Gutes tut.

Ob im Osten oder Westen, die Interpretation von Karma beschränkt sich häufig auf folgende Logik: „Du hast gesündigt, also musst du büßen.“ Oder: „Wenn du heute so viel einstecken musst, hast du früher bestimmt mächtig ausgeteilt.“ Diese allzu lineare und eindimensionale Sicht wird der wahren Komplexität der Zusammenhänge jedoch nicht gerecht, mal ganz abgesehen von der Vermessenheit des Anspruchs, an jemandes Schicksal ablesen zu können, ob der Betreffende früher brav war oder nicht. Denn was weiß man schon von den Vorleben seiner lieben Nächsten?

Den differenzierter denkenden Vertretern der hinduistischen, buddhistischen und christlichen Religion ist durchaus bewusst, wie sorgsam mit den Begriffen Schicksal und Karma umzugehen sei. Somit brauchen wir das Thema nicht religionsphilosophisch zu behandeln, sondern dürfen es anders angehen, nämlich vom Standpunkt der transpersonalen Psychologie aus, insbesondere unter Berücksichtigung der Ergebnisse von MindWalking-Sitzungen, bei denen die eigene geistig-seelische Innenwelt unter Zuhilfenahme bestimmter Techniken durchwandert wird. Diese Sitzungen nämlich verlaufen in der Regel transpersonal, das bedeutet „personenübergreifend“.

 

Telepathisches Downloading

Dabei lässt sich beobachten, wie von Menschen gemachte Gedankenfelder über beträchtliche Distanzen hinweg das Verhalten anderer Menschen beeinflussen können. Dass ein Klient seine Problematik auf eine lineare Wiedergeburtenkette seit der Steinzeit zurückführt, ist dagegen eher selten (2). Spricht man von „Karma“, ist demnach eine laterale (in die Breite gehende) Betrachtungsweise der linearen vorzuziehen. Karma ist multidimensional. Wie sich gleich zeigen wird, bedrängt uns nicht lediglich unser eigener Erinnerungsspeicher, sondern auch der kollektive. Ganz gleich, wem es geschehen sein mag und wann, uns erscheint es als Gleichzeitigkeit im Jetzt. Täter und Opfer sind dabei auf oft nonkausale Weise schicksalhaft miteinander verwoben.

Betrachten wir einige Beispiele für diese Verwobenheit. Die 40-jährige Helene begann im Alter von zwölf Jahren zu stottern. Zeitgleich wurde in dem kleinen Ort, in dem sie aufwuchs, ein 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht und ermordet. Helene kannte das Kind nicht, der Fall wurde nie aufgeklärt. Dennoch drängen sich ihr in unserer Sitzung die Erinnerungsbilder an den gesamten Ablauf der Tat auf und sie durchlebt das Entsetzen des entführten, vergewaltigten und ermordeten Mädchens in kleinsten Details, immer aus der Wahrnehmungsposition des Opfers, so als sei sie selbst es gewesen. Dieses an ihr hängen gebliebene Entsetzen führte schließlich zum Stottern.

 

Unbewusste Übernahme

Hier hat sich ein mentales Downloading vollzogen. Zur Veranschaulichung ein weiteres Beispiel: Gerda lebt seit Jahrzehnten mit einer Herzproblematik und entsprechenden Ängsten. Es begann damit, so finden wir heraus, dass sie ihren Vater im Moment seines Herztodes erspürte. Zum fraglichen Zeitpunkt war sie in zwei Autostunden Entfernung in ihrer eigenen Wohnung beim Geschirrspülen. Unbewusst zog sie die Angst und die Herzschmerzen ihres sterbenden Vaters in sich hinein (erst später erfuhr sie von seinem Tod). Auch hier eine Übernahme von Karma.

Noch ein Fall: Die dreißigjährige Maria wuchs in einem kolumbianischen Dorf auf. Als sie sieben war, wurde das ­Nachbardorf, in dem ihre Großmutter wohnte, von Terroristen heimgesucht. Eingesperrt in ihre Küche hörte die Großmutter die Schüsse, mit denen ihr Sohn (Marias Onkel) hingerichtet wurde. Kein Wort wurde je darüber gesprochen. Dennoch bekam Maria auf dem Umweg über Großmutters abgespeicherte Bilder alles mit. Fragte sie aber danach, wurde sie geschlagen. Wegen dieses zwanghaft sich immer wieder abspielenden mentalen Videoclips machte sie mehrere Selbst­mordversuche, den ersten mit acht Jahren. In unserer Sitzung sieht sie die entsetzlichen Bilder und durchlebt das Grausen ihrer Großmutter wie auch das ihres hingerichteten Onkels, jeweils aus der Warte der Betroffenen.

Was hat jemand von einer solchen Sichtung der Vergangenheit? Entlastung hat er davon, Erkenntnis und Erleichterung. Wir bleiben unentwegt dran, bis dieses Ergebnis eingetreten ist, in der Regel zwischen fünf und 15 Stunden an aufeinander folgenden Tagen. In kurzen Worten ist kaum darzustellen, wie dramatisch ein solches Nacherleben vonstatten gehen kann, welche Aufwallungen von Gefühlen und Empfindungen bis hin zu körperlichen Schmerzen dabei entstehen. Immerhin wurde da mächtig etwas unter dem Deckel gehalten! Diese Kraft aber, die man zum Verdrängen brauchte, die steht dem Sitzungspartner nach der Sitzung wieder als positive Lebenskraft zur Verfügung. Sind die jahrzehntelangen Selbstbegrenzungen erst einmal weggenommen, eröffnet sich neuer Spielraum für die Zukunft. Diese neuen Freiräume sind gewaltig, und es kann Jahre dauern, bis sie voll mit frischem Leben ausgefüllt sind.

 

Täter und Opfer miteinander ­verwoben

Transpersonale Interaktion besteht aus einem Kreuz und Quer miteinander verwobener Auswirkungen und Einwirkungen. Unbewältigte Erinnerungen, nicht unbedingt immer die eigenen, sondern auch aus dem kollektiven Erinnerungsspeicher stammend, üben ihre Macht aus und äußern sich als zwanghafte Verhaltensimpulse. Diese verspüren wir als Emotionen, als Faszination oder Abscheu, als „nichts wie hin“ oder „nichts wie weg“ (3).

Am Fall Marias veranschaulicht, waren Großmutter und Onkel brutalen Machenschaften zum Opfer gefallen. Deren Erinnerungsbilder übertrugen sich auf Maria und zerstörten Marias Leben. Indem sie die Horrorszenen wegzudrängen suchte, gab sie ihnen erst Kraft, wodurch sie umso stärker wirken konnten. Die Brutalität übertrug Maria auf ihre Mitmenschen, ließ die Versklavung an anderen aus. So wurde sie selbst in vieler Hinsicht zu einer üblen Person, zu einem „Täter“.

Maria war mit sich selbst nicht einverstanden. Sie hielt es nicht aus, dass sie andere verletzend behandelte oder sich selbst umzubringen versuchte und ungewollt selbst zum Täter wurde. Sie suchte Hilfe. „Echte“ Täter, etwa Berufskiller und Terroristen, melden sich nicht für bewusstseinserweiternde Schulungen. Solange sie sich im Recht sehen, solange sie an sich selbst nichts auszusetzen haben, besteht kein Wunsch nach Änderung. Ohne Einsicht keine Reue.

 

Jeder ist ein Täter

Offensichtlich lässt sich die Welt nicht bequem in Täter und Opfer aufteilen, denn des einen Karma kann am anderen hängen bleiben und verhaltenswirksam werden – und umgekehrt. Tut einer etwas Böses oder widerfährt ihm ein Unglück, ist es deswegen voreilig zu vermuten, dies ginge auf die Untaten aus seinem letzten Leben zurück. Im transpersonalen Sinn wäre vielmehr zu fragen: Was hat er aufgeschnappt? Wessen Bilder wirken auf ihn ein?

Schocks und Traumata werden verdrängt. Das dient dem eigenen Schutz. Doch bilden sich dadurch mental­energetische Spannungsfelder und als Ergebnis dessen haben wir Karma faustdick in der Luft hängen. Es wirkt in die Breite und setzt Verhaltensimpulse.

Verhaltensimpulse entstehen nicht nur durch böse Absicht, nicht nur durch Unachtsamkeit (zum Beispiel ein Unfall durch eine überfahrene rote Ampel), sondern auch durch das unbewusste, ungewollte Übernehmen des Schicksals anderer. Bei Flutwellen, Erdbeben, Flugzeugabstürzen und Kriegen bilden sich riesige informationsgeladene Mentalfelder, die als kollektiv wirkendes Karma an völlig anderen Orten in Form von Fehlhandlungen bis hin zu Amokläufen verhaltenswirksam werden können.

Für Flutwellen oder Vulkanausbrüche kann niemand etwas. Aber was wir aus unseren eigenen Erlebnissen oder den uns bedrängenden Bildern anderer machen, dafür können wir etwas. Für den Zustand seiner Psyche ist letztlich jeder selbst verantwortlich.

 

Immer eine eigene Resonanz

Dass einer diese Erlebnisse überhaupt hat beziehungsweise gerade diese Bilder „aus der leeren Luft“ zu sich herunterlädt, auch dafür kann er etwas. Es trifft nie einen Unschuldigen. Immer wieder zeigt sich bei MindWalking, dass man sich selbst eingebrockt hat, was man heute auslöffeln muss. Was genau, gilt es jeweils herauszufinden, doch ist es nie so simpel wie: „Weil Maria oder Gerda oder Helene die Qualen bestimmter Personen übernommen haben, müssen sie genau denen in einem vergangenen Leben mal was ganz Böses getan haben.“ So nicht! (mehr Fallbeispiele siehe (4).)

Davon, wie wir solche Eindrücke verarbeiten, wird unser Lebensgefühl bestimmt. Lässt du dich beeindrucken und ziehst den Schluss: „Ich bin klein, hässlich und unfähig; der Gegner ist größer und stärker als ich“, dann hast du verloren. Denn wer ist hier größer und stärker? Du als geistiges Wesen oder heruntergeladene Horrorbilder?

Wenn es eine Sünde gibt, dann diese: dass man wegen eines schmerzlichen Verlustes oder eines bedrohlichen Mentalbildes sein ewiges Sein in Abrede stellt – anstatt ein Unglück als Unglück zu betrachten, ein Bild als Bild, und die Erinnerung daran nach erfolgter Bereinigung mit Heiterkeit zu akzeptieren: Es war, wie es war, Schwamm drüber. Neue Zukunft, neues Glück.

Wer keine Angst vor Erinnerungen hat, der hat auch keine Angst vor der Zukunft, und nur der ist wirklich frei.

 


Buchverweise
(1) „Lexikon östlicher Weisheitslehren“, O. W. Barth 1986.

(2) „Die meisten kommen vom Himmel“, noch unveröffentlichter Artikel aus 2012, bitte vom ­Autor anfordern.

(3) Rolf-Ulrich ­Kramer, „Emotionen meistern – Bestimme selbst, wie du dich fühlst“, Param 2012.

(4) Rolf-Ulrich Kramer, „MindWalking – Unbelastet in die ­Zukunft“, Jentschura 2008. 


Abb: © serdarduran – Fotolia.com

3 Responses

  1. Kristina

    Der Autor hat das „Netzwerk der Verstrickungen“ welches zu eigener und kollektiven Karma führen kann, sehr schlüssig und logisch erklärt.
    Auch geht aus seinen Beispielen klar hervor, wie und warum das Opfer zum Täter (aggressiv und autoaggressiv) werden kann, womit weiteres Karma produziert wird.
    In dieser Hinsicht ist seine Arbeit verständlich und zu würdigen.

    Allerdings kann/soll jeder Mensch dafür sorgen, dass das kollektive Karma minimiert wird, indem niemand in eine Not- oder Zwangssituation getrieben wird.
    Eine der Lösungen bietet das Bedingungslose Grundeinkommen, welches dauerhaft ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht.
    Wenn die Grundbedürfnisse (Wohnung und Nahrung) für jeden dauerhaft gesichert werden, so wird niemand aus Not stehlen, betrügen und falschen Beruf (ohne Berufung) ausüben. Wenn der Lebensunterhalt gesichert ist, muss niemand Berufe nur für Geldzwecke missbrauchen.
    Leider ist es in unserer Gesellschaft üblich, dass viele Menschen missbräuchlich Berufe ohne Berufung ausüben, womit sie enormen gesellschaftlichen, materiellen und geistigen Schaden verursachen (kollektives Karma).
    Um kollektives Karma abzuarbeiten und dieses künftig zu vermeiden, soll jeder Mensch in seinem Umfeld dafür sorgen, dass jeglicher Zwang, Nötigung, Drohung, Bevormundung, Mobbing, Einschüchterung, Erniedrigung, Ausbeutung etc. beendet wird und jede Tätigkeit nur auf freiwilliger und friedlicher Basis stattfindet.
    Ansonsten werden wir weiterhin vorsätzlich kollektives Karma verursachen und multiplizieren z.B: übermüdete Fahrer, überfordere Eltern, traumatisierte Schüler, korrupte Arbeiter, gequälte Tiere, vergiftete Erde, etc.
    All das unnötige Karma und Schmerz werden weiterhin wie Tumore wuchern,
    wenn wir es kollektiv zulassen, dass die Arbeitsideologie bzw. Arbeitsreligion weiterhin über Menschen und über dem freien Willen gestellt werden und herrschen.

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  2. Stefan

    Langatmig und ohne grosse Aussagen. Artikel hat mich enttäuscht. Autor redet nur von seiner eigenen Welt. Für den Leser / für mich ohne Lerneffekt.

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