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Trotz vulkanbedingtem Flugchaos über Europa reisten 20.000 Menschen aus 130 Ländern zum alternativen Klimagipfel in Bolivien. Eingeladen hatte der bolivianische Präsident Evo Morales, der mit dem Gipfel einen Gegenpol zum regulären Klimagipfel bilden möchte. Statt von oben herab sollte dieser Gipfel von unten nach oben beschließen.

Systemfrage

Auch wenn der Gipfel natürlich politisch gefärbt war und Morales seine eigene Meinung, der Kapitalismus sei „der größte Feind der Menschheit (…), Synonym für Hungertod, Ungleichheit und der Zerstörung des Planeten“ recht deutlich zum Ausdruck brachte, machte er doch zugleich klar: „Es geht nicht mehr um Kapitalismus, Sozialismus oder Kommunismus, sondern um etwas Tieferes, ein neues planetarisches Paradigma.“

Dieses neue Paradigma beruht laut Morales vor allem in der Anerkennung der Rechte von Mutter Erde und der Einsicht, dass Naturschutz ein gemeinsames Interesse ist und in letzter Konsequenz auch den Menschen schützt. Statt Profitmaximierung und Imperialismus soll die Menschheit sich wieder als eine planetare Lebensgemeinschaft begreifen.

Neben den Ergebnissen in vielen kleinen Arbeitsgruppen, gab es drei Hauptforderungen und -beschlüsse: Die größten Verschmutzerstaaten wurden aufgefordert, ihre Emissionen bis zum Jahr 2020 um 50 Prozent zu reduzieren, ein internationales Klimagerechtigkeitstribunal soll Staaten, Unternehmen und Privatpersonen zur Rechenschaft ziehen, die für Umweltverschmutzung verantwortlich sind und 2011 soll eine internationale Abstimmung über eine Änderung der Wirtschaftsordnung stattfinden.

 

Weltweites Referrendum

Vor allem Letzteres könnte interessant werden. Nach den Vorstellungen der Teilnehmer sollen Regierungen, Umweltorganisationen und Gewerkschaften im April 2011 gemeinsam eine Abstimmung über Wirtschaftsordnung, Umweltschutz und die Umwidmung aller Rüstungsausgaben organisieren. Angestrebt wird eine weltweite Wahlbeteiligung von 50 Prozent.

Die weltweiten Militärausgaben von vier Milliarden Dollar täglich, sollten nach Vorstellung von Evo Morales dem Umweltschutz zugute kommen: „Die wirkliche internationale Verteidigung muss die Verteidigung von Mutter Erde sein.“

Eigentor

Für Morales war die Konferenz ein Erfolg mit Eigentor: Bolivien, dessen Wirtschaft genau wie die Venezuelas vor allem auf der Ausbeutung von Bodenschätzen beruht, wurde ebenfalls scharf kritisiert. Eine Arbeitsgruppe forderte den Präsidenten auf, sämtliche Großprojekte abzublasen, von denen indigene Völker direkt betroffen sind und außerdem ein Wirtschaftsmodell zu entwickeln, das nicht auf dem Export von Rohstoffen basiert.

Auch Morales selbst hatte sich mit missverständlichen Aussagen keinen Gefallen getan. In einer Rede kritisierte er Gentechnik und die industrielle Landwirtschaft und wies auf Studien hin, denen zufolge viele Lebensmittel mit weiblichen Hormonen belastet seien. Die etwas unglückliche Wortwahl „Das Hühnchen, das wir essen, ist voller weiblicher Hormone, daher haben die Männer, wenn sie dieses essen „Abweichungen“ in ihrem Wesen als Mann“ wurde von westlichen Nachrichtenagenturen schnell zur Schwulenfeindlichkeit umgedeutet und überschattete die gesamte Berichterstattung.

Startschuss für eine Gegenbewegung?

Ob der Klimagipfel wirklich die Grundlage für eine weltweite Bewegung gewesen ist, wird sich schon bald zeigen. In jedem Fall ist er ein Zeichen für einen sich formierenden Widerstand von unten und zeugt vom Willen der südamerikanischen Staaten sich weiter zu emanzipieren. Die weltweite Abstimmung zum Wirtschaftssystem darf mit Spannung erwartet werden.

 

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