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Wir schwimmen im Essen. Während alle 15 Sekunden ein Kind an Hunger stirbt, wird in den Industrieländern noch immer die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. Und wenn hierzulande Menschen das oft noch hervorragende Essen aus den Mülltonnen fischen, dann ist das Diebstahl – das meint zumindest die Staatsanwaltschaft in Sachsen, wo zwei Männer wegen „Containerns“ vor Gericht stehen.

 

Tausende Tonnen von Lebensmitteln werden weggeworfen

Erst kürzlich lief in der ARD mit „Frisch auf den Müll“ eine beeindruckende Dokumentation (online noch abrufbar), welche die frustrierenden Fakten der weltweiten Nahrungspolitik eindrucksvoll vor Augen führte und auch einige Lösungsansätze vorstellte – die direkte Kooperation von Konsumenten und Bauern nämlich. So werde der ganze Handel umgangen, wo nur perfekte Gurken in die Regale kommen und jedes Jahr Tausende Tonnen noch haltbarer Nahrungsmittel in den Müllcontainern der Supermärkte landen, um den Wettbwerb und die Preise stabil zu halten.

Deutschlandweit wird deshalb das sogenannte „Containern“ immer beliebter. Denn was die Supermärkte aussortieren, ist oft noch in hervoragendem Zustand. Bananen wandern wegen ein paar brauner Flecken in den Müll, Brot wird noch am selben Tag aussortiert, Joghurts werden noch vor Ablauf des Verfallsdatums weggeworfen. So sind die Müllcontainer hinter den Lebensmittelmärkten nicht selten eine wahre Fundgrube. Und es ist nicht nur Armut, die Menschen dazu bewegt, Lebensmittel aus Mülleimern zu fischen, es ist auch ein politischer Akt. Warum sollte man auch vorne in den Markt gehen, wenn dieser auf der Rückseite frische Lebensmittel wegwirft? Warum sollte man eine so absurde und menschenverachtende Praxis unterstützen?

Anklage: Diebstahl

In Sachsen stehen nun zwei Männer wegen Diebstahls vor Gericht, die Essen aus den Müllcontainern eines Supermarktes entnommen haben. Begründung: Der Müll gehöre den Discountern und der Abfallwirtschaft, Entnahme sei strafbar.

Die Staatsanwaltschaft erkannte sofort, dass dem Verfahren ein „besonderes öffentliches Interesse“ zukomme – wo kämen wir schließlich hin, wenn Menschen anfangen den pervers-verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln durch solch hochkriminellen Handlungen zu unterwandern?

Für den Angeklagten stellt sich die Realität etwas anders dar: „Aus meiner Sicht kann das besondere öffentliche Interesse nur darin liegen, die Lebensmittelvernichtung sofort zu stoppen.“ Weltweit hungerten Millionen Menschen. Das sei ein Verbrechen, nicht das Containern.

Heute ist der zweite Verhandlungstag.

Film zum Thema Lebenmittelverschwendung

„Frisch auf den Müll“
Interview mit dem Filmemacher Valentin Thurn

 

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Eine Antwort

  1. M Morell

    Ich kenne einige Menschen, darunter gut gekleidete, die sich hier bedienen. Sie mischen sich dabei mit Bewohnern von Wagenburgen, Punks und Hartz IV-Empfängern. Man teilt an der Tonne brüderlich. Oft werden von Marktbetreibern Reste aus Aschenbechern auf offene, verderblichere Ware gestreut. Perfide.

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