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Ein wenig sozialer Druck kann schon genügen, um das Gedächtnis eines Menschen zu manipulieren. Forscher vom Weizmann Institute und des University College Londons berichten in der Zeitschrift „Science“ von einem speziellen Aktivitätsmuster des Gehirns, das auf verfälschte Erinnerungen deutet. Dabei geht es nicht nur um Anpassung an Falschaussagen anderer, konnten sie in Experimenten zeigen. Sogar als sicher geglaubte Bestandteile des Gedächtnisses können völlig neu beschrieben werden.

 

Ein Ereignis, viele Versionen

Falsche Erinnerungen und das Implantieren von Gedanken sind nicht erst seit dem Kinofilm „Inception“ bekannt. Details des Hergangs eines Autounfalls oder des gemeinsam verbrachten Urlaubs klingen bei den Beteiligten später oft völlig unterschiedlich, Zeugen vor Gericht sind in ihrer Erinnerung immer wieder von Medienberichten beeinflusst und speziell Demenzpatienten haben manchmal Probleme, Erinnerung und Realität zu trennen. „Falsche Erinnerung ist für Menschen so real wie die historische“, so der Wiener Neuropsychologe Johann Lehrner gegenüber pressetext.

 

Sicheres kommt ins Wanken

Genauer untersucht haben die britischen und israelischen Forscher das Phänomen nun in einer Testreihe. Probanden wurden dazu viermal mit je einigen Tagen Abstand ins Versuchslabor eingeladen. Zuerst sahen sie in kleinen Gruppen einen Dokumentarfilm, beim zweiten Mal sollten sie Fragen zum Film beantworten und angeben, wie sicher sie sich dabei waren. Beim dritten Mal wiederholte man den Erinnerungstest in einem fMRI-Gehirnscanner, wobei die Forscher den Probanden jedoch scheinbare Antworten anderer Gruppenteilnehmer vorlegten.

Unter diesem „Spickzettel“ befanden sich auch einige falsche Antworten zu Fragen, die die Versuchspersonen zuvor schon korrekt und sicher beantwortet hatten. Die meisten – 70 Prozent – schlossen sich hier den frei erfundenen Falschaussagen an. Dass sie die falschen Erinnerungen tatsächlich für echt hielten, zeigte der Abschlusstest. Bei diesen klärte man die Probanden darüber auf, dass die scheinbaren Angaben der Kollegen nur zufallsgeneriert waren und bat sie zur nochmaligen Beantwortung. Einige überlegten es sich nochmals und korrigierten auf das ursprünglich Richtige, die Hälfte blieb jedoch hartnäckig im Irrtum.

 

Achillesferse im Gehirn

Spannend ist, was sich bei diesen „false memories“ im Gehirn abspielt. Denn dessen Aktivität unterscheidet sich sichtbar, je nachdem ob die falschen Gedächtnisinhalte nur kurzfristig infolge sozialen Drucks zustande kamen oder dauerhaft sind. Bei Letzteren wird der Hippocampus, der das Langzeitgedächtnis steuert, stark aktiviert und mit der Amygdala verknüpft, die laut den Forschern die Gehirnteile für Soziales und für Gedächtnis miteinander verschaltet und mitentscheidet, was abgespeichert wird. Bei dieser Schwachstelle könnte sozialer Druck dafür sorgen, dass sichere Gedächtnisinhalte durch falsche ersetzt werden.

 

Text: Pressetext.de

 

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