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„Es kommt auf jede einzelne Pflanzenart an. Überflüssige Arten gibt es gar nicht“, erklärt Studienautor Nico Eisenhauer von der Technischen Universität München die einfache Erkenntnis einer langjährigen Studie. Was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint, bricht mit einer der Grundannahmen der Ökologie und wird in der Landwirtschaft vielerorts noch immer nicht beachtet – mit fatalen Folgen.

Die in der Zeitschrift „Science“ vorgestellte Studie wies nach: Je mehr verschiedene Pflanzenarten auf einer Wiese wachsen, desto mehr Biomasse produziert sie und desto fruchtbarer wird auch der Boden.

 

Diversität punktet langfristig

Grundlage der Studie ist Biocon, eine der längsten bisherigen Beobachtungen von Biodiversität in Versuchsgärten. 14 Jahre lang wurden dazu mehrere, insgesamt 2.200 Hektar große Grasland-Parzellen in Minnesota beforscht, auf der Anfang der 1990er Jahre je eine, vier, neun oder 16 verschiedene Pflanzenarten gesät worden waren. Laufend wurden die Biomasse-Erträge dieser Flächen sowie die Bodenfruchtbarkeit erhoben und miteinander verglichen.

Die Ergebnisse sind ein Bruch mit bisherigen Grundannahmen der Ökologie. „Bisher glaubte man, dass zwischen sechs und acht verschiedenen Arten pro Parzelle der Produktivitätsanstieg abflacht. Dieser Sättigungseffekt zeigte sich auch bei uns, doch nur bei kurzfristiger Beobachtung bis etwa fünf Jahre. Wenn man Zeiträume von einem Jahrzehnt und länger betrachtet, erbringt jede zusätzliche Art noch signifikante Zugewinne für das gesamte System. Offensichtliche Redundanz ist somit gar keine Redundanz“, betont Eisenhauer.

 

Mehr Nährstoffe verfügbar

Wenngleich die genauen Ursachen dieses Zusammenhangs noch nicht bewiesen sind, gibt es Erklärungsmodelle. Je diverser die Pflanzen, desto vielfältiger ist auch das organische Material, das nach deren Absterben in den Boden geht. In Folge bilden sich im Laufe der Jahre in der Erde mit der Zeit Bodengemeinschaften von Zersetzern wie Insekten, Pilzen und Bakterien, die in ihrer Vielfalt den oberirdischen Pflanzenarten genau entsprechen. Sie erhöhen die Nährstoffverfügbarkeit – und damit auch die Produktivität.

Die Ergebnisse verdeutlichen laut Eisenhauer, wie wichtig der Artenschutz in Pflanzengemeinden ist. „Für die Praxis der Landwirtschaft heißt das etwa, dass Mähwiesen durch Artenreichtum mehr Ertrag abwerfen. Zudem ist die Vielfalt in den Grünstreifen um Felder von besonderem Vorteil: Mit jeder zusätzlichen Pflanzenart steigt die Diversität der Räuberinsekten, die laut früheren Forschungen auch in die Felder gehen und dort etwa die Zahl der Blattläuse reduzieren.“

 

Verlust jeder Art löst Kettenreaktion aus

Im Einklang dazu stehen Metastudien, die den Produktionseinbruch durch Artenverlust auf dieselbe Ebene stellen wie jenen durch Klimawandel und Umweltverschmutzung. Den Umkehrschluss konnte Eisenhauer selbst mit Kollegen aus Jena und Göttingen vor zwei Jahren in der Zeitschrift „Nature“ erbringen: Das Verschwinden jeder einzelnen Pflanzenart einer Wiese führt zum schneeballartigen Wegsterben auch anderer Organismen.

 

Bild: University of Minnesota

 

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