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Eigentlich hätte es hier im Fernsehen laufen müssen: Tausende Demonstranten zogen diese Woche vor das spanische Parlament und forderten nicht weniger als den Rücktritt der Regierung. Wären es etwas mehr gewesen, würde dies in die Kategorie „Revolution“ fallen. Laut offiziellen Angaben aus der Zeitung die Welt waren etwa 6000 Demonstranten an der Aktion beteiligt, andere schätzen weit über 10.000. Der gewaltfrei geplante Protestmarsch endete in einer blutigen Auseinandersetzung mit über 1300 Polizisten, etwa 60 Menschen wurden verletzt, die Hälfte davon auf der Seite der Polizei.

Zerfallende Gesellschaft

Die Proteste in Spanien gehen nun schon seit einem Jahr – mal sind es zehntausende, mal Tausende, die auf die Straße gehen, um gegen die drastischen Sparmaßnahmen zu demonstrieren, welche ihre Regierung nach dem Druck der EU beschlossen hat. Sparmaßnahmen, die langsam die Gesellschaft zersetzen. Es geht längst nicht mehr um kleine Steuererhöhungen, es geht mittlerweile um so elementare Sachen wie Hunger. 22 Prozent der spanischen Bevölkerung leben laut Caritas in Armut, 600.000 haben gar kein Einkommen mehr.

Die Suppenküchen haben regen Zulauf, mittlerweile suchen viele Menschen ihr Essen aus den Müllcontainern der Supermärkte – eine Praxis, die auch in Deutschland nicht unüblich ist, aber in Spanien laut New York Times offenbar immer größere Ausmaße annimmt. In Girona hat die Stadt angeordnet, dass alle Müllcontainer mit einem Schloss zu versehen sind, nachdem jeder Container täglich von 80-100 Menschen durchwühlt worden war. Neben den verschlossenen Containern stehen nun Sozialarbeiter mit Essensmarken und den Adressen von Suppenküchen.

Der Sturm aufs Parlament, das Essen aus dem Müll, nicht enden wollende Proteste, Raubüberfälle auf Supermärkte bei denen Essen gestohlen und vor der Tür an Passanten verteilt wird – Zeichen einer zerfallenden Gesellschaft mitten in Europa.

 

Griechenland: Krankenhäuser ohne Klopapier

Ähnlich sieht es in Griechenland aus. Über die Schicksale der Menschen dort ist wenig bekannt – die Medien sind beschäftigter damit, die absurde Politik zu dokumentieren, die von diesen Ländern immer mehr immer härtere Einsparungen fordert. Da gibt es Mütter, die ihre Kinder abgeben, weil sie weder Wohnung noch Essen für sie haben, da gibt es Menschen, die eben noch normale Arbeit hatten und nun zu fünft in einem kleinen Zimmer hausen, da gibt es Hilferufe aus vielen Krankenhäusern im ganzen Land – es fehlt längst nicht nur an Medizin, es fehlt an Essen, manchmal sogar an Geld fürs Klopapier.

Während man hierzulande noch spekuliert, ob das System nun zusammenbricht, oder nicht – in Griechenland und Spanien ist es zusammengebrochen. In Bangladesh hat es noch nie funktioniert. Bei uns wurde gerade in allen Zeitungen das neue iphone5 vorgestellt.

 

 

dr/Sein.de

 

2 Responses

  1. astrid

    Als Kind war ich oft in Griechenland, weil unsere Nachbarn dorthin gezogen waren. So bekamen wir Einblicke in das Land. Bereits in den 1980er Jahren redeten die Einheimischen von Korruption. Schon damals wurde im Krankenhaus zunächst einmal der behandelt, der zuvor einen ordentlichen Obolus entrichtet hatte. Als ich im Jahr 2000 einen Fischerhafen aufsuchte, in dem ich als Kind noch Tintenfische gesehen hatte, war daraus eine riesige Marina geworden. Von den dort liegenden Luxusmotoryachten waren die kleinsten schon so groß wie die größten, die wir heute in deutschen Yachthäfen liegen sehen können. Auf der Insel Rhodos gibt es ein Hotel neben dem anderen mit Swimmingpool. Die früheren Orangen- und Aprikosenplantagen verkommen. Woher kommt das Wasser in den Pools? Wer in Griechenland wehrt sich gegen die Waldbrände, die angefacht werden, um billig an Bauland zu kommen? Wer in Griechenland interessiert sich für Ökologie? Arme Griechen?

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