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In einem unlängst durchgeführten Experiment gelang es Forschern erstmals, die Gedanken einer Person über eine Distanz von tausenden Kilometern an eine andere Person zu übermitteln. Dabei sollte ein Proband in Indien an einfache Worte wie „Hallo“ und „Tschüss“ denken. Seine Hirnströme wurden per EEG gemessen, in Binärcode umgewandelt und anschließend per E-Mail zum zweiten, in Frankreich wartenden, Probanden geschickt. Der Binärcode wurde in Lichtblitze umgewandelt und sein Gehirn damit stimuliert. Die Wahrnehmung dieser Blitze ermöglichte dem Empfänger wiederum die Erstellung eines binären Codes, der – wenn alles gut ging – zu „Hallo“ und „Tschüss“ dechiffriert werden konnte.

Der Traum der telepathischen Kommunikation

Eine Technologie, die es ermöglicht, elektromagnetisch mit dem Gehirn zu interagieren, scheint vielen wie die technologische Verwirklichung vom Traum der telepathischen Kommunikation. Nicht umsonst ging die Meldung mit der Schlagzeile „Forschern gelingt „Telepathie“-Experiment“ durch die Presse. Der an dem Experiment beteiligte Wissenschaftler Giulio Ruffini kommentierte letzten Donnerstag etwas nüchterner: „Es ist definitiv nicht magisch“. Betrachtet man das Experiment und die dabei durchgeführten Schritte genauer, erhält man den Eindruck eines ziemlich komplizierten und umständlichen Verfahrens, was mit der landläufigen und romantischen Vorstellung von Telepathie nicht so viel zu tun hat.

Ihr Gehirn hat Post. Der Ablauf des „Telepathie“-Experiments:

Schritt 1: Wandle ein paar einfache Worte in binären Code um

Die Forscher codieren aus den einfachen Begrüßungsfloskeln „hola“ und „ciao“ eine binäre Reihe von Nullen und Einsen, um eine Übersetzungsmatrix für das Experiment zu erhalten.

Schritt 2: Verbinde den Sender mit einem EEG

Der Absender wird an Elektroden angeschlossen. Ein Elektroenzephalograph (EEG) liest seine Gehirnströme aus.

Schritt 3: Sorge für messbare Ergebnisse

Der Proband wird nun angewiesen, Arme und Füße zu bewegen, um so den binären Code (Füße für „0“, Hände für „1“) zu erzeugen. Als Zusatzhilfe bekommt er eine Rückkopplung: Auf einem Computerbildschirm kann er einen Kreis verfolgen, der seine Bewegungen visuell wiedergibt. Diese Hilfsmittel dienen dazu, besser auszuwertende Hirnströme zu erzeugen.

Schritt 4: Digitalisiere die Gehirnströme und schicke sie über das Internet

Die Signale, die das EEG aufgezeichnet hat, werden per Bluetooth an einen Computer übermittelt, dort verarbeitet und wieder in binären Code umgewandelt. Das Ergebnis wird anschließend via E-Mail an den Computer des Labors in Frankreich gesendet – zum zweiten Probanden, dem Empfänger.

Schritt 5: Statte den Empfänger mit einem Magneten aus, der die codierte Nachricht über Lichtblitze direkt in sein Gehirn überträgt

Es folgt die transkranielle Magnetstimulation: Der Proband, der die Nachricht empfangen soll, trägt eine Vorrichtung mit einem Magneten, der einen bestimmten Teil seines Gehirns mit Lichtblitzen stimuliert. Der Empfänger soll die Lichtblitze also nicht im herkömmlichen Sinne „sehen“, sondern nimmt „Phosphene“ (Lichtwahrnehmungen, die nicht durch Licht erzeugt werden) wahr. Um diesbezüglich sicher zu gehen, wurden Augen der Versuchsperson während des Empfangs der Nachricht verbundenen.

Schritt 6: Der Empfänger interpretiert die Lichtwahrnehmungen

Blitz steht für „1“,  kein Blitz steht für „0“. Der Proband teilt mit, was er „empfängt“ (Blitz oder kein Blitz) und die Einsen und Nullen werden zu einem binären Code zusammenfügt, aus denen am Ende des Experiments – mit viel Glück – die Worte „Ciao“ und „hola“ entschlüsselt werden können. Gehirnmail dechiffriert, „Telepathie“-Experiment geglückt.

Gedankenübertragung von Hirn zu Hirn per E-Mail – die Zukunft der Kommunikation?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Jeder klassische Kommunikationsweg ist in puncto Geschwindigkeit überlegen. Die Gesamtgeschwindigkeit des oben geschilderten Verfahrens dauerte ca. 70 Minuten. 70 Minuten, um „Hola“ zu sagen. Zudem gab es eine relativ hohe Fehlerquote von bis zu 15 Prozent – sogar das aus nur vier Buchstaben bestehende „Hola“ kam nicht immer fehlerfrei an. Das Verfahren ist derzeit also weder schnell noch effizient.

Brain-To-Brain Kommunikation – Verständigen ohne Schrift und Sprache

Trotzdem: Was einigen vielleicht wie ein umständlicher, wenn auch technisch aufwändiger Taschenspielertrick erscheint, ist für die beteiligten Forscher ein Erfolg. „Wir hoffen, dass dies langfristig radikal die Art und Weise verändern könnte, wie wir miteinander kommunizieren“, sagte Giulio Ruffini. So bekämen z. B. Menschen, die nach einem Hirnschlag nicht mehr sprechen können, eine neue Möglichkeit zur Kommunikation, da das Verfahren Fähigkeiten wie Hören und Sprechen überflüssig macht. Um aber brauchbar und praktikabel zu sein, benötigt diese Art der Verständigung von Gehirn zu Gehirn noch Jahrzehnte an Forschung und Entwicklung sowie Probanden, die geübt darin sind, gut auslesbare Gehirnströme produzieren. – Oder es werden andere, einfachere Telepathie-Technologien entwickelt. Die Konkurrenz schläft nicht.

 

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