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Die Berliner Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates eröffnete am 16. Juni eine liberale Moschee in Berlin. Es ist ein Ort, an dem Frauen und Männer gemeinsam beten und an dem es auch keine Rolle spielt, welche Glaubensrichtung jemand hat.

Im Berliner Stadtteil Moabit ist eine liberale Moschee für tolerant gesinnte Muslime eröffnet worden. Die Idee stammt von der türkisch-stämmigen Frauenrechtlerin Ates, die dafür im Anbau einer evangelischen Kirche einen Raum angemietet hat. Sie sagte, sie fühle sich in den anderen deutschen Moscheegemeinden als Frau diskriminiert.

Das Konzept der neuen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee sieht vor, dass Frauen und Männer gemeinsam und gleichberechtigt beten. Auch gibt es keinen Kopftuchzwang für Frauen und weibliche Imame. Die Moschee steht Sunniten, Schiiten und Anhängern anderer islamischer Glaubensrichtungen offen.

Seyran Ates hat ihre eigene Moschee gegründet, weil sie an einen toleranten Islam glaubt. Einen Islam, der Schwule und Lesben genauso willkommen sind genauso wie Frauen mit und ohne Kopftuch, jeder, ob Sunnit, Schiit, Alevit, der glaubt, dass es das geben kann: einen modernen, reformierten Islam; ein Gebetshaus, in dem Frömmigkeit und Vernunft Freunde sind.

Warum die liberale Moschee „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ heißt? Ibn Rushd war ein andalusischer Arzt und Gelehrter des 12. Jahrhunderts, der Muslimen wie Christen Aristoteles nahebrachte und in der Logik die einzige Möglichkeit des Menschen sah, glücklich zu werden. Und Johann Wolfgang von Goethe schrieb mit dem West-Östlichen Divan jenes Werk, das bis heute die muslimische und die christliche Welt verbindet.

Aber nicht nur die verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen wie Sunniten, Schiiten, Sufis und Aleviten, sondern auch Juden und Christen sind in der liberalen Moschee willkommen. „Aber wir gehen noch einen Schritt weiter“, sagte einer der sieben Gesellschafter, der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, auch die Anwesenheit von Atheisten sei ausdrücklich erwünscht. Im Anschluss an die Eröffnungszeremonie hielten Gläubige verschiedener islamischer Richtungen ein Freitagsgebet ab. Die Predigt sprach Seyran Ates selbst. Es handelt sich um die erste muslimische Moschee in Deutschland, in der Frauen nicht nur gemeinsam mit Männern unverschleiert beten, sondern auch selbst predigen dürfen. Ähnliche Projekte gibt es bislang nur in England und Amerika.

Zwei Ereignisse führten dazu, dass Seyran Ates ihren Glauben öffentlich macht. Das eine geschah am 25. September 1984: Der Mann einer Frau, die sie vertrat, schoss Seyran Ates an. Sie schwebte zwischen Leben und Tod, spürte, wie sie ihren Körper verließ, sah, wie sich ihre Kollegin beim hektischen Versuch, 112 zu wählen, immer wieder verwählte, und dann war da Gott. Sie fühlte Wärme und Frieden, sie wünschte mitzugehen, und sagte dann entschuldigend zu Gott: Ich bin noch zu jung, ich hab noch zu viel zu tun. Sie überlebte. Seitdem, so sagt sie, habe sie keine Angst mehr vor dem Tod, seitdem sei sie mehr denn je überzeugt, dass es diese andere Welt gibt.

Das andere Ereignis war weniger dramatisch: Von 2006 bis 2009 gehörte die prominent gewordene Rechtsanwältin der Islamkonferenz an, die der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufen hatte. Sie war als Vertreterin jener Muslime berufen worden, die sich nicht durch die theologisch konservativen islamischen Verbände repräsentiert sehen, sie stritt mit den Verbandsvertretern, und irgendwann sagte Wolfgang Schäuble, das Problem der liberalen Muslime sei, dass sie sich nicht organisierten, dass sie keinen Verband hätten, der Einfluss und Repräsentation reklamieren könnte. Stimmt, dachte sich Ates.  

Die Startfinanzierung der Moscheegemeinde erfolgt bislang aus privaten Mitteln der Gründerin, die eine ganze Reihe von Verwandten zur Mitarbeit bewegt hat, und aus Spenden. Ates hob hervor, dass „viele türkische Männer“ unter den Unterstützern seien. Für den Raum in der Gemeinde zahlt sie keine Miete, sondern ein Nutzungsentgelt, das die zusätzlichen Kosten abdecken soll. Langfristiges Ziel ist aber eine eigene Moschee, besser noch ein Gebäude mit Gebetsräumen für verschiedene muslimische Konfessionen und einem gemeinsamen zentralen Saal.

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