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In vielen spirituellen Traditionen des Ostens wie des Westens gibt es die Rolle des spirituellen Lehrers oder Gurus. Ihn, „der die geistige Dunkelheit vertreibt“, haben seine Schüler als oberste Autorität anzuerkennen, um sich weiterzuentwickeln. Passen diese überlieferten Rollen noch in unsere moderne Zeit, in der wir vor der Herausforderung stehen, wirklich erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen, damit das Projekt Menschheit nicht scheitert?

 

Brauche ich einen spirituellen Lehrer, um mich weiterzuentwickeln und um letztlich aufzuwachen aus meiner Welt der Verstrickungen und des persönlichen Leidens? Um endlich verfügbar zu sein für das große Ganze, anstatt mich ständig um mich selbst zu drehen? Der ehemalige „Guru“ Mushin J. Schilling, lange Jahre Schüler des spirituellen Lehrers Michael Barnett und ebenfalls viele Jahre Leiter einer eigenen spirituellen Gemeinschaft, sagt: nein. Die Zeit der Gurus und der Hierarchien sei vorbei: „In den alten Guru-Strukturen mit der „erweckenden“ Medizin wird das soziale Gift der pyramidalen Machtstrukur verabreicht“. Wir leben in einer Zeit, in der es darum gehe, voneinander auf gleicher Ebene zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Eine Lehrer-Schüler-Beziehung im klassischen Sinne kreiere eine Kluft, eine Stufe, ein „hier unten, da oben“, ein „weiter und weniger weit“. Sie weise einem Menschen eine Rolle zu, die ihm nicht zukommt, gebe ihm Macht und schaffe auf der anderen Seite Abhängigkeit. Sie behindere eine offene Kommunikation. Sie mache den Schüler klein und den Lehrer groß und gestehe ihm – der das Ego ja schon transzendiert haben soll – zu, in vielen Bereichen (und im Extrem überall) besser als der Schüler zu wissen, was das Beste für ihn und sein Leben ist.

Den Verstand abgeben

Sicher liegt in dieser Ansicht viel Wahrheit. Die sich leider immer wieder mal bestätigt, wenn man von Lehrern liest, die ihre Schüler missbrauchen, von Mitgliedern spiritueller Gruppen, die ihre Verantwortung und ihren gesunden Menschenverstand am Eingang des Gruppenraums abgeben. Suchende, die ihre stimmigen eigenen Grenzen ein ums andere Mal überschreiten, weil der Guru es ihnen unter dem immer wieder greifenden Hinweis „Willst du dahin, wo ich bin, willst du das Ego überwinden? Dann tu es!“ mit mehr oder weniger subtilem Druck nahe legt. Wenn sie ihn nicht durch die „Aufgabe“ ihrer Egospiele und der „Hingabe“ an ihn zufriedenstellen wollen und können, ist er enttäuscht von ihrem Mangel an Vertrauen und entzieht ihnen seine Liebe. Und das wollen die meisten nicht erleben. Denn unter den Suchenden gibt es – wie überall – jede Menge unaufgelöster Elternprojektionen, die natürlich in einer Guru-Schüler-Beziehung wunderbar bedient werden. Was Schüler alles anstellen, um Bestätigung und Liebe von „Papa“ Guru zu bekommen, ist hanebüchen.  Ein wirklich reifer Lehrer erkennt diese Projektionen und arbeitet mit ihnen, um den Schüler letztlich frei und erwachsen gehen zu lassen, um ihn zu befähigen, allein zu stehen. Der Kern seiner Aufgabe besteht letztlich darin, sich überflüssig zu machen. Leider gibt es aber immer wieder Lehrer, die die Energie der Schüler brauchen, um sich selbst davon zu ernähren. Die sich durch die Anbetung ihrer Schüler aufwerten. Die zwar bestimmte Kräfte, Präsenz und Charisma besitzen, aber noch selbst viele unbearbeitete und unbewusste Ego-Anteile haben. Also ein unreifes inneres Kind, das Bestätigung braucht. Diese Bestätigung bekommen sie in ihrer Rolle als Guru natürlich von ihren Devotees in hohem Maße. Und kritisiert wird nicht: Mit dem Prädikat „erleuchtet“ erhält der Lehrer oft einen Vollkommenheitsstatus, der sein Handeln als reinen Ausdruck des göttlichen Bewusstseins ausweist. Seine Schüler, die im Dunkel ihrer Verblendung und Unwissenheit herumirren, können die wahren Beweggründe seines Handelns natürlich nicht sehen. Was brutal und unmenschlich erscheint, kann auf diese Weise wunderbar als reinigend, transformierend und sinnvolle Zerstörung des Egos präsentiert werden. Natürlich gibt es auch stimmige Ansätze dieser Art. Wenn Osho die Reichen und Berühmten, die nach Poona zu ihm kamen in der Erwartung, ihrer Stellung gemäß auch in der Kommune besondere Posten zu erhalten, zum Latrinenputzen einteilte, dann ist das eine durchaus gesunde Weise, Vorstellungen und Identifikationen zu zerbröseln (obwohl man auch nicht sicher sein kann, wie weit das ein durchaus kalkulierter Marketingtrick war). Wenn dagegen aber gesunde und lebensnotwendige Strukturen eines Menschen zerstört werden, um angeblich sein Ego zu zerbrechen, um zu sehen, wie weit er bereit ist, sich vollends aufzugeben und der Weisung eines anderen Menschen unterzuordnen, der behauptet, im Besitz der Wahrheit zu sein und nur zum Besten aller zu handeln, dann ist das Missbrauch.

Das Ego schocken

Sind die selbsternannten spirituellen Lehrer dann noch sehr intelligent, rede- und formuliergewandt und haben eine starke Ausstrahlung – wie beispielsweise der Amerikaner Andrew Cohen – schart sich schnell eine wachsende Gemeinde um sie, die jedes Wort, das über ihre Lippen kommt oder aus ihrer Feder fließt, für pures Gold halten. Erfüllt ein „Jünger“ die ihm zugewiesene Rolle nicht, folgen meist massive Sanktionen – natürlich nur, um dem Ego einen Schock zu versetzen und damit „moksha“, Befreiung, zu erreichen. Und alles geschieht natürlich allein aus Liebe, auch wenn der Schüler das nicht spüren kann. Wenn man liest, was in der spirituellen Gemeinschaft von „Guru“ Andrew Cohen für Machtspiele abliefen, die angeblich das Erwachen unterstützen sollten, dann möchte man doch lieber weiterschlafen. Als Buße und zur Überwindung und totalen Kapitulation des Egos mussten Frauen beispielsweise wiederholt eine Stunde im eiskalten Wasser stehen, bis sie total unterkühlt waren. Da wird kein Ego gedemütigt, sondern die Gesundheit von Menschen angegriffen. „Normale“, nicht im Ashram wohnende Schüler merken davon allerdings kaum etwas, das Ego-Schocken geschieht umso heftiger, je näher die Devotees „IHM“ sind. Mehr von derart krankhaften Erziehungsmaßnahmen, die eher an eine Militärdiktatur als eine spirituelle Gemeinschaft des 21. Jahrhunderts erinnern, kann man in dem Buch “Liegestütz zur Erleuchtung” eines ehemaligen Mitglieds von Cohens Gemeinschaft, André van der Braak, nachlesen (Ein Interview mit dem Autor über seine Zeit bei Cohen, die Gründe, warum es ihn so lange in der Gemeinschaft hielt, und die Mechanismen einer totalitären Lehrer-Schüler-Beziehung können Sie hier lesen).

Der renommierte Protagonist einer integralen Spirtualität Ken Wilber scheint sich an der Verfahrensweise seines Kumpels Andrew allerdings nicht zu stören und stellt sie kurzerhand als Tugend heraus. Im Vorwort zu Cohens Buch „Erleuchtet Leben“ schreibt er: „Andrew Cohen ist ein grober Bursche. Grobe Burschen sind nicht hier, um zu trösten, sondern um zu erschüttern, nicht um es uns bequem zu machen, sondern um zu zerstören. Sie sind kompromisslos, brutal, wie ein Laser. Sie greifen das Ego von Grund auf an. Er ist hier, um dich in ein paar tausend Stücke zu zerreißen, damit die Unendlichkeit dich wieder zusammensetzen kann, damit Freiheit an die Stelle von Gefangensein tritt, damit die Fülle die Angst überstrahlt.“ Markige Worte, die sicher bei all denen ankommen, die das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten, und hier eine Möglichkeit sehen, den Quantensprung ins Erwachen vielleicht doch mit der Brechstange zu schaffen. Dass hier vielleicht Machtmissbrauch schöngeredet wird, bleibt im Filter der unendlichen Sehnsucht nach Befreiung und Erleuchtung hängen und wird ausgeblendet.

Die positive Seite

Also hat sich die Lehrer-Schüler-Beziehung wirklich überlebt, weil die Möglichkeit des Machtmissbrauchs zu groß ist? Weil das blinde Vertrauen vieler Suchender und ihre Sehnsucht nach dem perfekten Übervater auch den gutwilligsten Lehrer irgendwann kompromittieren? Überwiegen die negativen Seiten? Sollen wir statt dessen das Vorhandensein von verschiedenen Entwicklungsebenen menschlicher Reife abstreiten? Nein. Zu oft habe ich in Gruppen von Gleichwertigen erlebt, wie der Einäugige dem Blinden versucht hat zu helfen. Manchmal entwickelt sich daraus ein durchaus spannender, fördernder Prozess, bei dem alle Beteiligten überrascht sind, welche Qualitäten in ihnen stecken. Aber oft drehen sich alle im Kreis und es entstehen weder Tiefe noch Entwicklung, weil die eigenen neurotischen Anteile natürlich nicht enttarnt werden wollen und sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln schützen. Warum soll man nicht auch im Bereich der  Lebensführung und Persönlichkeitsentfaltung Menschen in Anspruch nehmen, die klarer als man selbst sehen? In der Schule und im Beruf gesteht man doch auch anderen die Autorität zu, schon einen Weg gegangen zu sein, den man selbst noch nicht so weit beschritten hat. Warum soll ich nicht zugeben, dass es Menschen gibt, die bereits eine Stufe erklommen haben, vor der ich noch stehe? Und mir deren Hilfe zunutze machen?

Aktuell fiel mir das wieder anlässlich des Berlin-Besuchs der bekannten amerikanischen Satsang-Lehrer Gangaji und Eli Jaxon-Bear auf. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt innerlich wieder mal völlig verlaufen und in meine persönlichen Geschichten verstrickt. Ich hatte zwar die Erfahrung gemacht, dass ich auf einer transzendenten Ebene nicht der Körper, die Emotionen und die Gedanken bin, sondern Gewahrsein, in dem das alles auftaucht, aber was ich lebte, war: Ich muss, ich brauche, Ich ist wichtig, Ich ist alles, erst wenn das bestimmte Problem gelöst ist, kann ich entspannen usw. Ein Abend mit Eli und ein weiterer mit ihm und seiner Frau Ganganji halfen, mich wieder „einzunorden“. Es war nichts Neues, was ich dort erfuhr, aber ich wurde wieder daran erinnert, worum es geht. Das Zusammensein mit ihnen führte mich an den Punkt, an dem  ich mich verlaufen hatte und von dem aus ich wieder in eine andere Richtung gehen kann. In einfachen Worten, für jeden verständlich. So einfach und verständlich, dass ich wieder mal kaum glauben konnte, was ich für Spiele gespielt hatte. Als Eli mit einer Frau arbeitete, fragte er sie: Vertraust du dem Leben oder deinen Gedanken? Wem dienst du: dem, was du als Wahrheit erkannt hast, oder deinen Vorstellungen? Und ich merkte, dass ich wieder mal auf die Gedanken hereingefallen war. Die Gedanken, die ständig von sich behaupten, dass sie so unglaublich wichtig, ja, überlebensnotwendig sind, dass ich ihnen folgen, dass ich sie zu Ende denken muss. Anstatt einfach anzuhalten und den Gedankenzug, wie Gangaji sagte, durchrauschen zu lassen ohne aufzuspringen.

Hilfe aus dem Irrgarten der Gedanken

Wenn du Schüler eines integren spirituellen Lehrers bist, dann musst du dich vielleicht nicht so oft und lange verlaufen. Im direkten Kontakt kann er dich immer wieder an diesen Punkt hinführen, wo du ohne ihn in die Unbewusstheit fällst und den Gedankenzug besteigst – wo aber immer auch die Wahl besteht, das Ticket nicht zu lösen und statt dessen still zu werden. Das nennt Eli die Bereitschaft, der Welt den Rücken zu kehren. Das heißt nicht, sich aus dem Leben zurückzuziehen, sondern der Welt des Verstandes mit seinen Verheißungen, Sorgen, Horrorszenarien, Glaubenssätzen, Selbstrechtfertigungen, inneren Diskussionen und komplett nutzlosen und immer wiederkehrenden Selbstgesprächen die Energie zu entziehen. Und das immer wieder und wieder zu tun – bis zum letzten Atemzug, wie Elis Lehrer Papaji sagte. Der kontinuierliche Kontakt zu einem spirituellen Lehrer hilft dabei. Spirituelle Reife heißt nach Eli in diesem Sinne, dass du erkannt hast, dass du nicht die Gedanken, sondern Gewahrsein bist, und verstanden hast, dass die Identifikation mit den Gedanken und das daraus hervorgehende Handeln dein gesamtes Leiden hervorruft. Und dass du dieses Leiden satt hast und bereit bist, deine Energie und Aufmerksamkeit darauf auszurichten, die Gedanken und ihre verführerischen Verheißungen immer wieder bloßzustellen und ihnen nicht mehr zu folgen. Auch in diesem Prozess ist ein spiritueller Lehrer eine große Hilfe, denn schnell vergisst man im Trubel des Alltags wieder seine innere Verpflichtung – siehe oben. Eli nennt das: Dann kommen die Tests. Bist du wirklich bereit, den Gedanken und Vorstellungen Ade zu sagen und nur noch deinem Herzen zu folgen? Oder gehst du bei der nächsten Herausforderung in die Knie, wenn deine Gedanken Amok laufen und warnen: Das kann ich nicht, das ist zu peinlich, das macht mir Angst, heute bin ich nicht so drauf, das ist zu heftig, erst brauche ich noch…

Der Weg mit Herz

Also warum sich nicht in das Feld eines anderen einklinken, der ein höheres Energieniveau hat und der mir so hilft, mir Strukturen bewusst zu machen, mich mit ihnen zu konfrontieren und sie vielleicht sogar aufzulösen. Warum nicht zugeben, wenn ich nicht mehr weiter weiß und Hilfe brauche?

Und warum soll ein Mensch, der dem Rest der Menschheit in dieser Hinsicht schon ein paar Schritte voraus ist, die Weitergabe seiner Erkenntnisse nicht zu seiner Aufgabe und seinem Beruf machen und dafür in Form von Workshops oder Ähnlichem Geld verlangen, wenn die Gesellschaft noch nicht so weit ist, ihn so zu unterstützen, dass er seine Fähigkeiten auch kostenlos weitergeben kann. Von irgendwas muss er schließlich leben. Und warum soll ich nicht dafür zahlen, wenn das, was er anbietet, genau das ist, was ich möchte. Wobei wir wieder bei der Frage sind, wie ich mir sicher sein kann, ob ich das bekomme, was ich mir erträume. Sicher sein kann ich nicht. Aber in den Jahren meiner Suche haben sich bei mir bestimmte Kriterien ergeben, anhand derer ich für mich entscheide, ob der Lehrer zu mir passt (die können natürlich bei jedem andere sein).

Eine extreme Unterordnung, Unterwerfung und Anbetung halte ich für unstimmig, denn immer wieder sieht man – siehe auch am Beispiel Eli Jaxon-Bear, der mit einer seiner Schülerinnen eine jahrelange Beziehung hatte, das aber seiner Frau und allen anderen verheimlichte – dass auch spirituelle Lehrer, die die Worte Wahrheit und Wahrhaftigkeit gerne und häufig auf den Lippen tragen, noch ihre äußerst menschlichen Schattenseiten und Schwächen haben, die der Klärung bedürfen. So lange wir auf der Erde sind, haben wir alle noch Reste von Unwissenheit, sonst wären wir nicht mehr hier.

Diese Akzeptanz menschlicher Unvollkommenheit schließt für mich aber nicht aus, die Ressourcen von Menschen zu nutzen, die oft älter sind als ich, mehr Lebenserfahrung haben und die von sich behaupten, ein glückliches Lebens zu führen – auch wenn es nicht perfekt ist. Ich nehme das, was ich gut finde, muss aber nicht alles nehmen und akzeptieren – auch wenn einige Lehrer genau darin einen Hinweis auf die trickreiche Argumentation des Egos sehen, das die Konfrontation mit dem, was es auslöschen könnte, vermeiden will. Aber in diese Dispute kann man sich endlos verstricken. Man muss sich einfach für eine Herangehensweise entscheiden. Für mich heißt das einerseits Offenheit und auf der anderen Seite immer wieder die Überprüfung: Mache ich echte Fortschritte und fühle mich freier, entspannter, anderen zugewandter, mitfühlender und liebevoller? Komme ich immer mehr aus meinem Kopf und hinein ins Fühlen? Schwebe ich in gedanklichen Theorien und Konstruktionen oder nehme ich die Welt immer mehr über meinen Körper wahr? Komme ich im Leben an? Und wenn nicht: Kann ich den Lehrer damit konfrontieren und geht er in dem Sinne damit konstruktiv um, dass er mit meiner Resignation, meiner Verzweiflung und Frustration arbeitet und mich nicht abweist und im Regen stehen lässt? Und das Allerwichtigste: Ist der Lehrer glücklich und hat – für mich fühlbar – Herz und Mitgefühl? Denn wenn es kein Weg mit Herz ist, den er vermittelt, gilt ganz klar: ohne mich.


Abb.: © Daniel Schmid – Fotolia.com
Abb.: © fotandy – Fotolia.com
Abb.: © moonrun – Fotolia.com

Mail von Mushin J. Schilling an Jörg Engelsing nach dem Lesen des obigen Textes:

 

Es sind leider solche Schlussfolgerungen (bezieht sich auf den letzten Absatz, d. Red.), die das Ganze instand erhalten. Wenn einer wie Eli problemlos sein Comeback machen kann, nachdem er solch grundlegende Heuchelei betrieben hat, und zwar mit ganz genau den gleichen ‚Lehren‘ wie zuvor… und wenn du das dann auch noch implizit als Weg mit Herz sanktionierst, dann, ja dann verstehe ich jetzt wirklich, wie zynisch die Wirklichkeit sein kann.

 

Hallo Mushin,

 

vielen Dank für dein ehrliches Feedback. Ich sehe einfach einige Dinge anders als du. Beispielsweise finde ich es nicht grundsätzlich falsch, wenn ein Lehrer sich in seine Schülerin verliebt und eine Beziehung und Sex mit ihr hat – er sollte nur nicht darüber lügen, wie es Eli getan hat. Ich habe das Gefühl, dass du in einer Lehrer-Schüler-Beziehung nur die Machtstrukturen siehst, aber keine ehrlichen Gefühle, die da durchaus gewesen sein können, egal wie schräg das Ganze sich entwickelt hat. Ich sehe auch die Lehrer-Schüler-Beziehung bei diesem Beispiel nicht als den entscheidenen Punkt, vielmehr die Unehrlichkeit Elis.

Dass Eli irgendwann sowas passieren würde, habe ich schon vor vielen Jahren geahnt, als ich ein Interview mit ihm und Gangaji (ich glaube, in der Connection) las und Gangaji ihm sehr rigide Beziehungsgrenzen zog: Wenn er mit einer anderen etwas hätte, dann wäre es aus und er müsste sich entscheiden, was er will. Viele Frauen oder nur sie. Damals dachte ich schon: Da vermeidet jemand aber unglaublich etwas, ob das mal gut geht (denn sie schließt ja etwas aus, nämlich verletzt zu werden, das will sie sich nicht ansehen)?

Auf Gangajis Forderungen kann man eigentlich nur antworten: Liebe ist weder vorhersehbar noch teilbar. Wenn es geschieht, dass Eli sich in eine andere Frau verliebt, dann schau dir deinen eigenen Schmerz an, der wohl etwas mit dem Abgelehntwerden in der Kindheit zu tun hat. Und wenn Eli wirklich in Liebe ist, wie er es sagt, dann schließt eine neue Liebe die alte nicht aus. Ich weiß nicht, ob Eli überhaupt begriffen hat, in welche gesellschaftlich konditionierte, tausende Jahre alte Falle er da getappt ist. Er ist da nur ein Beispiel für viele. Er und auch Gangaji haben die Chance verpasst, Beziehung weiter zu fassen als die normale Zweierbeziehung, Grenzen wirklich zu sprengen und zu zeigen, wohin die Evolution geht. Das ist in diesem Fall für mich der Kernpunkt des „Skandals“ und nicht ein Missbrauch der Lehrer-Schüler-Beziehung. Dazu müsste ich zumindest auch erst einmal hören, was die Schülerin dazu meint.

Und trotz der ganzen Problematik kann ich sehen, das Eli grundsätzlich etwas auf einer tiefen Ebene begriffen hat, was bei mir erst an der Oberfläche erkannt und noch nicht tiefer gesickert ist. Und davon bin ich bereit zu profitieren, bis für mich erwiesen ist, dass dieser Mensch wirklich in übler Weise Macht missbraucht und einen anderen Menschen ausgenutzt und geschädigt hat. Dass er sich verliebt hat, werde ich ihm nicht ankreiden. Und bezüglich der Lügerei möchte ich deine eigenen Worte benutzen, die du mir mal in einem Interview gesagt hast: Erwachen ist nur eine Baustelle, es gibt noch jede Menge andere.

 

Liebe Grüße und danke auch dafür, dass ich mich noch mal mit der Thematik auseinandersetzen musste

 

Jörg

 

 

 

Lieber Jörg,

 

diese Auseinandersetzung ist sicherlich fruchtbar. Ich hinterfrage gerne meine Positionen in alledem und du zeigst mit deiner Beharrlichkeit natürlich auf Gebiete, die ich gerne übersehe.

Mein Weg hat mit Emanzipation und Befreiung zu tun, da kann ich Machtstrukturen nicht einfach außen vor lassen und ignorieren.

Wenn du liest, was Rudolph Hess über seinen Freund, den Führer gesagt hat, dann spürt man die Herzenswärme, die zwischen diesen beiden geflossen ist.

Wenn du liest, wie hervorragende und tief erleuchtete Zenmeister Kamikaze-Piloten gesegnet haben, bevor sie abhoben und sich zum Wohle des Groß-Japans auf dessen Feinde gestürzt haben, dann verstehst du vielleicht, dass man dies alles – in meiner Sicht – nicht so gefühlsduselig verbreiten kann.

Eli hat etwas auf einer tiefen Ebene begriffen, sicherlich. Das hat der Papst auch. Und Ayatholla Khomeini auch.

Und wir alle profitieren von vielen unseligen Praktiken weltweit; auch ich bin ein Nutznießer eines in sich ziemlich verlogenen kapitalistischen Systems.

Und sicherlich ist vieles von dem, was Erzkapitalisten sagen, hilfreich und nützlich. Und kann mir nicht nur helfen, sondern hilft mir tatsächlich.

Ich denke, dass das sehr versöhnliche Ende deines Artikels genau das aussagt.

Und auch mein Dank für diese Auseinandersetzung mit diesem Thema.

 

In diesem Sinne,

alles Liebe,

Mushin

 

Ich freue mich auf weitere Feedbacks.

Jörg Engelsing

7 Responses

  1. Volker

    Die Menschen lügen sich über sich selber an. Das schliesst Eli + Gangaji mit ein. Sie haben noch starke, im US-Kollektiv verankerte Konzepte über Beziehung und Ehe – die kilometer weit entfernt sind, von dem, was in einer Erleuchteten Gesellschaft möglich wäre. Wir alle sind freie Wesen in einem freien Universum. Wir sind alle eins. Wir gehören niemanden. Niemand kann irgendjemand gehören. Das ist völlig unmöglich.

    „Wenn Sie Ihren Partner verändern wollen lieben Sie ihn nicht wirklich. Jeder, der Treue verlangt, will seinen Partner verändern! Heirat mit seinem Treueversprechen bedeutet das Gelübde, den Partner nicht so zu lieben, wie er wirklich ist, sondern nur das Bild, das man von ihm verlangt, dass er darstellen soll.“

    Das ist nicht von mir, sondern aus einem Buch, wo das erste mal Ehe und Kinder mit einer schonunglosen Offenheit aus einem spirituellen Winkel geredet wird, die ich noch niergend wo anders gelesen habe. Es heisst „Sie wollen keinen Erfolg – Sie wollen glücklich sein“. Das sollte man allen diesen verheirateten US Erleuchteten schenken. Es ist noch längst nicht alles ausgesprochen in der „Erwachten Welt“. Es gibt noch Tabus: Treue, Ehe, Kinder. Dieses Buch spricht auch das endlich an.

    Antworten
  2. Isolde Kretzer

    D ie Deutsche Guruszene arbeitet nächtlich energetisch an freiwilligen Anhängern aber auch an Menschen die mal ein Retreat besuchten und keinen Lehrer suchten.Die Menschen werden an ihren Schwächen gepackt und in Angst und Schrecken versetzt.So werden ihnen dann regelmäßig die Lebenskraft ,die sexuelle Kraft und das Licht entzogen.Alles gegen den freien Willen.Die sogenannte Heilerszene ist mit solchen Guru-Besetzungen überfordert und kann meisst einem Hilfesuchenden nicht helfen.Die Psychotherapeuten halten energetische Übergriffe für unmöglich und suchen in den ausgebrochenen Krankheiten der vom Guru Mißhandelten die Ursachen in der Kindheit.Ein unsägliches Leiden vieler wird abgetan und von esoterischen Kreisen auch von sog.spirituellen Kreisen,auch in vielen Heilkreisen-kurzum in allen Kreisen die sich dem Helfen der Menschen verschrieben haben.Ein riesiges Ausmaß an energetischer Menschenrechtsverletzung findet statt.Das leid das angetan wird ist die Hölle auf Erden.Und kein Ende in Sicht.Die selbsternannten Lehrer und Leherinnen schaffen eine Schülerschar und ZufallsenergiespenderInnen die Als schwarze Löcher noch existieren,ansonsten unfähig zu Selbstmeisterschaft und Kräftemäßig unfähig ein erfülltes und freies Leben zu führen .

    Antworten
  3. monika

    lieber jörg, dieses belehrend religiös angehauchte „unbewusstes muss bewusst werden und wird dadurch göttlich rein, keine ‚falschen‘ muster treten mehr auf…..blablabla“ kotzt mich dermassen an.
    Gott in Fleisch und Blut ist Mensch. lass dir dass auf der zunge zergehen.
    ganz Mensch. so ist das Spiel.
    da muss nix „verbessert“ werden. nix „bewusster“ werden. da muss kein „übermensch“ entstehen. das Spiel ist erst richtig gut als „Animal“ (rasse Mensch).
    herzlichst,
    monika

    Antworten
  4. Jörg engelsing

    Hallo Ulrike und Judith,

    hier meine Antwort auf den Satz:
    „Ich denke, für den, der wirklich in LIEBE ist, ist beides nicht nötig: den Partner einzuschränken genausowenig wie alles auszuleben, zu dem ich mich hingezogen fühle.“
    Natürlich stimmt das. Aber das Ausleben passiert nun mal und hier ist es passiert. Der obige Satz trägt in sich immer noch eine Distanz zu dem, was ist. Entweder lasse ich mich auf die völlige Freiheit ein und stelle mich dem, was daraus erwächst, oder ich baue mir Sicherheitsnetze ein: Ja, ich bin schon für die Freiheit, aber ich muss sie ja nicht immer ausleben.
    Ich kann eine Erdbeere betrachten, an ihr herumschmuppern und mir erzählen lassen, wie sie schmeckt, aber ich werde es erst wissen, wenn ich sie selbst geschmeckt habe. Und mich ohne Sicherheitsnetz auf das totale Leben einzulassen und alles zu fühlen, was ist, ist für mich Liebe.
    Aber kein spiritueller Lehrer ist gegen unbewusste Muster von Vermeidung gefeit, keiner. Wer was anderes erzählt, lebt in einer heilen Wunschwelt. Und in dem Moment, in dem sich das Muster bei dem Lehrer ausspielt, wird er unbewusst. Wenn er es erkennt, kann er es wieder loslassen. Doch das kann manchmal eben eine lange Zeit dauern – je nachdem, wie stark die Tendenz zur Vermeidung des Themas und die entsprechende Blindheit ist.

    Liebe Grüße

    Jörg Engelsing

    Antworten
  5. monika zieres-stake

    was hat das privatleben eines bioroboters (was wir alle sind) mit seiner arbeit als spiritueller lehrer zu tun? – gar nix!

    da ALLES liebe ist, muss der Lehrer keinen speziellen Ausdruck von liebe haben. seine Arbeit liegt wo anders. er reisst dir den schleier vom gesicht. das kann wehtun.

    echt nervend, wenn über das privatleben eines lehrers geqasselt wird. kehr mal vor deiner eigenen tür.

    ps. nur damit klar ist: ich bin kein fan von den aufgeführten lehrern

    grüsse,
    monika

    Antworten
  6. Ulrike

    Hallo Jörg und Mushin,
    ich habe gerade den Text und die Kommentare gelesen und bin dabei über diesen Satz gestolpert: „wenn Eli wirklich in Liebe ist, wie er es sagt, dann schließt eine neue Liebe die alte nicht aus“.

    Wird hier nicht LIEBE mit Beziehung verwechselt?

    Ich meine, wenn Eli (oder wer auch immer) wirklich in Liebe ist, so ist es nicht nötig, den Partner in Unklarheit über eine weitere Beziehung zu lassen. Dahinter steht doch auch nur die Taktik, sich nicht mit Schmerz auseinandersetzen zu müssen: in diesem Fall (wenn es denn so war) mit dem Schmerz, die Partnerin zu verlieren, die ja ganz klar geäussert hat, was für sie tragbar ist und was nicht.

    Ich denke, für den, der wirklich in LIEBE ist, ist beides nicht nötig: den Partner einzuschränken genausowenig wie alles auszuleben, zu dem ich mich hingezogen fühle.

    Wie seht ihr beiden das?

    Schöne Grüße! Ulrike

    Antworten
  7. Judith

    Hallo Jörg und Jörg,
    ich habe gerade den Text und die Kommentare gelesen und bin dabei über diesen Satz gestolpert: „wenn Eli wirklich in Liebe ist, wie er es sagt, dann schließt eine neue Liebe die alte nicht aus“.

    Wird hier nicht LIEBE mit Beziehung verwechselt?

    Ich meine, wenn Eli (oder wer auch immer) wirklich in Liebe ist, so ist es nicht nötig, den Partner in Unklarheit über eine weitere Beziehung zu lassen. Dahinter steht doch auch nur die Taktik, sich nicht mit Schmerz auseinandersetzen zu müssen: in diesem Fall (wenn es denn so war) mit dem Schmerz, die Partnerin zu verlieren, die ja ganz klar geäussert hat, was für sie tragbar ist und was nicht.

    Ich denke, für den, der wirklich in LIEBE ist, ist beides nicht nötig: den Partner einzuschränken genausowenig wie alles auszuleben, zu dem ich mich hingezogen fühle.

    Wie seht ihr beiden das?

    Schöne Grüße! Judith

    Antworten

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