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Es ist verrückt: Wir rackern uns ab, um uns und die Welt zu verändern – und drehen uns dabei im Kreis. Die nächste Herausforderung wartet schon, wir hecheln der Perfektion immer hinterher. Die Satsang-Lehrerin Sarla rät, endlich anzuhalten, denn alles Tun “um zu” hält uns davon ab, das zu sein, was wir wirklich sind.

 

Wie bist du erwacht?
‚Erwacht’ ist nicht das richtige Wort. Ich würde sagen, es ist ein ‚Nach-Hause-Kommen’. Es ist dieses Erkennen, dass wir schon immer zu Hause waren und dass es in Wahrheit nie diese Trennung gab. Doch es ist eine Gnade, wenn dieses Erkennen geschieht. Dass es dazu kam, hing mit meiner Trennung von meinem früheren spirituellen Lehrer zusammen. Eines Tages wusste ich: Es ist vorbei. Was dann kam, war sehr schmerzvoll. Alles fiel von mir ab. Es gab keine Person mehr. Alles, was jemals existiert hatte, war einfach weg. Die Kinder waren nicht mehr meine Kinder. Es gab keinen Bezug mehr zu irgend etwas. Und auch ich selbst konnte mich nicht mehr finden. Da gab es niemanden mehr. Da war einfach nur noch Leere. Ich habe mich dann Tage und Wochen in der Wohnung vergraben und fühlte mich total allein. Ich wusste nicht, was geschehen war, und konnte auch nicht darüber reden. Als ich dann irgendwann wieder auftauchte, war es möglich, mit einer Freundin andeutungsweise darüber zu reden.

Diese Freundin empfahl mir ein Buch von Pyar Troll, ‚Die Reise ins Nichts’. Sie sagte, dass das, was ich ihr beschrieben hatte, in diesem Buch stünde. Als ich es las, fand ich mich tatsächlich selbst darin wieder, trotzdem wusste ich nichts damit anzufangen, da war nur diese Leere. Erst später erkannte ich, dass es erst der Anfang war von einer Reise nach Hause.

Das letztendliche Erkennen von Sein geschah in einem Seminar. Es fiel der Schleier der Illusion, dass ich jemand bin. Und es erschien das Bewusstsein dessen, was ich schon immer war. Diese Klarheit, dass das Leben in jedem Moment dafür sorgt, dich selbst zu erkennen, dass alles dazu dienlich ist. Dass es niemand anderen gibt. Alles ist dein eigenes Selbst. Dass jeder Schmerz, jede Enttäuschung, jede Erfahrung, die jemals da war, dich erkennen lassen wollte, dass du frei bist. Du bist nicht dieser Schmerz, du bist nicht die Gedanken, du bist nicht dieser Körper, alles ist ein Erinnern an unsere wahre Natur, die göttlich ist, wenn wir es nicht persönlich nehmen.

Wie ging es dann weiter?
In diesem Buch kam der Name ‚Samarpan’ vor. Und da war wieder dieser tiefe Ruf. Ich wusste nicht, ob Samarpan existiert, ich wusste nicht, ob ‚Samarpan’ ein Phantasiename ist. Ich hatte keine Ahnung. Da war einfach nur dieser Name. Und dann war so etwas da wie: Wenn es ihn geben würde, wenn er überhaupt lebt, dann würde ich ihn gern kennen lernen. Ich schaute dann im Internet auf die Webseite von Pyar Troll und fand dort einige Links. Und da las ich dann auch den Namen ‚Samarpan’. Der erste Gedanke: Er lebt!

Und wie es das Wunder wollte, kam er genau an diesem Tag nach Berlin. Und er gab Satsang. Ich hatte keine Ahnung, was Satsang ist. Aber es war klar: Ich gehe zu diesem Satsang. Und ich spürte eine unglaubliche Freude. Ja, und dann saß ich im Satsangraum, er kam rein und ich fiel in Liebe. Da war Tanz, Freude, Gnade, Dankbarkeit. Diese Freude zog mich einfach nach vorne. Auf dem freien Stuhl neben ihm angekommen, schauten wir uns in die Augen und seine ersten Worte waren: „Ich habe auf dich gewartet.“ Es ist einfach tiefe Gnade, wenn du dem Meister begegnest, der dein Herz berührt.

Du hast beschrieben, wie alles von dir abfiel und nichts mehr deins war. Du hast gesagt, dass es keine Person mehr gab. Ist das jetzt immer noch ein Schmerz für dich?

Nein, es ist ein Ruhen in der Freude. Der Schmerz ist da, wenn die Identifizierung da ist, dass etwas meins ist: meine Kinder, meine Partnerin, mein Hund, mein Haus, was auch immer. Das Wegfallen von allem, das Sterben dieser Illusion von Ich, das war der Schmerz. Unsere wahre Natur ist göttlich, das ist sozusagen die Essenz.

Und wie ist es mit dem Körper, in dem du wohnst – der ist ja dann auch nicht deiner?
Nein, aber man kann damit spielen. Er ist ein Teil von diesem Spiel. Es ist ein Teil dieser Welt. Das, was ICH BIN, drückt sich durch diesen Körper aus.

Bei dir ist das Loslassen von Identifizierungen durch eine tief greifende Erfahrung geschehen. Wenn man jetzt nicht diese Erfahrung macht, wie kann man sich umorientieren? Kann man die eigene Identität loslassen oder diesen Prozess fördern?
Ich glaube, dass da ganz viel Achtsamkeit gefragt ist. Du kannst nicht wirklich etwas fördern, sei einfach hier, wo du bist. Wenn du das tust, versuche nicht, etwas zu erreichen, sondern sei einfach nur hier. Ohne Gedanken, ohne Urteil, ohne eine Vorstellung, dann bist du wirklich HIER.
Wenn wir Sehnsucht spüren, dann ist es die Sehnsucht nach uns selbst. Aber dann greift sich der Verstand diese Sehnsucht und versucht, etwas damit zu machen, etwas zu produzieren. Vielleicht fangen wir an, Mantren zu singen, einfach, um etwas zu erreichen. Doch alles Tun “um zu” hält uns davon ab, das zu sein, was wir sind. Nicht Tun, Hier-Sein.

“Sein” in dem Sinne, wie Jesus sagt: „Wenn ihr werdet wie ein Kind…“ – so unschuldig?
Ja, wir sind in Wahrheit immer noch unschuldig. Nur durch die Vorstellung, jemand zu sein, vergessen wir einfach, unschuldig zu sein.

Aber es gibt doch so viel Schmerz in der Welt, soll man da nicht irgend etwas tun? Es scheint mir nicht zu genügen, einfach unschuldig zu sein.
Von welcher Welt sprichst du?

Ich spreche davon, was ich sehe, wie wir den Planeten behandeln, wie wir andere Menschen behandeln, dass wir mehr nehmen als geben.
Du hast es gut gesagt, „wie ich die Welt sehe“. Aus dieser Sicht hier sehe ich kein Leid. Wenn ich Leid sehe, dann glaube ich, dass das, was geschieht, nicht so sein sollte, wie es ist. Wenn du hierher kommst und in Frieden bist, dann kannst du nicht sehen, dass etwas falsch ist, wie es ist. Wir glauben, dass das, was geschieht, falsch ist. Das kann ich nicht sehen. Doch es sieht so aus, als ob es im Ungleichgewicht wäre. Und dieses scheinbare Ungleichgewicht führt zum Gleichgewicht. Schmerz führt uns wieder zu uns selbst, bringt uns hierher. Er ist der größte Lehrer.

Aber mein Verstand kämpft noch damit, dass es in Ordnung sein soll, dass Menschen leiden.
Das darf er. Er versucht sich einzumischen.

Aber was ist, wenn ich das Gefühl bekomme, irgendetwas tun zu wollen, mich engagieren zu wollen?
Wenn du sagst, ich möchte etwas tun, möchte mich engagieren, wo kommt die Motivation her? Kommt die Motivation aus dem “Ich will etwas verändern”, aus dem Verstand, der dir immer wieder sagt, dass du nicht richtig bist? Oder kommt die Motivation aus der Stille heraus? Aus dem Verstand, aus dem Nachdenken über ein Problem, kommt nie wirklich stimmiges, natürliches und effektives Handeln, sondern aus der Stille, dem Sein.

Ich denke, viel Engagement kommt bei mir aus einem, wenn auch wohlgemeinten, Verändern-Wollen.
Und dieses Etwas-verändern-Wollen ist nichts anderes als die Vorstelllung, dass es so nicht sein sollte. Was da geschieht, ist, dass ein Ereignis etwas in uns bewegt. Irgendein Gefühl kommt hoch. Und dann springen wir ganz schnell aus diesem Gefühl in den Verstand und wollen etwas verändern. Wenn es nicht unsere Beziehung ist, die wir verändern wollen, dann wollen wir die Welt verändern. Und wenn es nicht die Welt ist oder der Partner, dann gibt es gewiss etwas an mir selbst zu verändern. Dann bin ich nicht in Ordnung. „Heute sollte ich mich nicht so fühlen, wie ich mich fühle.“ Das ist das Spiel des Verstandes, der immer  etwas findet. Nie ist es in Ordnung.

Wenn wir mit dem, was hier ist, im Frieden sind, dann kommt die Welt in Frieden. Dann ist da niemand, der kämpft. Und dieser Frieden breitet sich aus, und es wird friedlich. Jesus sagte einmal: Satan trete hinter mich. Was er damit meinte, ist: Höre nicht auf den Verstand. Osho verglich es mit einem Hund, der sich festbeißt, wenn du ihm den Finger entgegenstreckst. Zeige nicht auf ihn. Richte einfach die Aufmerksamkeit nicht auf den Verstand, bleib einfach hier. Wir sind hier auf einer Erfahrungsreise. Das Leiden  entsteht nur durch einen kleinen Irrtum. Der Irrtum, dass ich glaube, jemand zu sein. Wenn ich diese Kleinigkeit weglasse, dann kann ich sehen, dass alles hier ein Paradies ist.

Meine Erfahrung ist aber, dass da immer andere sind, die mich in eine Geschichte hineinziehen wollen.
Wenn du hier in Frieden bist, also einfach hier bist, dann siehst du klar, dass diese Geschichte nichts mit dir zu tun hat. Du erkennst, dass du nicht die Person bist, durch die die Welt wahrgenommen wird. Du bist kein Schauspieler in einem Film, sondern die Kinoleinwand, auf der ein Film mit allen seinen Akteuren und Kulissen spielt. Wenn du das erkennst, zieht dich nichts mehr in die Dramen, in den Film hinein. Doch auch an der Identifizierung ist nichts falsch. Es ist ein Geschenk, all diese Erfahrungen in den Dramen zu machen. Ohne diese Erfahrung der Trennung, des Schmerzes könntest du dein wahres Wesen ja nicht erkennen, könntest dich nicht wiederfinden. Ohne die vielen Neins wäre da nicht wieder das Ja. Genau diese Bereitschaft, ja zu sagen, es nicht anders haben zu wollen und stattdessen alles willkommen zu heißen, was ist – das ist Sterben in jedem Moment. Wenn da keine Abwehr gegen das Leben mehr ist, wird jeder Moment neu. Und das Leben wirklich lebendig. Und aufregend (sie lacht). Das ist es wirklich.

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