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Die Auflösung des Egos und die damit verbundene Wiederentdeckung unseres natürlichen Zustands ist das erklärte Ziel der Selbst-Verwirklichung. Aber was ist dieser Zustand? Und wie kann man ihn erkennen?

SEIN-Redakteur Jörg Engelsing ging diesen Fragen in einem Gespräch mit dem spirituellen Lehrer Hermann R. Lehner auf den Grund.

SEIN: Es gibt so viele Theorien über das, was Selbst-Verwirklichung ist und zahlreiche Praktiken zum Erreichen dessen werden angeboten. Ein Suchender steht damit einer unüberschaubaren Vielzahl von Möglichkeiten gegenüber. Für was kann oder sollte er sich entscheiden? Und wie kann er erkennen, ob diese Entscheidung für ihn tatsächlich die richtige ist?

Lehner: Bevor man sich für etwas entscheidet, muss einem erst einmal klar werden, was man will, was man sucht. Im täglichen Leben ist das sicherlich einfach. Man überlegt sich, was zu einem passt, was man erreichen will oder was man haben will. Und wird sich dann entscheiden. Auf der Suche nach dem Höchsten – nach der Quelle seines eigenen Seins – sieht man sich bei genauer Betrachtung jedoch einem unüberwindbaren Problem gegenüber: Das „Höchste“ ist nicht vorstellbar und damit nicht definierbar. Jeder Versuch, ein klar definiertes Ziel anzunehmen, muss zwangsläufig in die Irre führen. Da es aber für eine Entscheidung immer zweier Faktoren bedarf – es muss den geben, der sich entscheiden will, und es muss das geben, für das man sich entscheidet – empfehle ich in diesem Fall, erst einmal zu untersuchen, wer sich da eigentlich entscheiden will. Die Auseinandersetzung mit dem „Ich“ wird einem zeigen, dass es am Ende gar keine Entscheidung gebraucht hätte und dass dieses „Ich“ in Wahrheit eine Fata Morgana, eine Illusion ist!

SEIN: Das verstehe ich nicht. Bin nicht ich es, der sich entscheidet?

Lehner: Ich hatte über 19 Jahre lang gesucht und erst nach dieser Zeit fiel mir auf, dass ich noch nicht einmal definieren konnte, nach was ich da eigentlich gesucht hatte. Und so fragte ich mich nach so vielen Jahren zum ersten Mal ernsthaft nach dem Ziel der Suche. Ich war äußerst verblüfft, keine plausible Antwort finden zu können. Natürlich war der Verstand sofort fähig, etwas als vermeintliches Ziel zu definieren, aber bei genauerem Hinsehen entpuppte sich all das als falsch. Keines der Ziele, die mir so spontan einfielen, konnte ich wirklich aufrechterhalten.

Deine Welt wird erblühen,

wenn du dich wirklich kennen lernst

und akzeptierst, was du kennen gelernt hast!

SEIN: Was machten Sie dann? Fragten Sie dann tatsächlich gleich nach der Wirklichkeit des Ichs?

Lehner: Nein, mir war nur klar, dass die vielen Weisen aller Epochen und Länder sicherlich ein gemeinsames Ziel hatten, auch wenn die Wege je nach Tradition und Glauben durchaus sehr unterschiedlich wirkten. Ich suchte einfach nach dem gemeinsamen Faktor all dieser Glaubensrichtungen. Ich studierte und forschte, um das zu verstehen. Ich dachte einfach, wenn ich die wichtigsten Richtungen verstanden hätte, würde ich mich auch für einen mir genehmen Weg entscheiden können.

SEIN: Fanden Sie den für sie richtigen Weg? Und erkannten Sie das Ziel?

Lehner: Nein, denn mittendrin war „ich“ plötzlich verschwunden. Und dann war niemand mehr da, der noch nach einem Weg oder einem Ziel hätte fragen können. Und da war das nie definierte Ziel bereits erreicht!

SEIN: Sehen Sie das große Fragezeichen, das gerade aus meiner Stirn austritt?

Lehner: Ja, es leuchtet ja schon richtig! Das Innerste eines Menschen – wir mögen es das Selbst nennen – ist der unveränderliche und unsterbliche Faktor. Es ist die stille Mitte jedes Geschehnisses. Dieses Selbst ist das, was ich bin! Mit dem Entstehen einer Welt um mich herum glaubt dieses Selbst, ein Teil der Geschehnisse zu sein, und wird damit scheinbar zu einer Person, einem „Ich“. Jetzt erkennt diese Person ihre eigene Mitte nicht mehr und wird durchs Leben getrieben. Glück und Unglück widerfahren ihr und so versucht sie, sich mittels Denken Lösungen zu ersinnen, wie sie denn ihr Leben meistern könnte. Manchmal scheint es ihr zu gelingen – dann beispielsweise, wenn sich Wünsche erfüllen -, manchmal eben nicht! Aber bei alledem ist und bleibt diese Person in Wahrheit ihre eigene unsterbliche Mitte.

SEIN: Ist das „diese Mitte wieder zu entdecken“ das Ziel der Selbst-Verwirklichung?

Lehner: Ja genau, das ist es! Wenn die Idee, ein „Ich“, also eine Person zu sein, verschwindet, erkennt man sich selbst als unbewegliche Mitte seiner eigenen Welt wieder. Dann weilt man wieder in seinem natürlichen Zustand und erlebt die Welt wie ein unbeteiligter Beobachter. Und paradoxerweise liegt in dieser Stille aller eigener Handlungen die versteckte Kraft des Höchsten.

SEIN: Wie kann man nun seine eigene Mitte erkennen? Welche Wege gibt es dort hin?

Lehner: Die Wahrheit ist, dass es überhaupt keinen Weg geben kann! Alle Wege sind Irrwege. Da ich immer diese Mitte bin und sie nie verlassen habe, brauche ich auch keinen Weg, um wieder dorthin zu gelangen. Alles, was es braucht, ist das Erkennen, dass ich mein eigenes wahres Sein nie verlassen habe.

SEIN: Das klingt zu einfach, um wahr zu sein!

Lehner: Alle Lösungen liegen in der Einfachheit. Wir suchen immer das Komplizierte und übersehen die Lösungen der Einfachheit. Und genau dieser Glaube, es wäre kompliziert, verhindert das Erkennen dessen! Es gibt nichts zu tun, es gibt nur das Unterlassen jeder gedanklichen Tätigkeit, das Beenden jeder Suche!

Die Welt ist ein Traum,

eine von unendlich vielen Welten,

die das Selbst ständig erschafft. Du bist dieses Selbst!

SEIN: Ich muss zugeben, dass ich das nicht zum ersten Mal gehört habe, aber mir gelingt es nicht, einfach die Suche abzubrechen!

Lehner: Und nur deshalb gibt es Wege und Praktiken. Sie alle erfüllen nur den Zweck, den Suchenden dahin zu bringen, dass er aufhört zu suchen. Dann ist das Erkennen nicht mehr weit! Die Frage ist einfach: „Warum kann ich nicht einfach still sein, warum kann ich nicht einfach die Suche beenden?“. Auch die Anwort darauf ist einfach: Du bist diese Mitte bereits, du bist das Höchste – das Selbst – bereits, aber du hältst dich immer noch für eine Person, ein „Ich“. Es gilt also nur zu klären, warum man glaubt, eine Person zu sein. Ist diese Frage vollständig beantwortet, so löst sich diese Person – das „Ich“, das Ego – ganz von selbst auf, und damit ist der, der sich entscheiden wollte, verschwunden und zugleich das undefinierbare Ziel erreicht! Die Vernichtung Jesu bei der Kreuzigung – das Symbol für die Auflösung des „Ich“ – bringt den „Herrn“ in einem wieder zur Auferstehung! Eigentlich nicht schwer zu verstehen.

SEIN: „In der Mitte sein“, unser wahrer Zustand, was ist das genau?

Lehner: Es ist das, was ich „Nisarga“ nenne. Nisarga ist ein Sanskritwort und bedeutet: Natur, natürlich, spontan, der natürliche Zustand: Sein ohne zu „denken“! Konkret könnte man sagen: ohne strebendes Denken, also ohne Wollen, ohne Ängstigen. Dann sind wir in unserem natürlichen Sein, dem Zustand der reinen Spontaneität. Sich selbst als „nur den Beobachter“ der Welt zu erkennen ist das, was man Selbst-Gewahrsein nennen kann, und dies führt uns in die Freiheit! Und alles, was man dafür tun muss, ist – nichts zu tun! Wenn wir für einen Moment alles Denken aufgeben und einfach die Dinge, die wir wahrnehmen, nur gelassen beobachten und uns nicht in die Irre führen lassen, dass da ein Denken passieren müss-te, werden wir feststellen, dass alles – wirklich alles – im Universum von selbst läuft. Und zwar so, wie es eben läuft. Und das schließt all die eigenen Handlungen mit ein. Damit der Körper handelt, braucht es kein Denken. Das Handeln tut er schon von alleine. Denn alles, was passiert, sind nur natürliche Reflexe auf Reize von außen in Verbindung mit den gerade vorhandenen Erinnerungen. Denken, Wollen, Wünschen und Ängstigen tritt nur auf, wenn etwas anders laufen soll, als es eben läuft. Damit entsteht ein Gefühl des Wollens, des „Erreichen-Müssens“ oder das Gefühl, etwas verhindern zu wollen. Und mit diesem Gefühl entsteht ebenfalls das, was wir als „Ich“ empfinden. Aber dieses „Ich“ ist nichts weiter als ein Gefühl – geboren aus einem Impuls! Im Grunde genommen nur ein Reflex. Ein Gefühl, das der Beobachter, der man ist, wahrnimmt. Es ist gerade, wie es eben gerade ist, und niemand könnte das ändern. Schon gar nicht durch Denken! (Strebendes) Denken ist die Illusion schlechthin. Zu erkennen, dass dieses vermeintliche „Ich“ nur ein reflexartiges Gefühl ist und gar nicht als eigenständige oder denkende „Wesenheit“ existiert, bringt uns im Erkennen zurück in die Position des reines Beobachters und befreit uns von dem Zwang, scheinbar eine Person sein zu müssen.

SEIN: Den Zustand ohne Denken kennen wohl viele Suchende. Er ist angenehm und man fühlt sich frei! Bei der Vorstellung jedoch, auf Dauer so zu leben, kommt bei mir nur die Idee einer endlosen Langeweile auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ständig darin zu verweilen die Selbst-Verwirklichung wäre!

Lehner: Dieser zeitweise Zustand ist nur ein Zustand, bei dem der Verstand zur Ruhe gekommen ist. Mit der Selbst-Verwirklichung ist dieser Verstand nicht mehr ruhig. Er ist ein für alle Mal verschwunden! Und erst nach seinem Verschwinden wird das „Licht der Quelle“ erfahrbar! Erst dann wird man verstehen, dass man die unsterbliche und höchste Realität jenseits von Sein und Nicht-Sein ist und niemals eine durchs Leben getriebene Person war. Man erkennt sich als die Quelle allen Daseins, als Eins mit allem, was existiert, und man erkennt seine eigene Unendlichkeit. Dann erst beginnt eine äußerst spannende Reise in das eigene unbegrenzte Sein! Jeden Tag spannend! Jeden Tag neu! Nichts, was man bis dahin kannte oder vermutete, ist mit dieser Reise vergleichbar.

2 Responses

  1. böhm.h

    MAN STELLE SICH VOR , RAMANA MAHARSHI HÄTTE NACH SEINER SELBSTVERWIRKLICHUNG SOLCH EINE FISCALE MEDIENREISE GEMACHT WIE DER GUTE HERMANN R LEHNER . DAVID BOHM HÄTTE SICH NIE MIT IHM UNTERHALTEN. ER HÄTTE DIE KRAFT SEINER VORGELEBTEN AUTORITÄT VERLOREN. GÄNZLICH.

    Wir brauchen keine Gurus, die Ferienwohnungen anbieten. Wir brauchen menschen, die das leben, was sie erkannt haben-
    wir brauchen auch ein ethisches Erwachen. Erleuchtet sein und Geschäfte machen kann jeder, nur sind diejenigen, die weniger erfolgreich sind, auch weniger erleuchtet. Die Wahrheit ist nie kompliziert, sie ist immer ganz einfach.

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