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In der Notunterkunft Tempelhofer Feld befinden sich momentan 2600 Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft – diese Zahl soll noch auf bis zu 8500 aufgestockt werden. Trotz großer Enge treten erstaunlich selten Konflikte auf. Sheila Deutinger und arbeitet als Freiwillige in der Kleiderausgabe und sprach mit einem ehrenamtlichen Schichtleiter.

Die Ereignisse der letzten Monate, die Bilder über die Not der Menschen aus Kriegsgebieten, Bilder von Ertrunkenen, von verzweifelten Flüchtenden, die ihr Leben riskieren, um Krieg und Not zu entkommen, planlose Reaktionen überforderter Politiker, die Errichtung von Grenzen und die Frage nach Abschottung oder Öffnung Deutschlands haben die meisten Menschen sehr beschäftigt. Auch ich habe entgegen meiner sonstigen Gewohnheit endlos Nachrichten geschaut und Zeitungsartikel gelesen. Die Situation schürt unsere eigenen Ängste und Unsicherheiten. Viele Menschen fühlen sich bedroht und haben Angst vor der Zukunft. Gleichzeitig war ich erstaunt über die große Offenheit und Hilfsbereitschaft vieler Deutscher und habe mich lange gefragt, wo ich mich einbringen kann. Als die Notunterkunft auf dem Tempelhofer Feld, dem Freizeitpark nahe meiner Wohnung, im Oktober öffnete, wurde ich aktiv. Ich belegte eine Schicht in der Kleiderkammer. Staunend über das große Engagement, die Professionalität des Teams, das nur aus Ehrenamtlichen besteht, wollte ich mehr über das System der Kleiderkammer erfahren.

Da es vor Ort auch häufig am Notwendigsten fehlte, wie an Schuhen und Unterwäsche, fing ich an, über Facebook einen Spendenaufruf bei meinen Freunden zu starten. Ich war überwältigt von der Resonanz. Viele Menschen, nicht nur aus Berlin, schickten mir kistenweise Schuhe, kauften neue Sachen und gaben mir Geld, mit dem ich neuwertige Sachen einkaufte. Seither gehe ich jede Woche in die Kleiderkammer, immer gut bestückt mit Spenden.

Mich einzubringen, der Kontakt mit den Flüchtlingen, die Nähe zu den Menschen, die Zustände vor Ort direkt zu erleben anstatt die Bilderflut der Nachrichten auf mich einprasseln zu lassen, stärkt mich und gibt mir Kraft und Zuversicht. Dass so viele Menschen aus allen Lebensbereichen sich unermüdlich und bedingungslos einbringen, macht Mut und zeigt, dass Integration und ein harmonisches Zusammenleben gelingen kann. Besonders beeindruckt haben mich zwei junge Männer aus Syrien und Afghanistan, die auch in der Notaufnahme untergebracht sind und die unermüdlich mitarbeiten und übersetzen. Schichtleiter Richard sprach mit mir über Leben und Arbeiten in der Notunterkunft Tempelhofer Feld. Richard wollte, dass ich seinen Nachnamen nicht nenne, da es den Helfern gegenüber Anfeindungen gibt – von Rechtswie von Linksradikalen. Die Anfeindungen von Rechts konnte ich mir erklären. Bezüglich der Motivation von Linksradikalen war ich erstaunt: Deren Meinung ist, dass sich der Staat komplett um die Flüchtlinge zu kümmern habe. Ehrenamtliche sollen keine Hilfe anbieten, um auf diese Weise den Senat unter Druck zu setzen. Es gibt schon ehrenamtliche Helfer in anderen Flüchtlingsunterkünften (nicht von „Tempelhof hilft“), die Personenschutz beantragt haben!

 

Sheila Deutinger: Wie seid ihr dazu gekommen, diese Kleiderkammer aufzubauen?

Richard: In erster Linie wollen wir den Leuten helfen, die nach Deutschland kommen. Ihnen auch ein Stück Willkommenskultur vermitteln und zeigen, dass wir eine offene Gesellschaft sind.

Wir sind als Initiative über die Facebook- Seite „Tempelhof hilft“ organisiert. Die Helfer haben sich dann über die Internet-Seite volunteer-planner.org eingetragen und die Kleiderkammer zeitgleich mit der Notunterkunft aufgebaut.

 

Wie sind die Zustände aus eurer Sicht?

Die Hangars sind sehr groß. Dennoch hat man durch Zelte und Stellwände versucht, ein klein wenig Privatsphäre für die einzelnen Familien und Gruppen zu schaffen. Verschiedene Teams kümmern sich um die medizinische Versorgung und die Verpflegung mit (warmen) Mahlzeiten. Verschiedene Aufenthaltsräume und ein Kinder-Spielzimmer mit Kinderbetreuung wurden eingerichtet. Es gibt regelmäßige Kinderanimation, wie zum Beispiel Basteln, Tanzen und Sport. Übersetzer für Arabisch, Farsi, Russisch usw. unterstützen beim Ausfüllen der Flut an behördlichen Formularen und Anträgen.

Dazu werden tägliche Deutschkurse angeboten und von den Bewohnern auch gerne genutzt. Und zur Verpflegung gehört letztlich auch, dass die Menschen von uns mit Kleidung aus der Kleiderkammer ausgestattet werden.

 

Wieso braucht es überhaupt eine Kleiderkammer – bekommen die Flüchtlinge keine Erstversorgung vom Senat und später Geld, um sich selber etwas zu kaufen?

Nein. Eine Erstausstattung seitens des Senats findet nicht statt.

 

Wie ist die Stimmung unter den Flüchtlingen?

In unseren Augen erstaunlich entspannt. Unterschiedliche Nationen treffen auf engstem Raum aufeinander. Es gibt nur eine minimale Privatsphäre – wenn man das überhaupt so nennen kann. In den Hangars ist es laut, warm, die Luft ist stickig. Die Menschen haben wenig Abwechslung und nichts zu tun. Sicher gibt es Unstimmigkeiten, doch das ist wohl normal, wenn so viele Menschen auf engstem Raum zusammen leben.

 

Wo braucht ihr noch Unterstützung?

Wir benötigen immer Unterstützung bei der Kleiderausgabe! Jeder, der helfen möchte, kann sich unter https://volunteer-planner.org/orgs/flughafen-tempelhof/notunterkunft-tempelhofer-flug hafen-hangar-1 für eine oder auch mehrere Schichten eintragen – ob wochentags oder am Wochenende. Täglich werden bis zu 45 Menschen für die Sortierung und Ausgabe gebraucht. Wir freuen uns über jeden Helfer! Natürlich auch über Spenden: Es gibt eine Menge Sachen, von denen wir ständig zu wenig haben. Schuhe für Männer in den Größen 41, 42, 43 sind absolute Mangelware.

Richtlinien für Spender für die Notunterkunft Tempelhofer Feld:

  • Kleidergrößen: Die meisten Flüchtlinge sind eher schlanke Menschen, deshalb werden XXLGrößen meist nicht benötigt
  • Sommerkleider, Abendkleider, High-Heels, sexy Dessous und Tangaslips haben in einer Kleiderkammer für Flüchtlinge nichts zu suchen
  • Kleidung bitte nur gewaschen abgeben, es gibt vor Ort keine Möglichkeit, die Sachen zu waschen
  • dankbar sind wir auch, wenn gebrauchte Turnschuhe oder Taschen (wenn waschbar) vorher in der Waschmaschine gewaschen werden, die Sachen sehen dann oft wie neu aus
  • Schuhe nach Möglichkeit zusammenbinden und die Größe auf einem Kreppband vermerken
  • sehr abgetragene und altmodische Kleidung bitte im Container entsorgen.

Besonders gesucht:

  • Männersachen, hauptsächlich Schuhe und Winterjacken
  • Unterwäsche und Socken für Frauen und Männer
  • Handschuhe für Frauen und Männer
  • Jogginghosen und Schlafanzüge für Frauen und Männer
  • Umstandsmode in kleinen Größen
  • Taschen und Koffer in allen Größen
  • Regale und Kleiderständer für die Kleiderkammer

Wer Deutschunterricht geben will (auch ohne besondere Kenntnisse), Freizeitangebote (demnächst soll eine Nähwerkstatt entstehen) oder Treffen organisieren will, ist immer willkommen. Näheres auf der Facebookseite „Tempelhof hilft“ und auf Volunteer-planner.org

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