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Der Bereich von Beziehung und Sexualität hat heute scheinbar alle Freiheiten zu bieten. Auf Dutzenden von Medienkanälen flimmern uns abgeklärt aufgeklärte, multitolerante und in allen Begegnungstechniken erfahrene Menschen entgegen. Alles ist möglich. Scheinbar. Ein bisschen tiefer blickend tickt Ratlosigkeit. Denn wir haben zwar die Oberflächen erobert, aber das Herz unter den leuchtenden Nebeln der Kicks vernachlässigt.

 

Die Moderne hat die materialisierte Oberfläche zum Gott erklärt, und nun erstarren ihre Lösungen als – zwar äußerlich geschäftige, aber kalte – Lava. Dabei ging die Geschichte ja gar nicht so schlecht los. Als in den Mittsiebzigern des 20. Jahrhunderts eine große Sucherbewegung die westliche Kulturwelt ergriff, bastelten westliche Psycho-Eliten im Großversuch am großen Aufbruch nach innen. Vor allen Dingen Asien mit seiner ungebrochenen spirituellen Tradition rückte in den Fokus der Sucher. Rebellische Visionen entstanden, manche von universeller Größe und vom authentischen Sein des Einzelnen.

Bezeichnend aber auch hier – wie in der gesamten westlichen Revolte – war wieder die Dominanz von Männern. Die ersten starken Frauen forderten ihre Frauenrechte, aber zu oft noch spielten Frauen nur Rollen im Hintergrund. Zu denen, die sich nicht mit einer Statistinnenrolle begnügen wollten, zählte die Französin Margot Anand. Im Umfeld von Bhagwan Shree Rajneesh entwickelte sie einen Ansatz, der Männer und Frauen gleichberechtigt, aber eben als Mann und Frau, in ihrer polaren Unterschiedlichkeit, annahm – ein revolutionärer Ansatz, der Gleichberechtigung aus einem völlig anderen Blickwinkel forderte. Im Grunde war es Friedensarbeit zwischen den Geschlechtern.

Margots SkyDancing Tantra war der ­erfolgreiche Versuch, altes tantrisches Wissen, Taoismus und Sufiweisheit mit den Erkenntnissen moderner westlicher Psychologie, besonders der humanistischen Psychologie, zu einem für Westler vermittelbaren und praktizierbaren Werkzeugset zusammenzustellen, das man heute Neotantra nennt. ­Seitdem haben viele Tausende von Menschen diesen Weg beschritten, erweitert, ihn mit Herz und Lust weiterentwickelt. Tantrische Praxis und Rituale können sehr wirkungsvoll helfen, Beziehungskultur zu verwirklichen und zu erhalten. Wir alle wissen, wie schnell die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit füreinander in der Mühle des Alltags erlöschen und wie wichtig es ist, einen Rahmen für die Beziehung zu erhalten. Menschsein definiert sich über In-Beziehung-Sein, und daraus könnten wir – anstatt des meist noch gespielten Dramas – ein Lustspiel gestalten. Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung?

 

Das polare Spiel der Kräfte

Warum Tantra? Tantra bietet sich an, weil es ein uraltes Weisheitssystem darstellt, das wirklich alle Lebensäußerungen erfasst und als Entwicklungspotenziale begreift. Tantra beschreibt die vor uns erscheinende Welt als polares Spiel von reinem Bewusstsein und reiner Energie, das Männliche und Weibliche als Repräsentanten dieser Aspekte und uns selbst als Teil dieses Spiels. In den alten tantrischen Lehren spielt das Thema Sexualität eine nicht so vordergründige Rolle wie in der Neuzeitübersetzung Neotantra. Sexualität und die Befreiung der Sexualität besaßen in der neotantrischen Gründerzeit der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eben eine zentrale Rolle.

Sexualität ist lustbesetzt, die Quelle ursächlicher Kreativität, stärkster Ausdruck unserer Lebenskraft und damit auch der stärkstmögliche Lift in unsere Wahrheiten. Sexualität ist auch Austragungsort unseres Hungers, unserer Sehnsüchte, unserer Ängste, des Erkennens und der Hingabe. Wo sonst, wenn nicht in dieser nahesten aller Nähen, ist menschliche Entwicklung möglich? Hier können wir etwas tun. Erwachsene Sexualität ist grundsätzlich wichtiger Teil erwachsener Entwicklung. Weil Sexualität der Urtrieb ist, der aus dem ICH ein DU und vielleicht sogar WIR werden lässt. Sexualität, Lust, entwickeltes Menschsein mit Körperweisheit als Trägersystem zum Erfahren bedingungsloser Liebe. Das ist tantrische Vision.

Margot Anand formulierte ein paar kleine Zauberformeln zu etwas, was sie tantrische Lebensweise nannte. Das sind bis heute aktuelle Aufmerksamkeits-Marker, um eine Kultur von Beziehung zu schaffen und zu erhalten. Tantrische Lebensweise ist fortwährendes Entwicklungsfeld und Start- und Landehilfe für den modernen Alltag. Eine Checkliste für die Liebe zum Leben.

 

1: Sich selbst lieben

Wie sollst du andere lieben, wenn du dich selbst nicht annimmst? Du bist das Material, aus dem du deinen ganz persönlichen Gesang erschaffst. Mit Seele, Haut und Haaren. Selbstakzeptanz zeigt dir, wie weit du über deine Schatten springen kannst. Über Schatten springen heißt Schatten erkennen – und mit etwas Glück und Vertrauen können es deine stärksten Entwicklungshelfer werden. Also umarme dich, so wie du jetzt bist. So bist du eben JETZT.

 

2: Schuldgefühle fallen lassen

In gelebter Selbstliebe werden die Schuldgefühle zu kleinen Zwergen schmelzen. Denn Schuld und Sünde sind kleine Zwerge, und sie sind von anderen gemacht. Sie sind dir ins System geschoben worden, um dich klein und beherrschbar zu machen: “Dies darfst du nicht, das macht man nicht, du kannst nicht singen, du kannst nicht malen…” Wir kennen das alle. Und sie haben es geschafft, dass du ihre Schuldzuweisung zu deiner eigenen inneren Schuldzuweisung gemacht hast. Erkenne die Rollen und vergib den Überbringern dieser dunklen Klebegeister, denn sie sind selbst nur unbewusste Weiterreicher. Deshalb ist es so wichtig, dass du, wo du kannst, diese Kette der Verstörung unterbrichst. Es gibt eine natürliche Ethik, die dir niemand eintrichtern muss. Du hast sie in dir. Frag dein Herz. Lass deine Schuldgefühle fallen, wachse in deine Authentizität.

 

3: Spontaneität genießen

Ist es nicht wunderbar, unverstellt und aus freiem Herzen den Tanz des Lebens zu tanzen? Absolut im Moment verankert, der dir das ganze Potential in deinem Möglichkeitsraum zu Füßen legt. Wenn dich Blicke küssen. Es gibt immer so viel Reichtum, aber wie oft relativieren wir uns, nehmen uns zurück, wollen es perfekt machen. Dabei geht der Glanz verloren und der alte Trott hat uns wieder, der scheinbar sichere Hafen der Gewohnheit. Schau dir deine Welt, deine Partner einmal ganz lächelnd unverstellt und neu an. Es ist ein bisschen Mut und gar nicht so viel Aufwand nötig, unsere Flügel in den Wind auszubreiten, um festzustellen, dass sie zum Fliegen gemacht sind.

 

4: Lust pflegen

Lust pflegen heißt nicht Lust hegen. Lust ist Ausdruck brodelnder Energie, und sie verträgt kein Gehege. Sie ist ein guter Kompass, der dir zeigen kann, wo dein Haus die Pforten hat. Wenn du mit dir verbunden und bewusst bleibst, kann die Lust dir die Karte deines innersten Seins zeichnen helfen und du kannst diese Karte mit einer Frau, einem Mann teilen. Hab keine Angst, Lust kann Licht aus der rohen Substanz des Lebendigen hervortreten lassen. Lust kann riechen, kann schreien, schmutzig sein, frech und ungehörig, kreativ. Ekstase. Flow.
Lust ist die Brücke zum Tun und zum Anderen. Sie braucht bedingungsloses  Geben- und Nehmenkönnen. Lass sie fließen.

 

5: Meditation entdecken

Meditation bedeutet eigentlich, bewusst, offen, geklärt zu sein. Sie schafft dir einen anderen Blick auf dein Leben. Meditation bringt dich nicht woanders hin, sondern genau an den Ort, wo du gerade bist. Keine Ablenkung, keine Verwirrung. Sein aus dem Sein, nicht aus der Peripherie der Konzepte des operativen Verstandes. Das ist der meditative Zustand. Um ihn zu erreichen, gibt es viele Meditationstechniken – vom stillen Sitzen, Kontemplation, Resonanzübungen bis hin zu sehr aktiven Meditationsformen. Oft wird der meditative Zustand mit den Meditationstechniken verwechselt. Praxis und etwas Beratung können dir helfen, aus der Technik in den Zustand zu kommen.

Du kannst deinen eigenen Zugang in der Vielfalt der Angebote finden. Auch hier musst du dich auf die Suche begeben. Einfach mal ein paar Angebote probieren, den Raum der Möglichkeiten erforschen. Du wirst merken, was dich anzieht und wo du verweilen möchtest.

 

6: Zielorientierung aufgeben

Zielorientierung ist eine Option des operativen Verstandes. Sie ist Frucht der Urangst, die Kontrolle zu verlieren. Zielorientierung wird ja in der modernen Leistungsgesellschaft als Tugend gepriesen, sie macht uns aber eng. Sie hat als Themenfokussierung sicher ihren Sinn auf der Ebene verstandesmäßiger Prozessoptimierung, taugt aber wenig im gelebten Umgang mit Mitmensch und Schöpfung, noch viel weniger in der Menschenliebe. Im Liebesspiel kann sie uns jeglichen Spielraum für Verbindungskultur rauben – und das ist wirklich schade.

 

7: Hingabe zulassen

Hingabe entsteht, wenn der kontrollierende Verstand zur Seite tritt. Das mag ein wenig Arbeit sein, weil wir die Gründe unserer Ängste erkennen und integrieren müssen. Aber manchmal ist keine Anstrengung nötig. Wir kennen alle den Zustand, wenn wir mit großem Interesse und großer Lust etwas tun und dabei die Welt der Vorbehalte vergessen, um in der Welt zu sein.

Die Welt der Postmoderne ist eine Welt in gravierendem Wandel. Die neuen Kommunikationsbedingungen werden tiefgreifende Veränderungen in unserem Verhältnis zu uns selbst, unserem Nächsten und der irdischen Lebenswelt nach sich ziehen. Gerade an dieser Schnittstelle ist eine entwickelte Lebens- und Liebeskultur so nötig, weil die Qualität des Einsteigens in die nächsten Runden des Menschseins die Dinge einfacher oder dramatischer machen kann. Die kleinste Zelle dieser Menschenentwicklung ist noch immer die Beziehung Mann und Frau und Kind. Hier ist der Platz, an dem wir das Leben erfüllen. Herz, Lust und Liebe sind Freeware. Lassen wir uns drauf ein.


Abb: © arahan – Fotolia.com

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