Anzeige

Erstmals hat ein interdisziplinäres Forscherteam versucht, der Menschheit die Grenzen unseres Planeten aufzuzeigen: „Planetary Boundaries“ heißt die Studie, die gerade in einer Kurzfassung im Wissenschaftsmagazin Nature erschienen ist.

Es ist ernst. Der Umwelt-Einfluss des Menschen hat seit der industriellen Revolution dermaßen zugenommen, dass er nun eine globale geophysikalische Kraft erzeugt, die nach Ansicht der Forscher einer Naturgewalt gleichkommt. Will Steffen, Direktor des Climate Change Institute der Australian National University, spricht gar vom Übergang in ein neues Erdzeitalter: „Wir treten in das Anthropozän ein, in dem unsere Aktivitäten die Kapazitäten des Erdsystems untergraben, sich selbst zu regulieren.“ Keine schönen Aussichten.

Wie viel hält die Erde aus?

Wir brauchen ein radikales Umdenken. Denn damit wir als plantetares Gesamtsystem weiter existieren können, muss menschliches Handeln komplett umgekehrt ablaufen, als es das derzeit tut. Unser Geld- und Wirtschaftssystem zwingt uns zu grenzenlosem, exponentiellem Wachstum. Der Konsum muss systembedingt überall immer weiter steigen. Mehr, schneller, öfter. Die einzige Grenze dieser Entwicklung liegt offensichtlich am Punkt des totalen Zusammenbruchs.

Dabei müssten wir schon logischerweise eigentlich genau andersherum denken: Welche Ressourcen haben wir? Wie verteilen wir sie? Was sind die harmonischen Grenzen menschlichen Handels auf der Erde?

Letztere versuchen die 28 Autoren mit „Planetary Boundaries“ zu jetzt definieren: die Grenzen eines sicheren Handlungsraums für die Menschheit. Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn schwerwiegende Umweltveränderungen verhindert werden sollen.

Enger Handlungsraum

Im Irrsinn unseres Systems finden die Warner und Kritiker noch immer kaum Gehör. Das die Studie jetzt erstmals ganz konkrete Grenzen bestimmt, könnte das Bewusstsein dafür vielleicht endlich ein wenig weiter verbreiten. Denn „irgendwie“ wissen es ja schon immer alle. Jetzt wissen wir es langsam genau. Auch die Forscher hoffen: „Hoffentlich dringt jetzt durch, dass der Raum, in dem wir uns bewegen, begrenzt ist.“

Sehr begrenzt sogar und wir haben die Grenzen schon weit überschritten. Zum Beispiel beim Klimawandel (über 110 Prozent des Schwellwerts), beim Verlust der biologischen Vielfalt (über 1000 Prozent) und beim Stickstoffkreislauf (rund 345 Prozent) – andere Grenzen fallen in Kürze. Der Klimawandel ist im Report ausdrücklich nur eines von vielen Problemen, dass jedoch mit vielen anderen zusammenhängt. Diese Wechselwirkungen sind noch immer kaum erforscht und wir stehen in unserem Verständnis der komplexen Interdependenzen im System unseres Planeten noch völlig am Anfang. Klar ist jedoch, dass nicht eine der im Report genannten Grenzen überschritten werden darf, da sonst unweigerlich auch andere in Gefahr sind.

Bis hierhin und nicht weiter

Wann wachen wir auf? Was muss noch passieren. Schon jetzt sterben Tier- und Pflanzenarten in einer Geschwindigkeit aus, dass die Forscher mit der Dokumentation nicht mehr nachkommen. Wir erleben ein Massensterben, das es seit Jahrtausenden so nicht gegeben hat. Und die Erkenntnisse der Klimaforscher sind, gelinde gesagt, erschreckend.

Die Situation, in der wir uns befinden, erfordert eine „völlige Neuerfindung des wirtschaftlichen Kreislaufs“, wie der mit-Autor Hans Joachim Schellnhuber richtig feststellt. Vielleicht ist es sogar vielmehr wichtig, dass die Wirtschaft überhaupt nach dem Vorbild eines ökologischen Kreislaufs konzipiert wird. Derzeit haben wir eher einen Prozess, der auf der einen Seite eine ausgeplünderte Wüste und auf der anderen einen Berg von Müll hinterlässt. Schnellnhuber plädiert außerdem für ein anderes Maß des wirtschaftlichen Erfolges – beispielsweise die Zufriedenheit von Individuen und Gruppen, anstelle des Bruttosozialprodukts.

Glück als Ziel einer Wirtschaft könnte tatsächlich einige Probleme lösen. Denn es ist erwiesen, dass nach einem bestimmten Grad von Luxus, die Zufriedenheit nicht weiter steigt. Und überhaupt: Welches andere Ziel kann es eigentlich geben?

 


 

Weitere Artikel zum Thema bei Sein.de

Klimawandel: nicht zu viele Menschen, sondern zu viel Konsum

Riesiger Müllstrudel im Pazifik

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*