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Die überlieferten Formen von Ehe und Familie haben in den letzten vierzig Jahren einem bunten Nebeneinander von Lebensformen Platz gemacht. Für den Soziologen Ulrich Beck „das ganz normale Chaos der Liebe“: freiwillige und unfreiwillige Singles, Patchwork-Familien und Alleinerziehende, verheiratete und unverheiratete Paare, Heteros und Homos.

Seit etwa drei Jahrzehnten erfahren immer mehr Lebensstile, die früher tabu waren, gesellschaftliche Anerkennung und Gleichberechtigung, z.B. die Homo- und Bisexualität. Nur das offene Lieben und Begehren mehrerer Partner blieb bisher noch ein Tabu – das scheint sich jetzt zu ändern. „Polyamorie“, sprich Viel-Liebe, heißt das Zauberwort: Menschen, die sich dazu bekennen, haben mehrere Partner oder erotische Kontakte. Im Gegensatz zu einem monogamen Lebensstil mit heimlichen Liebschaften wird in Poly-Kreisen offen mit allen Beteiligten gesprochen. Es geht bei „Poly“ auch nicht nur um Sex, wie z. B. in der Subkultur der Swinger, sondern um dauerhafte Liebeskontakte, in denen auch das Herz eine Rolle spielen darf. Und es geht bei der Polyamorie um eine prinzipielle Gleichberechtigung aller Beteiligten.

Freiheit und Eifersucht

Poly-Menschen bekennen sich zu ihrer „Verdrahtung“ – sie meinen, dass Liebe kein endliches Gut ist, das nur dem oder der einen zukommen dürfte. Sie sind in der Lage, mehrere zu lieben, und das nicht nur platonisch, sondern mit Leib und Seele. Diese Freiheit in der Liebe inspiriert sie so sehr, dass sie auch bereit sind, sich den Dämonen ihrer Eifersucht (die es auch bei Polys gibt) zu stellen. Verschiedene Studien zur Eifersuchtsbewältigung in offenen Beziehungen legen nahe, dass Polys durchaus in der Lage sind, mit derartigen Gefühlen klar zu kommen und sie positiv zu transformieren – z.B. in das Zulassen von noch mehr Nähe und Intimität, indem man diese Gefühle konstruktiv mit dem Partner durchgeht.

„Auf keinen Fall“ möchte sie „von anderen in die Ecke gestellt werden“, dass sie „zu tiefer Beziehung nicht fähig“ sei, meint Bettina aus Berlin, die mit Ehemann, Sohn und Freund zusammenlebt. Sie hält sehr viel von Treue – wenn auch nicht im Sinne von sexueller Ausschließlichkeit: „Treue heißt für mich erst mal, verlässlich zu sein für den anderen. Und das hat nichts mit Sexualität zu tun, sondern damit, für den anderen da zu sein, wenn er das braucht. Das ist nichts Beliebiges, das morgen vorbei sein kann, sondern dafür bin ich auch bereit, etwas einzusetzen und wirklich zu versuchen, dem Dauer zu geben.“

 

Liebesform der Zukunft?

Während Ansätze des Poly-Lebensstils in Deutschland lange Jahre nur in Lebensgemeinschaften wie dem ZEGG, „Sieben Linden“ oder „Noyana“ von mehreren gelebt wurden, scheint sich die Lust an der Viel-Liebe auch in die urbanen Zentren auszubreiten. Ihre Anhänger organisieren sich über Stammtische, Chats und Internetforen. Je öfter so ein Liebes-Experiment gelingt, umso mehr Nachahmer kann es finden. Polyamorie, unter Insidern kurz „Poly“ genannt, war im letzten halben Jahr Thema von Artikeln im „Stern“, der „taz“, der „Süddeutschen“ und der „Frankfurter Allgemeinen“. Im Online-Forum des Trendblattes „Neon“ war der Thread zum Thema „Poly“ der meistbesuchte des Jahres 2007.

Viele Polys sind bisexuell, der Lebens- und Liebesstil verbreitet sich jedoch auch bei Heteros, Schwulen und Lesben, bei Tantra-Anhängern und Neuheiden. Die meisten pflegen den Poly-Stil der offenen Beziehung, bei dem sich ein Paar klar als Primärbeziehung definiert, aber „Secondaries“ zulässt – Zweit-Beziehungen, mit denen auch ein langjähriger freundschaftlicher Kontakt angestrebt wird. Andere hingegen leben schon zu dritt oder viert unter einem Dach konfliktfrei zusammen und teilen Tisch und Bett, wie Mitglieder der spirituellen Gruppe „Komaja“ in Süddeutschland, der Schweiz und Kroatien.

„Ich freue mich, wenn sich mehr Menschen zu ihren Poly-Neigungen bekennen“, sagt Hanna aus Kassel, „vielleicht wird eine Poly-Mehrfach-Ehe ja irgendwann so legal wie die Schwulen-Ehe heute. Das hätte vor zwanzig Jahren auch keiner geglaubt“.

 


 

Links:

www.polyamorie.de
Infos und Internetforum, Links zu verschiedenen Medien

www.polyamory.ch
die größte deutschsprachige Mailingliste zum Thema

www.poly-berlin.de
Berliner Poly-Treff: jeden 1. Donnerstag im Monat

Abb.: © Tjommy – fotolia.com

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Über den Autor

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Jg. 70, Dipl.-Psych., Tantralehrer seit 1997, Therapeut, Coach und Autor.
Intensive Praxis des westlichen, des hinduistischen und seit 2004 auch des buddhistischen Tantra.
Fortbildungen in Yoga, Zen und humanistischer Psychologie. Lehrt und lebt Tantra, auch innerhalb seiner Gemeinschaft im Fläming nahe Berlin. Mitbegründer und Leiter des Secret-of-Tantra-Instituts für neue Lebenskultur.

3 Responses

  1. LP

    Warum gibt es noch keine Polyamorie-Singlebörse?? Es ist wirklich schwerer über’s Netz jemanden zu finden, als man denkt… :‘-(

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    • Michael
      Partnerin gesucht für neues alternatives Wohnprojekt.

      Hey da hast du Recht ! Ich suche auch noch eine Frau die Lust hat neue Wege zu gehen. Ich lebe momentan mit meiner Frau und Tochter ganz normal in einem Haus. Meine Frau hat unseren gemeinsamen Freund jetzt als 2 Partner . Und ich (m 46) bin auf der Suche. Wir wollen im neuen Jahr ein alternative Wohngemeinschaft auf einem Freizeitgrundstück gründen. Jeder soll sich entfalten können. Einen Gemeinschaftsraum, Tiere Gemüsegarten usw. . Wir arbeiten momentan alle noch und verdienen auch nicht schlecht. Aber egal wir wollen uns eine kleine Insel oder eine kleine neue Welt aufbauen. Die Planungen laufen . Ich suche auf diesem Weg eine Partnerin die in einer Viererbeziehung leben möchte. 2Männer die sich gut verstehen und momentan 1 Frau. Wenn das interessant für dich klingt dann melde dich unter mbauss@gmx.net

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