Wir können Kontakt aufnehmen zu dem höchsten Potenzial und unser begrenztes Selbstbild erweitern, meint Andreas Fiedler

“Die meisten Menschen lernen nur eine Ecke ihres Raumes kennen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen”. (Rainer Maria Rilke)

Entwicklungsmöglichkeiten erkennen und verwirklichen – es ist eine lebenslange Aufgabe, unsere Talente und Begabungen freizulegen und zu fördern, so dass wirksame Fähigkeiten daraus werden. Wohlgemerkt: Es heißt Potenzialentfaltung und nicht -entwicklung – was nahelegt, dass das Potenzial in sich bereits vollständig ist, nicht erst erarbeitet werden muss. Ein einzigartiges, vollständiges Set an Begabungen oder Gaben, die uns gegeben sind. Eine unverwechselbare DNA, Ausdruck einer individuellen Wesensart, ein Aspekt unserer Seele, wie z.B. besondere mentale oder physische Anlagen, ein Sinn für Ästhetik und Gestaltung, eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit, Empathie … – alles drängt zu einem schöpferisch wirksamen Ausdruck und bietet wunderbare Entwicklungsmöglichkeiten.

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“ – Horváth

Wie aber erkennen wir unser Potenzial? Manchmal tun wir uns schwer damit, weil uns vielleicht ein verzerrtes Bild von uns selbst vermittelt wurde. Durch Elternhaus und Schule sind wir auf meist veraltete Normen konditioniert, da ist scheinbar nichts Besonderes, Einzigartiges an uns. Wie in der Geschichte vom Löwen, der unter Schafen aufwächst und sich selbst für ein Schaf hält, bis ihm eines Tages ein Artgenosse den Spiegel vorhält. Während der ersten Lebenshälfte arbeiten wir oft daran, bessere Schafe zu werden. Es ist immer „nicht genug“, ich bin nicht gut, liebenswert usw. genug. Der Fokus liegt eher auf Sekundärtugenden wie Leistung, finanziellem Erfolg oder Sich-um-andere-Kümmern. Das kann auf Dauer sehr anstrengend werden, wenn Entwicklung mehr als Selbstoptimierung verstanden wird, weil es ja immer „noch nicht genug“ ist. Solange wir nicht wissen, wer wir wirklich sind, solange wir das Leben des Schafes leben, ist die Zukunft mehr eine Fortschreibung der Vergangenheit mit den Konditionen der Vergangenheit.

„Du bist ein Geschenk für die Welt“ – Hanh

Bis wir bemerken, irgendwas ist hier faul und macht uns krank, und uns auf die Suche nach unserer eigentlichen Wesensqualität machen. Was inspiriert und erfüllt uns wirklich, wo ist unsere Löwenkraft? Andere, indigene Kulturen haben uns da etwas voraus. So gibt es in der traditionellen afrikanischen Kultur der Dagara ein Ritual, bei dem ein Kind schon im Bauch der Schwangeren begrüßt wird. Die Ältesten fragen, wozu es gekommen sei, was seine Wesens-Berufung ist, seine Gabe, mit der es auf die Welt kommt. Die Mutter nimmt in einer Art Trancereise Kontakt mit dem Kind auf und bekommt erstaunliche Antworten des Ungeborenen. Das Kind soll hier von Anfang an das Erleben haben, von der Gemeinschaft in seinem Wesen gesehen zu werden. In unseren „modernen“ Gesellschaften ist so etwas die Ausnahme. Da dürfen wir froh sein, wenn wir Einzelnen begegnen, die etwas in uns sehen. Es mag gelingen, unserem Potenzial durch gute Fragen und Selbsterforschung auf die Spur zu kommen.

Doch erstmal wehrt sich das Schaf in uns dagegen: Wer sagt mir, dass ich mir das nicht nur einbilde? Wer sagt mir, dass ich wirklich ein Löwe bin? Wer bin ich, mich großartig zu nennen? Wie dann weiter? Das Löwenherz weiter öffnen und in Prozesse eintauchen, die uns ein gültiges Bild, eine Vision von uns selbst vermitteln, an der wir uns neu ausrichten können. Stille und Meditation, um Kontakt mit unserer Seele aufzunehmen.

Auch Aufstellungsarbeit kann das Potenzial gut sichtbar machen. Ein nächster Schritt ist, über uns hinauszugehen, vom Ich zum Wir, in ein gemeinsames Erforschen der Zukunftsmöglichkeiten einzutreten. „From Ego to Eco“, z.B. mittels Circling – oder Presencing aus dem U-Prozess von O. Scharmer, ein integraler Ansatz und eine weltweit aktive Initiative, die untersucht, wie Individuen, Gruppen und Organisationen das höchste Zukunftspotenzial erspüren und verwirklichen können. Presencing ist ein Anwesend-Werden zu tieferen Quellen des Wissens. Über die Konzepte und Erfahrungen der Vergangenheit hinaus, in eine Öffnung zur Gegenwärtigkeit, in der sich eine neue Zukunft zeigen kann. „Aus der Vergangenheit kann jeder lernen“, sagt Hermann Kahn. Heute kommt es aber darauf an, „aus der Zukunft zu lernen, inspiriert von unserem höchsten Potenzial“ (O. Scharmer). Oder wie Rilke es formuliert: „dass die Zukunft in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht. Und darum ist es so wichtig, still und aufmerksam zu sein.“

Wir können Kontakt aufnehmen zu dem höchsten Potenzial und unser begrenztes Selbstbild erweitern durch das, „wer ich bin“. Dieses Potenzial ist immer bereits da, es wartet geduldig auf uns, bis wir es endlich wahrnehmen und uns von ihm leben lassen. Mein Geschenk für die Welt – es gibt uns einen tiefen Sinn, von dem aus wir freudig wirksam werden können.

Author: Oliver Bartsch

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