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Spiritualität und Profit – diese beiden Themen haben gewiss eine Fülle von Reibungsflächen. Wir wissen alle: Spiritualität kann sehr profitabel sein. Ubi pecunia, ibi ecclesia, „Wo das Geld, da die Kirche“, so ein alter Sinnspruch.

Dass sich mit Religion Geld machen lässt, ist von alters her bekannt. Der sogenannte Eso- und Spiri-Markt boomt. Von der Auseinandersetzung mit spirituellen Grundfragen und -erfahrungen wird vielfach der Rahm in klingender Münze abgeschöpft. Andererseits aber wird die klingende Münze selbst subkutan (unterschwellig) mehr und mehr selbst zum Glaubensinhalt. Schon Walter Benjamin sprach vom Kapitalismus als Religion.
Ob sich gesellschaftlich und kulturell etwas am Leben hält oder dem Untergang geweiht ist, ob sich etwas verwirklichen lässt oder schon als Idee wieder verworfen wird, dachte man sich bislang von unterschiedlichen Faktoren abhängig, von durchaus mannigfaltigen Einfluss-größen. Folgt man den Neoliberalen und ihrer Globalisierungstheorie, verhält es sich anders. Über „Sein oder Nichtsein“, die sprichwörtliche Hamlet-Frage, entscheidet nur noch eines, die Antwort nämlich auf die Frage: Rechnet es sich oder rechnet es sich nicht? Sie besiegelt ab jetzt das Schicksal sozialer Lebensformen und individueller Existenzen. Profit – ist das also der zur pragmatischen Weltformel aufgeblasene Krämergeist?

Fixierung auf das Ökonomische

Das Profitable und Merkantile hat mit der Lebenswelt längst auch die Gehirne kolonisiert. Nicht nur ferne Konzernzentralen sind vom wirtschaftlichen Kalkül besessen, es okkupiert nicht minder, wenn auch perspektivisch versetzt, die Köpfe aller „Menschen vor Ort“. Auch diejenigen, von deren Lebensentwürfen oder Projekten schon feststeht, dass sie sich „nicht rechnen“, werden eher mit Schuldgefühl und Selbstzweifel reagieren, als dass sie im Stande wären, der ehernen Logik des ökonomischen Diktats eine wirksame Alternative entgegenzusetzen. 
Alle finden sich auf derselben schiefen Ebene wieder, wo es für niemanden ein Halten gibt gegen die ökonomische Schwerkraft, gegen die Drift ihrer eindimensionalen Rationalität. Das ökonomische Rentabilitätsdenken in der Gesellschaft zwingt alles unter seine Knute. Mit Adorno ließe sich das nur noch als gigantischer „Verblendungszusammenhang, der alle Menschen umfängt“ beschreiben, als „Leben unter einem Bann“. Folgt man Adorno, so ist das „Äquivalenzprinzip“ schuld daran. Dieses bedingt unsere Fixierung auf das Ökonomische. Wo Gesellschaft sich primär über den Waren- und Geldverkehr konstituiert, wird ständig mit einem Vergleich von Ungleichem operiert, indem alles und jedes auf seinen Tauschwert hin taxiert wird. ln ihrer relativen Gleichwertigkeit (Äquivalenz) als Tauschwerte, so Adornos Pointe, sei immer schon die Gleichgültigkeit gegen das (ökonomisch nicht verwertbare) Besondere, Individuelle, Nichtidentische der jeweiligen Tauschobjekte angelegt. Die Art und Weise, wie sich ihr sozialer Zusammenhang herstellt, schlage die Menschen mit einer charakteristischen Blindheit; ein aus der Sphäre des Warentauschs, des Geldverkehrs und schließlich der Kapitalverwertung rührender Abstraktionszwang laste wie ein Fluch auf allem Leben in der Gesellschaft.

Spiritualität ist Bewusstseinsarbeit

In unserer „durchökonomisierten“ Gesellschaft hängt die reale Freiheit des Einzelnen wesentlich von dessen verfügbarer Kaufkraft ab. Die Wahrnehmung der Persönlichkeits- und Bürgerrechte wird zunehmend ökonomisch definiert und beschränkt. Nach Rolf Dahrendorf sind die Rechte der Bürger „jene unbedingten Anrechte, die die Kräfte des Marktes zugleich überschreiten und in ihre Schranken verweisen.“ Das Gegenteil scheint zunehmend der Fall. Der Markt weist unsere Rechte in die Schranken. Leider stellt schon unser Gesetz vielfach den Schutz des Eigentums über den der Persönlichkeit. Von dem Passus des Grundgesetzes „Eigentum verpflichtet“ ist nirgends mehr die Rede – Profitmaximierung und Rendite werden als die heiligen Pflichten des Kapitals gesehen. Die Forderung von Gräfin Dönhoff „Zivilisiert den Kapitalismus“ ist aktueller und dringlicher denn je.

Das alles ist nicht nur eine Frage der Politik. Denn Politik resultiert aus Überzeugungen, Wertvorstellungen, Philosophien – aus dem Bewusstsein, mit dem man die Welt, ihre Herausforderungen und Möglichkeiten begreift. Spiritualität ist Bewusstseinsarbeit. Sie darf nicht mit einer bloßen Innerlichkeit verwechselt werden. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, heißt es im Neuen Testament. Unser spirituelles Bewusstsein erweist sich schließlich auch an der Frage, wie wir uns den Herausforderungen der Wirtschaft und dem Diktat des Profits gegenüber verhalten. Politik ist nichts anderes als „die angewandte Liebe zur Welt“ (Hannah Arendt).

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