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Persönliche Niederlagen, Verletzungen, Traumata, staatliche Willkür, Mord – dies alles kann man überwinden und die daraus resultierenden Erfahrungen nutzen, um anderen Menschen zu helfen oder neue Impulse in die Welt zu setzen. Zwei Beispiele.


Im Namen der Ehre: Hatun & Can e.V.

Es ist die Nacht des 7. Februar 2005. Das Telefon klingelt. Die junge Türkin Hatun wird nach draußen gelockt, zu einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof, in der Nähe ihrer Wohnung. Ihre Mörder warten schon auf sie. Schüsse fallen. Hatun Sürücü stirbt für die „Ehre“ ihrer Familie. Hingerichtet von ihren eigenen Brüdern, durch drei Kugeln in den Kopf. Nach Ansicht ihrer Verwandten erhielt sie damit nur ihre gerechte Strafe. Ihr Vergehen: Sie wollte leben „wie eine Deutsche“, frei von Kopftuch, Bevormundung, fremden Lebensplänen.
Mit 15 war sie gefangen in einer Zwangsehe. Mit 19 schwanger. Mit 23 tot. Gerade hat sich der Todestag der Deutsch-Kurdin zum vierten Mal gejährt. Nur ihr damals 18jähriger Bruder Ayhan kam für den Ehrenmord ins Gefängnis. Seine älteren Brüder wurden aus Mangel an Beweisen frei gesprochen. Die jungen Männer gelten in ihrem sozialen Umfeld bizarrerweise tatsächlich als Helden.

 

Soziale Geheimagenten

Der Nothilfeverein „Hatun und Can e.V.“ wurde im Gedenken an Hatun Sürücü an ihrem zweiten Todestag gegründet. Die ehrenamtlichen HelferInnen treten nicht öffentlich auf. Ihre Namen und Gesichter sind unbekannt, zum eigenen Schutz. Es sind Freundinnen von Hatun, mit ähnlichem Migrationshintergrund. Das Entsetzen und die Wut über diesen Mord bringt sie nun dazu, anderen Frauen und Mädchen zu helfen, die von Gewalt, Zwangsehe und moderner Sklaverei bedroht sind. Schnell, unkompliziert und vor allem unbürokratisch hilft dieser rein durch Spenden finanzierte Verein, der in ganz Deutschland tätig ist. Die Kontaktaufnahme geschieht über E-Mail. Wie Geheimagenten aus einem Thriller holen die Mitglieder die Frauen an vereinbarten Treffpunkten ab, nehmen sie für die erste Zeit sogar in ihren Wohnungen auf, besorgen Papiere, Wohnungen, Jobs und geben psychischen Rückhalt. Sie retten Menschenleben, die sonst vielleicht schon, im Namen der Ehre und überkommener Moralvorstellungen, gewaltsam beendet worden wären.

Susanne Wiest und das bedingungslose Grundeinkommen

Ganz anderer Art ist das Problem, mit dem sich Susanne Wiest Ende letzten Jahres konfrontiert sah. Die zweifache Mutter aus der Nähe von Greifswald bestreitet ihr Einkommen als Tagesmutter. Ein neues Gesetz ändert nun seit dem 1. Januar 2009 die Besteuerung für Mitglieder dieser Berufsgruppe. Unter anderem müssen sie sich selbst krankenversichern und fallen nicht mehr unter den Schutz der Familienversicherung. Dieser Unterschied von rund 200 Euro pro Monat wirkte sich für Susanne Wiest – in einem sowieso chronisch unterbezahlten Job, es geht ja auch „nur“ um Kinder – schwerwiegend aus.

Erzürnt stapft sie also zur Bürgersprechstunde des Herrn Sellering, seines Zeichens amtierender  Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, und muss frustriert und bepackt mit wenig hilfreichen und hohlen Phrasen wieder von dannen ziehen. Doch dann bekommt sie von einer netten Dame in einem Wahlkampfbüro einen unerwarteten Tipp: Sie können doch online beim Bundestag eine Petition einreichen.

 

Die Lösung für unsere Gesellschaft

Gesagt, getan. Kurz vor Weihnachten letzten Jahres setzt sich Susanne Wiest an den Computer und tippt ihre Forderung hinein. Weil ihr das alles beim Durchlesen etwas kleinkariert vorkommt, schickt sie gleich noch einen Antrag mit einem gesamtgesellschaftlichen Lösungsvorschlag auf den Weg. Inhalt: die Petition für das Bedingungslose GrundEinkommen, eine Forderung nach einem Grundeinkommen für jeden Menschen, das nicht an eine Arbeitsleistung gebunden ist. Dann fährt sie mit ihrer Familie in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub, ärgert sich wahrscheinlich noch ein bisschen und vergisst die beiden Anträge erst einmal. Anfang Januar flattern ihr dann unerwartet zwei Briefe ins Haus: Petition Tagesmütter abgelehnt, Petition BGE angenommen. Als sie im Internet nachsieht, entdeckt sie erstaunt, dass während ihrer Abwesenheit schon einige hundert Leute begeistert unterzeichnet haben und über ihren Vorschlag diskutieren. Sie hat einen Stein ins Rollen gebracht und mittlerweile eine Lawine ausgelöst. Bis zum 17. Februar, dem Stichtag der Petition, wurden 50000 Stimmen benötigt, damit die Petition angenommen und damit Diskussionsgegenstand im Bundestag wird. Tausende E-Mails wurden verschickt, um weitere Zeichner zu gewinnen, in Blogs wurde Überzeugungsarbeit geleistet, und Tag für Tag wuchs die Zahl der Stimmen, bis sie am 17. Februar kurz nach 18 Uhr die magische Grenze überschritt. Und es wären noch viel mehr gewesen, wenn der zeitlupenhaft arbeitende Server, auf dem die Petitionsseite des Bundestages läuft, mehr Besucher zugelassen hätte.

Es bleibt abzuwarten, ob und wie der Ausschuss des Bundestags mit dieser Petition umgeht. Ein Sieg für die Forderung nach einem Umdenken ist die Aktion allemal. Viele Deutsche haben sich engagiert, laut und zahlreich zu der Thematik geäußert und die Petition zum BGE in diversen Blogs heiß diskutiert. Letztlich geht es aber erst einmal gar nicht darum, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen realisiert wird. Der Fokus liegt vielmehr darauf, neue Ideen ins Gespräch zu bringen, die das momentane System radikal in Frage stellen. Denn mit den bisherigen politischen Mitteln wird die Gesellschaft diese Krise nicht meistern können. Vielleicht werden wir alle durch die gegenwärtige Situation wieder offener für individuelle, ungewöhnliche Impulse – auch gegenüber denen aus uns selbst. Ausgangspunkt dieser Aktion, die Zehntausende mobilisiert hat, war eine einzelne, unzufriedene junge Frau, die nicht die Sackgasse ins private Ärgern gewählt hat, sondern den aktiven Weg einer gemeinsamen Initiative. Mehr davon.

 

Bild: Reichstag – © Daniel Gast / pixelio.de

Links:
www.hatunundcan-ev.com
www.archiv-grundeinkommen.de
www.grundeinkommen-ist-machbar.de

Über den Autor

Avatar of Shermin Arif

ist studierte Germanistin, Sozial- & Geschichts­wissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Journalistin, Redakteurin, Autorin, Texterin, Foodbloggerin, magische Kesselguckerin, kulinarische Diva und Kunsthandwerkerin.

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