Anzeige

An scheinbar trivialen Dingen, wie einigen Bäumen in Istanbul, einem kranken Baby in Sarajevo und einem Busfahrschein in Sao Paulo entzünden sich derzeit überall auf der Welt Massenproteste von Millionen von Bürgern. Was bedeuten diese Proteste und Bewegungen in einem kollektiven Zusammenhang und aus der Perspektive eines Bewusstseinswandels?

Tief empfundene Gefühle und symbolische Ereignisse

Auf den ersten Blick scheint es, als würde es bei den Protesten, die sich derzeit rund um den Globus ausbreiten, um lokale Misstände drehen. In der Türkei etwa entzündete sich alles an einer Reihe von Bäumen, die auf dem Taksim-Platz gefällt werden sollten, um einem großen Bauprojekt Platz zu machen. Innerhalb weniger Tage wurde aus dieser vermeintlichen Kleinigkeit ein landesweiter Protest. Die Empörung über die sinnlose Gewalt der Polizei und den autoritären Regierungsstil zog Millionen von Menschen auf die Straße. In Brasilien, Bosnien und Bulgarien waren es ähnliche „Kleinigkeiten“, welche die Menschen auf die Straße zogen. Diese Vorfälle zeigen nicht nur, dass es jenseits der Auslöser ein verbindendes Thema gibt, und es sich in Wahrheit um einen globalen Protest handelt, sondern auch welches Potenzial derzeit überall auf der Welt unter der Oberfläche des Alltags schlummert – es ist kaum denkbar, dass ähnliche Vorfälle vor wenigen Jahren eine ähnliche Reaktion ausgelöst hätten.

Es ist ein Protest aller Schichten und Altersgruppen. Es sind nicht nur junge Menschen, die auf die Straße gehen. Als Präsident Erdogan in der Türkei die Mütter und Väter aufforderte, ihre Kinder vom Taksim-Platz zu holen, wenn sie diese vor dem harten Durchgreifen der Polizei schützen wollen, kamen die Eltern tatsächlich – um eine Menschenkette um ihre Kinder zu bilden und an ihrer Seite zu stehen. Die Kluft zwischen den Generationen, die während der Bewegung der 70er und 80er Jahre unüberwindlich schien – hier ist sie geschlossen, Mütter stellen sich vor ihre Söhne und Töchter, unterstützen sie in ihrem Gerechtigkeitsempfinden und ihren Visionen.

Es sind Gesten wie diese, die tief berühren. Sie zeigen für mich, dass es bei all dem nicht nur um Politik geht. Es geht um ein Gefühl für Richtigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschlichkeit, Liebe um die Sehnsucht nach einer neuen Gesellschaft. Die Anlässe der Proteste ist fast banal, ihre Form und ihre Gefühle sind es nicht. Fast symbolisch wirken die Zusammenhänge, wie eine große gesellschaftliche Aufstellungsarbeit. Ein Baum, der einem Konsum-Tempel weichen soll, ein Staat, der sich einer erwachenden Bevölkerung gegenübersieht und beinahe verzweifelt wirkt seiner der völlig sinnlosen Gewalttätigkeit. Die Vorfälle in der Türkei und anderswo machen ein Verhältnis sichtbar, das unter der Oberfläche wohl in vielen Ländern rund um den Globus besteht: ein altes System gegen eine Bewegung erwachender Menschlichkeit. Alle Versuche, die Gesellschaft zu spalten und zu vereinzeln versagen mehr und mehr. Das zeigt die Risse im Machtgefüge und wie dünn die Illusion eines „weiter-wie-bisher“ tatsächlich ist.

Spontane Solidarität

Die Bilder und Worte aus der Türkei tragen eine Botschaft in sich, die tiefer reicht, als es auf den ersten Blick scheint. Demonstranten aus der Türkei berichten von einem spontanen Einheitsgefühl in der Bevölkerung, dass quasi über Nacht erwachte: „Alle sind Eins. Ich und viele Millionen dürfen dies hier und jetzt erleben, und ich sage euch, es fühlt sich einfach wunderbar an. Die Macht des Einsseins… es ist so einfach, und es geht so schnell… erst wenn es erwacht ist, weiß man, dass diese Kraft eigentlich immer da war, dass wir sie aber vergessen haben. Wacht auf! Was heute hier passiert wird morgen bei euch passieren“ berichtet Gülay Ateş.

Diese Proteste waren in diesen Ausmaßen nicht geplant, sie sind einfach passiert, aus einem Gefühl von Richtigkeit. „Keiner von uns hat lange überlegt, wir zogen unsere Schuhe an eilten zu Hilfe.“ Trotz der Gefahr.

Als Proteste verboten wurden, begannen in der Türkei plötzlich Tausende Menschen still und regungslos auf öffentlichen Plätzen zu stehen – lebendige Mahnmahle des stillen Protests. Jeder Demonstrant würde ab jetzt als Terrorist behandelt, hatte die Regierung verkündet. Aber wie geht man mit Menschen um, die einfach still sind? Die nichts fordern, nichts blockieren,die nicht protestieren, die einfach nur dastehen?

Die Regierung nimmt die Menschen dennoch fest, aber die Idee hat sich bereits verbreitet, in der ganzen Türkei, sogar in New York stehen Menschen still da und erinnern die Welt, an etwas, das nicht zu greifen, aber unmittelbar zu spüren ist.

Die Proteste sind nicht lokal, auch wenn es so scheint, sondern es gibt eine kollektive Resonanz, einen Funken, der von Land zu Land springt und das Feuer einer neuen politischen Bewegung entzündet. So skandierten die Demonstranten in Brasilien: „Das Schweigen ist vorbei. Die Türkei ist hier!“

Eine neue Qualität

Wie schon bei der Occupy-Bewegung ist fühlbar, dass sich hier nicht einfach aufgestaute Wut entlädt – wenngleich das teilweise natürlich durchaus der Fall ist – sondern dass hier etwas Neues auftaucht, etwas dass es in diesen globalen Ausmaßen vielleicht noch nie gab. Im Herzen der Proteste spüre ich eine Qualität, die weit über Frustration hinausgeht, die in die Zukunft eines neuen, anderen Miteinanders träumt und ihre Verwirklichung einfordert. Im Herzen der Menschen regt sich ein Empfinden für Gerechtigkeit und Richtigkeit, dass so lange mit Füßen getreten wurde, dass es nunmehr Kleinigkeiten sind, die das Faß zum Überlaufen bringen. Die neuen Bewegungen der letzten Jahre versuchen in meinen Augen, diese neue Qualität einzufangen und ihr eine Form zu geben und ich glaube, dass dies auch ihr zentraler Sinn ist. Es ist die Überzeugung vieler Menschen, dass uns eine tiefe Transformation der Gesellschaft bevorsteht. Aber wie das Neue Eingang finden kann in das Alte, was wir selbst dafür zunächst sein müssen und wie die alten Strukturen am Besten aufzuweichen sind – all das wird gerade weltweit suchend erkundet.

Zu leicht verliert sich diese tiefe Energie in den Diskussionen über theoretische Kleinigkeiten. Ich glaube, es geht in der Türkei nicht um Bäume, nichtmal um den Frust auf die Regierung, sondern vor allem darum, wie all diese Dinge unser Bewusstsein verändern. Das Gefühl von Einheit, von Solidarität und Gemeinschaft, das Gefühl, dass alles möglich ist, wenn wir aufhören, uns als Opfer zu betrachten und in unsere Kraft kommen, das Gefühl von Einssein, von menschlicher Begegnung über alle Grenzen von Alter und Schichten hinweg, von gemeinsam empfundenen Werten – ich glaube, dass all dies großen Eindruck in unserem kollektiven Bewusstsein hinterlässt und bereits Teil eines größeren Wandels ist.

Oft wurde den neuen Bewegungen vorgeworfen, sie seien zu wenig konkret in ihren Forderungen, was sicherlich teilweise stimmt. Vielleicht ist das aber auch zum Teil eine Stärke, vielleicht macht es Sinn, anzuerkennen, dass sich hier vor allen etwas Gefühltes einen Weg nach Ausdruck sucht, dass sich hier im Kleinen und Großen kollektive Veränderungen sichtbar machen und vorbereiten.

(R)Evolution

Wenn man den Blick weitet für eine solche kollektive Perspektive, öffnet sich auch ein Raum, in dem es nicht mehr um kurzfristige konkrete Ergebnisse geht. Von der Hippie-Bewegung bis zu Occupy haben viele soziale Bewegungen von sich geglaubt, endlich einen finalen Wandel der Gesellschaft herbeiführen zu können. Wahrscheinlich ist es diese Überzeugung, die solchen Bewegungen ihre erstaunliche Kraft verleiht. Aber es ist auch dieser Anspruch, der zu großer Enttäuschung und Zynismus führen kann.

Die Evolution unseres kollektiven Feldes ist eine langfristige und in mancherlei Hinsicht träge Angelegenheit. Der plötzliche Eintritt eines goldenen Zeitalters bleibt nach wie vor unwahrscheinlich. Wenn wir aber genauer hinsehen, ist erkennbar, dass zum Beispiel die Hippie-Bewegung tatsächlich entscheidend zu einer tiefen Tranformation des globalen Bewusstseins beigetragen hat – auch wenn die große Explosion ausblieb und vieles auf den ersten Blick verschüttet scheint. Sie hat die Tür geöffnet für viele Entwicklungen, die ohne diesen starken Befreiungs-Impuls so nicht hätten stattfinden können. Genauso glaube ich, dass die aktuellen Geschehnisse einen großen Eindruck hinterlassen. Occupy und Konsorten waren keine Misserfolge, auch wenn sie scheinbar im Nichts verliefen. vielleicht wäre der aktuelle Türkei-Protest beispielsweise so nicht möglich gewesen, ohne Occupy und arabischen Frühling.

Für mich sind derzeit nicht die politischen Dimensionen der Proteste vordergründig interessant, sondern ihre kollektiven. Die Berichte aus der Türkei, diese ungeplanten, spontanen kollektiven Bewegungen, die plötzliche Solidarität – all das ist hochspannend für mich. Diese Dinge sind nicht mehr planbar, nicht mehr voraussehbar. Wer sagt, dass beim nächsten Mal nicht plötzlich die auch Polizisten ihre Wasserwerfer niederlegen? Und was wäre dann? Es scheint derzeit alles möglich, wenn dieses Gefühl für die eigene Wahrheit und den kollektiven Traum weiter stärker wird.

All die kleinen und großen Proteste und Bewegungen sind also in meinen Augen vor allem Test-Felder, Versuche eine neue Energie zu integrieren. Ich denke, es wird noch einige Zeit dauern, bis diese weltweit empfundenen Impulse, ihre wahre Tragweite offenbaren. Und diese liegt für mich eben nicht in den konkreten Ergebnissen, die ein einzelner Protest zu erreichen versucht, sondern um etwas, dass als Idee, als Gefühl und als Erkennen in Millionen von Menschen weiterlebt.

Eine tiefere Ebene

Vielmehr als also die Aufregung über ein Einkaufszentrum interessieren mich die tieferen kollektiven Kontemplationen über Gerechtigkeit, Wahrheit, Richtigkeit, Zusammenhalt, die ausgelöst durch solche Ereignisse unbemerkt in den Herzen der Menschen ablaufen. Das heißt nicht, dass es nicht auch um konkrete Missstände und Ziele geht, aber ich glaube, dass, wer sich nur auf diese Ebene versteift, leicht die wahre Tiefe verpasst, die sich zeigt, wenn man einmal wirklich hineinfühlt in die Situation und in sich selbst. Was ist es, dass mich so sehr berührt und begeistert? Was spiegelt sich wirklich in diesen Ereignissen? Welchen Mut, welche Hoffnung kann ich darin spüren ziehen? Welche Sehnsucht wird genährt und wiederbelebt, welche Vision in mir wachgerufen?

Für mich sind es diese Dinge, die mich wirklich inspirieren, und welche für mich den tieferen Sinn von gesellschaftlichem Engagement sind. Es ermöglicht den Kontakt zu einer inneren Wahrheit, die weit tiefer reicht, als der Streit um ein Einkaufszentrum. Und je mehr Menschen wieder ein Gespür für dieses innere Empfinden bekommen, desto mehr wird sich dies auch ganz konkret in unseren Beziehungen miteinander auswirken. Und dieser schleichende Prozess ist für mich die eigentliche Revolution.

 

 

 

Bilder: Mstyslav Chernov cc-by-sa;

 

10 Responses

  1. wtf333

    Toller Artikel, endlich beginnt der Wandel, sichtbar zu werden! 🙂

    PERSÖNLICHE INFO:

    Ein kleiner Tipp an alle, die das Ganze eventuell ein Stück weiter vorantreiben wollen:
    Eine Freundin von mir brachte mich auf die Idee, abends, wenn die Straßen leerer sind, ‚Infoblätter‘ auszubringen.
    Denn die großen Medien sollten schon lange in freier Hand sein, dies ist jedoch nicht der Fall – darum sollten wir selbst Medien sein!
    Ein Infoblatt ist als Flyer unter http://www.united-mutations.info/dingens/chem-pr/flyer01.jpg erhältlich und kann schwarz-weiß ausgedruckt werden, spart Farbe 🙂
    Zusätzlich habe ich eine Art Weckrufzettel erstellt, Bilder findet ihr unter unteren Links.

    !!!Beide Dokumente habe ich als WORD-Dokument auf meinem PC, wenn sie jemand haben möchte, um sie ebenfalls auszudrucken und an Laternen, Ampeln, Zäunen, Briefkästen usw. anzubringen, dann bitte hier melden:
    ->Mailadresse: wtf333@freudenkinder.de
    ->Betreff: Infoblätter oder Wahrheitsverkünder

    Eine weitere Möglichkeit ist der DOWNLOAD des allgemeinen Infoblatts unter:!!!
    https://hotfile.com/dl/231453581/7bcfcb6/X3.doc.html

    Selbst erstelltes Infoblatt:
    http://www.fotos-hochladen.net/uploads/p10301211637v25wj4.jpg
    http://www.fotos-hochladen.net/uploads/p1030122kflu2hnesi.jpg

    Bearbeitete Chemtrailinfo:
    http://www.fotos-hochladen.net/uploads/p1030124cm2iw1th4k.jpg
    (Ursprüngliche Quelle: http://www.united-mutations.info/dingens/chem-pr/flyer01.jpg)

    Je mehr Leute bei der Verkündung der Wahrheit mitmachen, desto mehr Einfluss verliert die Kabale!
    Denn, wie im Infotext zu lesen: Informierte Menschen kann man nicht betrügen.
    Am besten machen sich die Dokumente natürlich in Folie o.ä.
    Jeder kann mitmachen, und wenn es nur 5 Blätter sind.
    Danke euch allen!

    Liebe Grüße,
    wtf333

    Antworten
  2. Jutta Poppe

    Wundervoller Artikel und freue mich diesen heute zu lesen – denn am Wochenende entstand in mir selbst die Tiefe, die ich aus der Natur entnahm und schrieb aus der eigenen Wahrnehmung im Hier und Jetzt den Beitrag: Engel-Die Liebe bleibt http://juttapoppe.blogspot.de/2013/06/engel-die-liebe-bleibt.html. Und so zeigen sich jetzt all die schützenden Engel, damit die Liebe bleibt – die Muttererde. Das passt für mich, in dem im Artikel erklärt wird, dass die Mütter es sind die sich schützend vor ihre Kinder stellen.

    Danke!

    Antworten
  3. Harry

    Ich muss aber sagen, so viel wie ich mitbekomme geht es eigtl. in der Türkei noch am aller friedlichsten zu nach anfänglichen Pfefferspray Aktionen.. in Deutschland war es ja bei S21 auch nicht gerade viel humaner.

    Dazu auch ein nettes Video gefunden wo sich in NYC Menschen aus den Ländern wo protestiert wird zusammengeschlossen haben.. Griechen, Brazilianer und Türken.
    http://www.youtube.com/watch?v=krvU9G9vy_c

    Antworten
  4. Eso-Policier

    Die Demos gegen den Kapitalismus und Multikulturalismus nehmen explosionsartig zu. Letztlich setzen sich nicht-grüne Ökos und (organisierte und nicht-organisierte) Freireligiöse durch. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

    Antworten
  5. the babyshambler

    netter artikel..hier noch einer aus eher politischer perspektive
    http://the-babyshambler.com/2013/06/20/changebrazil-und-occupygezi-die-globale-revolution-hat-gerade-erst-begonnen/

    und auch die zeit hats erkannt 😉

    „Anders gesagt: Womöglich erleben wir einen besonderen Moment. „Weltrevolution“ ist ein zu großes Wort, um passend zu sein, und sympathisch ist es, nebenbei gesagt, auch nicht. Aber es könnte sein, dass die Weltgeschichte gerade der demokratischen Wahrheit einen großen Auftritt beschert. Einen neuen Völkerfrühling.“

    http://www.zeit.de/2013/26/proteste-globales-erwachen

    Antworten
  6. Markus

    Die staatliche Gewalt erfährt keine Reaktion mehr auf ihre Provokationen, damit ist es geschafft.

    Die Polizisten legt ihre Rüstungen nieder. Die einseitige willkürliche Macht bricht zusammen.

    Die Menschheit wacht auf!

    www.evolution-blog.de

    Antworten
  7. Harry

    Ja die Standing Man Aktion die neu in der Türkei entsanden ist, ist wirklich etwas besonderes so eine Art zu protestieren habe ich noch nie gesehen.. das Menschen einfach stundenlang dastehen, still.

    Antworten
  8. elke

    Danke für den schön überschauenden Artikel…. ich konsumiere keine landläufigen Medien, so weiß ich oft nicht, was dahintersteht.
    (bitte ein „dass“ nur, wenn es wirklich ein „daß“ meint, lest sich sonst holprig, danke!)

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*