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In meinen letzten fünfzehn Jahren als spiritueller Lehrer, habe ich eines der offenbar häufigsten Missverstände in der spirituellen Szene beobachtet: Wieder und wieder habe ich festgestellt, dass viele die psychische Entwicklung untrennbar mit der spirituellen Entwicklung vermischen. Diese beiden sehr unterschiedlichen Entwicklungsweisen haben sich letztlich so sehr miteinander verwirrt, dass man nicht mehr sagen kann, ob wirklich eine spirituelle Evolution stattgefunden hat, oder nicht.

Die psychische Entwicklung

Menschen lernen beispielsweise, sich Ausdruck zu verleihen — ihrer “einzigartigen” Stimme. Sie lernen, für ihre inner Wahrheit einzustehen, ihre individuelle Stärke und ihr Selbstwertgefühl zu kultivieren, sie bekommen ihre zwanghaften Gedanken und Gefühle in den Griff, öffnen ihr Herz in Beziehungen, entwickeln eine gesunde Form von Abhängigkeit und befreien sich von ungesunden Formen. Sie akzeptieren Unterschiede zwischen sich und anderen, halten Druck aus und schaffen es, tiefe Verpflichtungen einzuhalten. Das ist natürlich wirklich großartig – nur hat es nichts mit spiritueller Entwicklung zu tun. Diese Prozesse passieren in der psychischen Entwicklung. Mit anderen Worten, es ist der Weg, auf dem ein gesundes Ego entsteht.

Dieser psychische Entwicklungsweg ist etwas, das jeder in dieser Welt durchmacht, manche intensiver, manche nur sehr minimal — nur dann, wenn Druck von außen sie dazu zwingt, wenn etwa ein Partner mit Scheidung droht, sofern man sich nicht zu ändern bereit ist. Natürlich sind die Menschen, die mir in Einzelsitzungen, Workshops und Ausbildungsreihen begegnen, sehr aktiv mit ihrer eigenen psychischen Entwicklung beschäftigt. Aber noch einmal, das sollte man nicht mit der anderen, der spirituellen Entwicklung verwechseln.

Die spirituelle Entwicklung

Der Weg spiritueller Entwicklung ist einer der Transzendenz: Man geht über jede Form von Identifizierung mit der psychischen Entwicklung hinaus. Wenn man sich mit der psychischen Linie identifiziert, wird ein kontrahiertes Selbstgefühl, das aus Prozesses, Zeit und Raum besteht, in uns kreiert. Aber wenn man sich nicht mit der psychischen Linie identifiziert, wird der gesamte psychische Prozess als etwas gesehen, das jemand anderem passiert. In der spirituellen Entwicklungslinie findet eine Verlagerung statt, das Zentrum der Schwerkraft bewegt sich in eine unpersönliche Dimension der Existenz. Das Gefühl des Ego wird in ein Unendlichkeitsbewusstsein aufgenommen, und so gibt es keinerlei Identifizierung mit der irdischen Existenz und Rolle mehr. Der unerschütterliche Fokus liegt auf der universellen Existenz und darauf, dass aller individueller Wille und alle persönliche Macht wegfallen. Man konzentriert sich nicht mehr darauf, weiter am Ego herumzuschrauben und es zu stärken, sondern darauf, in dem einen und einzigen Sein absorbiert zu werden, das es gibt. Im Herzen dieses Weg ist nicht die Selbsterfüllung, sondern Gott als das, was alles andere ziemlich leer und bedeutungslos aussehen lässt.

Wenn ich Menschen “auf dem Weg” zuhöre, Menschen, die in einer westlichen, säkularen Kultur leben, ist klar, dass für sie beide Linien nur ein einziger Entwicklungsfluss sind. Tatsächlich bekommt die psychische Entwicklungslinie aber mehr Aufmerksamkeit, weil das zu unserer Kultur (Selbstverwicklung) passt und zu der normalen menschlichen Wahrnehmung von Zeit und Entwicklung. Die spirituelle Linie besteht aus Identitäts-“Sprüngen”, die jedes Gefühl von Zeit, Raum und Prozess zerfallen lassen und daher deutlich weniger leicht verdaulich und zugänglich ist.

Die Verbindung von Psyche und Spiritualität

Man kann sich natürlich fragen: Gibt es zwischen den beiden keine Verbindung? Warum sollte ich sie so klar voneinander trennen? Einfach nur, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen? Zweifellos gibt es eine Verbindung, einen gegenseitigen Einfluss zwischen beiden, genau wie es auch eine Verbindung zwischen den Dimensionen körperlicher und seelischer Gesundheit gibt.

Die psychische Linie gibt der spirituellen Linie ein gesundes und stabiles Ego. So ist sichergestellt, dass die spirituelle Entwicklung nicht von dem psychologischen Wunsch nach Weltflucht angetrieben wird. Menschen ohne eine ausreichende psychische Entwicklungen mögen die Vorstellung eines “Tod des Selbst” vielleicht aus den falschen Gründen attraktiv finden: Sie haben sowieso schon kein Selbst, das stark genug wäre! In Wirklichkeit braucht man ein stabiles Ego. Aber im Kontext der spirituellen Linie heißt dies, dass das Ego in ein transzendentes Sein aufgenommen wird, es wird zu einer Funktion, statt zu einer Identität.

Die spirituelle Linie sorgt gelegentlich dafür, dass die psychische Linie eine dramatische Änderung erfährt. Die Wechsel in der Identität gehen an die Wurzeln der psychischen Ebene. Mit jedem Sprung zu einer höheren, umfassenderen Identitätsebene verändert die neue Identität radikal die eigene Wahrnehmung, und damit auch die Werte, Gedanken und sogar Gefühle. Es ist kein Wunder, dass in den Erleuchtungstraditionen psychologische Prozesse nicht wirklich vorkommen – alles, was man tun muss, ist ein durchdringendes Verständnis über das Wesen von Verlangen und emotionaler Verhaftung zu gewinnen. Selbsterkenntnis ist hier letztlich das Wissen um das eigene ultimative Selbst.

Beides ist nötig

Auf meinem eigenen Weg habe ich vielleicht 80% meiner Zeit und Energie der spirituellen Entwicklungslinie gewidmet. Zum einen, weil das immer meine echte Leidenschaft war, zum anderen, weil ich klar gesehen habe, wie diese Linie, wenn man ihr wirklich folgt, ohnehin die Kraft hat, einen großen Teil der psychischen Welt aufzulösen. Ich glaube an diesem Punkt durchaus, dass beide Linien richtig entwickelt werden sollten. Aus zwei guten Gründen: Die spirituelle Linie scheint die psychische Linie nicht vollständig auflösen zu können. Ich sehe aber auch definitiv nicht, wie die psychische Linie jemals zur spirituellen führen soll, nicht mal in einem tausendjährigen Prozess. Beide sollten zum Erblühen gebracht werden, wenngleich die psychische Linie im Idealfall und zumindest für spirituelle Sucher an zweiter Stelle stehen und der höheren, spirituellen Linie dienen sollte. In platonischen Begriffen kann man sagen, dass die psychische Linie nur der Wagen sein sollte, unsere höhere Seele aber der Wagenlenker.

Man kann die beiden Linien einfach auseinanderhalten, in dem man sagt, dass die psychische Linie sich mit dem “was” beschäftigt – dem Inhalt von Gedanken und Emotionen — während die spirituelle Linie direkt das “wer” konfrontiert. Wer macht diesen Prozess durch? Wer beobachtet den Prozess? Und was würde passieren, wenn man das Ego nur als ein gesundes Werkzeug sehen würde, nur eine Funktion, die einem anderen dient? Können wir dann einen Moment lang innehalten auf unserem ewigen Weg und uns fragen: Wer bin ich, wenn ich meine Identifikation mit dem “Prozess” vollkommen aufgebe?

 

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4 Responses

  1. Ursula Windisch
    Es hängt von der Höhe der Energie ab.

    Sind die Filter des Psychischen geklärt und bereinigt führt meines Erachtens die höhere Energie von selbst hin zum Spirituellen. Aber Danke für die Klärung im Artikel.

    Liebe Grüße
    urwind.de

    Antworten
    • Monas
      Psychische und spirituelle Entwicklung - ein Prozess oder zwei

      Ich finde Deinen Artikel interessant.
      LG

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