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Der Garten Eden als Schulprojekt – wo Geist und Natur sich wiederfinden.

„Die Schule sei keine Tretmühle, sondern ein heiterer Tummelplatz des Geistes.“ Was Johannes Comenius im 17. Jahrhundert bereits aus humanistischem Blickwinkel kritisch andeutet, ist eine flächendeckende alltägliche Erfahrung im heutigen Schulbetrieb geworden. Schule als „Tretmühle“ meint, dass die Menschen, die im täglichen schulischen Prozess über lange Jahre ihres jungen ­Lebens eingebunden sind, ihren durchgeplanten Alltag als fremdgesteuert und bedrückend erleben. Lehrpläne und Leistungsdruck in beengenden und durchdefinierten Räumen bestimmen den betriebsblinden schulischen Alltag. Die rechte Gehirnhälfte mit ihren Parallelprozessoren wird in der EDV-gesteuerten Welt über die Maßen beansprucht und behindert notwendige schöpferische und kreative Potenziale. Im täglichen Trott der überbordenden Stundenpläne fristen die Schüler ihr denaturiertes Dasein. Die in Deutschland geltende Schul- und die damit einhergehende Aufsichtspflicht verstärken diese kasernierte Lernsituation noch zusätzlich. In Ganztagsschulen sind Schüler von 8 bis 16 Uhr in Hochsicherheitstrakten einquartiert. Die besten Jahre des Lebens werden so oftmals als bedrückende, bleierne Zeit erlebt. Nach der sogenannten Reifeprüfung beginnen viele Jugendliche bei Null und erleben das Verlassen des Schulkerkers als innere Befreiung. Das Problem der Schule ist ein uraltes:

„An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben“, warnte bereits Seneca vor zweitausend Jahren. Und das schlummernde Lebenspotential der gebändigten Jugendlichen wird auf dem Wege der Lernzielbefriedigung nur sehr begrenzt gefördert oder in Einzelfällen in seiner Lebensenergie gar vollkommen abgewürgt. Die Ausfallerscheinungen unter den Jugendlichen in diesem Angstapparat Schule nehmen gravierende Formen an. Der Gehirnforscher Gerald Hüther geht davon aus, dass sich die etablierten Lernfabriken bereits längst selbst überlebt haben und kaum mehr kontrollierbare Probleme hervorrufen – bis hin zum prophezeiten Kollabieren des Schulsystems in wenigen Jahren.

Doch was ist zu tun, um diesen unsäglichen Zustand des Lebens im schulischen Raum zum Besseren zu wenden?

 

Erlernen von Gelassenheit

Dabei war Schule, im griechischen Wortursprung „freie Zeit“ oder „Müßiggang“, durchaus ganz anders angedacht. Fernab des zweckrationalen Getriebes des Alltags war Schule in der Antike ein privilegierter Raum, innerhalb dessen die Bildung der höheren Schichten nach göttlichen Leitbildern stattfinden konnte. Diese erbaulichen Bildungsstätten konnten tatsächlich noch als „Tummelplatz des Geistes“ zwischen Erde und Himmel bezeichnet werden, wo Mensch und Welt in einem schöpferischen, reflexiven Zusammenhang standen. Nicht Wissen, sondern Weisheit war das Leitbild für persönliche Reife. Meister Eckart sieht in dem „Erlernen von Gelassenheit“ das höchste Ziel – eine spirituelle Ausbildung von innen im besten Sinne des Wortes. Ein Mensch, der in sich ruht, ist für das Leben gewappnet. Im übertragenen Sinne würde dies bedeuten, dass gelassene Schüler, Lehrer und Eltern in einem gesunden und natürlichen Biorhythmus agieren, der wie von selbst Wachstum und menschliche Würde hervorbringt.

Immer mehr Schulen erkennen diese Notwendigkeit des „Erlernens von Gelassenheit“ und bauen in ihren vollgepackten Lehrplan wenigstens phasenweise „Grüne Klassenzimmer“ ein. Die Natur ist bekanntlich der beste Lehrmeister für Selbstfindungsprozesse. Raus aus der Schule ist die Devise, das „Unschooling“ wird zum Trendsetter der Reformpädagogik. Der Erdkinderplan von Maria Montessori geht sogar so weit, dass Jugendliche während der Pubertät für drei Jahre gemeinsam in einem Haus in der Natur leben sollten, um dort Jugendliche aus anderen Schulen und Kulturen zu empfangen und gemeinsam ein einfaches und naturnahes Leben zu organisieren. Mit dazu gehört eine rituelle Initiierung der jungen Männer und Frauen, wie es in indigenen Kulturen üblich ist. Montessoris radikaler Erdkinderplan scheitert jedoch an den faktischen Gegebenheiten der Lehrpläne und der blinden Leistungsorientierung nach Lernzielen.

 

Erdbotschafter sein

Die Hinwendung zur Erde ist ein Essential in allen Lehrplänen der Schulen der Welt und der kategorische Imperativ unserer Zeit. Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde und als globalisiertes Lernziel allen Schulfächern vorgeordnet. In der Erdcharta der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000, die von 200 Staaten der Welt unterschrieben wurde, sind vier Zielsetzungen für eine zukunftsfähige Welt verankert: Achtung vor dem Leben, ökologische Ganzheit, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden.

Jeder Schüler dieser Welt sollte als Erdbotschafter im Sinne der Erdcharta ausgebildet werden – um das Überleben der Menschheit auf diesem Planten zu gewährleisten. Eine für alle Schularten machbare und gemäßigtere Variante naturnahen Lernens ist das Anlegen eines Gartens. Bereits die großen antiken Philosophen wie Platon, Sokrates oder auch Epikur wiesen auf die Bedeutung des Gartens als natürlichem Lernraum hin. Auch die mittealterlichen Klostergärten waren vollendete natürliche Lernräume, in denen Geist und Natur sich begegnen konnten. In Preußen wurde 1750 der erste Schulgarten von Johann Julius Hecker südlich des Brandenburger Tors eingerichtet. Auch in der DDR gehörte ein Schulgarten zum offiziellen Lehrplan.

 

Schule und Social Gardening

Eine fortgeschrittene Form nachhaltigen Lernens ist das Anlegen eines Gartens im öffentlichen Raum. Social Gardening bedeutet ja die Rückkehr eines Areals, das der Allgemeinheit gewidmet ist. Im Mittelalter hieß dies Allmende. Das Anlegen des Gartens kann als eine Art Sozialpraktikum betrachtet und zertifiziert werden. Der Begriff der Erbauung stammt aus dem christlichen Mittelalter, als die Menschen sich am freien Sonnabend im Zentrum der Städte trafen, um gemeinsam und ehrenamtlich eine Kirche oder Kathedrale zu errichten. Lasst uns also gemeinsam Plätze finden, die wir in öffentliche Gärten umwandeln. Leitmotiv ist der uralte Garten Eden, weit vor der jüdisch-christlichen Zeit. Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein – der Garten Eden als „Tummelplatz des Geistes“. Für die Menschen der Antike stellte der Garten Eden als Wunschbild den Mittelpunkt der Welt und das letzte Ziel des Menschen dar. Und die Grundordnung des Weltengartens ist eine oktogonale. Das regelmäßige Achteck ist ein archetypisches Gebilde, das aus allen Kulturen der Welt bekannt ist und einen interkulturellen Raum darstellt, der die Menschen in ihre Verbundenheit zurückführt. Oktogonale Formen finden sich in der Natur und auch der Kulturgeschichte – sei es die Grabeskirche von Jerusalem, San Vitale in Ravenna oder die Pfalzkapelle Karls des Großen.

Es handelt sich um einen archetypischen Chronotopos, ein raumzeitliches Gebilde, in dem sich einerseits die acht Himmelsrichtungen und andererseits die acht Jahreszeiten spiegeln. Das Oktogon gliedert den geistigen Raum des Gartens und stellt in seiner Tiefensymbolik den Aufbruch zur Vollkommenheit dar – denn das Achteck nähert sich in seiner Form dem Kreis, ist also auf dem Wege der Vervollkommung. Der in den Garten eintretende Mensch ist der auslösende Faktor dieses Prozesses, der Vergangenheit und Zukunft im erlebten Augenblick zusammenführt.

Die heilsame und erbauliche Wirkung dieses zeitlosen archetypischen Gebildes ist daher auch in verschiedensten kulturellen Ritualen der Welt überliefert: im keltischen Jahreskreis, in den acht Trigrammen des I Ging oder auch im indianischen Medizinrad. Auch in der Astrologie gibt es ursprünglich acht Planeten mit ihren Häusern. Carl Gustav Jung hat in seinem Lebenswerk diese unsichtbare Verbundenheit der Kulturen der Welt durch Archetypen ins Zentrum gestellt. „Natur ist unsichtbarer Geist, und Geist ist unsichtbare Natur“, sagt Schelling. Im Garten Eden als kollektivem Begegnungsraum kann der verstörte Mensch der Moderne zu sich selbst kommen – und gemeinsam mit Anderen eine heilsame Verbindung eingehen – um so aus seiner wiedergefundenen inneren Natur neu leben zu lernen.

 

Gartentherapie

Im Garten-Eden-Projekt begegnen sich Menschen verschiedenster kultureller Herkunft und versöhnen sich mit der Erde. Jung und Alt sind mit der Pflege der Pflanzen beschäftigt und entfalten einen kulturellen Raum mit vielschichtigen Aktivitäten. Ob Säen oder Pflanzen, Düngen und Pflegen, Ernten, Zubereiten und Zelebrieren – Gartenleben stellt sich als ein lebendiger und lebenswerter Raum dar, der im besten Sinne auf die Umgebung ausstrahlt. Das Garten-Eden-Projekt ist jahrgangs- und fächerübergreifend und erfüllt die Vorstellung von einem zukunftsfähigen Unterricht in geradezu idealer Weise. Ein wichtiges Grundlagenwerk, das im Klassensatz zur Verfügung stehen sollte, ist „Der Selbstversorger“ von Wolf-Dieter Stoerl.

Der gemeinsame Bau eines Garten Edens im öffentlichen Raum gibt der Schule die Möglichkeit, aus ihrem Quarantänezustand herauszutreten und eine aktive Verbindung mit dem regionalen und lokalen Umfeld einzugehen. Die gemeinnützige Tätigkeit öffnet nicht nur den pädagogischen Raum, sondern auch die Herzen der beteiligten Menschen. Als „Tummelplatz des Geistes“ werden so vielfältige interkulturelle Prozesse eingeleitet, die ungeahnte Überraschungen bergen und den beteiligten Menschen das Gefühl vermitteln, einen wichtigen Schritt aus der „Tretmühle“ heraus in ein erbauliches und heilendes Miteinander getan zu haben.

In einem erweiterten Sinne kann sich aus dem lokalen Garten Eden ein umfassendes regionales Vernetzungskonzept entwickeln. Ob über ein interaktives Internet-Forum wie im Tante-Emma-2.0- Konzept oder über das Konzept der „essbaren Stadt“ wie in Minden oder Andernach – es sind vielfältige Wege denkbar, die erlebte „Tretmühle“ zu wandeln und in lebendige Alltagsprozesse zu integrieren, denn – und das wusste schon der weise Lehrer Seneca vor zweitausend Jahren – : Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.

 

 

 

We go paradise

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