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Technisch gesehen wären wir heute in der Lage, uns einen Menschheitstraum zu erfüllen: jedem Menschen auf dieser Welt alles, was er/sie zum Leben braucht, zur Verfügung zu stellen und die unangenehmsten Arbeiten von Maschinen erledigen zu lassen. Was fehlt, ist das Geld.

Doch was ist Geld anderes als eine Vereinbarung unter Menschen, ein bestimmtes Medium, sei es Papierscheine, Münzen, in manchen Teilen der Welt Muscheln, im Krieg Zigaretten, als Tauschmittel zu akzeptieren und zu verwenden? Haben wir uns womöglich mit unserem eingefahrenen Geldverständnis in ein Denkgefängnis verirrt?
Sieht man etwas genauer hin, so fehlt es uns ja auch gar nicht am Geld. Geld gibt es tatsächlich in Hülle und Fülle. Woran es tatsächlich mangelt, ist eine gerechte Verteilung des Geldes und damit eine gerechte Verteilung des Zugangs zu den Ressourcen dieser Welt. Mit ganzen drei Prozent der weltweiten Finanztransaktionen können heute alle realen Güter und Dienstleistungen ausgetauscht werden. Die restlichen 97 Prozent des um den Globus zirkulierenden Geldes werden nur zu rein spekulativen Zwecken eingesetzt!

Das Geld, mit dem wir täglich umgehen, dient zwei gegensätzlichen Zwecken: zum einen fungiert es als Tauschmittel, und es ist damit eine der genialsten Erfindungen der Menschheit und die Voraussetzung für eine funktionierende Arbeitsteilung, das heißt Grundlage jeder Zivilisation. Zum anderen ist es aber auch hortbar, und in dieser Eigenschaft als Wertaufbewahrungsmittel kann es den Tausch verhindern. Hat jemand z.B. einen Sack Äpfel und ein anderer das Geld, diese Äpfel zu kaufen, so sind die Äpfel in wenigen Monaten faul, wohingegen das Geld nach wie vor denselben Wert hat. Diese Unvergänglichkeit und die so genannten „Jokereigenschaften“ des Geldes – Geld ist für alles eintauschbar – stellen gleichzeitig die Voraussetzung für den Zins dar, den Geldbesitzer erheben können, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir das Zins-Nehmen und -Bezahlen heute akzeptieren, beruht aber auf drei grundlegenden Missverständnissen: Das erste Missverständnis betrifft die unterschiedlichen Wachstumsprozesse. Sowohl unser menschlicher Körper als auch Pflanzen und Tiere zeigen im physischen Bereich ein „natürliches Wachstum“: Wir wachsen recht schnell in den frühen Phasen unseres Lebens, dann langsamer und hören gewöhnlich mit dem körperlichen Wachstum ab einer optimalen Größe, etwa nach dem 21. Lebensjahr auf. Ab diesem Zeitpunkt, also die längste Zeit unseres Lebens, verändern wir uns – mit allen Subsystemen – fast ausschließlich qualitativ statt quantitativ. Wichtig ist demgegenüber das Verständnis des so genannten „exponentiellen Wachstums“, das man als das genaue Gegenteil des „natürlichen Wachstums“ bezeichnen könnte. Hier ist das Wachstum anfangs sehr gering, steigt dann aber kontinuierlich an und geht schließlich in fast senkrechtes quantitatives Wachstum über. Im menschlichen Körper zeigt ein solches Wachstum gewöhnlich Krankheit an. Krebs zum Beispiel folgt einem exponentiellen Wachstumsmuster – er wächst also ständig schneller. Wenn die Krankheit schließlich entdeckt wird, hat sie oft eine Wachstumsphase erreicht, in der sie nicht mehr gebremst werden kann. Ein solches exponentielles Wachstum endet gewöhnlich mit dem Tod des Organismus, in dem es stattfindet – zumeist auch mit dem Tod des „Gastes“, da dieser sich durch die Vernichtung seines „Wirts“ seine Lebensgrundlage entzieht.

Tatsächlich verhält sich der Zins wie ein „Krebs in unserem Wirtschaftssystem“ und damit auch in unserem gesellschaftlichen Organismus, denn mit Zins und Zinseszins wächst jede Geldanlage exponentiell – je höher der Zins, umso schneller. Könnten wir dagegen ein gesundes, der „natürlichen“ Wachstumskurve entsprechendes Geldsystem einführen, wäre ein von Ökologen und Ökonomen seit langem gefordertes Nullwachstum oder „qualitatives“ Wachstum überhaupt erst möglich.
Das zweite Missverständnis ist, dass wir Zinsen nur dann zahlen, wenn wir Geld leihen. Dem ist freilich nicht so, denn in jedem Preis, den wir entrichten, ist ein Zinsanteil enthalten, nämlich derjenige, den die Produzenten der gekauften Güter und Dienstleistungen der Bank zahlen müssen, um Maschinen und Geräte anzuschaffen. Würde der Zins durch eine andere Umlaufsicherung ersetzt, könnten die meisten von uns ihre Einkünfte fast verdoppeln oder entsprechend weniger arbeiten, um denselben Lebensstandard zu halten. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Bruttojahreseinkommen von 28.000 Euro zahlt etwa 11.200 Euro an Zinsen pro Jahr!
Das dritte Missverständnis betrifft die Ansicht, dass dies ein faires System sei, weil jede/r Zinsen in den Preisen und für Kredite bezahlt. Sieht man jedoch genauer hin, zahlen 80 Prozent der Bevölkerung fast die Hälfte ihrer Ausgaben in den Zinstopf, während 10 Prozent sowie vorwiegend Banken, Versicherungen und multinationale Konzerne das, was die Mehrheit verliert, an Gewinn einnimmt. Mit anderen Worten: 10 Prozent der Bevölkerung werden täglich insgesamt um eine halbe Milliarde Euro reicher und 80 Prozent um eben diesen Betrag ärmer. Es bestehen also in dieser Hinsicht weniger Interessengegensätze zwischen Unternehmern und Beschäftigten, wie das linke Parteien noch immer suggerieren, als zwischen denjenigen, die für ihre Einkünfte arbeiten müssen, und denen, die im großen Maße ohne Arbeit Einkünfte beziehen.

Eine natürliche Wirtschaftsordnung

Seit 1916 liegt nun eine Lösung auf dem Tisch, die nicht nur verblüffend einfach und elegant, sondern darüber hinaus praktikabel und leicht verständlich ist. Entdeckt und erstmals publiziert wurde diese Lösung von dem deutsch-argentinischen Kaufmann Silvio Gesell, dessen „Natürliche Wirtschaftsordnung“ sich zum Kapitalismus/Kommunismus etwas so verhält wie das Weltbild, das die Erde als eine Scheibe sieht, zum Weltbild der Erde als Kugel.
Statt Zins zu zahlen, schlägt Gesell vor, eine „Nutzungsgebühr“ zu erheben, um den Umlauf des Geldes zu sichern. Das Geld wird also weitgehend auf seine Funktion als Tauschmittel beschränkt. Es dient aber auch als stabiler Wertspeicher. Hat man mehr Geld, als man braucht, bringt man es zur Bank, die es verleiht und somit wieder in Umlauf bringt, und damit entfällt die Nutzungsgebühr.
Was in dem neuen System entfällt, sind die exponentiell wachsenden Ansprüche auf Spareinlagen und damit auch die Verzerrung des Marktgeschehens durch die einseitige Akkumulation von Geld in den Händen von wenigen.

Regio ergänzt den Euro

Wie könnten wir solch ein dauerhaftes, stabiles, umlaufgesichertes Geldsystem in einer relevanten Größenordnung praktisch einführen und erproben?
Die lokale Ebene (Tauschringe) erscheint dafür am Aufwand gemessen als zu klein. Auf der nationalen Ebene haben wir die DM gerade zugunsten eines internationalen Geldes in Europa aufgegeben. Was bleibt, ist die regionale Ebene. Grundsätzlich erlaubt eine komplementäre Regionalwährung zum ersten Mal seit der Einführung nationaler Währungen im 19. Jahrhundert – der Abschied von regionalen Währungen ist also noch gar nicht allzu lange her! -, die in der Region produzierten Güter und Dienstleistungen bevorzugt einzukaufen und damit gezielt zu fördern. Gerade für den Mittelstand, der die meisten Arbeitsplätze schafft und in dem das Geld in der Produktion und nicht primär durch Geldgeschäfte verdient wird, eröffnen sich durch regionale Währungen neue Perspektiven des wirtschaftlichen Wachstums. Ein Arbeitsplatz für regionale Produkte kostet nur einen Bruchteil von dem, was Arbeitsplätze kosten, die für den internationalen Markt produzieren. Warum sollten Banken in Zusammenarbeit mit den Kommunen in einer Region zukünftig nicht eine regionale Währung in ihrem Produktportfolio anbieten? (…)
Im Gegensatz zum Euro ist der Regio kein „offizielles“ Zahlungsmittel, das heißt, er steht nicht unter Annahmezwang: seine Annahme erfolgt nur freiwillig. Er ist nur geographisch begrenzt einsetzbar und trägt in jeder Region eine jeweils eigene Bezeichnung. Beim Umtausch in andere Regionalwährungen oder in die Landeswährung verursacht er eine Umtauschgebühr – und es lassen sich mit ihm keine Zinsen verdienen. Alle diese Charakteristika machen ihn – nach dem Gesetz von Gresham – zum sogenannten „schlechteren“ Geld, das heißt, alle werden bestrebt sein, dieses Zahlungsmittel los zu werden, bevor sie ihre Euros ausgeben. Und genau das ist beabsichtigt.

Der Euro eignet sich also für den internationalen Austausch, Wettbewerb und die Akkumulation und Umverteilung von Vermögen über Spareinlagen oder Geldinvestitionen mit Anspruch auf exponentiell wachsende Zinsen oder Dividenden. Der Regio hingegen eignet sich als Tauschmittel für eine bewusste Förderung sozialer, kultureller und ökologischer Ziele oder für einen ethischen Umgang mit endlichen Ressourcen in einem überschaubaren Bereich, zu dem Menschen eine direkte persönliche und emotionale Beziehung haben. Der Regio soll den Euro ergänzen, nicht ersetzen. Er ist deshalb auch keine „alternative“, sondern eine „komplementäre“ Währung.

Literatur:

 

Margrit Kennedy:
„Geld ohne Zinsen und Inflation,
Goldmann Verlag 2003,
ISBN 3-442-12341-0

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