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Wir wollen Freiheit, Glück und Liebe und stecken in Mittelmäßigkeit, Langeweile und Begrenzung fest. Wir machen und tun und treten auf der Stelle. Weil wir den entscheidenden Schritt verweigern: die Konfrontation mit der Angst.
Eine Ermutigung zu mehr Risiko von Jörg Engelsing

 

Wir alle wollen Freiheit, Glück und Liebe. Doch wir wollen sie gratis, zum Nulltarif. Vielleicht eine kleine, abendliche Krise vor dem Schlafengehen, dann morgens aufwachen und die Welt hat sich grundlegend zum Besseren verändert – ein Erlebnis, wie es der bekannte spirituelle Lehrer Ekkehard Tolle aus seinem Leben schildert. Gestern Abend noch depressiv, heute Morgen schon erleuchtet. Leider sind das Ausnahmen. Meist kommt das Glück eben nicht auf uns zu, sondern wir müssen selbst unseren Hintern hochkriegen und dem Glück entgegengehen. Wozu wir keine große Lust haben. Da hören sich Neo-Advaita-Slogans wie „du kannst sowieso nichts tun“ doch besser an. Meine Erfahrung: Das Laissez-faire funktioniert leider so nicht. Um zu erkennen, dass alles von selbst abläuft, muss ich komplett loslassen können – und das verweigert mein Körper-Geist-System bisher noch, genauso wie das der meisten Menschen.

Aufgrund traumatischer Erfahrungen in der Kindheit haben wir Begrenzungen und Schutzwälle aufgebaut, Widerstände, die bestimmte Informationen von außen nicht mehr an uns heran und in uns hereinlassen oder die innere Impulse unterdrücken, die nach außen wollen. Es geht erst einmal darum, wieder vollständig lebendig zu werden, ein offenes System im ständigen Austausch mit der Welt. Dazu ist es notwendig, unsere Begrenzungen zu erkennen und Stück für Stück dahinter liegenden Schmerz, Verzweiflung, Wut und Hass wieder zu fühlen. Und wenn man sich dem nicht einfach so hingeben kann, muss man dazu etwas tun.

 

Grenzen achten

Dabei geht es nicht um das mutwillige Überschreiten dieser Widerstände, um an das Eingeschlossene heranzukommen – das würde uns überfordern und das Trauma möglicherweise verstärken –, sondern um das genaue Erspüren der eigenen Grenzen und darum, zu schauen, wie viel Abgrenzung ich in jedem Moment brauche und wie viel Nähe ich zulassen kann. Es geht um die Wahrheit, die ich im Moment bin. Und nur auf der Basis der eigenen Wahrheit kann ich mich weiter entwickeln und weiter öffnen – nicht, indem ich bestimmte Vorstellungen habe, wie ich sein sollte und welche Ebenen von Öffnung ich erreichen kann. Manchmal pushen sich Menschen über ihre Grenzen. Das kann einen kurzzeitigen Kick und einen Einblick in unser grenzenloses Potenzial bringen, aber letztlich holen uns unsere Grenzen immer wieder ein, weil sie sich nur auflösen können und sich der Raum, in dem wir leben, erweitern kann, wenn wir sie genau wahrnehmen und achten. Wenn wir aufmerksam wahrnehmen, wie unsere Wirklichkeit gerade aussieht und das, wenn nötig, auch unserer Umwelt mitteilen, dann ist das ein Akt der Selbstakzeptanz und Selbstliebe, den unsere Seele, unser inneres Kind (oder wie man diese Instanz auch nennt) spürt und durch den es wieder ein Stück Vertrauen ins Leben gewinnt. Woraufhin es sich dann wieder ein bisschen mehr traut, sich zu zeigen. 

Das ist prinzipiell – wie ich es verstehe – die Basis jedes spirituellen Weges. Doch was sich so einfach anhört, wird oftmals durch betonmauerartige Hindernisse blockiert. Denn die Begrenzungen, körperlichen Verspannungen und einengenden Glaubenssätze hatten ja zu der Zeit, als sie aufgebaut wurden, den Sinn, unser Überleben zu gewährleisten – als Baby hatten wir nicht die Kapazität, sämtliche Gefühle zuzulassen, sondern mussten vieles schlichtweg in uns „wegschließen“. Die Überzeugung, dass die damals eingeschlossenen Gefühle lebensbedrohlich sind, ist allerdings auch jetzt noch in uns gespeichert. Unser System reagiert auf eine völlig ungefährliche Situation manchmal noch so, als wäre unser Leben bedroht. Aus diesem Grunde wehren sich diese Schutzmechanismen dagegen, enttarnt und aufgelöst zu werden. Dabei ist das System dieser Mechanismen so clever, komplex und ineinander verschachtelt, dass bei der Enttarnung eines Aspektes – oder wenn das Grenz-Sicherheitssystem einem Angriff ausgesetzt ist – sofort ein anderer in die Bresche springt.

 

 

Verkauft für die Sicherheit

Wenn ich also als Mann das Sicherungssystem habe „ich bin nicht attraktiv“ (oder eine andere Variante von „ich bin nicht in Ordnung“ – was mich davor schützt, von Frauen zurückgewiesen zu werden, denn wenn ich nicht attraktiv bin, ist es ja – so flüstert mir der Verstand ein – vollkommen aussichtslos, dass sich eine Frau für mich interessieren könnte), wenn ich also dieses Sicherungssystem habe und es bricht kurzzeitig oder völlig zusammen, findet der Verstand, der im Dienste der „Grenztruppen“ steht, sofort einen neuen Grund, warum ich in meinem Gefängnis bleiben sollte. Entweder bemerke ich etwas an der Frau, was mir nicht gefällt, und mein Interesse erlahmt – ich kann also sicher hinter meinen Mauern verharren –, oder mir fallen weitere Mankos an mir auf (du bist nicht männlich, du kannst nicht bedingungslos lieben usw.). Aller Selbsthass, alle Selbstverurteilung, der gesamte Verbesserungs- und Perfektionswahn unserer Gesellschaft sind einfach nur ein Ausdruck von Angst und ein Teil des Schutzschildes, der alten Schmerz abwehren will. Ich strebe nach Perfektion, denn Perfektion schützt mich davor, zurückgewiesen zu werden: Wenn ich erst perfekt bin, kann man gar nicht anders, als mich lieben. Im Grunde muss man dem Ego für diesen komplexen Schutzschirm ehrlichen Respekt zollen. Das Elend: Wir werden zwar nicht mit unserem inneren Schmerz konfrontiert, aber der Abwehrwall sondert uns vom Leben ab. Wir sind zum Zuschauen verurteilt. Und wir werden immer kleiner. Wir stehen nicht zu uns und zu dem, was wir wollen, weil wir Angst haben, dass uns das bisschen Zuneigung, das wir erfahren, auch noch genommen werden könnte. Wir geben uns mit den Krümeln zufrieden, statt den ganzen Kuchen zu beanspruchen. Wir suchen Halt in Glaubenskonzepten und verbieten uns sogar unsere eigenen Gedanken, weil diese Konzepte sie verurteilen. Das Unangenehme, die Kritik, die andere Meinung, möchten sie lieber ausklammern, weil das auf den Schmerzknopf drückt. Wir verkaufen für ein Zipfelchen Sicherheit unsere Freiheit.

 

 

Ja zu uns selbst

Mit dem Verstand kann man dieses System nicht aushebeln, weil der Verstand sein Diener ist. Manchmal blitzt allerdings eine Erkenntnis aus einer tieferen Ebene auf. Irgendwann sah ich bei mir, dass viel von dem Schmerz, den ich immer wieder fühle, der Schmerz ist, dass ich nicht ja zu mir sage, dass ich mich zurückhalte, mich verstecke. Ich sah, dass es um eine Entscheidung geht, um die grundsätzliche Entscheidung: Sage ich ja zu mir oder nein? Ausgehend von dieser Entscheidung entwickelt sich alles andere im Leben. Ausgehend davon wird das Leben zu einer wunderbaren, spannenden Reise oder zu einer endlosen Ödnis, zu Leblosigkeit und Langeweile. Zu einer körperlich erlebten und belebenden Erfahrung oder zu einem Kopftrip, zu einer sich ständig wiederholenden und weiterspinnenden Gedankenspirale, zu einer endlosen Analyse und Suche nach der Lösung des Problems Leben. Als mir das klar wurde, war ich total erleichtert. Und gleichzeitig tauchte in mir die Bitte um Kraft auf, damit ich den Weg des Zu-mir-Stehens auch gehen kann. Doch auf einmal merkte ich, dass ich wieder am Ausweichen war. Indem ich um Kraft bitte, mache ich meine Entscheidung wieder davon abhängig, ob ich die Kraft habe, das Mutig-Sein zu leben. Aber es geht darum, dass ich damit aufhöre, es von etwas abhängig zu machen. Denn das hält das ganze Elends-Spiel in Gang: noch ein Workshop, noch ein Heiler, noch ein Retreat, noch ein homöopathisches Mittel. Immer brauche ich erst noch was, damit ich losgehen kann, immer wünsche ich mir eine leichtere Ausgangsposition. Aber genau dieses Spiel verhindert die Entscheidung, wir tricksen uns selbst aus. Was dabei herauskommt, ist ein Leben in der Warteschleife. Wir bleiben das ewige Opfer, das nicht „kann“ und Hilfe braucht. Doch es geht um Bedingungslosigkeit, darum, dass wir sagen: Ich warte nicht mehr auf Hilfe von außen, von Gott, einem anderen Menschen, auf bessere Zeiten. Ich fange hier und jetzt an. Und wenn ich scheitere, fange ich wieder an. Jeden Moment. Fühlt unser inneres Kind, unsere Seele, diese bedingungslose Hinwendung, diese Verpflichtung, fängt der Körper an, sich zu entspannen und zu öffnen. Wenn wir darauf hoffen, dass die Energie irgendwann einmal besser ist, dann warten wir möglicherweise darauf, bis wir alt sind. Die Energie kommt beim Gehen, weil wir sie auf diesem Weg mit jedem risikovollen Schritt ins Unbekannte zurückgewinnen. Der Weg selbst erzeugt die Energie.

Die Entscheidung, durch die Angst zu gehen, ist wie ein Schalter. Entspannung, Liebe und Freiheit öffnen sich nicht einfach mit einem Mal, sondern der Schalter will immer wieder betätigt werden, jedes Mal, wenn die Einladung des Lebens an uns ergeht, weiter zu werden, wenn die Angst vor uns steht und uns nicht weitergehen lassen will. Mit jedem Schritt, den wir auf diesem Weg tun, fängt ein Teil der Energie wieder an zu fließen, das Festgefahrene löst sich. Verweigern wir einen Schritt, wird sie wieder blockiert.

Warten macht es nicht leichter – wir drehen nur Extrarunden und machen die Erfahrung, dass es keine Abkürzung, kein Tricksen und keinen Schleichweg gibt. Wir verzweifeln, weil wir uns doch so gern um die Konfrontation mit der Angst herummogeln möchten, wir resignieren, hadern mit Gott und müssen irgendwann einsehen: Es gibt keinen anderen Weg. Wir hätten uns viel ersparen können, wenn wir gleich gegangen wären, aber da war eben immer noch die Hoffnung, dass es leichter geht. Und jetzt stehen wir wieder vor der gleichen Aufgabe und wissen: Es geht nicht anders. Und gehen endlich. Mit Zittern und Zagen, aber wir gehen.

 

 

Was stirbt, ist die Angst

Jetzt stellt sich die Frage: Wie sieht die konkrete Umsetzung aus? Sie ist einfacher als einfach, nämlich ehrlich mit sich und den anderen zu sein. Sich zu zeigen mit dem, was wir das ganze Leben lang versteckt haben. Dieser Weg fühlt sich manchmal wie ein Sterben an. Doch was stirbt, ist die Angst. Und: keine Ahnung, ob dieser wackelige Weg durch die Unsicherheit jemals ein Ende hat.

Der Meistertrick des Egos, seine Versuchung, ist die Behauptung, dass es irgendwann in der Zukunft leichter ist, sich hinzugeben, sich zu zeigen, sich zu öffnen. Klar, es gibt wunderbare Methoden, sich auf dem Weg zu unterstützen. Ich kann meine Energie erhöhen, indem ich mir selbst Reiki oder eine andere Energiebehandlung gebe, Chi Gong, Tai Chi oder Yoga mache oder Bewusstseinstechniken anwende. Das alles ist wunderbar, denn alles das hat schon mit Selbstliebe zu tun, weil ich meine Aufmerksamkeit in einer positiven Weise auf mich selbst richte. Aber es hat immer noch etwas Technisches, ist nicht das pralle Leben selbst. Es ist ein wichtiger Schritt, wenn wir auf dieser Ebene wie auch im ganz normalen Alltag für uns sorgen, indem wir uns nicht mehr niedermachen und uns immer wieder etwas Gutes tun. Doch das reicht noch nicht, denn unsere Seele drängt auf Entfaltung. Sie will fliegen. Die meiste Energie, das höchste Potenzial liegt da, wohin mein Gefühl, meine Seele mich zieht – und es gilt, genau dieser Energie dann zu folgen. Also die Traumfrau oder den Traummann anzusprechen, ungeliebte Wahrheiten auszudrücken, Konflikte zu lösen, meiner Berufung und meiner Vision zu folgen….. also alles zu tun, was mich aus Unglücklichsein, Bedrückung, Verzweiflung, Enge, Angst und Starrheit herausbringt in die Lebendigkeit. Das muss nicht heißen, dass ich mich damit gleich schon glücklich fühle, aber durch das Tun bin ich wieder an den Lebensstrom angeschlossen. Und das kann man auf jeder Entwicklungsebene tun, in jeder Situation, immer. Es bedarf einfach einer Entscheidung: nicht mehr in der bekannten Welt zu bleiben, die sich meist durch sehr viele Grenzen und mehr oder weniger ausgeprägte Leblosigkeit auszeichnet, sondern statt dessen etwas zu riskieren. Es geht darum, den Weg zu gehen, für dich einzustehen – auch wenn du keine Liebe für dich fühlst. Manchmal musst du eben mit leeren Händen anfangen, besonders, wenn du dich dem Weg der Seele lange verweigert hast (kann ich leider aus eigener Erfahrung sagen).  Dadurch entsteht allerdings Selbstliebe – mit jedem Schritt ein bisschen mehr.

 

 

Statt warten: jetzt

Der Verstand, dessen Hauptfunktion darin besteht, unser Überleben zu gewährleisten, sagt jetzt natürlich: „Ich kann nicht“, bin nicht klug genug, nicht schön genug, habe kein Geld, habe dies und das nicht, bin vom Leben gebeutelt, meine schlimme Kindheit, grausame frühere Leben, ich bin von den  Plejaden und sollte eigentlich gar nicht hier sein usw. – er schiebt alles das vor, weil es ihm nicht um Entfaltung und Entwicklung geht, sondern um die Erhaltung des Status quo. Er sieht nur: Bisher habe ich so überlebt, dann sollte dieser Zustand aufrechterhalten und nicht geändert werden. Daher widersetzt er sich allem Neuen, jedem Risiko, jeder zu erwartenden Gefühlsaufwallung. Die Seele will sich dagegen erweitern und entfalten. Und diese Entscheidung, gegen den Weg der Sicherheit und für den Weg der Seele, des Risikos, ist einfach notwendig, wenn wir wirklich glücklich sein wollen. Dort, wo die größte Angst sitzt, liegt die meiste Energie.

Und wo finden wir diesen Seelenweg? Er ist immer da, wo wir uns unsicher fühlen, wo wir anfangen, die Grenzen unserer Komfortzone zu verlassen, wo wir unbekanntes Gebiet betreten. Wer diesen Weg geht, begegnet immer wieder seiner Angst. Und weil Angst nach meiner Erfahrung die zweitstärkste Energie im Universum ist – die stärkste ist Liebe –, können wir auch so unglaublich viel Energie zurückgewinnen, wenn wir diesen Weg gehen. Unsere Seele fängt an zu jubeln und das Herz öffnet sich. Der Weg durch die Angst ist der Weg in die Liebe. Darum gewinnen wir auf diesem Weg viel mehr Energie als durch irgendwelche Energieübertragungen. Unsere Seele ist primär daran interessiert, dass wir uns entfalten, und weniger daran, dass wir irgendwelche Techniken lernen. Viele davon sind wunderbare Werkzeuge, aber letztlich sind es Hilfsmittel. Vor allem Hilfen für Menschen, die gerade in ihrer Energie sehr weit unten sind, also krank, die erst einmal wieder zu dem Punkt „klettern“ müssen, an dem sie sich ihrer Angst stellen können – und weniger für Menschen, die das volle Leben erobern wollen. Sie können zwar auch dabei eine kraftvolle Unterstützung sein, aber wenn du den entscheidenden Schritt ins Leben nicht machst, werden sie nichts nützen und du wirst stagnieren und dich so lange um dich selbst drehen, bis du das kapiert hast und dich endlich entscheidest, den Weg der Seele zu gehen. Mal ganz ehrlich: Wir haben alle unsere Zipperlein und Neurosen, wer trägt denn hier keine Altlasten mit sich herum? Sich damit zu zeigen, trotz dieser „Behinderungen“ Begegnung und Verbindung zu wagen, ist doch der Reiz des Spiels. Sich auch mit dem zu öffnen, von dem wir glauben, dass es für andere nicht aushaltbar oder abstoßend ist. Und zu sehen, wie die Antwort ausfällt. Lernen, es mit dem ganzen Körper zu fühlen ohne auszuweichen. Das ist Leben. Unsere Seele will, dass wir frei werden, in unsere Kraft kommen und hoch erhobenen Hauptes durch die Welt gehen, dass wir uns unseres Wertes bewusst sind – egal wie klug, schön oder bedeutend wir sind oder eben nicht. Und wenn wir diesem Weg folgen, dann zeigen sich unausweichlich die Seelenqualitäten wie Glück, Freude, Liebe, Frieden.

 

 

Konsequenz, aber keine Überforderung

Man kann sich gegenseitig auf diesem Weg unterstützen, aber gehen muss jeder alleine. Das Leben kann einen immer wieder an den Punkt der Unsicherheit hinführen, aber die Entscheidung, diesen Punkt nicht als Grenze hinzunehmen, sondern weiterzugehen, kann einem keiner abnehmen.
Immer wieder, wenn wir durch die Angst gegangen sind, erleben wir einen Energieschub, eine Öffnung, die sich manchmal wirklich wie eine Auferstehung anfühlt, wie ein Blick in ein neues Leben. Aber das ist nichts, worauf man sich ausruhen kann. Es mal machen und mal unterlassen funktioniert nicht, denn sonst ziehen sich die Wände des Gefängnisses unweigerlich wieder enger um uns herum. Wir werden wieder unbewusst und schlafen ein (kenne ich leider nur zu gut). Nur wenn wir immer wieder den Weg durch die Angst wählen, werden wir weiter und freier. Dieser Weg ist endlos.

Es ist völlig in Ordnung, den Weg, sich zu zeigen, erst einmal mit Rechtfertigungen und Erklärungen zu gehen. Nicht überfordern, sondern immer so weit, wie es eben möglich ist. Das Wichtigste ist, dass wir gehen. Das Wichtigste ist, an der Grenze dranzubleiben und nicht dem Verstand zu glauben, der uns auf die unterschiedlichsten Arten immer wieder weismachen will, dass wir uns abwenden sollten.
Der Verstand produziert natürlich jede Menge Angst, wenn wir aus unserem Gefängnis ausbrechen wollen, weil er nur darauf ausgelegt ist, unser Überleben zu sichern. Ausbruch heißt für ihn: Lebensgefahr. Mit jedem Schritt, den ich auf meinem Seelenweg vorangehe, breche ich die Macht des Verstandes. Das Leben ist nicht dazu da, um Sicherheit zu haben. Es ist vielmehr eine Aufforderung an uns, hinzuschauen, wo wir uns unsicher fühlen, und dort weiterzugehen. Denn damit erweitern wir unsere Grenzen, und darum geht es.

Noch eine persönliche Erfahrung: Viele Jahre versuchte ich, mich selbst zu lieben, und merke jetzt, warum ich immer wieder daran scheiterte: Weil mich selbst lieben ja heißt, meinem Herzen zu folgen, das sich erweitern, experimentieren und das Unbekannte erforschen will. Und immer da, wo dieses Unbekannte ist, ist auch die Angst. Wenn ich es also verweigere, der Angst zu begegnen, wenn ich furchtsam innerhalb meiner konditionierten Grenzen bleibe, dann verweigere ich meinem Herzen auch die Ausdehnung und es wird leblos und verkümmert.
Jeder hat dabei seine eigenen wunden Punkte, wo der Wächter der Angst besonders heftig sein Schwert schwingt. Bei mir zum Beispiel hat es viele Jahre gedauert, bis ich überhaupt erkennen konnte, dass ich bedürftig bin, dass in mir ein kleines Kind ist, das Liebe, Nähe, Geborgenheit braucht. Ich habe das abgelehnt wie die Pest und bin dem Ideal vollkommener Unabhängigkeit hinterhergelaufen – unterfüttert auch von dem spirituellen Ideal, ganz allein stehen zu können. Und immer noch ist es eine Herausforderung, diese Bedürftigkeit zuzulassen und mich damit zu zeigen, mich mit meinem „ich brauche“ einer Frau auszuliefern – schließlich ist das das genaue Gegenteil von „männlich souverän“.

 

 

Die Wahl: Sicherheit oder Freiheit

Keiner entscheidet sich bewusst unglücklich zu sein. Doch wir verweigern uns dem Glücklich-Sein, wenn wir Sicherheit unbewusst oder bewusst höher einstufen als quirlige Lebendigkeit. Das Leben besteht aus jeder Menge Experimenten. Wenn wir zehn Mal das gleiche Experiment wiederholen und neun Mal das Gleiche herauskommt, heißt das nicht, dass es beim zehnten Mal genauso ist. Der Verstand sagt natürlich: Du machst immer die gleiche Erfahrung. Aber das stimmt nicht. Denn indem ich mich dauernd mutig zeige, ist das wie eine magnetische Kraft, die ins Universum wirkt.

Und manchmal verbrennen wir uns auch die Finger – das gehört dazu. Wir wagen es, über eine Grenze zu gehen, und sehen dann vielleicht: Das hat nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben. Dann nehmen wir eine Justierung vor und machen es beim nächsten Mal etwas anders. Doch wenn wir nur auf Sicherheit aus sind und uns in unseren bekannten Grenzen aufhalten, erleben wir ja auch immer nur die gleichen Situationen. Die Entscheidung für das Risiko und gegen die Sicherheit macht den Unterschied aus zwischen „das Leben gestalten’“ und „das Leben verwalten“. Der bekannte Architekt Frank Gehry hat es mal so ausgedrückt: „Wenn du weißt, wo es hinführt, lass es lieber gleich bleiben.“ Es gibt keine Sicherheit, und wenn wir nicht aktiv unsere Themen erlösen, dann ereilen sie uns, indem das Leben urplötzlich in unsere Komfortzone hereinbricht, beispielsweise durch eine Krankheit.

Wie wäre es, wenn wir uns der Welt so „zumuten“, wie wir sind? Die Figur Maxine (gespielt von Catherine Keener) beantwortet diese Frage im Film „Being John Malkovich“ so: „Ich denke, dass die Welt unterteilt ist in die, die für das gehen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Die Leidenschaftlichen, diejenigen, die dafür gehen, was sie wollen, werden vielleicht nicht bekommen, was sie wollen, aber sie bleiben lebendig. Und wenn sie auf dem Sterbebett liegen, haben sie wenig zu bedauern.“

 


 

Abb: © Julien Rousset – Fotolia.com – Sprung ins Unbekannte: Nervenkitzel Basejumping
Abb 2: ©Andreas-Zöllick – pixelio.de

11 Responses

  1. Mathias

    „Gestern Abend noch depressiv, heute Morgen schon erleuchtet.“

    …und am darauf folgenden Abend stellt man fest, dass nun die nächste „Zwiebelschicht“ danach drängt, geklärt zu werden.

    Endlos ist der Weg vielleicht nicht gerade, aber lang. Es ist wohl wie mit verschieden sportlichen Menschen:

    Der Unsportliche quält sich beim Treppensteigen ab der 2. Etage, der Sportliche ab der 20. und der Hochleistungssportler fragt sich, ob denn irgendwann mal ein herausforderndes Gebäude mit 200 Etagen gebaut würde…

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  2. Harald

    Danke für diese wahren Worte, in den meisten Sätzen sehe ich mich selbst und sehe daß die größte Angst die vor der Liebe ist und doch auch die größte
    Sehnsucht.
    Du schreibst in einem Artikel, das größte Hindernis zu erwachen sei u.a. die Überzeugung, man sei schon wach.
    Ich spüre eher die Kraft hinter dieser Haltung (ich muß nicht noch mehr lesen,
    Kurse besuchen usw.) daß alles vollkommen ist, aber die Freiheit niemals vom
    Ich-Standpunkt, vom Individuum gewonnen werden kann, sondern Freiheit vom Individuum ist, dieses gelebte annehmende Eintauchen in diesen Moment

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  3. petra

    Ja, da steht viel in deinem Text, was ich gerade auch erfahre. Wo die Angst ist – ist der Weg. Und grad da wollen wir nicht hin.
    Deine Ausführungen haben mir Mut gemacht, weiter zu gehen und mich der Angst zu stellen, denn jetzt weiß ich, nur dadurch kann ich sie überwinden.
    Danke für diese Gedanken.

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  4. WellenbeobachterHH

    „Aufgrund traumatischer Erfahrungen in der Kindheit haben wir Begrenzungen und Schutzwälle aufgebaut,…“

    Derartige Erfahrungen und Einflüsse gelten für die Erwachsenenzeit ebenso. Ich behaupte, dass sie sich da sogar noch verstärken, weil wir alle ideologisch konditioniert werden auf das Prinzip der Konsumgesellschaft, der warenproduzierenden Moderne, auf Marktwirtschaft und Kapitalismus.

    Wir alle werden in einer Ästhetik der Angst gehalten, um als Sklaven der abstrakten Kapitalverwertung zu dienen, sei es als Unternehmer oder Angestellter, Beamter oder Arbeitsloser. Alle, selbst die vom System selbst produzierten „Verlierer“, trachten in ihrer existenziellen Angst stets nur danach, selbst „Gewinner“ der Systemlogik zu sein, anstatt diese zu hinterfragen und zu verändern.

    Insofern liegt es durchaus in unserem Inneren, diesen Gordischen Knoten zu lösen. Nichtsdestotrotz gibt es aber nicht nur diese innere Sicht, sondern auch ein objektives Außen, in dem sich Mechanismen manifestiert haben, die uns überhaupt erst in diese Angst hinein zwingen. Kulturen, die das nicht kannten (z.B. die Indianer in Nordamerika) hatten auch derartige Ängste nur in rudimentärer Form. Sie waren spirituell sozusagen freier als wir mit unserer „Zivilisation“.

    Dieser Teil fehlt leider im Ausgangstext. Ansonsten prima…!!!

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  5. -daniel

    wunderbare einsichten!
    das lesen deines artikels macht mut und lust auf mehr und verdeutlicht sehr gut den zusammenhang von angst und persönlichem wachstum.

    du schreibst:
    „Nur wenn wir immer wieder den Weg durch die Angst wählen, werden wir weiter und freier. Dieser Weg ist endlos. “
    die „öffnende“ wirkung dieser worte war beim lesen direkt spürbar. 😀 plötzlich war mir, als wäre in mir ein nicht absteckbarer innerer raum…ein gutes gefühl. echt lässig! 😉
    und jetzt fragt euch mal, wieso das Universum (scheinbar) expandiert…

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  6. Adrian

    Sehr wahr. Für mich ist dieses Eingeständnis vielleicht einen Monat „frisch“ und noch stark dabei durch zu kommen; ich merke daher wie nervös mich dieser Artikel macht – die unangenehme Wahrheit vor der ich immer abgebogen bin.

    Aber jetzt (endlich) kann ich die positiven Gefühle, den Reiz, dahinter ahnen. Ich habe schon begonnen meine Schritte zu gehen und zum ersten mal in Jahren werde ich belohnt für meinen Mut, weil mein Herz der Akteur ist, und nicht mentale Konstrukte.

    Ich wünsche allen viel Glück auf Ihrem eigenen Weg!

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  7. patricia

    Danke für die schönen und so wahren Worte, es tut immer wieder gut auf dem eigenen wundervollen und steinigen Weg solche Lichtblickzeilen zu lesen.

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