Anzeige

Bei dem Versuch, die non-duale Wirklichkeit (Advaita) mit den Mitteln der Dualität begreifbar zu machen, kommt es häufig zu Missverständnissen und Widersprüchen. Eine grundlegende Quelle dieser Missverständnisse stellt sicherlich die Schüler-Lehrer-Beziehung dar. Die Idee von der Existenz eines Lehrers und eines Schülers stammt jedenfalls zweifelsohne aus der dualen Vorstellung von Unterschiedenheit. Ein „wahrer Lehrer“, wie er beispielsweise von Ramana Maharshi verkörpert wird, hat hingegen vollständig durchschaut, dass es in Wirklichkeit nur das Selbst gibt und keinen Lehrer: „Aus Sicht des Guru ist der Guru nur das Selbst. Das Selbst ist nur Eines, und der Guru sagt ihnen, dass nur das Selbst existiert.“ (1)

 

Die Verwirklichung bringt es also naturgemäß mit sich, dass jede Vorstellung von einem „Ich“ und einem „Handelnden“ verschwindet. Dies impliziert natürlich auch die Erkenntnis der Irrealität aller nur denkbaren Rollen. Nichtsdestotrotz hat sich inzwischen ein regelrechter Lehrer- und Schülerboom entwickelt. Eine Reihe von Menschen, die eine ungewöhnliche und möglicherweise durchaus tiefgreifende, spirituelle Erfahrung gemacht haben, halten sich selbst danach für erwacht und leiten daraus die Notwendigkeit ab, nun auch andere dazu zu bringen, in diesen „Zustand“ zu kommen, von dem sie selber glauben, dass sie ihn „erreicht“ hätten. Dabei wird oft übersehen, dass es hier meist nicht das Selbst ist, das unmittelbar wirkt, sondern eher die Idee von einem Selbst, die dann als Lehreridentität in Erscheinung tritt. Da, wo Reste von ichhaften Vorstellungen und Wünschen zurückgeblieben sind und gleichzeitig der Versuch unternommen wird, dass Selbst zu repräsentieren, muss es zwangsläufig zu recht bizarren und widersprüchlichen Phänomenen kommen.

 

Ohne die Gegenwart eines Schülers kann ein Individuum natürlich nicht als Lehrer agieren. Beide Phänomene bedingen einander. Doch aus welchen Gründen heraus betrachtet sich eigentlich ein Schüler als Schüler und wendet sich infolge dessen einem Lehrer zu?

Meist beginnen wir damit, einen Lehrer aufzusuchen, wenn wir unser individuelles Leid beenden wollen. Dieser Vorgang setzt voraus, dass wir uns mit dem Leid, das erscheint, identifizieren und glauben, dass wir es sind, die leiden, anstatt das Leid einfach als einen bedingt entstandenen Vorgang zu betrachten, der geschieht und der sich von selber wieder auflöst, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dieses Missverständnis der Identifikation mit dem Leid als „Leidender“, führt dann dazu, dass wir uns sogenannten Lehrern zuwenden, von denen wir hoffen, dass sie uns von unserem Leid erlösen oder uns wenigstens den Weg weisen, der zur Erlösung führt. Hieraus ergibt sich dann das nächste Missverständnis, nämlich die irrige Vorstellung, dass diese Haltung, die sich an einem äußeren Lehrer orientiert, zur Befreiung führt, wenn wir sie nur ausdauernd und hingabevoll genug beibehalten. Tatsächlich kann es aber keine von außen kommende Befreiung geben, wenn das Selbst, das wir sind, alles ist, was ist. Dann sind Außen und Innen, Lehrer und Schüler eins. Dann sind wir bereits DAS und wir brauchen uns auf nichts anderes mehr auszurichten, als darauf, „zu sein“. Um zu sein bedarf es weder des Schülers noch des Lehrers. Wir sind einfach – oder besser gesagt: ES ist einfach. Jeder Versuch dieses „Sein“ durch einen Lehrer, also durch etwas Vermittelndes, zu erfassen, muss zwangsläufig scheitern. Erst die Loslösung von allen Objekten, also auch vom Objekt „Lehrer“, ermöglicht die Freilegung von dem, was der Erscheinung sämtlicher Objekte zugrunde liegt, nämlich unserer wahren Natur, die nur unmittelbar realisiert werden kann.

 

Man könnte den Sucher, der sich dem Lehrer zuwendet, um aufzuwachen, auch mit der Spitze einer Welle vergleichen, die aus dem Meer hervorragt, weil sie glaubt, nun der Sonne durch diese Anstrengung näher gekommen zu sein. Der „fortgeschrittene Sucher“ hingegen ahnt aber bereits, dass das ewige Licht nur in der Tiefe scheint und nichts mit der sichtbaren Sonne zu tun hat. Dieser Sucher gleicht auch eher jenem Teil der Welle, der entspannt zurück fällt und sich dabei von ganz allein ins Meer ergießt. So gesehen könnte man das Satsang-Phänomen auch als eine Art von Welle betrachten, deren Bestimmung, unabhängig davon, wie hoch sie sich auch auftürmen mag, nur darin bestehen kann, wieder im Meer, also in der Einheit, zu versinken.

 

Damit ein Irrtum als solcher erkannt werden kann, muss er zuvor natürlich zu Bewusstsein gebracht worden sein und dazu kann die Satsang-Bewegung durchaus beitragen. Alle unsere Muster, unsere Tendenzen zur Unter- oder Überordnung, der Wunsch in der Kindrolle zu verharren und Schutz zu suchen oder das Streben nach Macht und Einfluss, können hier sichtbar gemacht werden. Wenn diese Mechanismen jedoch erst einmal durchschaut wurden, kann eine Verabschiedung von der Bühne, die all dies verdeutlicht hat, erfolgen. Dieses Verabschieden, sowie das erneute Ergreifen spiritueller Konzepte und das Teilhaben an Inszenierungen wird so lange andauern, bis vollständig realisiert wurde, dass da in Wahrheit niemand ist, der verabschiedet, ergreift und teilhat. Wenn dies geschieht, dann kann sich die Welle fallen lassen und das Meer kommt zur Ruhe.

 

(1) Ramana Maharshi, Sei, was du bist!, O.W. Barth-Verlag, Achte Auflage 2006, S.130

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Über den Autor

Avatar of Karen Bock

Jg. 1972, ist Heilpraktikerin (Psychotherapie) mit körpertherapeutischer Ausrichtung (Shiatsu und Atemarbeit).

„Die Frage nach dem „Wer bin ich“ brachte mich im Laufe meines Lebens mit unterschiedlichen spirituellen Richtungen in Berührung. Bald schon hatte jedoch die Anziehungskraft jener Wege gesieht, die in ihrem Ursprung gänzlich auf Konzepte, Tradition und festgelegte Rituale verzichten und statt dessen unermüdlich auf den (mystischen) Kern verweisen, der wiederum alle spirituellen Richtungen miteinander vereint. Für mich persönlich stellen insbesondere die Mystik Meister Eckharts, sowie die Lehre Ramana Maharshis (Advaita), sehr reine Manifestationen unserer geistigen Essenz dar.

Zwischen 2006 und 2008 ergab es sich, dass ich mit der Berliner Satsang-Szene in Berührung kam. Dabei begegneten mir bald einige Ungereimtheiten insbesondere hinsichtlich der Gestaltung der Schüler-Lehrer-Beziehung und des zu beobachtenden „Guru-Kults“. Was ich in dieser Zeit erfuhr, stand für mich jedenfalls im deutlichen Widerspruch zur ursprünglichen Lehre der Advaita: „Kein Schüler, kein Lehrer, keine Lehre“. Nach etwa zwei Jahren angestrengter Bemühungen „aufzuwachen“ drehte ich der Szene wieder den Rücken zu. Seitdem lebe ich erneut nach dem Motto: „Es gibt nur einen Lehrer“ und dieser eine Lehrer ist niemand anderes, als die bereits in jedem von uns innewohnende Weisheit unserer reinen, göttlichen Natur, die nur darauf wartet, enthüllt zu werden.“

3 Responses

  1. Sabine Thiem

    Ja liebe Monika,ich gebe Dir völlig recht.Wenn Du “ durch “ bist,dann siehst Du die Wahrheit.Ich habe nicht nach Erleuchtung gesucht.Wusste nicht mal,dass soetwas überhaupt möglich ist.Ich wusste nur,dass ich so nicht mehr weiter leben wollte.Ich suchte nicht und doch wurde ich gefunden.Das ist jetzt vier Jahre her. Sabine aus Erkner

    Antworten
  2. Elisabeth Marichal

    ich kann dem nur Recht geben das es kein Konzept gibt zu Erwachen und Erleuchtung zu Gelangen. Es gibt aber einen Weg und diesen Weg bin ich gegangen ohne das ich mir dessen bewusst war. Und ich bekam ein Geschenk. Es ist der Weg der seele zum Herzen und damit der Weg zu dem was alle Religionen Gott nennen. Es ist möglich aber man kann es nicht lehren. Deswegen gibt es auch weder Lehrer noch Schüler noch eine Lehre. Denn jeder muss sich Selbst Lehrer, Schüler und auch lehre sein um das Geschenkt zu bekommen das man Erleuchtung nennt. Es ist die Arbeit an sich selber um das Ego loszulassen und damit seinen Schmerz und sein leid. Es ist ein sich überlassen dem Fluss des Lebens ohne zu kämpfen. Und man erfährt das was die wahrheit ist. Und diese Wahrheit ist das was alles in Wirklichkeit ist.

    Antworten
  3. monika

    es gibt KEINEN lehrer.
    es gibt keinen lehrer, keinen schüler, keine lehre.

    es gibt kein persönliches „ich“.

    wissen ist dies erst, wenn du „durch“ bist. wobei niemand durch sein kann.
    weil da ist niemand (persönliches).

    es gibt nichts zu enthüllen, denn da ist NIEMAND (persönliches)

    herzliche Grüsse aus Frankfurt,
    monika

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*