Satsang – das ist das Zusammensein von spirituell Suchenden mit einem aufgewachten spirituellen Lehrer oder einer Lehrerin. In den 90er Jahren tauchte diese neue zeitgenössische Spiritualität in Deutschland und Europa auf. Neu war: Das Aufwachen, die Erleuchtung*, wurde zum Ziel in diesem Leben, möglich für jeden und jede. 1998 traf Christian Meyer auf den amerikanischen spirituellen Lehrer Eli Jaxon-Bear und und erlebte das, was man Aufwachen nennt. Schon lange war er auf der spirituellen Suche, aber jetzt erst richtete sich die Energie auf das Aufwachen, und erst dadurch konnte es geschehen.

Die Rolle und Aufgabe des Lehrers

Diese neue Form der Spiritualität geht zurück auf Ramana Maharshi, den großen indischen Weisen der Neuzeit. Er lehrte: Höre auf mit all den Übungen, frage, wer das ist, der da übt, wer das ist, der etwas will. Sein wichtigster Schüler war Poonjaji, den Eli Jaxon-Bear in Indien entdeckte. Eli beschrieb seine Suche so: „Ich war bei vielen spirituellen Lehrern und ihren Ashrams. Überall sah ich hingebungsvolle Schüler, aber nirgendwo traf ich Schüler, die aufgewacht waren.“

Erst bei Poonjaji wachten er selbst und seine Frau Gangaji auf – so wie viele andere. Die ganze Methode, so lehrte Ramana, ist in zwei Worten zusammengefasst: Sei still. Halte an. Normale Übungen haben die Struktur: Ich tue etwas, um etwas zu bewirken. Stattdessen: Tue nichts. Wenn Gedanken da sind, greife nicht nach ihnen. Sie sind motiviert von: Ich weiß es besser, ich will die Kontrolle haben. Was geschieht, wenn du auf all das verzichtest? Wenn du dich fragst: Was ist jetzt, wenn ich nichts tue, wenn ich keinem Gedanken folge? Dann öffnest du dich dem gegenwärtigen Augenblick. Zuerst tauchen Sinnesempfindungen auf, Körperempfindungen, dann Gefühle, auch die sind Gegenwärtigkeit. Was geschieht, wenn du dabei bleibst, ohne weg- und ohne dagegen anzugehen?

Das Gefühl klingt aus, es verbrennt; was geschieht jetzt? Unter dem Gefühl ist plötzlich Stille, Leere, die auch beängstigend ist, Angst, sich in der Leere aufzulösen, in der Bodenlosigkeit vernichtet zu werden. Was, wenn man dennoch dabei bleibt und trotz der Angst nicht wegläuft? Dann wirst du tiefer in diese Gegenwärtigkeit hineingesogen, sinkst in einen tieferen Abgrund und entdeckst Unendlichkeit, Grenzenlosigkeit, Zeitlosigkeit, einen tiefen Frieden. Der Verstand ist vollständig still. Und du entdeckst: Du selbst bist diese Grenzenlosigkeit und dieser Frieden. Die Glückseligkeit.

Satsang heißt Zusammensein mit einem aufgewachten Lehrer oder einer Lehrerin, deren aufgewachtes Sein den weiten Bewusstseinsraum eröffnet, der die Entdeckung der eigenen Tiefe erleichtert. Die Stille, die der aufgewachte Lehrer verbreitet, erlaubt dir selbst anzuhalten. Viele besuchen Satsangs wegen dieser positiven und heilsamen Energie. Aber das ist nicht alles. Die zweite Aufgabe des Lehrers ist es, Einsichten zu vermitteln. Keine Einsichten, die man auch aus Büchern lernen könnte, sondern Einsichten als Folge von Erfahrungen. Wenn der Lehrer kompetent genug ist, kann er dich lehren und dir helfen, so radikal anzuhalten, dass das Tiefersinken beginnt und der tiefere Raum sich öffnet. Er kann helfen, bei einem Gefühl zu bleiben, ohne etwas zu tun, und in der Gegenwärtigkeit des Fühlens zu bleiben und nicht in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu gehen – auch wenn das Gefühl noch stärker wird. Dann stellt diese neue Erfahrung eine Einsicht dar, die nicht verschwinden kann. Dieser Weg, der im eigentlichen Sinne gar kein Weg ist, weil die Gegenwärtigkeit jetzt ist und keinen Weg hat, ist der „Weg der inneren Erfahrung“.

Aufwachen geschieht durch Loslassen

Anhalten heißt loslassen. Erwartungen loslassen und Bewertungen. Dem nächsten Augenblick ohne Erwartung zu begegnen heißt, sich für das Unbekannte zu öffnen, für die wirkliche Erfahrung und nicht für Konzepte, nicht für eine neue Geschichte. Die Gegenwärtigkeit hat keine Geschichte, hat keine Erinnerung. Gegenwärtigkeit ist eine Erfahrung, und die ist immer neu und einzigartig. Das erfordert bereit zu sein, alles zu fühlen, was auftaucht. Bisher war da immer ein Jemand, der mit dem Gefühl etwas tun wollte und der fragte: Werde ich das Gefühl aushalten? Was muss ich damit machen? Was nutzt mir schon dieses Gefühl? Da war also ein Jemand, der von dem Gefühl etwas wollte. Und dieser Jemand verschwindet. Jetzt heißt es: nicht dagegen angehen, nicht weggehen, nicht darin baden. Da ist das Gefühl und niemand, der etwas tut.

Aber geht das so einfach? Ist da nicht vielleicht die bekannte Atemblockierung viel zu chronisch, viel zu automatisch, als dass du sie durch bloßen Willen beenden könntest? Oder ist da die Angst vor dem Gefühl so groß, dass es dir einfach nicht gelingt, dich dem Gefühl zu öffnen? Ist vielleicht die Energie des Gefühls sogar so beängstigend, dass die Blockierungen des Körpers noch zunehmen? Ich bin ganz sicher, dass die innere Entscheidung, allem begegnen zu wollen, was auftaucht, alleine nicht ausreicht. Da hilft lösende Körperarbeit, die Arbeit mit dem Atem und den Gefühlen, die den Atem wirklich frei und gelöst sein lässt. Denn jeder Mensch hat zwar eine tiefe Sehnsucht nach Ganzsein und dem tiefen uneingeschränkten Frieden, aber gleichzeitig eine Seite der Abwehr, die bewegt ist von der Angst vor dem Unbekannten, die das Risiko nicht eingehen will, die glaubt, sich schützen zu müssen. Wenn ich diese Seite der Abwehr nicht ernst nehme, mich nicht auseinandersetze mit ihr, dann kann die Abwehr sich nicht auflösen.

Im Griff der Vergangenheit

Dann ist da die Vergangenheit, die einen immer wieder im Griff hat. In der man anderen Vorwürfe macht, dass sie einen doch hätten anders behandeln sollen, Vorwürfe auch gegen sich selbst: Hätte man doch die Schule nicht geschmissen, die Beziehung nicht beendet … Man führt einen inneren Kampf gegen Dinge, die schon längst vorbei sind. Man müsste sich aussöhnen mit ihnen, aber das geschieht erst durch eine wirkliche Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen, den Ansprüchen und all diesen Vorwürfen. Da reicht kein guter Wille. Im Gegenteil: Der gute Wille schiebt es oft nur umso fester in den Untergrund, ins Un – bewusste, wo es einen erst recht krank macht. Satsang bedeutet also auch, sich mit all dem wirklich auseinanderzusetzen, die körperlichen Blockaden zu lösen und den Atem zu befreien, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, um die Energie für die Gegenwärtigkeit zur Verfügung zu haben, und bereit zu sein, den Ängsten zu begegnen, vor allem der Angst zu sterben. Durch dieses Loslassen kann Aufwachen geschehen.

Aufwachen ist kein Endziel, sondern ein neuer Anfang, der Anfang des wirklichen Lebens. Das Aufwachen kann sich vertiefen und in die verschiedenen Lebensbereiche hinein integrieren, auch dafür ist die Arbeit mit dem spirituellen Lehrer nötig. Es ist ein Leben aus einer größeren Tiefe, ein spannenderes und lebendigeres Leben, in einem weichen Rhythmus von Stille und Glückseligkeit und Aktivität und Gestaltung. Gefühle verschwinden nicht, nein, sie werden intensiver erlebt, klingen aber schneller aus, weil da kein Ich mehr ist, das dagegen ankämpft oder an ihnen festhält. Sich vollständig dem Gefühl zu öffnen bedeutet ein Ende des inneren Kampfes, der Verkrampfung und der Blockierung. Dann wird selbst Schmerz in einem tiefen Frieden erlebt. Und unter den Gefühlen findet man tiefere Erfahrungen, Frieden, den man sich nie hat vorstellen können, Leere und Glückseligkeit.

Der Weg ist einfach, aber nicht immer leicht

Manch einer denkt, weil man nichts tun kann, um aufzuwachen, sei der Weg bequem und leicht. Nein, alle inneren Gefühle und alles, was auftaucht, zuzulassen, ist nicht bequem. Sich dem Nicht-Tun zu öffnen, ist nicht leicht. Alles, woran man sich vorher festgehalten hat, aufzugeben, ist zunächst beängstigend. Aber dann nähert man sich immer mehr der Freiheit, dann wird wirkliches Aufwachen, wirkliche Erleuchtung möglich. Das alles ist Satsang, Zusammensein in der Wahrheit. Manch einer ist mehr hinter interessanten Erfahrungen her, rennt zu immer neuen Lehrern, auf der Suche nach einem neuen Kick. Das wird nicht viel bringen. Vielfach gibt es Satsang, in dem eine gute Atmosphäre erlebbar ist, wo aber mit den Menschen keine wirklichen Veränderungen geschehen, wo Aufwachen also wieder nur eine ferne Vision ohne wirkliche Erfahrung wird. Das ist zu wenig.

Satsang hat von Anfang an zu tun mit dem wirklichen Anspruch des spirituellen Lehrers oder der spirituellen Lehrerin, das Aufwachen weiterzugeben und nicht nur gute Erfahrungen. Und Aufwachen geschieht heute in einem Ausmaß, wie ich es früher nie für möglich gehalten hätte. Es wird möglich für jeden und jede; manchmal wacht sogar jemand auf, der zum ersten Mal in einem Retreat ist. Jemand anders wacht dagegen auf nach einigen Jahren der intensiven inneren Arbeit – wie und wann es geschieht, da gibt es kein Konzept. Viele wachen auf, die vorher in anderen Traditionen meditierten und sich daher diesem neuen Weg des Anhaltens und Nicht-Tuns schnell öffnen können. Ja, Aufwachen geschieht immer öfter. Tiefes, radikales, dauerhaftes Aufwachen. Ein Ich verschwindet allerdings nicht, weil das Ich immer nur eine Vorstellung und geistige Konstruktion war. Vielmehr verschwindet die Ich-Illusion. Und dadurch lassen sich Wahrheit und Freiheit entdecken.

*wiki.yoga-vidya.de definiert Erleuchtung folgendermaßen: Das Bewusstsein verändert sich und erhebt sich in die Ebene der Transzendenz (in Gott leben, im Licht leben). Das Ich-Bewusstsein (Ego) löst sich auf und wird durch ein Einheitsbewusstsein ersetzt. Man erfährt sich als eins mit allem und sieht sich in allen Wesen.

Retreats und Trainings:
• 5.-18. Aug.: Sommer-Retreat, Gut Frohberg bei Meißen
• 21.-23. Sept.: Wochenend-Retreat München
• 12.-14. Okt.: Wochenend-Retreat Berlin
• 24.-28. Okt.: erstes Seminar der Dreijahresgruppe in Berlin
• 16.-20. Nov.: erstes Seminar der Dreijahresgruppe in Wien
• 28. Nov.-2. Dez. erstes Seminar der Dreijahresgruppe in München

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