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Der Kreis gilt in allen archaischen Kulturen als Symbol der Vollständigkeit, er beinhaltet das  Ganze. Im Kreis ist das Alles und das Nichts enthalten. Der Kreis ist das Symbol des Weiblichen. Das Männliche ruht in Form eines Punktes, sozusagen als Samenkorn, im „Schoß“ des Weiblichen. Wenn es wächst, kommt es zu einer (Zell)teilung: der Kreis teilt sich in eine weibliche und eine männliche Hälfte. Die Dualität des Lebens hat damit begonnen. Hier teilen sich Tag und Nacht, Leben und Tod, Liebe und Haß, Freundschaft und Feinschaft, Gut und Böse. Es ist eine sehr generalisierte Welt, eine Welt, die noch nicht allzu stark differenziert, dennoch schon funktioniert.

Teilen wir den Kreis noch einmal, so entsteht ein Kreuz im Kreis, ein übergreifendes Symbol aller alten Kulturen. Der Teilung des Kreises in vier Segmente kommt besondere Bedeutung zu, da hier die Welt entsteht, wie wir sie kennen, es ist die Welt der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Diesen Grundzuordnungen folgen weitere Unterzuordnungen; danach gehören zum Feuer die Attribute Männlichkeit, Licht, Freude, Wärme, Inspiration usw.. Erde ist Weiblichkeit, Dunkelheit, das nährende Prinzip, Heilung, Intuition, usw.. Wasser ist die Welt der Kinder, der Gefühle, der Pflanzen, die Welt von Unschuld und Vertrauen. Der Luft wird das erwachsene Prinzip zugeordnet, der Verstand, das Wissen, die Verantwortung. Je nach Kulturkreis werden die Elemente den unterschiedlichen Himmelsrichtungen Süden, Norden, Osten und Westen zugeordnet. Weitere Unterteilungen des Kreises ermöglichen weitere Differenzierungen. Während bei den Indianern oder im Buddhismus dem achtspeichigen Rad eine große Bedeutung zukommt, die Astrologie mit einem 12 -speichigen Rad arbeitet, gibt es andere Systeme wie z.B. das nordische Runensystem, das 16, 24 und sogar 32 Unterteilungen hat. Weitere Differenzierungen  entstehen durch das Setzen von Kreisen in andere Kreise hierdurch entstehen wieder neue Ordnungssysteme.

Ohne weiter auf die Inhalte der Kreissegmente einzugehen, möchte ich im folgenden die Frage des schamanischen Heilens im Kreis erörtern. Unabhängig von der Frage, inwieweit die Zuordnungen zu einem Kreissegment objektiv nachvollziehbar oder relativ willkürlich sind,  ist zu bemerken, daß sie eine Balance aller im Universum enthaltenen Elemente auf der mentalen Ebene repräsentieren. Je tiefer sich ein Mensch auf eines dieser Systeme einläßt, um so mehr wird er ein Empfinden für Harmonie und Balance im Leben bekommen. Diese Balance ist es, um die es dem schamanischen Heiler bei seiner Arbeit geht. Krankheit ist für ihn immer ein Ausdruck dafür, daß irgend etwas aus der Balance geraten ist. Mit Hilfe seines Rädersystems wird er dem Knackpunkt auf die Schliche kommen und versuchen, wieder eine Ausgewogenheit herzustellen. Wenn der Schamane genügend Wissen und Fähigkeiten hat, wird ihm das auch gelingen.

Dies kann geschehen durch Kräutermedizin, die anders als in der Schulmedizin nach ihrer Zuordnung im Kreis ausgewählt wird. Sie kann genutzt werden, um unterentwickelte Bereiche im Klienten zu fördern oder zu stark entwickelte zu verringern.
Oft baut sich der Schamane einen Kreis, der durch Steine begrenzt wird, welche die Himmelsrichtungen und deren Zuordnungen symbolisieren. Er baut sich sozusagen sein eigenes mentales Universum, in dem er im „geschützten Rahmen“ alle Möglichkeiten einer Situation oder eines Problems durchspielt.  Er wird den Kreis erst wieder verlassen, wenn er die Lösung eines Problems gefunden hat. Mit dieser Lösung geht er dann wieder in die „reale“ Welt hinaus und setzt das Erfahrene um.
Eine weitere Methode des Heilens im Kreis knüpft an, das an, was wir alle bereits erfahren haben, als wir uns als Kinder an den Händen hielten und Lieder sangen, als wir als Jugendliche um ein Feuer saßen, Fische grillten und uns Geschichten erzählten. Es ist das Phänomen des „Energieverstärkens im Kreis“. Überall, wo Menschen im Kreis zusammen kommen, beginnen sie, sich aufeinander einzuschwingen, und es öffnet sich eine vorher nicht dagewesene Dimension. Reden oder Singen im Kreis bekommen etwas Besonderes, wir fühlen uns echter, ehrlicher, vollständiger. Ein Mensch, der in der Mitte eines Kreises von summenden Menschen liegt, die ihn vielleicht sogar noch berühren, beginnt heil zu werden. Hier ist jedoch nicht die medizinische Bestimmung der Wortes gemeint, sondern die ursprüngliche, von heil oder ganz kommende, ein Mensch, der mit dem Ganzen verbunden ist. Verwandt ist das Wort heil übrigens auch mit den englischen Worten whole, heil oder ganz und hole, das Loch oder Höhle bedeutet, also wieder etwas Rundes, Dunkles und Schützendes, Weibliches.  Schamanisches Heilen im Kreis ist daher immer auch ein Heilen, ein Wecken der weiblichen  Seiten in uns und es ist gleichzeitig ein Schutz vor den verletzenden und zerstörerischen „männlichen“ Energien.

So ist es kein Zufall, daß die Kiva- und Schwitzhüttenrituale in erster Linie Rituale für Männer waren. Männer benötigen in wesentlich stärkerem Maße als Frauen immer wieder die Rückbindung an den Urschoß, an das Weibliche. Hier werden die ihnen innewohnenden aggressiven Kräfte veredelt und in Lebensfreude verwandelt. Der „Wilde Mann“ erfährt Sanftheit und Demut im Angesicht der überwältigenden Kraft von Dunkelheit, Wärme und Feuchtigkeit.

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