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Im Laufe ihres Lebens – und vor allem in der Kindheit – erleben die meisten Menschen Situationen, denen sie nicht gewachsen sind. Um zu überleben, spalten sie diese Erlebnisse ab. Der Preis für das Weiterleben liegt allerdings in einem teilweisen Verlust ihrer Lebendigkeit. Der Schamanismus ist eine seit Urzeiten bewährte Methode, verlorene Seelenanteile und damit die Lebendigkeit zurückzuholen.

 

Eine junge Frau sitzt vor mir und lässt die Schultern hängen wie ein kranker Vogel seine Flügel – und genau darum geht es auch: Sie kann nicht fliegen. Sie würde so gerne…, sie wollte doch mal…, sie müsste eigentlich… – vor allem funktionieren –, aber sie kann nicht. Sie hat keine Kraft, sie fühlt sich leer. Manchmal sitzt sie einfach nur da. Eine Ausbildung hat sie nicht, Freunde eigentlich auch kaum. Sie mag nicht essen, und das sieht man. Ihr schmeckt das Leben nicht. Es ist so mühsam. Das alles…

Ich kann das große schwarze Loch, das Nichts, das sie ausstrahlt, das sie umgibt, fast mit den Händen anfassen. Es ist zu sehen, dass sie eigentlich nicht da ist, und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn so viele Seelenanteile fehlen. Da möchte der Rest der Seele, der noch anwesend ist, eigentlich nur hinterher, am liebsten ganz weit weg. Nach Hause.

Was ihr am meisten zu schaffen macht, ist, dass sie sich nicht erinnern kann. Sie weiß, irgendwas ist schief gelaufen, irgendwo hat sie sich verloren. So formuliert sie es und ist sich nicht bewusst, wie sehr das stimmt. Aber sie hat etwas gelesen über Schamanen, die Seelenanteile finden und zurückbringen, deswegen ist sie da. Ihre Psychotherapeutin unterstützt das sogar – obwohl die eigentlich “gar nicht so eso-mäßig drauf ist.” Übrigens eine zaghafte Entwicklung  in Therapeutenkreisen, die ich mit Freude registriere.

Sie selbst ist auch eher unbedarft, hatte wenig Berührungspunkte mit spirituellen Themen gehabt bisher. Es ist eher die Not, die sie treibt. Glauben tut sie vorsichtshalber erst mal an nichts, aber sie hofft auf ein Wunder.
Du musst nur wollen. Na, danke!

Natürlich muss ich ihr sagen, dass genau das nicht passieren wird, jedenfalls nicht ohne ihre Mitarbeit. Ihr gar sagen, dass nur sie dieses Wunder vollbringen kann, dass sie es kreiert… nun ja, damit warte ich wohl noch ein bisschen.

Vermutlich wurde ihr schon so oft gesagt, dass sie doch einfach ihre Flügel ausbreiten soll und dann klappt das schon. “Sie müssen nur wollen!” Allein dieser Satz macht schon mutlos, oder nicht? Vermutlich wurde sie auch schon hin und wieder einfach aus dem Nest geschubst in der Annahme, dass sie sich dann schon erinnert, wie es geht. Sie weiß inzwischen vor allem eins sehr gut: dass es eben nicht geht.
Wie soll sie sich erinnern, wenn sie gar nicht da ist – oder zumindest ein großer Teil ihrer Seele nicht? Und wenn sie keinen Zugriff mehr hat auf das, was sie ausmacht?

Die junge Frau hat etwas erlebt, was für ihre Seele sehr schmerzhaft gewesen ist, aber sie hat es überlebt. Eben weil sich in dem Moment ein Teil ihrer Seele abgespalten und der Schmerz – und in ihrem Fall auch die Erinnerung an das Erlebte – von ihr Abstand genommen  hat, damit sie als “Basis-Essenz” erhalten bleibt.
“Wissen Sie, ich dachte immer, ich bin ein wandelnder Fehler, ein Irrtum – und jetzt sagen Sie, dass ich stolz auf mich sein soll, dass ich noch da bin und ‘nur’ gerade ‘nicht in der Ordnung’ bin, weil mir Seelenanteile fehlen? So habe ich das noch nie gesehen!”

Ich erzähle ihr eines meiner Lieblingsbilder, das mir dazu immer einfällt: Stellen wir uns vor, wir wären ein Auto mit, sagen wir, zwölf Zylindern, also richtig groß. Aber leider fahren wir nur auf vielleicht vier “Töpfen” und leiden, weil wir eigentlich um unsere Stärke wissen. Doch egal , wie sehr wir Gas geben, es zieht nicht, wir kommen kaum vom Fleck, aber Sprit frisst es trotzdem… mehr als wir dann oft übrig haben.

Manchmal ist es auch so, dass wir schon so lange mit weniger als halber Kraft fahren, dass es für uns normal geworden ist und wir uns damit abfinden. Dann ist auch dies eine Entscheidung und legitim. Die junge Frau nickt langsam und sagt: “ich würde aber gerne wieder auf allen Töpfen fahren…”
Sie gibt mir also die Erlaubnis, den Auftrag, für sie auf die schamanische Reise zu gehen. Das ist wichtig, denn nur dann darf ich für sie Seelenanteile zurückbringen. Aus eigenem Antrieb jemandem zu seinem vermeintlichen Glück zu verhelfen, ohne dass dieser das möchte oder überhaupt davon weiß, ist genauso wenig zulässig wie wirksam. Außer natürlich wie immer in Ausnahmesituationen wie Bewusstlosigkeit, Unfall, Koma…

 

Die Voraussetzungen

Bevor wir mit der schamanischen Arbeit anfangen, ist es mir ein großes Anliegen, sie darüber aufzuklären, dass die weitverbreitete Annahme oder zumindest insgeheim gehegte Hoffnung, es macht “puff” und alles ist gut, nicht funktionieren wird – die Verantwortung für ihr Leben und was sie daraus macht, bleibt bei ihr. Wenn jemand sehr verwirrt ist, unter Verfolgungsängsten oder starken Zwängen leidet, rate ich grundsätzlich ab. Auch werden nicht alle Seelenanteile, die sie je verloren hat, auf einmal zurückkommen, sondern nur die und genau so viele, wie sie jetzt braucht zum einen und verkraftet zum anderen. Das ist ganz wichtig. Denn wir sind es nicht mehr gewohnt, “heil” zu sein, und wir leben in einer vierdimensionalen Welt – inklusive linearer Zeit –, also sollten wir uns genau das geben: Zeit für den Heilungsprozess.

Die junge Frau hat sich entschieden, mir zu vertrauen, auch wenn sie nicht genau weiß, was ich da eigentlich tue. Das erleichtert mir natürlich die Arbeit, die schamanische Reise. Sie öffnet mir damit im wahrsten Sinne des Wortes die Türen in die nichtalltägliche Wirklichkeit.

 

Die Seelenrückholung

Die junge Frau hat sich hingelegt, die Augen geschlossen und sieht einigermaßen entspannt aus. Ich setzte mich nach meinem Vorbereitungsritual neben sie, fange an, monoton auf meiner Rahmentrommel zu trommeln, und mache mich auf die Reise. Die Trommel hilft mir, in einen leichten Trancezustand zu gelangen. Oder man könnte auch sagen: Der Schamane reist auf seiner Trommel von der alltäglichen in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Dort finde ich sehr schnell ihr Krafttier, von dem ich mich dann auch leiten lasse. Es ist wie ein Sausen durch Landschaften, manchmal unseren sehr ähnlich, manchmal sehr fremd und trotzdem vertraut.

Ich bekomme insgesamt vier Seelenanteile gezeigt, im Alter von knapp einem halben Jahr bis zirka dem elften Lebensjahr. Sie zeigen sich mir in dem Alter, in dem sie gegangen sind beziehungsweise abgespalten wurden und haben für mich oft das Gefühl um sich, das sie veranlasst hat zu gehen – also Angst, Schock, Ohnmacht etc. Manchmal findet man sie an Orten in der Vergangenheit: im Elternhaus, in einer Schule, im Schwimmbad… Ich frage jeden einzelnen, ob er mitkommen möchte, nehme ihn an der Hand oder in den Arm, je nachdem, was er zulässt oder braucht, und komme zurück in die alltägliche Wirklichkeit, indem ich mir ein Rückholsignal mit der Trommel gebe.

Ich übergebe die Seelenanteile und das Krafttier der jungen Frau, indem ich sie über Herz und Scheitel einblase und ihr einen kleinen Stein – einen Rosenquarzsplitter – in die Hand drücke, den sie die nächsten Tage auch noch bei sich tragen soll. So genannte Halbedelsteine binden Energien sehr gut und eignen sich daher als „Transportmittel“ – zum Beispiel eben für Seelenanteile.

 

Die Schatten der Vergangenheit sanft integrieren

Sie hat schon während der Reise immer wieder leise vor sich hingeweint, bei der “Übergabe” kullern die Tränen nur so aus ihr heraus. Gleichzeitig lacht sie aber auch ein, zwei Mal. Jetzt sieht sie tatsächlich entspannt aus. Die Denkfalten haben sich geglättet und die permanent hochgezogenen Augenbrauen sind endlich da, wo sie hingehören. Das Krafttier nimmt sie an wie einen verloren geglaubten Freund: Ihr liebstes Stofftier als Kind war genau so ein Tier – und damit sind wir auch schon bei einem ihrer zurückgekehrten Seelenanteile. Eben dieses geliebte Stofftier wurde bei einer Läuse-Vernichtungs-Aktion verbrannt, da es zottelig, aus Wolle und nicht heiß waschbar war. Ein Drama für jedes Kind, aber noch viel mehr, wenn es sonst niemanden hat.

Die junge Frau, geboren noch in der ehemaligen DDR, wurde mit knapp sechs Monaten in ein Wochenheim gegeben, war also von Montag bis Freitagnachmittag bei Erzieherinnen und nur am Wochenende zu Hause, weil die Eltern so wenig Zeit hatten. Daher auch dies endlose Verlassenheits- und Einsamkeitsgefühl, das ich wahrgenommen habe bei dem jüngsten Seelenanteil. Und in diesem Wochenheim brach dann eben auch die Läuse-Epidemie aus… Es sind oft auch Umstände, für die niemand etwas kann oder die sich nicht einfach ändern lassen.

Die junge Frau spricht dann noch eine Vermutung aus, die ich vom ersten Moment an hatte, und es ist gut, dass sie selbst darauf kommt: In ihrer Geschichte gibt es auch einen sexuellen Missbrauch, den sie geahnt hat und der sich ihr nun gefühlsmäßig bestätigt. Sie kann es nicht erklären, sie weiß jetzt einfach, dass es so war, und sie empfindet es als Erleichterung, die Gewissheit zu haben.

Ich habe seit vielen Jahren mit Menschen und deren Seelenanteilen durch Misshandlung und Missbrauch auf allen Ebenen zu tun und weiß, die Seelenanteile kommen sanft zurück. Das heißt, sie bringen das zurück, was zu dieser Seele gehört, die Potenziale, Gefühlsfähigkeit, Kreativität usw. – eben alles, was zuerst schmerzt – aber lassen das, was von außen kam, draußen.

Es gibt also keine Konfrontation mit den alten “Filmen”, die nun eh passiert sind und im Zweifelsfall neue Traumata auslösen würden. Dann könnte ich mich ja gleich wieder auf den Weg machen und den eben erst zurückgebrachten Seelenanteilen ein zweites und drittes Mal hinterherrennen.

 

Nachwirkung und Nebenwirkungen

Schon drei Tage später ruft die junge Frau mich an. Zum einen hat sie den Rosenquarzsplitter verloren, zum anderen ist ihr manchmal so merkwürdig. Ich erkläre ihr, dass sie den Stein wohl nicht mehr braucht, dass er sich verabschiedet hat und ihre Seelenanteile sicher nicht irgendwo auf dem Bürgersteig liegen. Sie ist ein wenig irritiert, dass ihre Sorge sich scheinbar in Nichts auflöst. Das ist sie nicht gewohnt. Sie beschreibt mir ihren Zustand als leicht schwindelig, außerdem sieht sie “bunter”, die Farben kommen ihr kräftiger vor und sie hat kaum noch Lust zu rauchen (sie hatte mir nicht erzählt, dass sie raucht) Statt drei Schachteln “schafft” sie jetzt nur noch ungefähr 15 Zigaretten. Weniger als ein Drittel. Ich frage sie, ob ich da einen Vorwurf raushöre. Sie stutzt und lacht – tatsächlich!
Aus schamanischer Sicht ist das, was sie beschreibt, ein gutes Zeichen. Die “Symptome” zeigen, dass sich die Seelenanteile integrieren. Dadurch verschieben bzw. verstärken sich oft ein oder mehrere Sinne. Und sogenannte Süchte, mit denen man vorher die Lücken in der eigenen Seele versucht hat provisorisch zu flicken und zu kaschieren, verlieren ihre Daseinsberechtigung. Natürlich ist es nicht nur so einfach, schließlich hat das auch viel mit Gewohnheit, Konditionierung und Belohnung zu tun. Vermutlich wird die junge Frau die restlichen 15 Zigaretten nur mit guten Willen und Durchhaltevermögen los – wenn sie das überhaupt möchte. Und das weiß sie noch nicht. Bevor sie auflegt, sagt sie noch: “Es ist immer noch mühsam, morgens aufzustehen, aber ich glaube, meine Seele freut sich. Manchmal spür ich sie richtig hopsen.” Drei Wochen später vereinbart sie den nächsten Termin. Sie ist bereit, das Wunder selbst in die Hand zu nehmen.

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6 Responses

  1. Beate

    Hallo Katja!
    Vielen Dank für die praktischen Hinweise!
    Seit längerem bin ich auf dem schamanischen Weg. Ich hab auch einen Kurs bei einer Schülerin von Sanfdra Ingermann gemacht und weiß seit dem, was und wer mein Krafttier ist, lasse mich aber auch von meinen kosmischen Freunden begleiten.
    Mein jüngster Sohn ist nach einer Operation durch zu viel Hirnwasser ins Koma gefallen und seit dem (5 Jahre) im Wachkoma. Ich bin dadurch noch intensiver den Weg des Erwachens gegangen.
    Letztens hab ich mich mal wieder auf den Weg zu den verlorenen Seelenanteilen meines Sohnes gemacht (meine eigenen hab ich schon eingesammelt) und ihn gefunden. Er sagt, er hat schon auf mich gewartet. Er ging auch an derHand mit und dann wußte ich nicht, wie ich ihn bei meinem Sohn integrieren kann. Das werde ich nun beim nächsten Mal versuchen…
    Alles Liebe!

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  2. Anonymous

    Liebe Katja, ich lese gern, wie Du über Die schamanische Arbeit schreibst,es kommt meiner Sichtweise und Weltsicht sehr nah. Ich glaube Dir Deine Erfahrungen gern und wünsche Dir viel Liebe.
    Du hattest mir und meiner Freundin mal nen guten Tipp für eine Trommel gegeben.
    Mittlerweile haben wir unsere Wünschtrommel und lieben sie und ihren Herzschlag.

    Alles Liebe
    Petra & Jessica
    Von www.lebe-liebe.de. Email: Info@lebe-liebe.de. Ava & Alveda

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  3. Bärbel

    Liebe Katja, von meinen Sportfreundinnen hab ich von Schamanen gehört und mir heute Deine Seite angeschaut. Ich fühle mich kraft- und mutlos zugleich. Vielleicht kann mir eine Sitzung bei Dir helfen meinen Lebensweg mit mehr Freude und Energie zu gehen. Wenn ich vom Urlaub zurück bin werde ich Kontakt zu Dir aufnehmen. Ist nicht weit, fahre mit meiner Tochter und Familie zu meiner Schwester nach Köln. Bin schon aufgeregt, denn ich fahre mit meinem Auto alleine hinterher. Das ist eine große Herausforderung für mich. Liebe Grüße Bärbel

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  4. lasse

    der artikel soll zu dir passen. du nimmst dir immer solche, die deinem leben gleichkommen? nicht gut, wenn es die überhaupt gibt. ich glaube das alles nicht

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  5. BARBARA

    liebe katja,übers internet bin ich nun doch an deinen artikel gekommen:-)
    ich finde ihn sehr passend zu dir und sehr aussage kräftig. unabhängig von so!!! habe ich das gefühl bekommen mal wieder eine sitzung bei dir zu brauchen.
    ganz herzliche grüße barbara

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