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Das Wort Tod benennt Endgültigkeit. Doch es gibt nichts Endgültiges in diesem Universum. Alles ist im Fluss. Und der Augenblick ewig.

Von Linard Bardill

Am Leben sein bedeutet lebendig sein. Jetzt. In meinem Körper. In meiner Existenz. Als Mann, im 21. Jahrhundert, in der kleinen Schweiz, in den Bergen, beim Singen eines meiner Lieder am Bett eines Kindes, das angeblich nur noch Tage, vielleicht nur noch Stunden zu leben hat. Aber das hat keine Bedeutung. Denn Lara schaut mich an. Von unten. So gut sie es schafft, ihren Kopf gerade zu halten. Mit Schalk hinter der Brille und Freude, ohne Einschränkung.

Wenn ich die Augen schließe und das Lied vom Brunnen singe, auf dem ein Zauberlicht brennt, dann sehe ich nicht nur den Stern, der sich im Lied auf dem Brunnen spiegelt, ich sehe eine Sonne, die vom Kind durch meine geschlossenen Augenlider strahlt. Nichts von Tod, nichts von: noch zwei bis drei Tage, nichts von: Die Ärzte haben das Kind aufgegeben. Da ist nur Lara, die lacht und strahlt, und ihre Mutter, die das ganze Zimmer mit Schmetterlingen tapeziert hat. Lara ist in diesem Moment unsterblich, das sehe ich mit geschlossenen Augen.

Den Tod erlebt man nicht

Gestorben sein bedeutet, nicht da zu sein, wo ich jetzt bin. Irgendwo sein. Da, wo ich jetzt nicht bin. Den Übergang dorthin nennt man Tod. Aber Tod ist nicht erlebbar. So wie es keine Geburt gibt. Es gibt nur auf die Welt kommen. Oder auf die Welt bringen. Das Wort Geburt ist der sprachliche Behelf, etwas festzulegen, das nur im Prozess verständlich ist. So ist es auch mit dem Tod. Das Wort benennt Endgültigkeit. Doch es gibt nichts Endgültiges in diesem Universum. Es ist alles im Fluss. Und der Augenblick ist ewig.

Der letzte Blick, dieses Auflösen aller Verträge. Das Loslassen. Mein Nachbar, der schon so lange auf dem Krankenbett lag. Seine Frau, die mich ins Spital bat. Das Halten der Hände. Der Zuspruch: Es ist alles gut. Der letzte Blick, der letzte Atemzug. Loslassen. Aufmachen. Das empfinde ich jedes Mal als heilig. Ob ein Mensch in die Welt kommt oder ob er von ihr geht. Da ist nicht Geburt und nicht Tod. Es gibt keine Endgültigkeit, es gibt nur Übergänge. Diese Übergänge werden durch die Sprache festgesetzt und erheischen Endgültigkeit. Aber welches Ende sollte da gültig sein. Nur wir, die auf dieser Daseinsebene zurückbleiben, brauchen irgendeine Gewissheit. Denn wir, die Daseienden, kennen nicht, was nach dem Übergang ist. Darum erscheint uns das Ende der Gegangenen so gültig.

Sieben kugelrunde Säue

Ich bekam die Anfrage, ob ich bereit wäre, einem Kind, das nicht mehr lange zu leben hätte, ein Lied zu singen: „Sieben kugelrundi Söi“ zu hören sei sein größter Wunsch. Die ganze Familie kam vor dem regulären Konzert in die Garderobe. Es konnte seine Situation mit dem Verstand bestimmt nicht erfassen, aber um es herum nahm ich eine Umgebung wahr, die mich bis ins Mark erschütterte. Es schien, als ob das Kind in eine schützende Watte aus Licht und Liebe gebettet wäre. Aus dem einen Lied wurden viele und das offizielle Konzert verschob sich um eine halbe Stunde. Das kleine Mädchen starb ein paar Wochen später und ich träumte von ihr, sah, wie sie auf einer roten Blume lag und sich wünschte, dass ich noch für viele andere Kinder sänge, die es schwer hätten.

Ich rief einen befreundeten Arzt im Kinderspital Zürich an. Er verband mich mit dem Chef der Onkologie. Der war begeistert von der Idee. Er lud mich in seine Abteilung ein, und als Stiftungspräsident der „Kinderhilfe Sternschnuppe“ fädelte er gleich noch eine Zusammenarbeit mit der Stiftung ein. Mit einem einzigen Telefongespräch kam zustande, was ich heute noch – neben meinen Kursen und Konzerten – mit Leib und Seele gerne tue: Bettkantenkonzerte für kranke Kinder in den verschiedensten Schweizer Kinderspitälern.

Das Todestabu als Kampfzone

In der Schweiz beziehen die Menschen im Durchschnitt 80 Prozent aller Zuwendungen, die sie jemals von ihrer Krankenkasse erhalten, im letzten Lebensjahr. Die Endgültigkeit des herannahenden Todes schreckt so sehr, dass wir alles tun, um ihn hinauszuschieben, diesen Checkpoint, diesen unweigerlich unerbittlich nahenden Übergang. Während in meiner Jugend niemand über das Sterben reden wollte, hat sich dieses Tabu heute allerdings etwas aufgeweicht. Die Hospizbewegung, die Palliativcare, die Begleitung betagter Menschen zu Hause und die Sterbebegleitung durch Laien und Profis erleben eine neue Aufmerksamkeit. Das Sterben wird nicht mehr ganz so totgeschwiegen wie vor 50 Jahren. Aber über das, was da drüben, hinter dem Übergang, kommt, darüber spricht kaum einer.

An meinem Kurs „Sterben für Anfänger“ üben wir deshalb mit den Teilnehmern das Loslassen – prozessorientiert, meditierend, singend und tanzend gehen wir den großen und kleinen Fragen des Sterbenlernens nach. Wir üben das Loslassen unserer trügerischen Sicherheiten, im Materiellen, im Seelischen, im Geistigen. Lernen die drei dreisten Lügen des Geldes kennen. Legen fremde Rucksäcke ab. Hinterfragen Bilder, die uns andere eingepflanzt haben und die uns den Weg in die Freiheit verbauen. Denn in unserem Geist sind schließlich alle Möglichkeiten real. Wer verbietet da also wem was?

Welche Möglichkeiten zieht mein Ich in die Wirklichkeit? Wie entsteht Glaube, in einer Zeit, in der wir mit Sätzen geschlagen sind wie „Worüber man nicht reden kann, soll man schweigen“? Gibt es Trost in einer trostlosen Zeit? Was ist mit den eigenen Erfahrungen? Was bedeutet Aufklärung heute? Gibt es Beweise für ein Sein nach dem Sterben? Warum finden Menschen mit einem Nahtoderlebnis so schwer zurück in ihr altes Leben? Warum sagen Piloten – nach Auswertung der Flugschreiber abgestürzter Flugzeuge – als letzte Worte mehrheitlich „Scheiße“? Und was sagte Mahatma Gandi als letztes Wort, als er von einem Attentäter tödlich getroffen wurde? Was ist Trauer, wie begleite ich Menschen ins Sterben und wie stellten sich die Menschen früher ein Leben nach dem Sterben vor?

Die abendländische Jenseitsvorstellung

In meiner Ausbildung zum Theologen lernte ich die katholische und evangelische Jenseitsvorstellung kennen. Dantes Inferno und Luthers „Lasst die Toten ihre Toten begraben“ waren mir präsent. Doch ich wollte mehr wissen. Ich beschäftigte mich mit den Äqyptern und den Tibetern, der Pistis Sophia, dem Totenbuch der Gnosis, Homer und den Psalmen der Bibel. Dabei machte ich eine für mich folgenschwere Entdeckung: Zusammengefasst könnte man sagen, dass die alten Griechen und Juden, die Germanen und viele andere Völker im Jenseits eine kalte Hel, eine triste Scheol, einen grauen Hades vermuteten, einen Unort, wo die Menschen Gespenster sind und als Schatten ohne Gedächtnis dahinvegetieren. Das Argument, die Menschen hätten sich das Jenseits aus Angst vor der Sterblichkeit geschaffen, scheint angesichts dieser Tristesse nicht zu greifen.

Nachtodliches Grauen also. Außer: Die Einweihung in ein Mysterium konnte die Eingeweihten zur Insel der Seligen bringen. Die Kultstätten, in denen man im Einweihungsritual symbolisch starb und wieder auferstand, waren beispielsweise Eleusis in Griechenland und Dendera in Ägypten. Diese Einweihung war allerdings geheim und bis in die ausgehende Antike nur einer kleinen Elite vorbehalten. Erst das Christentum brach mit der Arkandisziplin, der Todesdrohung beim Verraten des Mysteriums. Denn mit Christus stirbt der Täufling in der Taufe, und indem er aus dem Wasser gehoben wird, ersteht er zum ewigen Leben auf. Das durfte jeder wissen. Die Zeit der Geheimniskrämerei war vorbei.

Gott ist tot

Jahrtausende lang waren die Vorstellungen über das Jenseits gemeinsam genährt worden: tibetisch, vedisch oder ägyptisch, jüdisch, katholisch oder evangelisch. Die kollektiven Bilder und Erzählungen, die das Abendland, das Christentum, bestimmt hatten, wurden im Laufe der letzten 500 Jahre durch die Renaissance, die Aufklärung, den Materialismus und den Nihilismus des 19. Jahrhunderts immer mehr in Frage gestellt und vernichtet. Descartes „cogito ergo sum“ (ich denke, also bin ich), Kants „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, Nietzsches „Gott ist tot“ haben den Glauben an Gott, das Vertrauen auf die Erlösung des Menschen durch einen Gottessohn und die Hoffnung an ein Leben im Jenseits bis heute in den Grundfesten erschüttert.

Ich selbst brach mit dem Christentum, als ich mein Studium der Theologie abgeschlossen hatte, und bald die Kanzel mit der Straße vertauschte. Ich machte Musik auf Gassen und Plätzen und verkaufte meine Gedichte. Mir schien die Zeit für kollektive Antworten vorbei zu sein. Dieser Gott der Kirche war nicht mehr meiner. Und einen neuen hatte ich noch nicht gefunden. Es brach die Gottesnacht über mich herein. Nun, da ich selber die Erfahrung der untergegangenen Sonne, der Nacht, gemacht hatte, verstand ich erst, was mit der ganzen abendländischen Menschheit geschehen war.

Wohin sollen wir gehen

Wo stehe ich heute, da die kollektiven Vorstellungen für mich nicht mehr tragfähig sind? Es bleibt die Möglichkeit, in der Negation von Glauben, Hoffnung und Herzenswissen im Nihilismus oder Atheismus zu verharren. Und daraus selbst wieder einen Glauben zu zimmern. Nach dem Schweizer Bundesamt für Statistik sind die Mehrheit der Schweizer – was das Leben nach dem Tode angeht – Agnostiker. Agnostizismus bedeutet, dass man nichts wissen kann.

Durch meine Begegnung mit Kindern und Alten, die in der letzten Phase ihres Lebens stehen, habe ich für mich einen anderen Weg entdeckt. Es ist die Erfahrung der Unsterblichkeit von Kindern wie Lara oder meines Nachbarn oder meiner eigenen Kinder – unsterblich im Moment des Daseins, des Übergangs, des Werdens und Vergehens.

Es gibt für mich die Möglichkeit der Hinwendung zur eigenen Erfahrung und das In-Anspruch- Nehmen der Deutungshoheit dieser Erfahrung. Hier beginnt mein spiritueller Weg. Er beruht auf einer Erfahrung, die heißt: Das Leben und das Sterben, das In-die-Welt-Treten und Aus-der-Welt-Hinausgehen kann in der Hingabe an den Moment erlebt werden. Diese Erfahrung formt meinen Glauben, zunächst einmal ohne die alten Bilder der aus der Antike stammenden Religionen und Weisheitslehren. Abgelegt habe ich inzwischen auch die Verzweiflung und das Verstummen der Moderne. Mein Weg wird im Gehen. Mein Lied singt sich im Sonnen-Antlitz von Lara, die schon immer ein Engel war.

 


Seminar „Sterben für Anfänger, lebendig sein durch Sterben lernen“
Gesang und Tanz, Vorträge und Übungen zum Thema Sterben.

Termin: 14.8.2016, 10-17 Uhr
Ort: Theater am Rand, Zollbrücke 16, 16259 Oderaue am Oderbruch bei Berlin
Kosten: 80 € inkl. Mittagessen und Kaffeetafel
Anschließend ab 17 Uhr Konzert mit Linard Bardill.

Anmeldung
unter Tel. 033457-66521 oder kartenreservierung@theateramrand.de
www.theateramrand.de

Über den Autor

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ist Sänger und Autor. Er lebt mit seiner Familie in Scharans in der Schweiz und beschäftigt sich seit Jahren mit dem orphischen Thema der Sängerkönige der Antike, die neben der „Kunst“ des Gesanges die schamanische Aufgabe der Vermittlung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten übernahmen. Er macht „Bettkantenkonzerte“ in Schweizer Kinderspitälern, begleitet Sterbende in den Tod in Spitälern und Pflegeheimen und und hat sich intensiv mit der Geschichte der Jenseitsvorstellung in den verschiedenen Religionen und Kulturen beschäftigt. Er sieht sich heute als Sänger in der Tradition der Skalden wie Merlin, Orpheus oder König David.

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