Seit ihrer Erwähnung in den bekannten Anastasia-Büchern des russischen Autors Wladimir Megre hat die „Waldschule Tekos“, nach ihrem Gründer Michail Petrowitsch Schetinin auch Schetinin-Schule genannt, einen fast legendären Ruf bekommen. Es heißt, sie würde von Präsident Putin persönlich protegiert und die Schüler würden eine ganzheitliche Erziehung sowohl in weltlichen als auch in spirituellen Dingen bekommen.

von Ferdinand Pöllath

Auf einer Ägyptenreise 2015 haben mich Mitreisende zum ersten Mal auf diese Schule hingewiesen. Daraufhin ging es mir wie vielen anderen auch. Neugierig geworden recherchierte ich im Internet und las alles, was ich über sie finden konnte. Allerdings waren die Informationen nicht sehr detailliert oder schon etwas älter. Trotzdem begeisterte mich das Gefundene und weckte in mir den Wunsch, die Schule einmal selbst anzuschauen. 2018 hatte ich dann das große Glück, tatsächlich die Schule besuchen zu können. Zwei Wochen lang durfte ich am täglichen Leben und am Unterricht der Schüler teilhaben. Es war eine wunderschöne, sehr intensive und lehrreiche Zeit für mich. Das, was ich dort an praktischen Einblicken in den Tages- und Unterrichtsablauf der Schule erhalten habe, möchte ich hier teilen: die Schetinin-Schule – aus Sicht eines Lehrers!

Wie alles begann

Michail Petrowitsch Schetinin (geboren 1944) arbeitete ursprünglich als Musiklehrer. Er fiel dadurch auf, dass er jedes Mal, wenn er an eine Schule kam, zunächst einen Chor gründete. Gab es Probleme mit einem Schüler oder war dieser schwach in der Schule, nahm er diesen im Chor auf – und bei den meisten stellte sich sehr schnell eine charakterliche und schulische Verbesserung ein. Dies bemerkten Schetinins Vorgesetzte und er wurde ausgewählt, eine Experimentalschule in der Ukraine zu leiten. In den 1980er Jahren gab es in der Sowjetunion die Befürchtung, dass ihre Schüler im internationalen Vergleich nicht mehr mithalten könnten, weswegen verschiedene neue Schul- und Unterrichtskonzepte ausprobiert wurden. Allerdings endete dieser Versuch mit dem Zusammenbruch der UdSSR.

Schetinin gab jedoch nicht auf und übersiedelte mit einigen Schülern zunächst in die Nähe Krasnodars und schließlich in das kleine Dorf Tekos nahe dem Schwarzen Meer. Hier entwickelte er sein Konzept weiter und wurde so erfolgreich, dass die Schule schließlich bis auf 300 Schüler anwuchs. Allerdings sind auch in Russland die Behörden sehr kritisch gegenüber alternativen Schulen. Dies führte oft zu Spannungen und auch dazu, dass die Schüler- und Studentenzahlen gegenwärtig auf etwa hundert verringert wurden. Die berühmte Protektion durch Präsident Putin gehört in das Reich der Legenden.

Doch die Schule wird international immer bekannter und zieht zunehmend Besucher, Schüler und Pädagogen aus den verschiedensten Ländern an – unter anderem aus den USA, Deutschland oder auch China. Was ist nun das Besondere an der Schule?

Der Tagesablauf

Die Schetinin-Schule ist ein Internat. Das heißt, die Schüler leben hier die meiste Zeit des Jahres. Feste Ferien gibt es nicht. Die Schüler haben aber die Freiheit, jederzeit und bis zu drei Monate zu ihren Eltern fahren zu können. Wichtig zu erwähnen ist, dass Schüler erst ab einem Alter von zehn Jahren aufgenommen werden. Sie haben also eine Grundsozialisation erhalten und auch die Grundschule bereits absolviert. Sie durchlaufen dann an der Schetinin- Schule ihre restliche schulische Laufbahn sowie ihr Studium. Durch eine Kooperation mit der nahen Universität können die Schüler als Gaststudenten weiter in der Schule wohnen und lernen und gleichzeitig ihre Universitätskurse besuchen.

Im Alter von maximal zwanzig Jahren schließlich endet die Zeit an der Schetinin-Schule, wobei manche Absolventen dann bereits zwei Studiengänge – im Idealfall einen naturwissenschaftlichen und einen sozialwissenschaftlichen – abgeschlossen haben. Allerdings liegt der Schwerpunkt nicht auf einem schnellen Abschließen der Schule, sondern auf der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler. Aufgrund all dieser Gründe ist der Tagesablauf der Schüler auch sehr individuell. Einen Rahmen geben die festen Essenszeiten und die Unterrichtseinheiten. Normalerweise dauert eine Einheit 90 Minuten (zweimal 45 Minuten), wobei oft nur der Besuch der ersten 45 Minuten verpflichtend ist. Was in der zweiten Hälfte geschieht, können die Schüler selbst bestimmen. Zum Beispiel gibt es jeden Morgen Tanzen, aber nach 45 Minuten können die Schüler entscheiden, ob sie bleiben oder alternativ am Kunstoder Musikunterricht teilnehmen möchten.

Für eine 13-jährige Schülerin kann der Tagesablauf folgendermaßen aussehen:
5:30 Aufstehen und Baden im Bach: Dies steht sowohl im Sommer als auch im Winter auf dem Plan, ist aber freiwillig
7:00-8:30 Erste Unterrichtseinheit (z.B. Mathematik)
8:45 Frühstück
9:30-11:00 Tanzen (nach 45 Minuten entweder Tanzen, Singen oder Kunst)
11:30-13:00 Zweite Unterrichtseinheit (z.B. Mathematik)
13:00 Mittagessen und Freizeit
15:00-16:15 Sport und Kampfsport
16:15-17:15 Wahlunterricht (z.B. Deutsch)
17:30-18:30 Dritte Unterrichtseinheit (z.B. Mathematik)
18:30 Abendessen
19:15-20:00 Vierte Unterrichtseinheit oder Tanzen

Auf den ersten Blick wirkt der Schultag sehr lang. Man kann aber ganz klar erkennen, dass sich kreatives Arbeiten mit theoretischem Unterricht abwechselt. Dies ist eines der wichtigsten Grundmuster des Tagesablaufs. Hierdurch wird die Dualität des menschlichen Gehirns angesprochen, die linke Gehirnhälfte mit dem systematischen Denken, die rechte mit der Intuition und Kreativität. Erreicht man eine Balance zwischen rechts- und linkshemisphärischen Tätigkeiten, ermüden die Schüler weniger und der Lernerfolg steigt stark an. Deswegen ist der Tagesablauf entsprechend aufgebaut und es gibt auch keine Wertigkeit der Fächer, wie wir sie kennen. Hier hält man naturwissenschaftliche Fächer nicht für „wichtiger“ als zum Beispiel Kunst oder Musik. An der Schetinin-Schule werden alle Fächer als gleich wertvoll und nützlich erachtet. Die Vielfältigkeit der täglichen Fächer – sportliche, künstlerische und geistige – führt auch dazu, dass jeder Schüler mindestens einmal am Tag in der Position eines Lehrers ist, der seinen Mitschülern hilft, da es immer ein Fach oder eine Fertigkeit gibt, in der er wirklich gut ist. Dies führt einerseits zu einer hohen kontinuierlichen Motivation, andererseits ist es ganz normal, durch einen anderen Schüler unterwiesen zu werden, und wird daher problemlos akzeptiert.

„Wahre“ und „erfundene“ Fächer

Im Schulalltag wird während eines bestimmten Zeitraumes immer nur ein Fach gelehrt. Wird Mathematik unterrichtet, so wird der gesamte zu lernende Stoff von Anfang bis Ende einmal durchgenommen, was durchaus mehrere Monate beanspruchen kann. Dann kommt das nächste Fach an die Reihe, bis nach einiger Zeit wieder Mathematik ansteht. Dem liegt unter anderem die Idee zu Grunde, dass Schüler im Alter von mehr als zehn Jahren schon alles verstehen können und auch die gleichen Bücher nutzen können wie Erwachsene. Bei den geisteswissenschaftlichen Fächern unterscheidet die Schetinin-Schule zwischen zwei Arten von Fächern: den „wahren“, das heißt von der Natur vorgegebenen Fächern, und den „erfundenen“, also Fächern, die vom Menschen erdacht werden, beziehungsweise von zeitgeistlichen Interpretationen oder Ideen abhängig sind. Wahre Fächer sind: Mathematik (das Wort bedeutet „die Kunst des Lernens“ und wird an der Schetinin-Schule wie im alten Griechenland als die Basis allen Wissens angesehen), Chemie, Physik, Biologie und Geographie. Erfundene Fächer sind: Geschichte, Politik, Sprachen, Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften. Jedes Fach wird trotzdem dabei nicht isoliert unterrichtet, sondern es wird immer versucht, den Schülern aufzuzeigen, wie alle Fächer zusammenwirken.

Der Unterricht

Der Fachunterricht an der Schetinin-Schule scheint sich auf den ersten Blick nicht stark vom Unterricht an einer normalen Schule zu unterscheiden: Der Lehrer steht vorne an der Tafel und die Schüler hören ihm zu. Doch sieht man genauer hin, erkennt man einige Unterschiede. Die Schüler sind altersgemischt und sitzen meist in Gruppen zu viert oder fünft an einem Tisch. Der Lehrer spricht nun etwa 15 Minuten über ein Thema, dann haben die Schüler fünf Minuten Zeit, das eben Gehörte in ihren Gruppen zu rekapitulieren und zu verstehen. Wobei der Lehrer, wenn nötig, Hilfestellung bietet. Haben es alle verstanden, wird im Stoff weitergegangen.

Auf natürliche Weise und auf Grund der Altersmischung bilden sich in einer Klasse Hilfslehrer unter den Schülern heraus. Diese Hilfslehrer sind Schüler, die ein Fach bereits besonders gut verstanden haben. Der Lehrer stellt nur sicher, dass es immer einen dieser Hilfslehrer in jeder Kleingruppe gibt. Die Erfahrung lehrt: Für die noch nicht so erfahrenen Schüler ist es oftmals besser, wenn sie den Stoff nochmals von einem Mitschüler erklärt bekommen statt nur von einem Erwachsenen. Der Schüler auf der Position des Hilfslehrers profitiert davon ebenfalls, da er durch das Erklären den Stoff selbst noch besser und tiefer verinnerlicht.

Die Lerngeschwindigkeit im Unterricht ist hoch. Dies führt manchmal dazu, dass die Schüler das Gelernte auch in der Freizeit und am Abend wiederholen müssen. Dies stellt kein Problem dar, da es an der Schule keine Hausaufgaben und keine Noten gibt. Besonders die fehlende Benotung war für mich als Lehrer überraschend zu sehen, hat aber keine negativen Auswirkungen, da eine sehr hohe Lernmotivation herrscht, die durch die Gruppendynamik noch einmal verstärkt wird. Auch bedeutet das fehlende Notensystem, dass es keinen sichtbaren Konkurrenzkampf unter den Schülern gibt. Durch das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das stets gefördert wird, hilft man auch seinem Nächsten, noch besser zu werden. Dieses gleichzeitige Lernen und Lehren verbessert das eigene Selbstverständnis und durch die Stärkung der eigenen Mitschüler wird die ganze Gruppe gestärkt.

Ein schönes Beispiel für den Erfolg des gemeinsamen Lernens konnte ich in einer Physikstunde beobachten. Es ging um die Brechung des Lichts. Die Aufgabenstellung lautete: „In Moskau befindet sich eine drei Meter hohe Laterne. An welchem Tage bildet sich der kürzeste und an welchem der längste Schatten?“ Innerhalb weniger Minuten hatte die altersgemischte Gruppe die entscheidenden Parameter für die Berechnung gesammelt: kürzester Schatten am 22. Juni, längster am 22. Dezember; Moskau befindet sich auf dem 56. Breitengrad, die Neigung der Erdachse beträgt 23,5°. Das einzige, was die Gruppe zuvor im Unterricht gelernt hatte, war die Formel zur Berechnung. Alle anderen Informationen wurden von verschiedenen Schülern eingebracht. Den Abschluss einer Unterrichtseinheit bildet dann jeweils viel praktisches Üben.

Es muss auch noch gesagt werden, dass im Unterricht kaum mit Büchern gearbeitet wird und dass die Lehrerin oder der Lehrer nur selten Fachlehrer sind, sondern oft fortgeschrittene Schüler und Studenten der Schule selbst. Diese erstellen häufig Arbeitsblätter und Stoffsammlungen und sind meist sehr versiert darin, den Stoff eines Faches mit den anderen Fächern zu verknüpfen und den Schülern so die Verbundenheit aller Fächer darzustellen.

Eine Wunderschule?

Es gäbe noch vieles zu sagen über die Schetinin-Schule. Ist es eine perfekte Schule? Sicher nicht, auch in Tekos wird nur mit Wasser gekocht und Menschen sind niemals perfekt. Trotzdem: Von all den Schulen in den verschiedensten Ländern der Welt, an denen ich unterrichtet oder die ich besucht habe, vermittelt die Schetinin-Schule auf jeden Fall die umfassendste und ganzheitlichste Bildung. Die Schüler, die ich traf, waren körperlich, geistig und künstlerisch topfit. Sie zeigten einen sehr respektvollen und hilfsbereiten Umgang miteinander, ein Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft, waren sozial engagiert und hatten tiefen Respekt und Liebe zur Natur und zu unserer Welt. Es ist vielleicht keine Wunderschule, aber auf jeden Fall eine ganz wunderbare Schule.

Author: Oliver Bartsch

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*