Schönheit hat die wundersame Kraft, uns zu verwandeln. Was wir als schön empfinden, spricht zu uns, es erhebt uns, begeistert und füllt uns mit Zuversicht. In der Begegnung mit Schönheit erkennen wir unsere Größe und den Teil unserer selbst, der viel weiter reicht, als wir sprachlich bezeichnen könnten.

von Milena Kraft

Wie weit wir Schönheit wahrnehmen und empfinden können, hängt von unserer eigenen Fähigkeit und Offenheit dafür ab. Befinden wir uns hauptsächlich im Ego-Modus des Sich-Schützens und Abwehrens einer möglichen Gefahr wie Verlassen- oder Überwältigtwerden, bedeutet das, dass wir unsere Burgmauern nicht nur gegen Schmerz, Angst und Verzweiflung hochgezogen haben, sondern auch gegenüber angenehmen Gefühlen und der Wahrnehmung von Schönheit immun sind. Leben ist unteilbar, und der Versuch unseres Egos, die eine Seite der Wirklichkeit zu kontrollieren oder auszuschließen, wirkt immer auch einschränkend auf die andere Seite. Ego bedeutet zudem, dass unser jetziges Verhalten eine Reaktion auf vergangener Erfahrungen ist. Die Wahrnehmung von Schönheit hat allerdings immer mit unserem Verweilen im jetzigen Moment zu tun, denn nur im jetzigen Moment ist Schönheit wahrnehmbar. Und auch nur, wenn unser Verstand, der im Dienste des Egos steht, sich in die Wahrnehmung nicht einmischt und an dem, was er wahrnimmt, herummäkelt.

Schönheit ist allerdings noch mehr als nur eine offene bewertungsfreie Wahrnehmung der Wirklichkeit. Ich hatte das Glück, von verschiedenen Lehrern und Mentoren unterschiedlicher nordamerikanischer Traditionen zu lernen. Ihre Definitionen von Schönheit sind nicht von ihrem Verständnis von Heilung zu trennen. Darin unterscheiden sie sich grundlegend von einer oberflächlichen Vorstellung vieler westlicher Gesellschaften von Schönheit, die uniform und äußerlich ist. Sie taucht also hier in Zusammenhängen auf, in denen wir sie nicht vermuten. In diesem Weltbild lässt sich Schönheit nicht quantifizieren, analysieren oder vergleichen. Sie ist allumfassend und universell.

Authentische Schönheit

Schönheit bezeichnet hier nicht das Idealschöne, das rein äußerlich und anonym ist. Im Gegensatz dazu ist das, was ich authentische Schönheit nenne, in keiner Weise äußerlich. Sie hat nichts mit der Gestaltung von Oberflächen zu tun. Sie zeichnet sich vielmehr durch eine innere Kraft aus, die berührt und bewegt – auf fundamentale oder auf leise, flüchtige Art. Die unerwartete Begegnung mit dieser Art von Schönheit ist manchmal ein Augenblick, der uns aufweckt aus dem Alltagstrott. Vielleicht fällt auf dem Weg zum Einkauf das Licht dicht und fließend durch die Bäume und wir halten inne und freuen uns an der Schönheit der Welt oder dem Wechsel der Jahreszeiten. Auch Gesten der Menschlichkeit und der Zuwendung können tief berühren, etwa der Blick frischgebackener Eltern auf ihr Neugeborenes. Die Gesten der Zuwendung unter völlig fremden Menschen in existenzieller Not – das Teilen einer Flasche Wasser oder einer Decke, die Wärme spendet, bewegen uns. Die Schönheit menschlicher Fürsorge ist universell. Die tiefe Berührung durch die Schönheit eines Klanges ist die erste und älteste aller ästhetischen Erfahrungen. Durch Klänge nimmt schon das Ungeborene im Bauch die Außenwelt wahr, noch bevor es sehen oder riechen kann. Musik und Klang heilen, transformieren und verbinden. Nichts verwandelt die Stimmung eines Raumes so sehr wie Klang und Musik. Nach wie vor wird sie auf allen Kontinenten und in sämtlichen indigenen Kulturen für Heilungen genutzt.

Träumen als Wahrnehmung – Verbindung heilt

Der Ort, der seit jeher sowohl mit Schönheit als auch mit Heilung in Verbindung gebracht wird, ist die Natur. Die Begegnung mit der Natur, beispielsweise mit einer bestimmten Landschaft, hat die Kraft, Veränderung zu bewirken. Manche Orte geben uns in besonderer Weise das Gefühl tiefen Friedens. Die Schönheit der Erde lässt dabei den ganzen Körper aufatmen. Wir spüren: Die Erde ist eine physische Erweiterung unserer selbst. Wir sind Teil der Erde und umgekehrt. In der Begegnung mit der Natur werden wir auch an das erinnert, was wir sind – träumende Wesen. Träumen bezeichnet an dieser Stelle eine Wahrnehmung der nicht materiellen Sinne, über die wir in Kontakt sind mit allem, was lebt.

Wir träumen, was wir sind, und in der gleichwertigen Begegnung und dem Austausch mit den Wesen der Natur, den Bäumen, Bergen und Flüssen träumen wir einen gemeinsamen Traum. Dabei entsteht eine tiefe und nährende Verbindung. Dieser Definition nach träumen wir auch die Visionen, die wir für das eigene Leben haben. Also den Ort und Wohnraum, an dem wir uns am besten entfalten, die Arbeit, der wir nachgehen, und Aktivitäten, in die wir Zeit und Aufmerksamkeit fließen lassen. Aber auch die Beziehung zu anderen Menschen und unsere Partnerschaften. Kreative Schaffensprozesse und Kunst sind in diesem Sinne materialisiertes Träumen. Als nicht verbale Kommunikation wird dreaming nach wie vor in sämtlichen indigenen Kulturen als natürlichste und älteste Form des direkten Austausches verstanden.

Die Schönheit des authentischen Ausdrucks – Worte schaffen Wirklichkeit

Unser Verstand wird angesichts einer ästhetischen Erfahrung still. Schönheit spricht einen Teil von uns an, der seinen Ursprung weit jenseits der Grenzen des Verstandes hat. Es braucht allerdings die Mittel des Verstandes, um Wahrnehmungen, Träume, Visionen und Gefühle in die materielle Form, in die physische Welt zu übersetzen. Auch das ist Schönheit, nämlich die Schönheit menschlicher Integrität: zu wissen, dass alle unsere inneren Instanzen ihren Platz haben und von gleichrangiger Wichtigkeit und Kraft sind. Die Tiefe einer ästhetischen Erfahrung oder die Intensität, mit der etwa Musik bewegen kann, scheinen sich dem sprachlichen Ausdruck zu entziehen. Gleichzeitig hat Sprache die Kraft, Realitäten zu schaffen – sie ist ein Werkzeug grundlegender Entwicklung.

Empfindung und Wahrnehmung zu benennen, verändert unsere Wirklichkeit. Indem wir unsere Wahrheit benennen, schaffen wir die Möglichkeit, die eigene Erfahrung von Realität zu gestalten und zu verwandeln. Durch das mutige Teilen einer Angst, einer Verletzung oder eines Bedürfnisses erweitern wir den Raum, in dem Gespräch und ehrlicher Austausch stattfinden können. Der Mut einer Person, verwundbar zu sein, und das scheinbar Unaussprechliche auszusprechen, erlaubt anderen wiederum ihre emotionale Realität zu benennen. Ein Aspekt menschlicher Schönheit, den ich tief bewundere: Die Schönheit des authentischen Ausdrucks – sich ganz zu zeigen, in der eigenen Verwundbarkeit und der eigenen Stärke.

Der innere Raum, ein Ort der Fülle

In der Begegnung mit Schönheit hören wir einen Ruf, nach Hause zu kommen. Zu uns selbst, in den Körper, in unsere Community, zu unseren eigenen Visionen und unserem Platz auf der Erde. Aber auch nach Hause in den Raum in uns, in dem all die Stimmen und Anteile Ausdruck finden, die uns vertraut sind, sowie die Instanzen, die noch unbekannt scheinen, die noch nicht gehört werden konnten und noch nie zur Sprache gekommen sind. Dazu gehören die Anteile unserer selbst, die in der eigenen Herkunftsfamilie keinen Raum hatten – wo wir keine Stimme haben, entsteht Schmerz. Bringen wir das Licht unserer Aufmerksamkeit in diese Innenräume und erlauben diesem Teil von uns präsent zu sein, kommen wir uns selbst nah. Wir begreifen die Schönheit unserer Komplexität und Vielfalt. Wir erleben: Alles macht Sinn.

Es gibt nichts in uns, das nicht seinen Platz und seine Berechtigung hat. In den Innenräumen, die uns am meisten suspekt erscheinen, auf die wir oft nicht bewusst Zugriff haben, entfaltet sich besondere Kraft und wertvolles Wissen. Glücklicherweise gibt es viele Optionen, mit diesen Schattenbereichen umzugehen. Sie können der Ort sein, von dem schmerzhaft-kritische Bemerkungen kommen oder diffuse Scham- und Schuldgefühle. Diese Anteile anzuerkennen und ihnen offen zu begegnen, schafft große Entlastung. Tatsächlich finden wir in unbekannten inneren Räumen oft Fülle, Unabhängigkeit und tiefe Schönheit. In der Berührung durch Schönheit spüren wir die Verbindung zu allem, was uns nährt und inspiriert. Wir spüren das Vertrautsein mit dem, was sich wie spirituelle Heimat anfühlt. Durch das Schöne werden wir an das erinnert, was wir sind. Die Schönheit nichtmaterieller Erfahrungswelten eröffnet uns Zugang zu neuen Perspektiven, etwa Erlebnisse der Trance und der Ekstase. Diese machen wir in unserer Kultur häufig allein, wir haben keine Rituale, in denen wir gemeinsam solche höchst realen und prägenden Erlebnisse teilen.

Schönheit nährt und heilt

Wir fühlen uns zu dem hingezogen, was wir als schön empfinden, was uns heilt, was tief und innerlich zu uns gehört und Freude birgt. Heilsam kann alles sein, was unseren Zustand auf erhebende und wohltuende Weise verändert. Heilung in diesem Sinne ist eine Verwandlung von einem Zustand in einen anderen. Oft wissen wir, was uns in diesem Sinne wohltut und eine heilsame Wirkung hat – auf welche Farben wir positiv reagieren, welche Nahrungsmittel uns gut tun, welche Musik unsere Stimmung verändert. Daraus ergibt sich das Selbstwissen über die Dinge, die wir brauchen, um uns lebendig zu fühlen. Sie sind spezifisch, individuell, persönlich und absolut relevant. Schönheit zu schaffen heilt uns. Durch die menschliche Fähigkeit zu gestalten und zu schmücken haben wir unermessliche Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks und der Selbstreflexion. Schönheit bewusst wahr – zunehmen ist sowohl eine Gabe als auch eine Entscheidung. Sie sogar zu suchen, wo sie nicht vermutet wird, ist eine bestimmte Haltung, der Welt zu begegnen.

Diese Haltung bestimmt, wie wir die Welt wahrnehmen und in welcher Form wir an ihr teilhaben. Wir können uns für einen konstruktiven Einfluss entscheiden, unsere Ideen, Visionen und Vorstellungen von dem, was die Welt ist oder sein könnte, mit andern teilen, sie umsetzen, niederschreiben, malen, bauen. Indem wir aus der Schönheit der Welt schöpfen, sie kultivieren und bewahren, sind wir in einem lebendigen Austausch aufgehoben – wir empfangen und geben.

Author: Oliver Bartsch

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