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Ein magischer Ort, zu dem der Weg nicht weit ist, ist ein Platz innerhalb der eigenen vier Wände. Im Leben vieler Menschen gibt es bereits einen solchen Ort, an dem besondere bzw. persönliche Symbole ihre Aufbewahrung finden, z.B. auf einem Altar. Doch als Besucher kommt man sich dabei oft vor wie ein Beobachter, den diese Privatheit oder Intimität eigentlich nichts angeht. Zwar wird hier ein Kraftfeld entfaltet, aber vielleicht kann das Intimste hier gar nicht sein, weil es vor Blicken ungeschützt ist?

Dies war der Ausgangspunkt meiner künstlerischen Beschäftigung mit dem Thema „Schreine“. Von der Aussagekraft zweidimensionaler Bilder war ich ohnehin etwas enttäuscht und auf der Suche nach „beweglichen“ Bildern mit Tiefenwirkung. Ab 1999 fing ich dann an, die Schreine zu entwickeln. Der Begriff „Schrein“ bedeutet eigentlich Schrank (vgl. Schreiner) oder Truhe, in dem/der etwas geborgen wird, und leitet sich von dem lat. Wort scrinium = „Kapsel, unbestimmtes Wort für Behältnis“ ab. Im Gegensatz zum Altar (= lat. Opferherd/ urspr. nur ein Steinblock bzw. Tisch) kann ein Schrein das Allerheiligste in sich bergen.
Es ist ja nicht neu, dass man für ganz besonders Wertgeschätztes (wie Reliquien, Gegenstände von Ahnen, Statuetten, Hochzeitskleider, aber auch hochgestellte Verstorbene) Truhen, Schränke, Tabernakel und Särge (vgl. Karlsschrein in Aachen) hat anfertigen lassen – was natürlich in erster Linie den Adeligen und Reichen sowie der Kirche vorbehalten war. Es ist auch nicht neu, „Kontaktplätze“ für die Spiritualität wie Hausaltäre, Kirchen oder Tempelanlagen zu schaffen, aber alle diese Anlagen haben in meinen Augen einen Nachteil: zwar werden wir von ihrer Größe, Schönheit und Ausstrahlung erfasst, aber sie sind so allgemein oder überpersönlich, dass sie kaum einem einzelnen Menschen auf seinem individuellen (spirituellen) Weg genau da begegnen können, wo er steht, und sie vermögen ihn nur selten auch weiterhin in seinem Alltagsleben zu begleiten.

Das etwas andere Spiegelbild

Ein Schrein, wie ich ihn verstehe und gestalte, ist auch ein Ort der Kommunikation mit der geistigen Welt, jedoch auch eine sehr individuelle Stätte, um innere Ruhe zu finden und bei sich selbst anzukommen. Als Hüter von intimsten Geheimnissen und Wünschen kann er ein stiller Lebensbegleiter und spiritueller Vertrauter sein – die etwas andere Form eines Spiegelbildes. Und er ist ein persönlicher Anker im Alltag, der in Wohn- oder Schlafzimmer ein eigenes Kraftfeld entwickelt. Als ästhetischer Blickfang erinnert er seinen Besitzer an das Heilige und Wertvolle im (eigenen) Leben und ist ein Symbol für den eigenen Innenraum, der über das Alltägliche allzu leicht vergessen wird. In Krisenzeiten gibt der Umgang mit diesem persönlichen Heiligtum Halt und Inspiration. Seine Kraft verstärkt die Wirkung von Zeremonien. Als Lichtquelle wärmt uns sein Kerzenschein die Seele.

Von der Intuition leiten lassen

Beim Bau eines Schreines sind daher viele Ebenen zu bedenken, die auf mehr oder weniger sichtbare Weise miteinander verknüpft sind: Persönlichkeit des Besitzers, Themen, Symbole, Standort, gestalterische Fragen, technische Details, Klarheit der Ausstrahlung u.v.m. Während der Arbeit an einem Schrein trete ich innerlich in Kontakt mit dem Auftraggeber bzw. dem Thema, versuche mich in den Menschen einzufühlen und – von meiner Intuition geleitet – das in mein Tun einfließen zu lassen, was ihn in seinem Leben unterstützen möge. Viele Aspekte bleiben dem Bewusstsein zunächst verborgen. Im Extremfall mag es sogar sein, dass ein Besitzer mit bestimmten Details zunächst unzufrieden ist – während sich die besondere Bedeutung erst nach Jahren zeigt, wenn ein bestimmter Punkt im Leben erreicht ist und der Zusammenhang klar wird. Eine Übergabe- bzw. Einweihungszeremonie rundet den Entstehungsprozess energetisch ab.

Naturschreine

Eine ganz eigene Art, die Energie der Schreine zu nutzen, ist die Gestaltung eines Schreines in der Natur zusammen mit einer Gruppe von Menschen. Spontan und intuitiv wird mit vor Ort befindlichen Materialien eine Form gefunden und ausgestaltet, die einem vorbereiteten oder einem aktuellen Gruppenthema entspricht. So entsteht kurzzeitig ein Kraftplatz, dessen Energie die Heilung der entsprechenden Aspekte unterstützt. Auch diese kurzlebigen Werke bekommen einen Namen (z.B. „Schrein der Hingabe“, „Wider die Langfinger“), um durch die klare Bestimmung eine geistige Konzentration zu erreichen.
Der ganze Bauprozess ist wie eine große Zeremonie, die den einzelnen Teilnehmer auf den unterschiedlichsten Ebenen berühren kann. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist am Ort eine höhere Schwingung zu spüren – nämlich wenn das Gebilde seine Funktion als Energietor übernimmt. Das ist ein sehr bewegender Moment. Der eigentliche Höhepunkt ist jeweils die Einweihung des Naturschreines.
Es bereitet mir sehr viel Freude, Menschen mit diesen besonderen Kunstwerken, die so viele Ebenen in sich vereinen, zu unterstützen und zu bereichern. Und wie ein Mensch ist auch ein persönlicher Schrein im Grunde niemals vollendet – er wächst und wandelt sich und bekommt seine eigene Geschichte.

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