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Es ist Bildungsstreik in Deutschland. Schüler und Studenten stellen sich, uns und der Politik die berechtigte Frage, warum Banken um ein so Vielfaches wichtiger sein sollen als Bildung. Aber vielleicht ist es auch dumm anzunehmen, dass es sich bei dieser Fehlverteilung um einen demokratischen Unfall handelt. Es ist ja nicht so, dass man die Politiker erst durch einen Streik darauf aufmerksam machen müsste und plötzlich würde ihnen die Ungerechtigkeit ihres Tuns schlagartig bewusst und alles wieder gut. Vielleicht liegt im Niedergang des Schulsystems tatsächlich mehr System, als man denkt – dieser Meinung ist zum Beispiel Kabarett-Größe Georg Schramm.

Freerk Huisken, Professor emeritus der Pädagogik in Bremen, sieht das ähnlich: „Schule macht dumm“, sagt er. Und das heißt nicht, dass sie versagt – Dummheit zu erzeugen ist vielmehr eine ihrer zentralen Funktionen. Was Huisken dabei unter Dummheit versteht, erklärte er jüngst in einem Interview mit dem Online-Magazin Telepolis:

„Ich meine die systematische Aneignung von falschen Urteilen über die Welt, in der sie [die Schüler] leben und in der sie sich um die Erzielung eines irgendwie ausreichenden Einkommens bemühen müssen. Dabei denke ich nicht an Fehlinformationen oder Irrtümer, die zu korrigieren wären, sondern an Ideologien, die zum festen geistigen Bestand des Bürgers gehören. Und mit solchen falschen Urteilen über Marktwirtschaft, Privateigentum, Geld, Konkurrenz, Demokratie, Rechtsstaat usw. wird der Jugendliche in drei Akten zu einer Parteilichkeit für diese Gesellschaft erzogen.“

Die Beschwerde der Schüler ist nach Ansicht Huiskens zwar sehr verständlich, übersieht aber die Illusion dahinter:

„Und bei wem dürfen sie sich beschweren? In der Regel bei den Instanzen, die ihnen den Grund für ihre Beschwerden liefern, z.B. bei staatlichen Stellen. Denen wird dann Versagen oder ähnliches vorgeworfen. Das ist deswegen dumm, weil kaum anzunehmen ist, dass der gesamte“ demokratische“ Kapitalismus ein Missverständnis derer ist, die ihn organisieren.“

Die Forderung nach mehr Bildung wirft ja auch zuallererst mal die Frage auf, was für eine Bildung da überhaupt gemeint ist:

„Die Bildung mit Notenterror, ihrer Sortierungsfunktion und der Erziehung zum funktionierenden Staatsbürger? Wenn die nicht gemeint ist, welche denn? Eine ganz andere, alternative, die die Menschen in die Lage versetzt, sich ein vernünftiges Urteil über die Welt zu bilden, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, was die Ursachen von Ausbeutung, Unterdrückung, Kriege usw. sind? Und solche Anleitung zur Aufsässigkeit soll ausgerechnet der Staat bezahlen, der bekanntlich bei all dem Elend seine Finger im Spiel hat?“

Nicht sehr wahrscheinlich Warum, das erklärt Huiskens in seinem Aufsatz Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“1.

„Dummheit braucht es für jene Leistungen, die die Bürger hierzulande ständig erbringen: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Dazu gehört in erster Linie die Einbildung, dass Schule und Uni, alle politischen Einrichtungen und nicht zuletzt der Arbeitsmarkt und die Berufswelt irgendwie schon dafür geschaffen sind, dass man mit einigen Anstrengungen seine frei gewählten Interessen verwirklichen kann […]“.

 

Die drei Grunddummheiten

Dummheit ist in Huiskens Sinne, trotz aller gegenteiliger Erfahrung weiter an den Grundlügen unserer Gesellschaft festzuhalten: Dem Glauben an die Nützlichkeit von Wahlen, an die Konkurrenzideologie unserer Leistungsgesellschaft („dass es jeder in dieser Gesellschaft zu etwas bringen kann, wenn er sich nur ordentlich anstrengt“), und dem Glauben daran, das System mit moralischen Maßstäben bemessen zu können.

Die Wahrheit sieht laut Huiskens nämlich anders aus, wie er in genanntem Aufsatz darlegt:

Bei Wahlen wählen wir nur noch „wechselndes Personal für sehr prinzipiell feststehende Regierungsaufgaben“, um uns dann „von den gewählten Machthabern die Existenzbedingungen diktieren zu lassen“.

Der Glaube, dass die Konkurrenz, „die alle entscheidenden Lebensbereiche – Schule, Arbeitsmarkt und Beruf – fest im Griff hat“ eine gerechte und natürliche Einrichtung sei, übersieht, „dass es diese Konkurrenz überhaupt nur dort gibt, wo deren Macher die Anzahl der Siegerpositionen knapp halten und die Masse der Konkurrenten nach ihren Kriterien in Verliererjobs einweisen; wo folglich vor Beginn der Konkurrenz deren zentrales Ergebnis bereits feststeht: die Berufshierarchie der Klassengesellschaft.“

Und wer dann immer noch daran glaubt, dass Politik und Kapitalismus eigentlich der Moral verpflichtete Einrichtungen seien, „wer meint, dass hierzulande eigentlich alles harmonisch und zur Zufriedenheit aller ablaufen könnte, wenn sich Lehrer, Politiker und Manager nicht immer an ihren eigentlichen Aufgaben versündigen würden, wer also alle hierzulande erlaubten Erfolgswege in Schule und Beruf auf diese Weise idealisiert, der ist – im genannten Sinne – dumm.“

 

Schule als Erziehungsanstalt

Aufgabe der Schule ist also vor allem, uns diese Ideologien so nachhaltig einzutrichtern, dass nicht mal unsere konkrete Lebenserfahrung uns davon abhalten kann, weiter an sie zu glauben – auch wenn alles, was wir erleben und beobachten ihnen widerspricht.

„Warum diese Dummheiten zum Erziehungsauftrag des staatlichen und privaten Bildungswesens gehören, ist also leicht zu erkennen: Sie sind das geistige Schmiermittel des demokratischen Kapitalismus, mit dem der freie Bürger ausgestattet wird.“

Kritisches Denken ist nicht Ziel der Schulbildung und wenn doch, sind dessen Grenzen klar abgesteckt – nur wer „richtig“ kritisch denkt, bekommt die gute Note.

„Gelernt wird, was in der Schule nützt. Jede schulisch verlangte Verstandesleistung ist nämlich als Bewährungsprobe organisiert. Der Erfolgsmaßstab des Lernens ist die gute Note, nicht etwa das Begreifen. Mit guten Noten wird belohnt, wer Gefordertes in geforderter Weise zum angesetzten Zeitpunkt wiedergibt. Die relative Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt des Lernstoffs gehört zur schulischen Aneignungsform von Wissen […]“

Außerdem sortiert die Schule die Menschen schon mal gleich von Beginn an in ihre Position in der „kapitalistischen Berufshierarchie“.

„Die äußerst sparsame Vermittlung von Wissen und Kenntnisse an die Mehrheit der Schüler, die frühzeitig für untere Regionen der Berufshierarchie aussortiert werden, weil ihre weitere Qualifikation außer Kosten nichts bringt, fällt […] unter schulisch organisierten, bildungspolitisch gewünschten Ausschluss von weiterführenden Bildungswegen. Die stehen in der „Wissensgesellschaft“ nämlich nur der Elite offen […].“

Den Rest brauchen wir vor allem als Konsumenten – und „da kann ein gerüttelt Maß an Dummheit ja nicht schaden“ (Schramm).

 

Die Illusion der Alternativlosigkeit

So ideologisiert scheint uns die herrschende Ordnung wie ein Naturgesetz: Alles ist scheinbar so, wie es ist, weil es so gehört und anders gar nicht sein könnte. Alterativen sprengen unseren Vorstellungshorizont dermaßen, dass wir gern bereit sind, jeden, der eine solche vorschlägt, für bekloppt zu erklären.

„Es ist bekannt, dass die Herrschaft in diesem Land sich hütet, für ihre Bürger Alternativen zum demokratischen Kapitalismus bereitzuhalten; nichts als den wollen sie zum internationalen Erfolgsmodell ausgestalten. […] Und diese Alternativlosigkeit der herrschenden Lebensverhältnisse, der (Sach-)Zwang, sich unter dem Regime von Geld und Privateigentum, Konkurrenz mit ihren Interessengegensätzen, Rechtsordnung und Gewaltmonopol sein Leben unter Aufbietung von Leistungen des freien Willens einzurichten, ist es letztlich, unter dem sich gelernte Dummheiten zu einem leider vielfach ziemlich unerschütterlichen Standpunkt verfestigen. Wer dann die qua Staatsmacht erfolgte Ächtung jeder Alternative zum herrschenden System ausgerechnet den Kritikern als fehlenden Realismus ihrer Kritik vorhält, ist mit seiner Dummheit schon bei gemeiner Parteinahme gelandet.“

 

Für das Leben lernen?

Es wird also eine der zentralen Aufgaben dieser Zeit sein unseren Kinder eine freiere, unideologisierte Bildung zu ermöglichen, sollte eine andere, lebenswertere Gesellschaft und eine gerechtere Welt zu unseren Zielen gehören. Eine Bildung, bei der sie wirklich lernen und nicht nur beigebracht bekommen. Eine Bildung, die dem Wissens- und Entdeckungsdurst der Kinder mehr entspricht, als die leistungsorientierte Konkurrenzveranstaltung, zu der wir sie heute jeden Morgen „hinprügeln“ müssen. Eine Bildung, die sie unterstützt, zu selbstbewussten und -bestimmten Menschen heranzuwachsen. Eine Bildung, die ihre Talente und menschliche Weisheit aus ihnen herausholen möchte, statt Zeug in sie hineinzuschaufeln. Eine Bildung, die eine spannende Entdeckungsreise ist, deren Geschwindigkeit und Ziel die Kinder selbst bestimmen. Alles, was wir unseren Kindern beibringen, können sie selbst nicht mehr lernen.

 

1 Titel der Podiumsdiskussion von lj-solid am 10.06.09

 

Quelle

Text:
Telepolis: Deutsche Schulen: „Vorsortierung, Sachzwänge, deutsche Leitkultur“
Freerk Huisken: „Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“

Bilder:
Klassenzimmer: Peng / Wikimedia
Schulkinder: Jallinson01 / Wikimedia

 

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6 Responses

  1. Franz Josef Neffe

    SCHULE (von griech. „Scholae“) heißt: innehalten, zur Besinnung und zu sich selbst kommen, mit sich selbst wieder eins werden.
    Nie im Leben macht SCHULE dumm.
    UNTERRICHT dagegen hat sehr viel mit Dummmachen zu tun.
    Unterricht richtet nach unten.
    Man übt dabei unten, sich nach denen oben zu richten usw.
    In der neuen Ich-kann-Schule wird deshalb nicht unterrichtet sondern
    GELEHRT & GELERNT.
    LERNEN = Fährten des Lebens folgen, eigene Erfajhrungen sammeln.
    LEHREN = ein mitreißendes Vorbild für LERNEN sein.
    Das funktioniert zuverlässig.
    Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

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  2. klaus mair

    www.das-kapital.eu/nationalstaat —(wichtige unfoos!) google:tod von detroit —google:griechenland : politik verursacht katastrophe—-google:griechenland hunger—–portugal hunger—-google:giralgeldschöpfung bernd senf–(wichtige infos)

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  3. Tinúviel

    Wie kam ich hierher? Ich googelte „Wissen ist Ohnmacht“ – weil das jemand sich als Namen in den Kommentaren von telepolis gab. Wie wunderlich, dass ich um die Ecke wieder bei einem alten Telepolis-Artikel landete – und seinem hier veranstalteten Kommentar. Vielleicht bestätigt es, dass es hierzulande kaum gescheite Medien gibt. Doch zurück zu dem gegoogelten Satz. Ein Blogger ergeht sich über die Last der Reflexion, die nirgendwohin führt, jemand erforscht eine unheilbare Krankheit, weil sie ihn seiner Familie vererbt wird, ein Amerikaner sieht sein Volk leidend unter einem Abuse Syndrom und damit sind wir schon bei sein.de.

    Ob der Professor nun eher Staatsdiener oder Kommunist sein mag, seine Kritik trifft ja nicht die direkten Inhalte wie Schulfächer oder dergleichen, sondern die Art des Systems Schule (und Hochschule) überhaupt. Während die Naturwissenschaften (MINT-Fächer konnten trotz Staatsförderung aktuell keine Zuwächse an den Unis verzeichnen) unmittelbar dem Kapitalgeschehen zulaufen, kann der ganze Rest durchaus so oder so ausgewählt werden: Entweder Idealisten züchten, die dann scheitern und wie eine abused rat auf den erlösenden Stromschlag warten – oder Königstreue, deren Monarch heute abstrakt ist. Vielleicht gibt es sie, die einstigen Idealisten, welche in der Schule falsch gut aufgepasst haben. „Gebrochen“ werden sie vielleicht erst durch die Berufswelt. Wenn sie „gebrochen“ werden. Nur sie haben vielleicht eben auch die Chance, ein anderes Bildungssystem zu überlegen, anders zu entscheiden, etwa welche Texte im Deutschunterricht gelesen werden sollten…

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  4. Anonymous

    Huiskens kommunistisch klingenden Ideen finde ich dann aber wieder völlig verrückt, weil Kommunismus für mich viel mit Gewalt, Unfreiheit und Ideologie zu tun hat, also mit Ergebnissen von Nicht-mehr-Denken.
    ………………..

    Und in genau so einer Welt leben wir…….auch wenn diese hier einen anderen Namen trägt (ich nenne es abgeschwächte Form um vor der Gesellschaft verborgen zu bleiben).

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  5. Heiko Cochius

    Ich habe eine sehr gespaltene Reaktion auf Herrn Huisken. Zum Einen finde ich es nicht besonders glaubwürdig, wenn man als Professor einer staatlichen Hochschule von staatlich geschützter Unkündbarkeit profitiert und dann eine sehr grundsätzliche Staatskritik vorbringt.
    Inhaltlich stimme ich ihm allerdings in vielen Dingen zu: Schule macht gehorsam und blind für die bestehende Herrschaft, Schule sortiert aus, Schule macht gleichgültig, Schule verdirbt Individualität, Schule sorgt dafür, dass man das Denken verlernt.

    Huiskens kommunistisch klingenden Ideen finde ich dann aber wieder völlig verrückt, weil Kommunismus für mich viel mit Gewalt, Unfreiheit und Ideologie zu tun hat, also mit Ergebnissen von Nicht-mehr-Denken.

    Aber das macht eigentlich nichts, denn: Wenn es ihm ernst ist damit, dass Kinder für sich selbst lernen können sollen, wenn ihm das Denken wichtiger ist als die Ergebnisse des Denkens, dann bin ich ganz beruhigt. Wer frei ist und das Denken nicht verboten bekommen hat, wird sich mit anderen, die ebenfalls frei sind und auch denken können, ganz wunderbar einigen können. Ob man das dann Kommunismus oder Kapitalismus nennt, ist mir ziemlich egal.

    Absolventen einer freiheitlichen Bildung, sei es auf einer Sudbury-Schule oder zu Hause im Stile von unschooling, haben durchschnittlich weniger Scheu, sich leistungsorientiert der Konkurrenz zu stellen, um einem leistungshungrigen Kunden viel Wert für sein Geld anzubieten.

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