Als Skoliose wird das verdrehte und seitliche Ausweichen der Wirbelsäule mit ungleich hohen Schultern und Beckenschiefstand bezeichnet. Zum Thema „Yoga und Skoliose“ gibt es fast so viele Meinungen, wie es Behandler und Praktizierende gibt. Von „Yoga ist das, was mir am besten bei der Aufrichtung meiner Skoliose geholfen hat“ bis „Yoga sollte für Skoliotiker verboten sein“ driften die Aussagen und Erfahrungen weit auseinander. Dabei kann so genanntes „Scolio-Yoga“, auf Skoliose-Patienten zugeschnittenes Yoga, wirklich hilfreich sein.

von Stefan Datt

Der erste und wichtigste Schritt in der Behandlung einer Skoliose ist das Verbessern der Körperwahrnehmung (Propriozeption). Nur was gut gespürt wird, kann auch gut bewegt werden. In die schönen, geschmeidigen Bewegungen des „Sonnengrußes“ (YogaÜbung) können durch das längere Halten einzelner Stellungen verschiedene Schwerpunkte gesetzt werden. Die Schönheit der Bewegungen gibt dem Übenden ein gutes Selbstwertgefühl. Die Rückenmuskeln werden hier ordentlich gestärkt und der Körper gut aufgewärmt. Ein gutes Erwärmen des Körpers vor der Yoga-Praxis ist im Scolio-Yoga besonders wichtig.

Bewusst – beweglich – beschwerdefrei

Die Übungen sollten nur unter Aufsicht von in diesem Schwerpunkt ausgebildeten Yoga-Lehrer/ innen ausgeführt werden. Die Yogastellungen, die bei der durch Skoliose bedingten asymmetrischen Körperhaltung am besten helfen, beginnen häufig in einer ebenfalls asymmetrischen Ausgangsstellung: halber Bogen, halbe Vorwärstbeuge, halbe Heuschrecke. Ist der Bogen der Wirbelsäule an seinen Scheitelwirbeln, also ganz außen, sehr unflexibel und verfestigt, werden sanfte, lang gehaltene Dehnungen geübt, um die Konkavseiten der Bögen zu dehnen. Mit individuellen Mikrobewegungen in der Asana (Yoga-Stellung) kann der Übende die Bögen beweglicher machen und die verhärteten Faszien (Bindegewebe) lösen und geschmeidiger machen.

Immer wichtig sind rückenkräftigende Asanas, wie beispielsweise die verschiedenen Variationen der Kobra (eventuell mit einer unterlagerten Beckenhälfte), alle Rückbeugen aus der Bauchlage, aus dem Stand (Krieger-Stellungen) oder aus dem Fersensitz. Um den bei Skoliose häufig auftretenden Flachrücken nicht zu verstärken, sind die Gegenstellungen aus dem Formenkreis der Vorwärtsbeugen sehr wichtig. Lange abwechselnde Beindehnungen, „Stellung des Kindes“, „Kuhkopf“ und Übungen mit gegrätschten Beinen sind hier sinnvoll. Gut ist der „herabschauende Hund“, aus dem heraus verschiedene Bewegungen geübt werden können.

Weniger gut und nur sehr dezent einzusetzen sind die Seitneigungen und Drehungen. Sie sind aber auch nicht kontrainduziert und können, mit der Dreh-Winkelatmung ergänzt und bei nicht schmerzhaftem Üben, helfen, Körperwahrnehmung und die unterschiedlichen Körperseiten zu erspüren. Hier sollte jedoch nichts forciert werden. Sowohl im „Dreieck“, wie auch im „Drehsitz“ schieben sich entweder der eine oder der andere Bogen weiter heraus und die Skoliose destabilisiert. Auch der „Schulterstand“ wirkt sich erfahrungsgemäß durch die volle Beugung der Halswirbelsäule als zu intensiv für die hervorstehenden Rippen aus. Einen besonderen Stellenwert nehmen die mannigfachen Gleichgewichtsübungen des Yogas ein.

Hier wird gezielt Propriozeption – gepaart mit stabilisierender Muskelkraft – trainiert. Gleichzeitig sehen wir hier rasche Fortschritte, das steigert sowohl die Freude am Üben wie auch das Selbstbewusstsein. Zusammenfassend kann man die Ziele im Scolio-Yoga in drei Begriffen definieren: bewusst, beweglich und beschwerdefrei.

Was sagt die Forschung?

Die amerikanische Skoliose-Stiftung empfiehlt 25 Yoga-Übungen. In einer aktuellen Studie untersuchte der in New York praktizierende Rückenspezialist Dr. Loren Fishman die Wirkung der Yoga-Positionen bei 25 Menschen mit verschiedenen Arten von Skoliose. Ergebnis: Die Krümmung der Wirbelsäule nahm im Durchschnitt um 32 Prozent ab.

Yoga ist ganzheitlich

Yogaübungen wirken nicht auf den Körper allein. Das alte indische System zielt in seinem Ursprung auf den Geist – es klärt und stärkt die geistige Kraft. Eine tiefere Verbindung zum Leben an sich und sogar ein philosophischer Kontakt zur Quelle des Lebens und zu einer höheren Bewusstseinsebene kann entstehen. Verbunden mit dem Aspekt der Entspannung und der Beseitigung von Rückenschmerzen scheinen modifizierte Yogaübungen die ideale Ergänzung zur Physiotherapie zu sein, um den Menschen in seiner Ganzheit zu stärken und zufriedener zu machen.

Author: Oliver Bartsch

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